Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…


„Ich brauche dringend Abstand zu ihm. Ich stecke da gefühlstechnisch irgendwie viel zu tief drin!“


Sie blickte sie nur fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es war schwer zu erklären. Selbst sie verstand es nicht richtig.

Sie lernte ihn in einer Zeit kennen, in der sie am verletzlichsten war. Er tauchte auf, er war nett zu ihr, er baute sie auf. Sie sah ihn regelmäßig wieder. Sie unterhielten sich, sie zogen sich gegenseitig auf, sie verstanden sich. Er war nach langer Zeit wieder jemand, mit dem sie gerne redete, auch wenn die Unterhaltungen nie wirklich tiefgründig wurden. Er war jemand, bei dem sie gerne war, auf den sie sich jedes Mal wieder freute. Sie dachte, sie hätte sich in ihn verliebt. Irgendwie. Sie konnte das Gefühl nicht richtig einordnen. Schließlich kannten sie sich erst eine Weile. Sie wusste nicht besonders viel über ihn. Trotzdem fühlte sie sich ihm verbunden, fühlte sich zu ihm hingezogen.

Dann folgte eine Zeit, in der sie ihn kaum mehr sah. Sie liefen sich nicht mal mehr über den Weg. Kein kurzes Hallo, kein kurzes Wie geht‘s. Andere Dinge beschäftigten sie. Trotzdem war er auf irgendeine Art und Weise präsent in ihrem Kopf. Sie dachte an ihn, sie lächelte. Doch in gleicher Weise wie sie ihn vermisste, in gleicher Weise machten sich Bedenken breit. Bedenken, ob die Gefühle, die sie meinte zu haben, wirklich ernst oder nur ein Resultat ihrer Verletzlichkeit waren. Sie fragte sich, ob ihre Gefühle gar nicht echt waren. Empfand sie sie vielleicht nur deswegen, weil er im richtigen Moment die richtigen Worte fand? War sie vielleicht gar nicht verliebt, sondern nur von ihrer Hilflosigkeit beeinflusst?

„Solange ich nicht weiß, was das zwischen ihm und mir ist, kann ich nicht in seiner Nähe sein!“

„Denkst du nicht, du wirst es nur herausfinden, wenn ihr euch öfters seht?“

Sie wollte nicken. Sie beließ es. Konnte sie das? Nähe zulassen, um Abstand zu fühlen? Sich noch mehr in seine vertrauten Hände geben und hoffen, sie könne sich ihrer ‚Gefühle‘ bewusst werden, bevor sie einen Schritt weitergehe, und letztendlich jemand verletzt werden würde? Was wäre, würde sie merken, dass sie doch nicht verliebt war? Sie würde ihm gezwungenermaßen wieder über den Weg laufen müssen. Es nicht zu tun, wäre unmöglich.

Es vergingen wieder einige Wochen. Wochen, in denen sie tagein tagaus schlichtweg keine Zeit mehr hatte, um an ihn denken zu können. Sie sahen sich kurz wieder. Ein kurzes Hallo, ein kurzes Wie geht’s. Nicht mehr, nicht weniger. Irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Es wurde immer deutlicher. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest den größten Teil des Tages. Immer mal wieder tauchte er für ein paar Sekunden in ihrem Kopf auf. Dann war er wieder verschwunden. Sie merkte, dass sie immer deutlicher bezweifelte, dass es tatsächlich Gefühle für ihn waren. Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…

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Morgen ist heute schon gestern

„Und? Habt ihr euch verabredet?“

Sie war noch nicht einmal zur Tür rein, schon stand sie auf ihrer Matte. Sie hatte ihr versprochen, endlich den Mut zusammen zu nehmen und ihn nach einem Date zu fragen. Er hatte oft genug auf das Thema umgeschwenkt, hatte ihr eigentlich zu verstehen gegeben, wie gerne er die Unterhaltungen mit ihr hatte, und dass er es mag, wenn sie sich gegenseitig aufzogen. Die Angebote nach einer Verabredung versteckte er nur so gut, dass sie auch scherzhaft gemeint sein konnten. Darauf eingehen tat sie daher nie. Wäre es nämlich nicht so gewesen – und diese Möglichkeit bestand auch – wären die späteren beruflichen Treffen seltsam geworden. Also ließ sie es. Sie schüttelte den Kopf, auch dieses Mal wieder. „Warum denn nicht?“ Sie klang enttäuscht, wieder einmal. Schließlich ging es bereits seit einem halben Jahr so. Jedes Mal sagte sie, dass sie ihn darauf anspräche. Ihr wurde immer wieder gesagt, dass es gut gehen würde. Sie wollte das glauben. Wirklich. Tat sie aber nicht. Diese Sache war zu heikel.

„Wir kamen wieder auf dasselbe Thema!“

„Und?“

„Er meinte, ich könne ja deswegen zu ihm kommen!“

„Also habt ihr euch doch verabredet?“ Sie begann, aus dem Häuschen zu sein, doch sie trübte ihre Stimmung, schüttelte den Kopf. Sie blickte fragend drein. „Ich habe zwar gesagt, dass es super wäre, aber ich bin nicht weiter drauf eingegangen!“ Sie rollte mit den Augen. Verständlich. Würde sie an ihrer Stelle auch tun.

Sie lernte ihn vor einer Weile kennen – ‚beruflich‘. Sie verstanden sich von Anfang an gut. Das Eis war schnell gebrochen. Er hatte denselben schrägen Humor und verstand ihre Ironie. Sie waren sofort auf einer Wellenlänge. Nach kürzester Zeit wirkte es, als wären sie nicht mehr nur auf der ‚beruflichen’ Ebene, als wären sie in kürzester Zeit Freunde geworden. So sehr sie sich dann auch einredete, dass es nur diese besagte Freundschaft war, war ihr klar, dass sich in ihr der Wunsch nach mehr breitmachte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Auch versuchte sie sich auszureden, dass er vielleicht dieselbe Misere durchleben könnte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Nur damit sie selber von ihm loskam, und ihr Herz vielleicht nicht gebrochen wurde. Und weil sie nicht wusste, wie sich diese Barriere nun überwinden ließe, ohne sich zu blamieren, sollte sie sich doch geirrt haben, blieb sie still.

„Du redest dir nur ein, dass es nicht möglich ist, weil du Angst davor hast, zu deinen Gefühlen zu stehen!“

Sie schüttelte wieder einmal erst den Kopf, auch wenn sie ein Stück weit recht hatte. Sie hatte vor einer Weile wieder einmal nach langer Zeit einen Schritt gewagt und verloren. Sie hatte Bammel davor, das dasselbe bei ihm geschehen würde, auch wenn die Blamage nicht mehr präsent in ihrem Kopf war. Es war nicht die Angst vor dem Korb, die sie verstummen ließ. Es war die Angst davor, dass ihre Hoffnungen zerstört werden würden, sollte die Realität eine andere Wendung nehmen, als es ihr ihre Tagträume vorgaukelten. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sich seine Zuwendung vielleicht nur eingebildet hatte. Waren seine Worte gar nicht die, für sie sie hielt? War er vielleicht nur beruflich so freundlich und meinte es nicht ernst? Waren seine Sprüche, sie solle doch zu ihm kommen nur dahin geworfene Aussagen? Täuschte sie sich vielleicht in ihm?

Wochen vergingen, bevor das letzte Mal anstand, in dem sie sich beruflich sehen würden, bevor sie nicht mehr mit einander ‚arbeiten‘ würden. Ein letztes Mal, an dem sie endlich ihren Mund aufmachen musste, bevor sie sich nie wieder sehen würden. Es war eine Alles-oder-Nichts-Situation. Das wusste sie.

Paar Tage später tat sie es. Sie fragte ihn tatsächlich…

Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte.


September Part II


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Alles lief endlich so gut, ich lief gut. Ich konnte meine Krücke beiseitelegen. Sobald ich nicht darüber nachdachte, humpelte ich nicht mehr. Ich war auf einem guten Weg, durfte auch endlich mit Sprungübungen beginnen. Nur ein paar, doch das genügte mir, um zu merken, dass ich langsam wieder zur Normalität fand. Alles schien so, als könnte ich tatsächlich mein Studium ohne Krücke und ohne Probleme beginnen. Falsch gedacht. Ich merkte bereits in meinem Urlaub, dass irgendetwas an meinem Knie nicht in Ordnung war. Erst schmerzte es an der einen Stelle, dann fing plötzlich eine andere an. Ich dachte, die würden auch allmählich wieder verschwinden. Doch sie blieben und wurden schlimmer. Mein Physiotherapeut ging davon aus, dass es vielleicht der innere Oberschenkelmuskel ist. Beim Arzt dann die mögliche Diagnostik: Vielleicht ist der Meniskus nicht richtig verheilt. Vielleicht hat sich dort Narbengewebe gebildet. Mein Knie wurde vorläufig mit einem Zinkleimverband übers Wochenende ruhig gestellt.


Oktober


Ich dachte, die Schmerzen würden besser werden. Sie tun es, eine Weile. Dann wird es wieder schlimmer. Mein Arzt ließ erneut ein MRT machen. Resultat: Entzündung im Innenband durch Überstrapazierung. Der Radiologe sieht außerdem einen Riss im Meniskus. Trotzdem laufe ich in die Uni, bis gar nichts mehr geht. Es tut zu sehr weh. Stattdessen wieder übers Wochenende ruhig stellen. Zwei Wochen ist es nicht klar, was genau die Diagnose ist. Zwei Wochen voller Angst vor einer erneuten OP. So habe ich mir den Wiedereinstieg ins Studium nicht vorgestellt. Ich habe soviel zu tun, aber mein Bein bremst mich aus. Eine Woche später kommt die Entwarnung: Kreuzband sitzt gut, Meniskus ist in Ordnung. Ich habe aber ein Ödem, eine Entzündung, die nur mit entzündungshemmenden Tabletten behandelt werden kann. Erleichterung pur. Dann geht es wieder bergauf. Die Schmerzen sind weg, ich kann die Krücke beiseitelegen, kann wieder Fahrradfahren, dehnen, versuchen auf einen Hocker zu steigen. Vor allem letzteres hört sich so einfach an. Ist es aber nicht. Nicht, wenn man im Bein keine Muskeln mehr hat. Mit dem Dehnen komm ich auch gut voran. Ich bin endlich bei knapp 100 Grad. Für mich schon eine riesiger Erfolg.


November


Die OP ist jetzt ein halbes Jahr her. Das bedeutet, dass ich nicht mehr länger zur Physiotherapie muss. Nur noch bis Mitte November, dann muss ich selber weitertrainieren, weiter Muskeln aufbauen. Meine Physiotherapeuten haben ihr bestmöglichstes gegeben. Jetzt liegt es an mir. Dehnen, Kraft aufbauen. Der erste Erfolg in Sachen Sport hat sich auch gezeigt. Zum einen bin ich auf dem Laufband Joggen gewesen. Zum anderen auf ein Trampolin gestiegen. Beides kontrolliert mit dem Physiotherapeuten. Beides hat geklappt, beides war aber auch super anstrengend. Diese neuen Erlebnisse haben mich trauen lassen, wieder mit Yoga anzufangen. Ich merke, dass ich komplett auf Null stehe. Vor allem die „Child pose“ macht mir Probleme. Genauso wie der „Tree“. Aber ich hetze mich nicht, bin auch nicht frustriert. Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte. Ich habe mir mehrmals gewünscht, dass es eine Abkürzung gibt. Die gab es aber zu keiner Zeit. Ich habe es überstanden, ich habe mein Bein wieder. Ich bin stolz auf mich.

Sind manche Freundschaften im Leben vielleicht nur befristet?

Ich sitze an der Bushaltestelle, warte auf den Bus. Musik spielt in meinen Ohren, ich starre geistesabwesend in den Himmel hinein. An meiner Haltestelle bin ich alleine. Um die Uhrzeit – und es ist gerade erst 13.15 – tummeln sich wenig Leute. Macht mir nichts aus. Ich kann für einen Moment nachdenken, ohne beobachtet zu werden, ohne vom Wuseln eines anderen gestört zu werden.


Sie läuft plötzlich einfach an mir vorbei, hebt den Kopf vom Boden, blickt mich an, sieht wieder weg. Mehr Beachtung schenke ich ihr auch nicht. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ich erst sehr spät merke, dass sie es ist.

Früher waren wir einmal sehr gute Freunde. Früher, vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren, bevor aus Freundschaft fast Feindschaft wurde. Auslöser? Bis jetzt rätselhaft. Ich schätze es ging um einen Typen. Irgendwann zerbrach die Freundschaft, sie verbreitete Lügen über mich, sie wollte nichts mehr von mir wissen. Ich verstand die Welt nicht mehr, versuchte Gründe herauszufinden, wie sie so einen Hass auf mich bekam. Irgendwann beruhigte sich die Situation. Ich wurde ihr anscheinend egal. Die bösen Worte über mich hörten auf. Irgendwann verließen wir dann die Schule. Beide in andere Richtungen. Sie blieb im Ort, ich zog weg. Ich sah sie Jahre nicht. Irgendwann trafen wir uns hier doch einmal, hier an dieser Bushaltestelle. Ich war kurze Zeit in der Stadt, sie musste in dem Moment in die Universität. Nun standen wir also hier und redeten. Nur ein paar Wörtchen, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

Jetzt, wo ich sie wieder sah, sie an mir vorbei lief, in dem Moment aufsah und genauso Probleme hatte, mich zu erkennen wie ich sie, komme ich ins Grübeln, denke darüber nach, wie es nur möglich sein konnte, dass Freundschaften, die eine lange Zeit so großartig waren, von jetzt auf später einfach vorbei waren. Wie konnte es möglich sein, dass man so viel miteinander durch stand – Liebeskummer, schlechte Noten, Stress mit Eltern – und am Ende nichts davon übrig bleibt? Sind vielleicht manche Freundschaften im Leben nur befristet? Befristet für den Abschnitt, bevor man sich im Leben entscheidet, andere Wege einzuschlagen?

Sie war nicht die einzige, bei der die Freundschaft in die Brüche ging. Ich verlor durch meinen Umzug vor vier Jahren viele gute Freundschaften, tolle Menschen, zu denen der Kontakt einfach abbrach. Ich lernte aber auch Neue kennen. Menschen, aus allen möglichen Regionen in Deutschland. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, bevor ich, aber auch sie beschlossen, weiter zu ziehen: Hamburg, Berlin, Hannover. Bei manchen hielt der Kontakt, bei anderen nicht. Die Nähe der letzten Jahre konnte durch die Entfernung nicht gehalten werden. Wir entfernten uns voneinander. Nicht nur räumlich, sondern auch freundschaftlich.


Jetzt, zurück in der alten Stadt, und dieses Mal für eine längere Zeit, tauchen sie wieder auf: die Freundschaften der vergangenen Jahren. Sie tauchen auf wie die Geister, die ich versuchte nicht zu rufen. Sie sind wieder präsent. Gerne würde ich ihnen entkommen, gerne aber auch die Freundschaften wieder aufblühen lassen. Entfernung trennte uns damals. Entfernung und unsere neuen Leben. Wir erlebten alle vieles, was uns prägten. Wir sind nicht mehr dieselben von damals, sind gereift. Entfernung spielte keine Rolle mehr. Doch war es überhaupt möglich, die neuen Wir wieder in Einklang zu bringen? Wäre es möglich, zurückzufinden, zurück zu einander, auch wenn so viel Zeit vergangen war?

Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Sie war äußerst nervös, als sie vor seiner Haustür stand. Sie zögerte, war sich nicht sicher, ob sie eintreten sollte. Er wusste, das sie kommen würde, zu ihm nach Hause. Nur sie beide. Er und sie. Sie würden ein Bier miteinander trinken. Wie damals. Ob das eine gute Idee war? Sie war sich nicht sicher.

Nach langen Zögern klingelte sie dann doch. Der Grund war simpel: Es wurde langsam dunkel, und sie fühlte sich hier in der Gegend der ihr fremden Stadt unbehaglich. Sich mit ihm hingegen zu treffen, in seiner Wohnung, machte ihr zwar auch Bauchweh, war aber eine bessere Option. Also klingelte sie, wartete ab, bis die Tür geöffnet wurde und sie hineintreten konnte. Hinauf zu seiner Wohnung, in deren Eingang er bereits stand. Hechelnd kam sie endlich oben an, begrüßte ihn. Sie umarmten sich. Dann ließ er sie eintreten. Sie setzte sich auf sein Sofa.

„Hast du Lust auf ein Bier?“

„Gerne! Du schuldest mir sowieso noch eins!“

Er lachte. „Daran kannst du dich noch erinnern?“

Er verschwand in der Küche. Sie hatte Zeit, sich ein bisschen umzusehen. Seine Wohnung war nicht besonders groß. Ein Wohnzimmer, eine kleine Küche, das Schlafzimmer, ein Bad. Alles sehr sporadisch eingerichtet. Aber wenigstens hatte er überhaupt eine Wohnung für sich gefunden. Kein WG-Zimmer, bei keinen Freunden untergekommen. Wenigstens das.

Jetzt tauchte er wieder auf. Mit zwei Bier in der Hand. Sofort fiel ihr das auf, das er ihr reichte. Kirschbier. Dasselbe, dass sie damals getrunken, das was er ihr damals gekauft hatte. Anscheinend konnte er sich daran noch gut erinnern. Auch nach all der Zeit, in der sie sich nicht gesehen und geschrieben hatten.

„Dass du dich noch dran erinnern kannst, welches Bier ich mag!“

„Ich habe sogar denselben Schnaps von damals besorgt!“

Sie lachte in sich hinein. Das hätte sie nie von ihm gedacht. Er merkte sich Dinge. Als sie ihn kennenlernte, war er überhaupt nicht aufmerksam. Anfangs zumindest. Dann wurde er es irgendwann schon. Anscheinend war er es jetzt immer noch. Bemerkenswert. Nun ließ auch er sich nieder.

Sie nahm einen Schluck aus ihrem Bier. Dieses Mal peu à peu, nichts überstürzen. Damals vertrug sie es nicht besonders gut. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Nicht vor ihm. Nie wieder.

Eine Weile unterhielten sie sich beide über Belanglosigkeiten, über Dinge, die die letzten Jahre so passiert waren. Dann entstand Pause. Pause, in der sie ihr Bier trank und er sie einfach nur betrachtete. Irgendwas war da in seinem Gesichtsausdruck. Sie konnte es nicht deuten. Auch sie sah ihn an. Er sah gut aus, wie damals. Aber irgendwas war anders. Vielleicht lag es auch gar nicht an ihm. Vielleicht lag es doch an ihr.

„Ich kann es gar nicht glauben, dass du tatsächlich hier bist!“

„Ich kann es auch nicht ganz fassen, dass ich wirklich hier bin!“

Sie lächelte. Es trat Stille ein, in der die weitere Schlücke nahm. Nur kleine, damit der Alkohol ihr nicht in den Kopf stieg. Er hingegen stellte sein Bier auf den Wohnzimmertisch, rutschte ein Stück zu ihr. Sie zögerte, umklammerte ihr Bier fester. Die Stille um sie herum wurde unangenehmer. Sie fühlte sich, als verschwinde die Luft um sie herum, als könne sie nicht mehr atmen. Ihr Herz pochte laut in ihrem Kopf. Alkohol und Bier schossen ihr ins Gesicht. Sie errötete. Dann kam er noch ein Stück näher, bis er ihr so nah war, dass er sie küssen konnte. Er tat es. Wieder zögerte sie, wieder umklammerte sie ihr Bier fester. Sie war wie versteinert. Dann löste er sich wieder von ihr. Fragend blickte er sie an.

„Ich kann nicht!“

Sie wollte den Gedanken nicht laut aussprechen, tat es aber, denn es stimmte. Es ging nicht, es ging nicht mehr. Er blickte sie weiterhin fragend an, dann erhellten sich sein Blick.

„Es fühlt sich seltsam an!“

Sie nickte. Genau das tat es. Damals war es das schönste, was sie sich hätte vorstellen können. Jetzt war der Funke verschwunden. Nicht von jetzt auf gleich. Es war ein schleichender Prozess, den sie kaum bemerkt hat. Der Kuss war nötig, damit das ihr, aber auch ihm klar wurde. Ihre Gefühle hatten sich voneinander entfernt.

„Können wir Freunde bleiben?“

Ihr lagen diese Worte selber auf dem Mund. Sie war aber froh, dass er sie ausgesprochen hatte. Sie waren es schon solange gewesen. Der Kuss sollte nichts zwischen ihnen ändern. Das wäre das letzte, das sie sich wünschte, denn sie war gerne bei ihm. Sie mochte ihn, er war ihr wichtig. Und sie ihm anscheinend auch. Warum sollten sie das beenden, wenn es doch auch freundschaftlich klappen könnte?

An diesem Abend verließ sie seine Wohnung nicht, sondern blieb bei ihm über Nacht. Im Dunkeln durch diese fremde Stadt irren war ihr unangenehm. Er schlug ihr vor, bei ihm zu übernachten. Sie nahm das Angebot an. Dann lag sie also in seinem Bett, er auf dem Sofa. Die ganzen Nacht bekam sie kein Auge zu. Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Sie war tatsächlich hier bei ihm, hier in seinem Bett. Sie hatte nach all den Jahren endlich das, was sie sich damals so sehnlichst wünschte. Er hatte sie geküsst, wie sie es sich damals gewünscht hatte. Doch es war nicht mehr das, was sie jetzt wollte. Er war nur ein paar Meter von ihr entfernt, doch nichts zog sie zu ihm. Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Am Tag darauf schlich sie aus seiner Wohnung, hinterließ ihm eine Nachricht. Er sollte weiterschlafen, es war sein freier Tag. Ein paar Stunden später verließ sie wieder die Stadt, reiste weiter. Von ihm hören tat sie nichts mehr. Wochen und Monate vergingen, sich bei ihr melden tat er sich nicht mehr.

Dieser eine Kuss, mitten im Club.

Als sie den Club betrat, war das erste, was ihr auffiel, der Geruch von Alkohol in der Luft. Danach die vielen Menschen, die lachend und angetrunken um sie herum wirbelten. Grüne, blaue, rote Lichter tanzten durch den dunklen Raum. Ihr Blick schweifte von Person zu Person. Bekannte Gesichte, unbekannte Gesichter, und mittendrin stand er. Er hatte sie bereits gefunden, er hatte sie bereits fixiert. Auch sie erkannte ihn endlich in der Menge, ging schnurstracks auf ihn zu, bis sie sich mitten im Club trafen. Sie blickte zu ihm hinauf. Er lächelte. Alle anderen um sie herum waren auf einmal zur Nebensache geworden. Sie hatte nur noch Augen für ihn. Sie war unbeeindruckt von den anderen. Sie ignorierte die Blicke derjeniger, denen sie ein Dorn im Auge war. Nur er zählte.

Mit dem nächsten Wimpernschlag und einem Schritt nach vorne befand sie sich schon in seinen Armen. Sein unwiderstehlicher Geruch lag ihr in der Nase. Sie spürte seine Hände auf ihrer Hüfte, spürte, wie er sie an sich drückte. Kurz rückte sie von ihm ab. Nicht viel. Er hielt sie weiterhin fest. Sie blickte ihm in seine schönen blaugrünen Augen. Er lächelte. Er sah so unwiderstehlich aus. Dann näherte sie sich ihm wieder und küsste ihn. Seine Lippen waren ganz weich. Seine Küsse zärtlich und zurückgenommen. Sie spürte seine Bartstoppel auf ihrer Haut kitzeln. Sie spürte seine Arme, die sich fest um sie schlangen, sie an seinen Oberkörper drückten. In diesem Moment vergaß sie alles um sich herum und fühlte sich wohler als jemals zuvor.

Wie gerne hätte sie noch eine Weile so verbracht, ihn geküsst, ihn umarmt, wie gerne wäre sie bei ihm geblieben. Doch die Stimme ihrer Freundin riss sie aus dieser Traumwelt heraus. Sie musste gehen. Einen letzten Kuss gab sie ihm noch zum Abschied. Einen letzten, bevor sie den Club verließ. Ohne ihn…

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sage ich es ihm!“

„Denkst du, dass wäre eine gute Idee?“

Sie nickte nur stumm, als sie mit ihr dieses Gespräch führte. Sie war sich sicher, dass die vielen Monate ausreichten, um endlich mit der Sprache herauszurücken. Sie würde ihn damit überrumpeln. Zumindest damit, dass sie es jetzt nach all der Zeit tat. Denn sie war sich ziemlich sicher, dass er es bereits wusste. Es war deutlich genug gewesen. Seine damalige Reaktion hatte ihr gezeigt, dass er bestens informiert war. Darauf eingehen tat er nie. Also blieb sie stumm. Besser so. Doch würde er jetzt vor ihr stehen, würde sie ihren Mund aufmachen. Das erste Mal. Sie würde nichts mehr verlieren können. Außerdem könnte sie abschließen. Es würde endlich weitergehen, ohne ihn.


Plötzlich stand er vor ihr. Genauso attraktiv wie sie ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht wirkte er es sogar noch mehr. Das letzte Mal, als sie ihn sah, wirkte er sehr müde, hatte dunkle Augenringe. Jetzt sah er wesentlich glücklicher aus. Er sah immer noch wie ein arroganter Arsch aus. Auch wenn er es nicht war. Zumindest nie vor ihr. Vor ihr war er immer liebenswert, freundlich, höflich, hilfsbereit. Deswegen hatte sie sich auch in ihn verliebt gehabt.

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Nicht dein Ernst!“

Er hatte sie sofort wiedererkannt, kam auf sie zu und umarmte sie fest, so als wären sie immer noch Freunde. Auf alle Fälle waren sie es. Er hatte sie nicht vergessen. Auch nach all der Zeit nicht.

„Wie lang ist das jetzt her? 1,5 Jahre?“

„Ja, ungefähr!“

Sie grinste. Sie wusste es ja genau. Es waren auf den Tag genau 1 Jahr und 8 Monate. Sie behielt es aber für sich. Er musste ja nicht wissen, dass sie mitgezählt hatte.

„Was machst du hier?“

„Urlaub!“

Er blickte sie mit einem breiten Grinsen an. Sie lächelte zurück. Sie hatte sich sooft vorgestellt, wie es wohl sein mag, ihn wieder vor sich stehen zu haben. Sie hatte sich sooft überlegt, was sie ihm sagen, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte ein bisschen Bammel davor. Das letzte Mal fühlte sie sich nämlich in seiner Gegenwart genauso unwohl wie wohl, war genauso glücklich wie unglücklich. Damals konnte sie aber auch nie ganz sie selber sein. Seine Anwesenheit schüchterte sie immer viel zu sehr ein. Doch die lange Zeit, in der sie sich nicht sahen, hatte etwas mit ihr gemacht. Sie fühlte sich vor ihm nicht mehr so nervös. Sie wollte ihm nicht mehr beweisen, wie erwachsen sie doch war. Das hatte sie früher versucht. Wahrscheinlich vergeblich. Er war zwar wie immer selbstbewusst und präsent, jedoch schüchterte er sie nicht mehr ein. Sie fühlte sich nicht mehr vor ihm wie die schwache Frau von damals. Sie fühlte sich auf einer Augenhöhe mit ihm. Sie war mit der Zeit, mit den Ereignissen der letzten Monate, gereift.

Eine Weile unterhielten sie sich miteinander. Über dies und das, was so in letzter passiert war. Dann gingen ihnen die Gesprächsthemen aus. Sie hatten noch nie viel miteinander geredet, aber hier merkte sie, dass doch viel Zeit vergangen war. Sie könnten sich eigentlich viel erzählen, aber keiner von ihnen wusste, wo sie anfangen sollten. Als das Gespräch ein weiteres Mal verstummte, hatte sie einen kurzen Moment, um ihn betrachten zu können. Strahlend blaue Augen, Dreitagebart, kurze Haare. Er sah wie damals aus. Er war immer noch hübsch, er war immer noch attraktiv, aber nicht mehr so, dass es ihr den Atem raubte.

„Wie lang bleibst du?“

„Morgen geht’s wieder weiter!“

Wieder verstummten sie. Dieses Mal aber stand er auf, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Für sie hieß das, dass sie sich auch langsam auf den Weg machen sollte. Sie wollte ihn nicht länger abhalten, nicht wie damals. Sie packte ihre Sachen, zog ihre Jacke an, leerte ihr Glas.

„Willst du schon gehen?“

„Ja! Ich will dich nicht länger aufhalten!“

Er nickte. „War trotzdem schön, dich mal wieder zu sehen!“

Sie lächelte.

„Sollte es dich mal in den Süden ziehen, kannst du es mich ja wissen lassen!“

„Ja, ich melde mich dann!“

Er nahm sie wieder in den Arm. Dann wandte sie sich von ihm ab und ging. Raus in den Abend, weg von ihm. Sie hätte ihm alles sagen können, hätte ihm sagen können, dass sie damals in ihn verliebt war, dass sie Gefühle für ihn hatte. Doch sie ließ es. Sie wollte es nicht mehr. Das, was sie beide jetzt hatten, war eine Freundschaft geworden, die ihr viel bedeutete. Ihre Gefühle von damals behielt sie für sich. Denn sie waren Vergangenheit, sie blieben ihr Geheimnis. Sie sah, dass er glücklich war. Sie selber war glücklich. Warum das ganze mit der Vergangenheit versauen.