Wäre schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Gelangweilt zippe ich von Sender zu Sender. Es läuft nichts Interessantes im Fernseher. Mir fallen zwar fast die Auge zu, aber ins Bett möchte ich auch noch nicht. Es ist dafür viel zu früh. Irgendwann zippe ich nur noch von Werbung zu Werbung, von Werbung über Reiseseiten, hin zu Werbung über Sport, Werbung über irgendwelche Diätprodukte, Entgiftungstees, Entschlackungssäfte. Zwischendurch geht es um Versicherungen. Das geht aber unter, denn schon die nächste Werbung mit der Botschaft „Geb dein Bestes“ dröhnt mir in den Ohren, will mich motivieren, mein sowieso schon geringes Studentenbudget für eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio oder in Abnehm-Drinks zu investieren. Irgendwann habe ich die Schnauze voll und entscheide, den Fernseher auszumachen. Es ist nicht das Fernsehprogramm, was mich in diesem Moment nervt, sondern diese Sport- und Ernährungswerbung kurz nach dem Neujahr. Jedes Jahr aufs Neue. Weil es immer Menschen gibt, die sich als guten Jahresvorsatz vornehmen, mehr Sport zu machen und sich gesünder zu ernähren. Dafür wird gerne das neue Jahr genutzt, um Anfang des Jahres ordentlich in die Pedalen zu treten und zu hungern, um dann Wochen später zu merken, in denen man Haufen Geld rausgeschmissen hat, dass das so nicht funktioniert. Die sogenannten Wunderhelfer sind nur bloße Geldmacherei, sechsmal die Woche Sport machen, von 0 auf 100, klappt auch nicht. Man hat aber einen Jahresvertrag für das Fitnessstudio unterschrieben und überlesen, dass nur die ersten drei Monate 4,99€ kosten. Danach sind es 19.90€. 19.90€ dafür, dass man in den 52 Wochen im Jahr 6 Wochen durchhält. Danach geht man nicht mehr, zahlt aber. Rausgeschmissenes Geld also. Man könnte ja meinen, man würde dadurch lernen, es ein Jahr später besser zu machen. Man tut es aber nicht.


Eine Bekannte von mir macht jetzt zum neuen Jahr die gefühlt 700ste Diät. Immer hat sie gut abgenommem, immer einige Kilos runter. Tage oder manchmal auch wochenlang war sie mürrisch, weil sie hungrig war. Während ich mir einen Burger mit Pommes bestellte, nuckelte sie an ihrem Eistee. Der Zucker im Eistee ist schon in Ordnung. Ist ja nur Flüssigkeit. Sagt sie. Ihr zu sagen, dass in ihrem Denken, nichts zu essen, aber zuckersüß zu trinken, irgendetwas nicht stimmt, habe ich aufgegeben. Man könnte meinen, die letzten Jahre haben endlich alle aufrütteln lassen, dass das Hungern etwas schlechtes ist. Man sollte es meinen. Ist aber nicht so. Frauen tun vieles für ihren perfekten Körper.


Die „Body Positivity“-Bewegung hat da auch eine Veränderung mit sich gebracht. An sich ist das ja was Gutes. Klingt ja auch gut. Steh zu dir und deinen Rundungen. Liebe dich wie du bist. Wir sind alle nicht perfekt. Klingt alles gut. Aber es muss immer welche geben, die etwas so Gutem einen schlechten Beigeschmack geben müssen. Denn statt endlich davon abzukommen, über Körper zu urteilen, tut auch die „Body Positivity“-Bewegung nichts anderes. Sie urteilt über den Körper der Frau. Wieder. Das Thema darüber ist schon genug ausgelutscht, und doch sehe ich keine Veränderung im Denken. Plötzlich wird es in, stolz und ungehemmt sich halbnackt bei Social Media zu zeigen. Als es in war, gertenschlank zu sein, wollten alle gertenschlank sein. Als es in war, muskulös zu sein, wollten alle muskulös sein. Jetzt ist es in, Plussize zu sein, und viele wollen jetzt Plussize sein. Ich habe nichts gegen das Plussize, oder sagen wir, gegen normal gebaute Körper. Kleidungsgröße 40/42, ja auch 44. Alles normale Körper. Früher war das nichts Außergewöhnliches. Jetzt werden sie Plussize genannt. Plussize geht aber noch weiter. Weiter zu Menschen, deren Körpergewicht schon die Gesundheit gefährden, und trotzdem präsentieren sie sich halbbekleidet im Netz. Sie dürfen ja zu sich stehen. Dagegen habe ich nichts. Aber hier geht es nicht mehr nur um ein Schönheitsideal, hier geht es um die Gesundheit. Fettleibig sein, und dazu stehen, hat nichts mit „Body Positivity“ zu tun. Das ist krank, und es geht zu weit.


In meinem Umfeld geht es auch immer wieder über das Gewicht. Ich kommentiere meins auch. Auch jetzt noch. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der Sport über alles ging. Über Freundschaften, über andere Hobbies. Ich liebte es, mich zu bewegen, viel zu bewegen, viel zu viel zu bewegen. Fünf-/Sechsmal die Woche Sport. Das Umdenken kam nach meinem Unfall. Man merkt, wie viel Zeit man doch plötzlich übrig hat. Wie viel Zeit, um soziale Kontakte wieder aufblühen zu lassen. Zeit, wieder mehr an andere zu denken, und nicht nur an sich. Bewegung ist gut, gesunde Ernährung ist gut, aber alles in Maßen. Ständig drüber nachdenken macht nicht glücklich. Überhaupt nicht daran zu denken, und sich zu denken, ich lebe ja nur einmal, aber auch nicht. Genauso wenig, darüber zu urteilen, über sich selbst oder andere. Wir sollten beginnen, wieder ein gesundes Maß zu finden, und vor allem anderen nichts vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Immer noch: solange es in einem gesunden Maß ist. 


Die Werbung über Sport und Nahrungsergänzungmittel wird im Laufe des Jahres weniger, wie jedes Jahr. Das ist sicher. Bald wird sie Werbung über den Valentingstag verdrängen. Nur noch knapp zwei Wochen muss ich solange aushalten. Machbar. Wäre nur schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

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Von kreativer Freiheit zum bodenständigen Familienleben

„Sag mal, was ist eigentlich aus Würzburg geworden? Wolltest du da nicht deinen Master machen?“

Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Es ist sogar mehr als ein Jahr vergangen, in denen wir nicht mehr miteinander gesprochen haben. In dieser Zeit ist in meinem Leben viel passiert. Darüber geredet haben wir nie. Deswegen ist sie noch auf dem alten Stand. Ich erkläre ihr, was sich verändert hat. Ihre Augen weiten sich.

„Das hätte ich bei dir nie gedacht! Ist das nicht all das, was du damals immer vehement abgelehnt hast?“

Ich schmunzle und gebe ihr vollkommen recht. Schon seit meiner Kindheit wollte ich später irgendetwas Kreatives machen. Anfangs waren es noch so Kinderwünsche wie Modedesignerin. Während und kurz nach meiner Schulzeit änderte sich das in die Idee, Schriftstellerin und bis dahin Journalistin zu werden. Alles Berufe, die alles andere als 08/15 waren. Ich wollte irgendetwas aufregendes machen. Irgendetwas, mit dem ich andere beeindrucken konnte. Ich wollte ja auch keine 08/15-Journalistin werden. Ich wollte in irgendeiner großen Firma beschäftigt sein. Irgendetwas Vorzeigbares…

Außerdem wollte ich die Welt sehen. Ich wollte nicht an einem Ort wohnen bleiben. Ich wollte frei sein, unabhängig. Das war ich. Fünf Jahre lang. Ich bin ganz gut damit gefahren. Dann der Cut und das neue Denken. Woher das kam? Keine Ahnung. Plötzlich war es da. Irgendwie eine Spontanentscheidung. Ich brach das alte Studium ab (nicht gänzlich, aber ich brach mit dem Studienstanddort und mit dem Gedanken an den Bachelor ab), zog wieder nach Hause in die Heimat, begann bzw. wechselte zum Lehramt. Gleiche Fächer, neues (altes) Ziel. Nun also doch 08/15 Leben. Gutes 08/15 Leben.


„Kann es sein, dass du auch ganz schön von ihm beeinflusst wurdest?“

Ich zucke mit den Schultern. Beeinflusst? Ja. Wegen ihm die Entscheidung gefällt? Nein. Die stand schon vorher. Sogar schon 2 Jahre vorher. Aber er gab mir dann doch einen neuen Impuls, das ganze durchzuziehen. Er machte das 08/15-Leben wundervoll attraktiv. Sogar soweit, dass ich nicht mehr den Wunsch hegte, in einer aufregenden Großstadt leben, die Nächte durchtanzen und mit der Familienplanung warten zu wollen, sehr lange warten zu wollen. Damals ging Karriere für mich über alles. Kinder waren geplant, aber dann bitte erst Mitte 30, wenn ich beruflich meinen Höhepunkt erreicht hätte. Dann änderte sich alles. Statt wie immer die Flucht ergreifen zu wollen, blieb ich, wollte ich bleiben. Es lag nicht nur an ihm, doch er machte einen Teil aus.


Ob ich meine kreativen Träume über Bord geworfen habe? Nein. Kreativ bin ich weiterhin mit meinen Geschichten. Damit Geldverdienen? Lieber nicht. Ich will einen sicheren Job, vorhersehbare Arbeitszeiten. Ich möchte Familie und Karriere unter einen Hut bekommen. Karriere steht nicht mehr ganz alleine ganz oben. Studium beenden? Das natürlich schon. Danach ist alles offen. Gehe ich erst den beruflichen Weg, gehe ich erst in Richtung Familie? Alles ist jetzt möglich. Beide Wege gefallen mir. Ob ich nun den einen oder den anderen nehme: das ist offen.

Was man über die Franzosen wissen sollte


Öffentliche Liebesbekundungen, überall, ständig


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Ich sitze auf diesem Stuhl, bin wieder einmal viel zu früh für den Kurs. Fast eine ganze Stunde zu früh. Konnte ich ja nicht wissen, dass ich mit meiner Arbeit so schnell fertig sein werde. Ich hatte mehr Zeit eingeplant. Ich bemerke, dass es sich hinter mir ein Pärchen gemütlich gemacht hat. Erst bemerke ich sie nicht. Dann beginnt es aber. Das, was in Frankreich normal und im Gegensatz zu Deutschland sogar ziemlich leidenschaftlich demonstriert wird: Das Pärchen beginnt sich zu küssen. Würde nicht stören, wenn ihr Geschmatze nicht so laut ist, dass es auch wirklich jeder hier mitbekommt. Irgendwann ist es mir sogar zu wild, dass ich aufstehe und gehe. Ich bin nicht verbohrt, aber ich bin so etwas aus Deutschland nicht gewöhnt. Liebesbekundungen ja. Find ich auch schön, wenn sie zeigen, wie gern sie sich haben. Doch dass sie sich fast gegenseitig verschlingen, immer und überall…


Das Baguette


Es mag wie ein schlechtes Klischee klingen: Der Franzose, mit der Baskenmütze, dem Wein in der einen, das Baguette in der anderen Hand. Doch von irgendwo haben diese Klischee auch ihren Ursprung. Im Sinne des Baguettes stimmt dieses Klischee auch. Morgens, sieben Uhr. Ich gehe in die Universität, während mir mehrere Franzosen mit Baguette unter dem Arm entgegen kommen. Mittags gibt es sie dann belegt beim Bäcker, abends mit Käse und Wein. Nicht immer, aber sehr häufig. Baguette ist einfach das Brot in Frankreich. Alternativen dazu gibt es aber auch fast gar nicht. Das deutsche schwarze Brot sucht man vergeblich. Es muss aber auch gesagt werden, dass Franzosen es auch verstehen, Baguette zu backen. Überhaupt nicht vergleichbar mit dem Stück Pappe, dass man in Deutschland bekommt. Baguette hin oder her. Es schmeckt auch richtig gut.


Merci, Pardon, Au revoir


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Die Franzosen sind ein unglaublich höfliches Völkchen. Ich glaube, das war das erste, was mir in dem Land aufgefallen ist, und mir gefiel. Zurück in Deutschland fiel mir dann auf, wie mürrisch wir im Gegensatz dazu doch sind. Morgens im Wohnheim. Unbekannte Menschen stehen gemeinsam am Aufzug, begrüßen sich, wenn man aufeinander trifft, grüßt die Menschen, die bereits im Aufzug stehen, man wünscht sich einen schönen Tag – bonne journée-, sobald man diesen wieder verlässt. Dasselbe Spiel am Abend. Dieses Mal wünscht man sich einen schönen Abend – Bonne soirée. Steht man sich im Supermarkt im Weg, oder rennt sich fast bei einer Ecke über den Haufen, entschuldigen sich beide Parteien. Man entschuldigt sich auch, wenn es die Schuld des anderen war. Das macht man einfach so. Man bedankt sich aber auch sehr oft. Einfach so. Ein Merci ist schnell gesagt. In Frankreich alles ganz normal und schön. Mag am Anfang etwas merkwürdig erscheinen, aber man gewöhnt sich daran. Zurück in Deutschland habe ich die ersten Tage dasselbe gemacht. Hier wurde ich aber nur merkwürdig angesehen. Ob es an dem Verhalten lag, oder der Tatsache geschuldet ist, dass es auf Französisch war, bleibt einfach mal unbemerkt.


Das Essen


Essen benötigt einen eigenen Punkt. Genauso wie er ihn im Leben der Franzosen hat. Franzosen und das Essen. Als Außenstehender ist das eine sehr spannend zu betrachtende Beziehung. Bewundernswert ist, dass die meisten Franzosen sehr schlank sind. Und das möchte ich nicht auf ihre gesunde Ernährung schieben. Denn die muss nicht so sein, wie viele Ratgeber doch behaupten. Doch darüber werde ich einen anderen Beitrag schreiben. Auf alle Fälle ist den Franzosen das Essen heilig. Am Wochenende, und vor allem morgens und abends, wird sich dafür sehr viel Zeit genommen. Das kann sich dann auch über Stunden handeln, in denen gegessen wird. An Feiertagen wird es dann noch ausgiebiger. Ich verbrachte die Ostertage bei einer bretonischen Familie in Rennes. Drei Tage, in denen ich soviel essen zu mir genommen habe, dass ich eine Woche lang nichts mehr zu essen sehen wollte. Vor allem den Ostersonntag werde ich niemals vergessen. Vier Stunden morgens brunchen, zwei Stunden später Crêpe-Essen, abends ein fünfgängiges Abendessen. Um 23 Uhr wurden dann noch Familienspiele gespielt. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett. Tat ich auch. Um 1 Uhr.

Es war ihr Zuhause, er war ihr Zuhause.

„Kommst du?“


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Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie starrte ihn nur an. Sie zuckte, hielt den Impuls aber zurück. Er war zu schwach, um sie überwältigen zu können. Sie wollte nicht gleich einen Schritt auf ihn zu machen. Sie zögerte.

„Wohin?“

„Nach Hause!“

Ihr Blick schweifte zu seiner Hand. Sie hätte sie gerne ergriffen, wäre ihm gefolgt. Wahrscheinlich würde sie mit ihm ans Ende der Welt flüchten. Nur er und sie. Sie beide. In seiner Gegenwart verlor sie jeden Hauch an Zweifel. In seinen Armen fühlte sie sich so wohl, als könne ihr niemand mehr etwas anhaben. Er fühlte sich an wie ihr Fels in der Brandung. Es fühlte sich so gut an, bei ihm zu sein. Einen weiteren Impuls unterdrückte sie. Sie zögerte wieder zu ihm zu gehen.

„Nach Hause!“ Sie sprach mehr mit sich selbst als mit ihm.

„Komm mit mir!“

Sie schaute wieder in seine Augen, seine blauen Augen. Oh, sie waren so schön. Oh, er war doch so schön. Er zog sie so sehr an. So sehr, dass sie fast die Kontrolle über sich selbst verlor. Sie konnte ihm nicht widerstehen. Wollte sie das?

„Wir beide? Zusammen? Denkst du, dass du das wirklich willst?“

Er senkte seine Hand nun. In seinem Gesicht veränderte sich der Ausdruck. Er wurde nachdenklich. Sie hatte da etwas angesprochen, was ihn anscheinend doch zum Nachdenken brachte. Kurz kehrte Stille zwischen ihnen ein. Stille, in denen er offensichtlich über ihre Frage nachdachte.

„Ich habe oft genug den Fehler im Leben gemacht!“

„Kannst du dir sicher sein, dass du ihn nicht wieder machst?“

Wieder kehrte Stille ein. Er wusste, dass er es nicht garantieren konnte. Er wusste es. Trotzdem wollte sie ihm glauben. Viele Jahre waren vergangen, in denen er über den Fehler nachdenken konnte. Viele Jahre, um an den Punkt zu gelangen, in denen er alles dafür tat, um den Fehler nie wieder zu wiederholen. Trotzdem blieb der Hauch von Zweifel bei ihr. Sie war ein Leben lang davon gerannt. Sie war ein Leben lang auf der Suche nach ihrem Zuhause gewesen. Nun stand sie kurz davor, es gefunden zu haben. Es schien, als wäre das ihr Zuhause, als wäre er es. Jetzt schüttelte er seinen Kopf.

„Doch du gehörst zu mir! Da ist dein Zuhause! Da gehörst du hin!“

„Bist du dir damit sicher?“

Jetzt nickte er, aufrichtig, entschlossen. Einen weiteren Impuls der sie zu ihm drängen wollte, unterdrückte sie noch. Sie wollte. Sie wollte so sehr. Trotzdem zögerte sie noch einmal, blickte ihn an. Er streckte ihr wieder seine Hand entgegen. Sie blickte zu ihr. Dann gab sie auf. Sie löste sich von dem Widerstand gegen die Impulse…denn sie glaubte ihm. Sie glaubte ihm, dass er ihr Zuhause sein könne. Sie glaubte ihm, dass sie bei ihm endlich den Platz fände, an den sie gehörte. So legte sie ihre Hand in seine. Er zog sie an sich. Sie fiel in seine Arme. Er hielt sie ganz fest. Sie drückte sich fest an ihn. Ja, das fühlte sich gut an, das fühlte sich wie zuhause an. Es war ihr Zuhause, er war ihr Zuhause.

Das Jahr 2017 war das wohl aufregendste und wundervollste Jahr, welches ich erlebt habe – Ein Rückblick

Das Jahr 2017 war das wohl aufregendste und wundervollste Jahr, welches ich erlebt habe. Erlebte ich bis Ende April noch lauter Abenteuer während meines Erasmus-Aufenthalts, lernte neue tolle Leute aus der ganzen Welt kennen, erlebte ich nach meinem Unfall und der monatelangen Rehabilitation meines Beines eine sehr schmerzhafte Zeit, in der ich ausgesprochen viel Liebe von allen Seiten bekam. Das Jahr 2017 war ein Auf und Ab der Gefühle. Es gab viele Höhen, viele Tiefen. Dank meines Unfalls lernte ich einen ganz wundervollen Menschen kennen, konnte alte Freundschaften aufblühen lassen, tat den wohl größten Schritt meines Lebens, in dem ich meine alte Universität hinter mir ließ, und genau das in der Heimat anfing zu studieren, was ich seit Jahren unbedingt tun wollte. Im September schloss ich dann auch endlich mit einer Sache ab, die mich jahrelang verfolgt hatte. 2017 war mein Jahr.

Zu Beginn des Jahres, an meinem Geburtstag, ging es für mich das erste Mal auf einen Tagestrip nach Narbonne/Gruissan. Ich habe meinen Geburtstag jahrelang alleine gefeiert. Zum einen, weil er immer unter der Woche war, oder genau in die Prüfungsphase fiel. Dieses Jahr war es etwas anderes. Blöderweise erwischten wir genau den Tag, an dem Sturmwarnung für den Süden Frankreichs galt. Es hat wie aus Eimern geregnet und stark gewindet. Egal. Der Tag war trotzdem einfach nur wundervoll.


Auf dieser Reise beschäftigte ich mich mit dem Thema der „Ewigenreisenden“, denn so fühlte ich mich Anfang diesen Jahres. Ich wusste nicht, wo ich mich in Zukunft sah, und vor allem, wo mein Platz in der Welt war. Nichts fühlte sich richtig an, nichts fühlte sich wirklich wie ein Zuhause an. Anfang des Jahres war ich mir sicher, dass meine Heimat, meine damalige Studentenstadt, aber auch nicht Frankreich mein Zuhause werden sollte. Anfang des Jahres war ich mir sicher, dass mich mein Weg noch weiter wegführen würde…

Im Februar, und ich plante den Aufenthalt so clever vom 13 bis 15 Februar, ging es für mich nach Paris. Architektonisch ist Paris wunderschön, und deshalb ein Besuch wert. Ansonsten hatte ich einen Kulturschock. Obdachlose, die quer über die Straßen liegen, und Menschen, die gestresst über sie drüber steigen, Verkehrslärm, Hektik, viele Touristen und dann das unwohle Gefühle, in Zeiten von Terror an so öffentlichen Plätzen wie dem Louvre, Notre Dame oder dem Eiffelturm zu stehen. Nicht zu vergessen, dass das alles genau um den Valentinstag herum war. Pärchen, kuschelnde, küssende Zweiergespanne, vor deren Selfiekamerasticks man sich in Acht nehmen musste. So schön wie Paris wohl auch sein konnte, hatten mir die zwei Tage definitiv gereicht.

Ende März folgte dann der wohl schlimmste Moment, als ich mir das Kreuzband und den Meniskus beim Trampolinspringen riss. Es folgten wochenlanges im Bett liegen und vereinzelt Arztbesuche. Das alles in Frankreich, das alles fast auf mich alleine gestellt, wären da nicht zwei liebste Menschen gewesen, die für mich einkaufen gingen, mir Gesellschaft leisteten. Der Unfall war der Horror, die Rehabilitationsphase genauso grauenvoll, und doch war der Unfall wohl das beste, was mir hätte passieren können.

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Im September ging es für mich nach Hamburg und Rügen. Dieser Urlaub war bereits jahrelang geplant und endlich kam ich dazu. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt. Für eine Großstadt sind die Menschen ausgesprochen entspannt und freundlich. Die Stadt selber ist ausgesprochen sauber. Nichts im Vergleich zum eher dreckigen Berlin oder Paris. Mit dieser Reise konnte ich endlich ein bestimmtes Kapitel abschließen, welches noch auf sein Ende gewartet hatte. Diese Reise bedeutet mir daher sehr viel für das Jahr 2017.

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Im Oktober begann ich dann endlich an einer neuen Universität zu studieren. Ich ließ meine alte hinter mir, meine alten Kommilitonen, meinen Bachelor, um endlich das zu studieren, was ich schon seit Jahren wollte und mich nie getraut hatte: Lehramt. Staatsexamen. Für mich war das ein riesiger Schritt. Vor allem aus dem Grund, weil ich dafür zurück in die Heimat zog. Nach dem Abitur wollte ich weg, so weit weg wie möglich. Jetzt bin ich zurück und bin glücklicher als jemals zuvor. Seit diesem Jahr glaube ich wieder sehr an das Schicksal. Mein Unfall hat so viele Kettenreaktionen ausgelöst, die mich jetzt Ende Dezember 2017 zu einem Punkt geführt haben, an dem ich bis über alle Ohren strahle. Wäre der Unfall nicht gewesen, wäre alles wahrscheinlich nie so gelaufen. Es ist schon verrückt, wie das Leben spielt.

Zeit hat uns sogar noch mehr verbunden.

Ich habe bereits eine sechsstündige Odyssee hinter mir, als der Zug endlich in meinen Zielbahnhof einfährt. Sechs Stunden Zugfahrt, obwohl die Fahrt theoretisch nur vier Stunden dauern würde. Der ICE hat aber einen technischen Defekt, tuckert teilweise mit 15 km/h umher, zwischendurch muss dann auf einen Krankenwagen gewartet werden: einem Fahrgast geht es nicht gut. Kann die Deutsche Bahn nichts dafür, aber meine Nerven liegen blank.


Nach sechs Stunden steige ich also aus dem Zug. Da steht sie schon. Ich trage dieses Mal eine Brille. Sicher ist sicher. Aber wie sie dasteht, das würde ich auch ohne Brille erkennen. Wir haben uns nun über eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Viel ist passiert. Bei ihr, bei mir. Als wir uns gegenüber stehen, fallen wir uns in die Arme. Früher, als wir uns noch jedes Wochenende gesehen haben, umarmten wir uns kaum bis nie. Jetzt aber schon. Zu viel Zeit ist vergangen. Wir verlassen den Bahnhof. Ich betrachte sie. Sie hat sich wirklich verändern. Viel längere Haare und ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie wirkt glücklich. Mich freut das für sie. Zu wissen, ob es ihr gut geht, wie ihr Leben verläuft, war der Hauptgrund meines sehr kurzen Besuchs. Unsere Terminkalender machen es nicht möglich, sich öfters und länger zu sehen. Es ist also nur ein Tag drin, durch die Verspätung des Zuges nur noch ein Abend. 440km für ein paar Stunden. So verrückt das auch klingt: Für diese Freundschaft nehme ich das auf mich.


Wir reden fast die ganze Nacht. Über dies und das. Das, was uns bewegt, das was die letzten Monate, das letzte Jahr alles passierte. Sie hat sich sehr verändert. Sie redet mehr. War sie früher eher die stille Zuhörerin, hat sich das Blatt ein Stück weit gewendet. Große Veränderungen, gute Veränderungen stehen für sie an. Als wir beide noch in derselben Stadt wohnten, wollte sie genauso schnell dort verschwinden wie ich. Taten wir beide, in unterschiedliche Richtungen. Jetzt sitze ich bei ihr, wir haben einiges erlebt, uns verändert, und doch fühlt sich das hier an, als wäre nie Zeit vergangen. Stattdessen hat uns Zeit sogar noch mehr verbunden. Uns verbindet aber auch die Vergangenheit, die Vergangenheit in der Stadt, in der weder sie noch ich glücklich wurden. Jetzt, beide in unseren neuen alten Städten, sind wir es. Wir sind glücklich. Ich sehe es ihr an.


Am nächsten Morgen kann ich getrost wieder in den Zug steigen, mit der Gewissheit, unsere Freundschaft kann auch weite Entfernungen überstehen. Wir haben bereits die nächsten Treffen ausgemacht. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann im neuen Jahr. Die Zeit wird aich vergehen, und zu wissen, diese Freundschaft könne es auch verkraften, dass wir uns eben nicht so häufig sehen, ist eine beruhigende Gewissheit.

Sie hatte ihm von der Geschichte mit dem beinahe Kuss erzählt. Der Schnee. Jetzt stand er vor ihr.

Leise segelten die Schneeflocken hinab zur Erde, bedeckten das Gras, bedeckten die hinuntergefallenen Blätter. Von heute auf morgen wurde es Winter. Eisige Kälte presste gegen das Fenster. Sie saß eingekuschelt in die flauschige Decke auf dem Sofa. Ihre Füße steckten in dicken Wintersocken, sie in einem dicken Pulli. Auch wenn die Wohnung geheizt war, war ihr kalt. Sie war den ganzen Tag draußen an der frischen Luft gewesen, wärmte sich jetzt erst wieder auf. Ihr Blick schweifte hinaus. Es war der erste Schnee dieses Jahres. Er würde nicht liegen bleiben. Das wusste sie. Er würde wieder verschwinden. Würde er überhaupt wieder auftauchen? Sie bezweifelte das.


Das Klingeln an der Haustür ließ sie aufschrecken. Sie hatte mit keinem Besuch gerechnet, konnte sich auch nicht vorstellen, wer es wohl sein mochte. Sie befreite sich aus dem Haufen an Decken und stapfte zur Haustür. Etwas skeptisch öffnete sie sie, die kalte Luft preschte gegen ihren Körper, sie bekam eine Gänsehaut und riss erst dann überrascht die Augen auf. Da stand er.

„Äh, hi!“

Sie starrte ihn nur an. Er selbst wirkte auch, als hätte er keine Ahnung, mit welchen Worten er doch anfangen sollte. Also blieb er erst einmal stumm. Dann brach der doch die Stille.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht!“

Sie schüttelte ihren Kopf, während sie ihre Arme nun an ihren Oberkörper presste. Die kalte Luft von draußen preschte ungehindert bis an ihre Haut heran. Ihr Pulli hielt sie kaum auf. Es bildete sich eine Gänsehaut. Gerade wollte sie ihn hereinbeten, ihn bitten, sein Auftauchen drinnen zu erklären, doch er wimmelte sie schnell noch ab. Er streckte ihr seine Hand entgegen, sie sollte ihre hineinlegen. Sie hat es. Etwas skeptisch, aber sie tat es. Er führte sie am Vordach weg, bis sie beide unter dem fallenden Schnee standen. Er positionierte sich vor sie, sie blickte zu ihm hinauf. Ihr Gesicht schrieb immer noch Bände. Sie hatte keine Ahnung, was er vorhatte. Also starrte sie ihn nur an. Er lächelte, hielt ihr Hand, streichelte sie. Dann zog er sie zu sich, in seine Arme. Dann spürte sie seine Lippen auf ihren. Seine weichen Lippen. Sein Bart kitzelte sie an ihrer Haut. Sie hielten küssend eine Weile inne. Er küsste so gut, er küsste perfekt. Dann trat sie einen Schritt zurück. Ihre Überraschung blieb.

„Du hast mir damals von dem beinahe Kuss erzählt! Ich wollte derjenige sein, der ihn dir geben wollte!“

Nun war sie noch perplexer als zuvor. Sie hatte ihm die Geschichte nur beiläufig erzählt, und das war Monate her. Damals war alles zwischen ihnen eher freundschaftlich gewesen. Schon damals wusste sie, dass es mehr sein würde. Mehr als kleine Berühungen war da aber nie gewesen. Dass er sich also an die Geschichte von damals erinnerte, die sie ihm in ihrem ganzen Redeschwall versehentlich erzählt hatte, war daher ausgesprochen überraschend. Und doch freute sie sich darüber. Er hatte sich diese Geschichte gemerkt, der beinahe Kuss, und entschieden, er wolle derjenige sein, der sie hier unter dem Schnee küsse. Er. Nie im Leben hätte sie gedacht, dieser Kuss würde er ihr erfüllen!