Das erste Semester an der neuen Universität neigt sich dem Ende zu.

Das erste Semester an der neuen Universität neigt sich dem Ende zu, und endlich gehöre ich dazu, irgendwie gehöre ich in die Welt dieser Studenten. Nach vier Monaten des Wartens bin ich endgültig kein Erstsemester mehr, sondern offiziell in einem höheren Fachsemester. Ich wurde zwar runtergestuft, muss regulär länger studieren als ich das mit dem Bachelor/Master hätte tun müssen, aber das ist okay. Jetzt fühle ich mich endlich dort, wo ich hingehöre. Angekommen. Ich muss mir nicht mehr die hunderten Fragen anhören, was ich denn später machen möchte, warum ich denn nicht von vornherein so den Weg gegangen bin, ob ich später überhaupt einen Job finden werde. Natürlich kommen solche Frage immer noch. Sie sind aber anders. Lehrermangel. Lehrerüberschuss. Was jetzt nun stimmt. Sie wissen es alle nicht, was nun stimmt. Irgendetwas wird es wohl sein. Fragen über Fragen. Doch dieses Mal ist das was anders.  Man fragt mich nicht mehr, was ich damit anfangen will. Es ist aber Nebensache, denn das, was ich da tu, fühlt sich gut an, fühlt sich richtig an. An der neuen Universität gehöre ich nun offiziell zu den etwas älteren Hasen. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wie ein Wolf im Schafsgewand.


Das erste Semester an der neuen Uni ist vorbei, und ich habe neue ganz wunderbare Kommilitonen kennen gelernt. Sie schlagen sich mit denselben Problemen herum, nähern sich genauso schnell dem Staatsexamen wie ich. Das verbindet uns, wir haben etwas, über das wir reden können. Jetzt fuchsen wir uns gemeinsam durch das Modulhandbuch, durch die Regelungen der ersten Lehramtsprüfungen. Das verbindet und fühlt sich gut an. Am letzten Prüfungstag verabschieden wir uns voneinander, erstmals, wünschen und schöne Semesterferien. Bis zu den Kursen im nächsten Semester. Ich freue mich.


Das erste Semester an der neuen Uni ist vorbei, und ich fühle mich pudelwohl, ich gehe gerne in die Uni. Endlich habe ich wieder einen Plan, den ich verfolgen kann. Zwar sind da immer noch Zukunftsängste, schließlich steht jetzt statt dem Bachelor oder dem Master das Staatsexamen vor mir. Als wäre das nicht angsteinflößend genug. Aber ich bin optimistisch. Das ist das, was ich immer wollte. Also, reinhängen, durchziehen, mit Bravur schaffen. Es wird noch ein steiniger, anstrengender Weg, aber den nehme ich in Kauf. Am Ende wartet das, was ich schon seit Jahren will. Als wäre das jetzt kein Ansporn.

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Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben.

Morgens, 8 Uhr. Ich schlendere durch die Stadt, alleine, denn ich bin die einzige, die um diese Uhrzeit Zeit dazu findet. Die meistens sind schon auf Arbeit, andere in der Schule oder in der Uni. Ich nicht. Vorlesungsfreie Zeit. Prüfungen sind geschrieben, Hausarbeiten habe ich keine. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Zu viel Zeit. Jetzt sind die Straßen wie leer gefegt. Die Geschäfte haben alle noch nicht offen. Das zieht niemanden hierher. Also finde ich Zeit, in Ruhe mir die Schaufenster anzuschauen. Sofort fallen sie mir auf: rosa rote Herzchen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern. Ganz groß und in mehrfacher Ausführung steht dort:

VALENTINSTAG

Ich rolle mit den Augen, gehe weiter. Beim nächsten Fenster schaut es nicht anders aus, wenn nicht sogar gleich. Rosa rote Herzen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern, drumherum steht:

VALENTINSTAG


Seit fast zwei Wochen geht das nun schon. Fielen mir vor ein paar Wochen noch die tausenden Werbespots zur Neujahrsfitness auf, sind es jetzt überall die Herzchen, Pralinen in Herzform, Parfüm in Herzform, Kuchen in Herzform. Überall höre ich, ich muss noch ein Geschenk besorgen. Geld ausgeben hier, Geld ausgeben da. Alles zum Valentinstag. Jedes Jahr aufs neue, und jedes Jahr schüttle ich mit dem Kopf. Valentinstag, ehrlicherweise kann ich mit diesem Tag nichts anfangen. Letztes Jahr war ich zur selben Zeit in Paris. Valentinstag in Paris. Alleine. Keine gute Idee. Die Idee vom Fest der Liebe finde ich ganz wunderbar. Ich bin ein romantischer Typ. Das bin ich, das kann ich sein. Aber eben nicht nur an diesem einen Tag. Deswegen stört er mich. Stört er mich jedes Jahr.


Valentinstag, das ist ein Tag, der mehr ist als bloß der Tag der Liebe. Schon Wochen zuvor überquillt jede einzelne Ratgeberseite von Tipps. „Darum ist es geil, an Valentinstag Single zu sein“ oder „Darum ist der Valentinstag kein Kommerz-Quatsch“. Daneben steht „5 ungewöhnliche Valentinstags-Unternehmungen“ und natürlich ein Test, welcher Valentinstags-Typ man doch ist. Ich mache ihn, habe anscheinend auch nichts Besseres zu tun. Die Fragen bringen mich auf der einen Seite zum Kopfschütteln, auf der anderen zum Lachen. Es tauchen Fragen auf wie „Deine beste Freundin ruft dich abends am Valentinstag an, möchte mit dir telefonieren, weil es ihr nicht gut geht. Deine Reaktion?“

A. Ich nehme mir die Zeit

B. Ich rede kurz mit ihr, lege dann aber auf.

C. Was soll denn der scheiß von ihr? Dieser Abend gehört nur meinem Freund.

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, ob überhaupt jemand C. gewählt hat.


Valentinstag, das ist der Tag, an dem Singles auf das Single-Sein reduziert werden (und das kenne ich allzu gut), und der Tag, an dem manche Pärchen noch deutlicher demonstrieren können, dass sie eins sind. Größer, aufwendiger, besser. Bei manchen die Devise. Ich mache mir da wenig Gedanken. Keine aufwendigen Geschenke, keine Blumen. Zumindest nichts geplant. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Valentinstag zelebrieren, aber auch nicht zu denen, die den Valentinstag als „Kommerz-Quatsch“ bezeichnen würden.


Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben. Jeder veröffentlicht einen Beitrag dazu, gibt seine Meinung dazu, durchleuchtet ihn hin und her. Ich tu das auch. Ist eine gute Gelegenheit, einfach mal seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich nehme ihn gerne an, schreibe über ihn und feier ihn dann ja doch nicht wirklich. Zumindest nicht geplant.


Valentinstag, das ist ein Tag wie jeder andere auch, und irgendwie auch nicht. Jeder sollte aus ihn machen, was er möchte, und doch bitte nicht komplett übertreiben. Es ist nur ein Tag. Ein Tag im Februar, ein Arbeitstag wie jeder andere. Es ist der Tag der Liebe, die aber bitteschön nicht nur heute gefeiert werden soll. Sonst müsse man ja am Tag der Freundschaft nur an diesem Tag befreundet sein, als müsse man am Tag der Frauen nur dann die Frauen würdigen. Ihr versteht, was ich meine…


Valentinstag, das ist ein Tag im Februar. Ein normaler Arbeitstag. Ein Mittwoch.

4 jours à Hamburg

Ich lasse mich auf den Sitz des Zuges nieder. Der Koffer ist gut verstaut, der Platz direkt am Fenster perfekt. Der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt, als mich jemand fragt, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ich bejahe. Er lässt sich nieder. Ich bekomme nur im Augenwinkel mit, dass es ein junger Mann ist, ungefähr in meinem Alter. Ob er gut aussieht: das weiß ich nicht. Dafür ist der Blick auf ihn zu kurz. Während ich mich mit meiner Reisebegleitung unterhalte, merke ich, dass er seine Ohren bei uns hat. Mich stört das nicht. Es geht schließlich um Belangloses. Irgendwann komme ich dann doch mit ihm in ein Gespräch. Es geht um das Studium. Zufälligerweise studiert er das gleiche. Er macht nur aktuell Praktikum in meiner Heimat. Jetzt betrachte ich ihn mir dann doch irgendwann. Er schaut nicht schlecht aus. Nicht wirklich mein Typ. Aber er ist nett. Von der einen auf die andere Sekunde einfach angequatscht zu werden, ist mir anfangs etwas zu neu. Ein paar Tage später in Hamburg merke ich, dass das hier oben in Norddeutschland ganz normal ist. Die Menschen sind ziemlich offen, kontaktfreudig. Da, wo ich herkomme, etwas ungewohnt, aber ich mag es, dass sich Fremde in der Straßenbahn anquatschen und einfach so ins Gespräch kommen. Ich erfahre, dass der hier neben mir auch aus dem Norden stammt bzw. schon eine Weile dort lebt. Er ist mir sympathisch. Irgendwann taucht dann aber seine Haltestelle auf. Er fragt mich nach meiner Nummer. Ich gebe sie ihm. Er steigt aus. Ein paar Stunden später schreibt er mir, damit auch ich seine Nummer habe. Ein paar Wochen später kommt es dann auch zum Treffen. Mehr wird daraus aber nicht.

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Wir hätten uns den Wetterbericht genauer anschauen sollen. Dass ein Sturm über Hamburg ziehen sollte, war uns von vornherein klar, aber nicht, dass er bereits mittags über Norddeutschland ziehen wird. Wir dachten, wir hätten Zeit. Zeit, um uns die Stadt anzuschauen, Eimsbüttel, St. Georg, Winterhude, Eppendorf. Wir spazierten gerade an der Außenalster entlang, wollten umdrehen, nach St. Georg reinlaufen, als der Wind auf einmal aufbrauste. Wir stemmten uns noch dagegen, wollten noch einen Unterschlumpf suchen, als wir schon die Regenwand auf uns zukommen sahen. Schnell das Gesicht in die Regenmütze gezogen, als der Sturm mit einem Schwall auf uns zugeprescht kam. Wir versuchten dagegen anzulaufen, doch der Wind, doch der Sturm riss mir fast die Krücke aus der Hand. Dagegen steuern? Unmöglich. Es war weniger beruhigend, dass um uns herum nur Bäume waren. Panik stieg in uns auf. Wir stellten uns dorthin, wo wir zumindest ein Stück weit von den umherfliegenden Ästen geschützt waren. Zumindest ein bisschen. Das Horrorszenario dauerte ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen ich hoffte, hier so schnell wie möglich weg zu kommen. Als der Wind und der Regen nachließen, und vor allem die Sonne auf uns niederbrannte, als wäre zuvor nichts passiert, machten wir uns auf den Heimweg. Uns war die Lust vergangen. Wir kauften uns zwar noch ein Eis auf den Schreck, danach ging es aber sofort zurück ins Hotel. Als wir dort ankamen, erhielten wir auf unseren Handys die Nachricht, bei dem Sturm gab es einen Toten. Teile eines Gerüsts waren durch den Sturm von einer Baustelle auf einen Mann gefallen. Nichtsahnend verließ er morgens das Haus, abends würde er nicht mehr nach Hause kommen. Der Schock saß tief. Der Unfall geschah nicht weit von uns entfernt. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um uns von diesem Geschehen zu erholen. Wir waren eindeutig bedient. Stürme in Norddeutschland sind auf alle Fälle nicht ohne.

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Er mochte sich binden, nur nicht an sie

„Ein kluger Mensch sagte mir mal, wenn ein Typ mit einem Mädchen zusammen sein will, dann wird er dafür sorgen – egal, was geschieht“


„Ich könnte ja auf einen Kaffee vorbeikommen!“

„Ist es für Kaffee nicht schon etwas zu spät?“

Es war 16 Uhr. Dass der Kaffee nur ein Vorwand war, um sich einfach nur mit ihm zu treffen – Kaffee hin oder her – erkannte er in ihrer Nachricht nicht. Normalerweise verstand er ihre versteckten Botschaften – vor allem in ihrer Ironie – immer relativ gut. Heute tat er es ausnahmsweise nicht.

„Dann eben einen entkoffeinierten!“

„Den habe ich aber nicht hier!“


Sie rollte nur mit den Augen. Entweder er verstand sie vollkommen falsch, oder er mochte sie gar nicht verstehen, er mochte nicht, dass sie vorbeikam. Sie beließ es dabei. Sich ein drittes Mal  bei ihm einladen, ein drittes Mal versuchen, dass er ja sagte: das wollte sie nicht. Sie entschied, die Unterhaltung zu beenden. Ob er es nun absichtlich tat oder nicht: irgendetwas war es, was ihn dazu brachte, sie nicht zu sich einladen zu wollen.

Doch sie konnte es nicht vergessen, dass es vielleicht der Tatsache geschuldet war, dass seine Eltern im selben Haus wohnten. Wahrscheinlich wollte er es nicht riskieren, dass seine Eltern mitbekamen, er hätte weiblichen Besuch. Nicht der weibliche Besuch war das Problem, sondern dass sie sie wahrscheinlich dann hätte kennen lernen wollen. Dann würde es wahrscheinlich doch ernster zwischen ihnen werden. Für diesen Schritt war er aber anscheinend noch nicht bereit. Das akzeptierte sie. Würde sie denken, dass sie jemals spüren könnte, dass er sich doch irgendwann dazu bereit fühlen würde. Doch das tat sie nicht. Er lud sie nicht zu sich ein. Er wimmelte auch ab, zu ihr zu kommen. Bei früheren Treffen war sie sich bei ihm sicher gewesen, dass er sich eine engere Beziehung wünschen würde. Doch so sehr er ihr das auch versicherte, und sie ihm glauben wollte, sprach sein Verhalten andere Bände.

Dann fiel ihr es wie Schuppen von den Augen: Er mochte sich binden, er war bereit dazu, doch er wollte das nur nicht an sie. Er wollte nicht länger Single sein. Er war bereits, für eine ernstere Beziehung, doch je mehr sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde es ihr. Er wollte das, aber eben nicht mit ihr…

Wäre schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Gelangweilt zippe ich von Sender zu Sender. Es läuft nichts Interessantes im Fernseher. Mir fallen zwar fast die Auge zu, aber ins Bett möchte ich auch noch nicht. Es ist dafür viel zu früh. Irgendwann zippe ich nur noch von Werbung zu Werbung, von Werbung über Reiseseiten, hin zu Werbung über Sport, Werbung über irgendwelche Diätprodukte, Entgiftungstees, Entschlackungssäfte. Zwischendurch geht es um Versicherungen. Das geht aber unter, denn schon die nächste Werbung mit der Botschaft „Geb dein Bestes“ dröhnt mir in den Ohren, will mich motivieren, mein sowieso schon geringes Studentenbudget für eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio oder in Abnehm-Drinks zu investieren. Irgendwann habe ich die Schnauze voll und entscheide, den Fernseher auszumachen. Es ist nicht das Fernsehprogramm, was mich in diesem Moment nervt, sondern diese Sport- und Ernährungswerbung kurz nach dem Neujahr. Jedes Jahr aufs Neue. Weil es immer Menschen gibt, die sich als guten Jahresvorsatz vornehmen, mehr Sport zu machen und sich gesünder zu ernähren. Dafür wird gerne das neue Jahr genutzt, um Anfang des Jahres ordentlich in die Pedalen zu treten und zu hungern, um dann Wochen später zu merken, in denen man Haufen Geld rausgeschmissen hat, dass das so nicht funktioniert. Die sogenannten Wunderhelfer sind nur bloße Geldmacherei, sechsmal die Woche Sport machen, von 0 auf 100, klappt auch nicht. Man hat aber einen Jahresvertrag für das Fitnessstudio unterschrieben und überlesen, dass nur die ersten drei Monate 4,99€ kosten. Danach sind es 19.90€. 19.90€ dafür, dass man in den 52 Wochen im Jahr 6 Wochen durchhält. Danach geht man nicht mehr, zahlt aber. Rausgeschmissenes Geld also. Man könnte ja meinen, man würde dadurch lernen, es ein Jahr später besser zu machen. Man tut es aber nicht.


Eine Bekannte von mir macht jetzt zum neuen Jahr die gefühlt 700ste Diät. Immer hat sie gut abgenommem, immer einige Kilos runter. Tage oder manchmal auch wochenlang war sie mürrisch, weil sie hungrig war. Während ich mir einen Burger mit Pommes bestellte, nuckelte sie an ihrem Eistee. Der Zucker im Eistee ist schon in Ordnung. Ist ja nur Flüssigkeit. Sagt sie. Ihr zu sagen, dass in ihrem Denken, nichts zu essen, aber zuckersüß zu trinken, irgendetwas nicht stimmt, habe ich aufgegeben. Man könnte meinen, die letzten Jahre haben endlich alle aufrütteln lassen, dass das Hungern etwas schlechtes ist. Man sollte es meinen. Ist aber nicht so. Frauen tun vieles für ihren perfekten Körper.


Die „Body Positivity“-Bewegung hat da auch eine Veränderung mit sich gebracht. An sich ist das ja was Gutes. Klingt ja auch gut. Steh zu dir und deinen Rundungen. Liebe dich wie du bist. Wir sind alle nicht perfekt. Klingt alles gut. Aber es muss immer welche geben, die etwas so Gutem einen schlechten Beigeschmack geben müssen. Denn statt endlich davon abzukommen, über Körper zu urteilen, tut auch die „Body Positivity“-Bewegung nichts anderes. Sie urteilt über den Körper der Frau. Wieder. Das Thema darüber ist schon genug ausgelutscht, und doch sehe ich keine Veränderung im Denken. Plötzlich wird es in, stolz und ungehemmt sich halbnackt bei Social Media zu zeigen. Als es in war, gertenschlank zu sein, wollten alle gertenschlank sein. Als es in war, muskulös zu sein, wollten alle muskulös sein. Jetzt ist es in, Plussize zu sein, und viele wollen jetzt Plussize sein. Ich habe nichts gegen das Plussize, oder sagen wir, gegen normal gebaute Körper. Kleidungsgröße 40/42, ja auch 44. Alles normale Körper. Früher war das nichts Außergewöhnliches. Jetzt werden sie Plussize genannt. Plussize geht aber noch weiter. Weiter zu Menschen, deren Körpergewicht schon die Gesundheit gefährden, und trotzdem präsentieren sie sich halbbekleidet im Netz. Sie dürfen ja zu sich stehen. Dagegen habe ich nichts. Aber hier geht es nicht mehr nur um ein Schönheitsideal, hier geht es um die Gesundheit. Fettleibig sein, und dazu stehen, hat nichts mit „Body Positivity“ zu tun. Das ist krank, und es geht zu weit.


In meinem Umfeld geht es auch immer wieder über das Gewicht. Ich kommentiere meins auch. Auch jetzt noch. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der Sport über alles ging. Über Freundschaften, über andere Hobbies. Ich liebte es, mich zu bewegen, viel zu bewegen, viel zu viel zu bewegen. Fünf-/Sechsmal die Woche Sport. Das Umdenken kam nach meinem Unfall. Man merkt, wie viel Zeit man doch plötzlich übrig hat. Wie viel Zeit, um soziale Kontakte wieder aufblühen zu lassen. Zeit, wieder mehr an andere zu denken, und nicht nur an sich. Bewegung ist gut, gesunde Ernährung ist gut, aber alles in Maßen. Ständig drüber nachdenken macht nicht glücklich. Überhaupt nicht daran zu denken, und sich zu denken, ich lebe ja nur einmal, aber auch nicht. Genauso wenig, darüber zu urteilen, über sich selbst oder andere. Wir sollten beginnen, wieder ein gesundes Maß zu finden, und vor allem anderen nichts vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Immer noch: solange es in einem gesunden Maß ist. 


Die Werbung über Sport und Nahrungsergänzungmittel wird im Laufe des Jahres weniger, wie jedes Jahr. Das ist sicher. Bald wird sie Werbung über den Valentingstag verdrängen. Nur noch knapp zwei Wochen muss ich solange aushalten. Machbar. Wäre nur schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Von kreativer Freiheit zum bodenständigen Familienleben

„Sag mal, was ist eigentlich aus Würzburg geworden? Wolltest du da nicht deinen Master machen?“

Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Es ist sogar mehr als ein Jahr vergangen, in denen wir nicht mehr miteinander gesprochen haben. In dieser Zeit ist in meinem Leben viel passiert. Darüber geredet haben wir nie. Deswegen ist sie noch auf dem alten Stand. Ich erkläre ihr, was sich verändert hat. Ihre Augen weiten sich.

„Das hätte ich bei dir nie gedacht! Ist das nicht all das, was du damals immer vehement abgelehnt hast?“

Ich schmunzle und gebe ihr vollkommen recht. Schon seit meiner Kindheit wollte ich später irgendetwas Kreatives machen. Anfangs waren es noch so Kinderwünsche wie Modedesignerin. Während und kurz nach meiner Schulzeit änderte sich das in die Idee, Schriftstellerin und bis dahin Journalistin zu werden. Alles Berufe, die alles andere als 08/15 waren. Ich wollte irgendetwas aufregendes machen. Irgendetwas, mit dem ich andere beeindrucken konnte. Ich wollte ja auch keine 08/15-Journalistin werden. Ich wollte in irgendeiner großen Firma beschäftigt sein. Irgendetwas Vorzeigbares…

Außerdem wollte ich die Welt sehen. Ich wollte nicht an einem Ort wohnen bleiben. Ich wollte frei sein, unabhängig. Das war ich. Fünf Jahre lang. Ich bin ganz gut damit gefahren. Dann der Cut und das neue Denken. Woher das kam? Keine Ahnung. Plötzlich war es da. Irgendwie eine Spontanentscheidung. Ich brach das alte Studium ab (nicht gänzlich, aber ich brach mit dem Studienstanddort und mit dem Gedanken an den Bachelor ab), zog wieder nach Hause in die Heimat, begann bzw. wechselte zum Lehramt. Gleiche Fächer, neues (altes) Ziel. Nun also doch 08/15 Leben. Gutes 08/15 Leben.


„Kann es sein, dass du auch ganz schön von ihm beeinflusst wurdest?“

Ich zucke mit den Schultern. Beeinflusst? Ja. Wegen ihm die Entscheidung gefällt? Nein. Die stand schon vorher. Sogar schon 2 Jahre vorher. Aber er gab mir dann doch einen neuen Impuls, das ganze durchzuziehen. Er machte das 08/15-Leben wundervoll attraktiv. Sogar soweit, dass ich nicht mehr den Wunsch hegte, in einer aufregenden Großstadt leben, die Nächte durchtanzen und mit der Familienplanung warten zu wollen, sehr lange warten zu wollen. Damals ging Karriere für mich über alles. Kinder waren geplant, aber dann bitte erst Mitte 30, wenn ich beruflich meinen Höhepunkt erreicht hätte. Dann änderte sich alles. Statt wie immer die Flucht ergreifen zu wollen, blieb ich, wollte ich bleiben. Es lag nicht nur an ihm, doch er machte einen Teil aus.


Ob ich meine kreativen Träume über Bord geworfen habe? Nein. Kreativ bin ich weiterhin mit meinen Geschichten. Damit Geldverdienen? Lieber nicht. Ich will einen sicheren Job, vorhersehbare Arbeitszeiten. Ich möchte Familie und Karriere unter einen Hut bekommen. Karriere steht nicht mehr ganz alleine ganz oben. Studium beenden? Das natürlich schon. Danach ist alles offen. Gehe ich erst den beruflichen Weg, gehe ich erst in Richtung Familie? Alles ist jetzt möglich. Beide Wege gefallen mir. Ob ich nun den einen oder den anderen nehme: das ist offen.

Was man über die Franzosen wissen sollte


Öffentliche Liebesbekundungen, überall, ständig


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Ich sitze auf diesem Stuhl, bin wieder einmal viel zu früh für den Kurs. Fast eine ganze Stunde zu früh. Konnte ich ja nicht wissen, dass ich mit meiner Arbeit so schnell fertig sein werde. Ich hatte mehr Zeit eingeplant. Ich bemerke, dass es sich hinter mir ein Pärchen gemütlich gemacht hat. Erst bemerke ich sie nicht. Dann beginnt es aber. Das, was in Frankreich normal und im Gegensatz zu Deutschland sogar ziemlich leidenschaftlich demonstriert wird: Das Pärchen beginnt sich zu küssen. Würde nicht stören, wenn ihr Geschmatze nicht so laut ist, dass es auch wirklich jeder hier mitbekommt. Irgendwann ist es mir sogar zu wild, dass ich aufstehe und gehe. Ich bin nicht verbohrt, aber ich bin so etwas aus Deutschland nicht gewöhnt. Liebesbekundungen ja. Find ich auch schön, wenn sie zeigen, wie gern sie sich haben. Doch dass sie sich fast gegenseitig verschlingen, immer und überall…


Das Baguette


Es mag wie ein schlechtes Klischee klingen: Der Franzose, mit der Baskenmütze, dem Wein in der einen, das Baguette in der anderen Hand. Doch von irgendwo haben diese Klischee auch ihren Ursprung. Im Sinne des Baguettes stimmt dieses Klischee auch. Morgens, sieben Uhr. Ich gehe in die Universität, während mir mehrere Franzosen mit Baguette unter dem Arm entgegen kommen. Mittags gibt es sie dann belegt beim Bäcker, abends mit Käse und Wein. Nicht immer, aber sehr häufig. Baguette ist einfach das Brot in Frankreich. Alternativen dazu gibt es aber auch fast gar nicht. Das deutsche schwarze Brot sucht man vergeblich. Es muss aber auch gesagt werden, dass Franzosen es auch verstehen, Baguette zu backen. Überhaupt nicht vergleichbar mit dem Stück Pappe, dass man in Deutschland bekommt. Baguette hin oder her. Es schmeckt auch richtig gut.


Merci, Pardon, Au revoir


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Die Franzosen sind ein unglaublich höfliches Völkchen. Ich glaube, das war das erste, was mir in dem Land aufgefallen ist, und mir gefiel. Zurück in Deutschland fiel mir dann auf, wie mürrisch wir im Gegensatz dazu doch sind. Morgens im Wohnheim. Unbekannte Menschen stehen gemeinsam am Aufzug, begrüßen sich, wenn man aufeinander trifft, grüßt die Menschen, die bereits im Aufzug stehen, man wünscht sich einen schönen Tag – bonne journée-, sobald man diesen wieder verlässt. Dasselbe Spiel am Abend. Dieses Mal wünscht man sich einen schönen Abend – Bonne soirée. Steht man sich im Supermarkt im Weg, oder rennt sich fast bei einer Ecke über den Haufen, entschuldigen sich beide Parteien. Man entschuldigt sich auch, wenn es die Schuld des anderen war. Das macht man einfach so. Man bedankt sich aber auch sehr oft. Einfach so. Ein Merci ist schnell gesagt. In Frankreich alles ganz normal und schön. Mag am Anfang etwas merkwürdig erscheinen, aber man gewöhnt sich daran. Zurück in Deutschland habe ich die ersten Tage dasselbe gemacht. Hier wurde ich aber nur merkwürdig angesehen. Ob es an dem Verhalten lag, oder der Tatsache geschuldet ist, dass es auf Französisch war, bleibt einfach mal unbemerkt.


Das Essen


Essen benötigt einen eigenen Punkt. Genauso wie er ihn im Leben der Franzosen hat. Franzosen und das Essen. Als Außenstehender ist das eine sehr spannend zu betrachtende Beziehung. Bewundernswert ist, dass die meisten Franzosen sehr schlank sind. Und das möchte ich nicht auf ihre gesunde Ernährung schieben. Denn die muss nicht so sein, wie viele Ratgeber doch behaupten. Doch darüber werde ich einen anderen Beitrag schreiben. Auf alle Fälle ist den Franzosen das Essen heilig. Am Wochenende, und vor allem morgens und abends, wird sich dafür sehr viel Zeit genommen. Das kann sich dann auch über Stunden handeln, in denen gegessen wird. An Feiertagen wird es dann noch ausgiebiger. Ich verbrachte die Ostertage bei einer bretonischen Familie in Rennes. Drei Tage, in denen ich soviel essen zu mir genommen habe, dass ich eine Woche lang nichts mehr zu essen sehen wollte. Vor allem den Ostersonntag werde ich niemals vergessen. Vier Stunden morgens brunchen, zwei Stunden später Crêpe-Essen, abends ein fünfgängiges Abendessen. Um 23 Uhr wurden dann noch Familienspiele gespielt. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett. Tat ich auch. Um 1 Uhr.