Er war mir bereits einige Male im Bus aufgefallen

Er war mir bereits einige Male im Bus aufgefallen. Zwei oder dreimal. Er gefiel mir. Zweifelsohne. Heimlich hatte ich immer wieder zu ihm gespitzt, ihn betrachtet. Er stand nur da und hörte Musik. Er hörte immer Musik. Nie traf ich ihn ohne an. Kurze Zeit später merkte ich, dass er im gleichen Studentenwohnheim wie ich wohnte. Mir war klar, ich würde ihn noch öfters sehen. Der Gedanke gefiel mir. Er gefiel mir sogar sehr. An einem Tag kam er mir dann auch tatsächlich auf dem Geländer entgegen. Ich kam gerade vom Laufen, war hochrot im Kopf, ungeschminkt. Er kam auf mich zu, lächelte und grüßte mich. Meine eigenen Worte brachte ich nur schwer heraus. Irgendwie hatte ich mit dieser Begrüßung einfach nicht gerechnet. Es freute mich trotzdem. Gerne hätte ich dabei vielleicht etwas schöner ausgesehen. Aber Timing war ja sowieso noch nie meine Stärke.

Es vergingen einige Tage, ja, wahrscheinlich sogar mehr als drei Wochen, in denen ich ihn dann gar nicht mehr sah. Weder im Bus, noch auf dem Gelände. Ich dachte nicht mehr an ihn, vergaß ihn. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Es war an einem Freitag, als ich beschloss, mein Zimmer mal wieder auf Hochglanz zu bringen, ausmistete, und mit einem vollen Müllbeutel ungeduldig auf den schnatternden Aufzug wartete. Als dann endlich die Tür aufsprang, und ich eintreten wollte, stand er dann plötzlich da, vor mir. Mit weit aufgerissenen Augen – er hatte nicht erwartet, dass der Aufzug nochmal anhielt – starrte er mich an, er hörte wieder einmal Musik. Mein Blick schweifte von ihm ab, auf die Ziffer, die gedrückt war. Ich wollte nicht nachfragen, ob er hoch oder runter fuhr. Die Wörter blieben mir im Halse stecken. Normalerweise grüßte man sich in meinem Batiment, dieses Mal war ich wie verstummt. Er erholte sich von seiner Überraschung schneller als ich. „Bonjour!“ Ich murmelte nur irgendetwas vor mich hin und stieg ein. Während der Fahrt blickte ich ihn kein einziges Mal an. Ich spürte aber, dass er mich betrachtete. Das machte mich verdammt nervös. Der Ton des Fahrstuhls, als wir das Erdgeschoss erreicht hatten, war wie ein rettendes Signal für mich. Mit einem kurzen „Au revoir“ wandte ich mich nur halb zu ihm um und hechtete aus dem Aufzug heraus. Ich wollte dieser Situation nur so schnell wie möglich entrinnen.

Dass ich ihn nicht besonders oft sah, daran hatte ich mich fast schon gewöhnt. Am darauffolgenden Tag, als eine Freundin und ich entschieden zum Waschsalon des Wohnheims zu gehen, war mir daher die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben, als wir den Raum betraten und er da auf der Bank saß. Er erhob seinen Blick, er hörte wieder Musik, er sah mich, erkannte mich. Ich sah, sein Mund wollte sich zu einem „Bonjour“ formen. Doch wir grüßten uns nicht. Ich war mitten in einer Unterhaltung, er schloss seinen Mund lautlos wieder. Während ich die Waschmaschine mit meiner Kleidung vollstopfte – Bhs mussten natürlich aus der Kleidermasse fallen – spürte ich seinen Blick auf mir. Ich flüchtete mit der Freundin wieder aus dem Waschsalon, als die Waschmaschine ansprang. Ich ließ mich draußen in der Sonne nieder, während sie wieder ihr Zimmer aufsuchte, nur für eine Weile. Dann war sie wieder da. Wir waren wieder in einer Unterhaltung vertieft, als er aus dem Waschsalon trat. Er hatte zu Ende gewaschen. Wieder lief er an uns vorbei. Er blickte mich an. Er wollte sich verabschieden, aber in der Gegenwart der Freundin verschluckte er seine Worte. Er sagte nichts und ging

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Die Sache mit der Freundschaft

Habt ihr euch jemals Gedanken darüber gemacht, wie ihr so eure Freunde kennen gelernt habt? Wenn ich daran denke, fällt mir auf, dass ich bis dato nie jemanden angesprochen habe, und wir wurden Freunde. Es war bis dahin eher dieses „ach, das ist die Freundin von der“-Prinzip. Ich wurde meist vorgestellt und entweder es hat geklappt, oder ich sah die Person nie wieder.

Ich kann mich noch an die fünfte Klasse erinnern, als ich ganz alleine in der Schule stand und dann hieß es: „Sucht euch einen Sitznachbarn aus“. Ja, lustig. Ich kannte niemand, und Klein-Iris stand nur da und blickte sich im Raum um. Um mich herum bildeten sich Grüppchen, weil entweder sie sich gegenseitig ansprachen, oder sie waren schon vorher miteinander befreundet. Ich hab da nicht so reingepasst. Wie war das eigentlich im Kindergarten, in der Grundschule? Soweit reichen meine Erinnerungen gar nicht mehr. Dann sprach mich zum Glück ein kleines Mädchen mit Zöpfchen an. „Willst du vielleicht neben mir sitzen?“ Klein-Iriss Augen haben dann aber gefunkelt. Sie wurde meine beste Freundin.

Acht Jahre später in der Uni, 300 Kilometer von zuhause entfernt. Ich erinnere mich noch an die ersten Wochen, in denen von meinen Verwandten immer wieder die Frage kam: „Und? Hast du schon jemanden kennen gelernt? Eine neue Freundin?“ Jedes Mal antwortete ich nur: „Nein, habe ich nicht“. Im Hinterkopf schwelgte noch hinzu: Ich habe auch nie gelernt, wie das funktioniert! Das mit dem gegenseitig Vorstellen hat damals auch nicht funktioniert: ich kannte hier ja schließlich niemanden. Mein fehlendes Können habe ich kurze Zeit später zur Geltung gebracht. Da dachte ich: „Spring ich über meinen Schatten und spreche das Mädchen an, das mit mir Kunstgeschichte studiert.“ Leichter gedacht als gemacht. Ich bin zu ihr gestapft, mit gutem Willen, gutem Plan. In meinem überschwänglichen Iris-reiß-dich-zusammen habe ich aber wie ein Wasserfall losgequatscht und ihr dann – meiner Meinung nach peinlicherweise – die Hand gegeben, als ich mich vorstellte. Mir war das peinlich. Wirklich. Meine Freundin, die irgendwo meilenweit von mir saß, meinte es wäre höflich gewesen…

Weitere drei Jahre später in Frankreich: Ich kam mit einer Kommilitonin hierher. Ich kannte hier also schon jemand. Sie habe ich übrigens einfach so ohne großes Nachdenken kennen gelernt. Einfach aus dem Grund, weil wir das gleiche studierten. Sie war einfach da. Ich war einfach da. Dann haben wir also einfach miteinander geredet. So unkompliziert geht es also auch. Hier in Frankreich kommt aber jetzt die Hürde der Sprache dazu. Weiß ich schon in meiner Muttersprache ehrlich gesagt nie, was ich sagen soll, ist das auf Französisch noch komplizierter. Aber vergleiche ist das ganze mit der fünften Klasse, gibt es eigentlich wenig Unterschiede. Man gesellt sich zu fremden Menschen und quatscht sie einfach an. „Tu t’appelle comment?“ „Tu viens d’où?“ „Quels études fais-tu ici?“ Eigentlich immer das gleiche. Wenn dann Gemeinsamkeiten gefunden werden, dann kann die Unterhaltung weiter geführt werden, wenn man sich stattdessen über die Windzirkulation der Erde unterhält, weil einem nichts anderes einfällt, dann ist es gescheitert, oder es benötigt einen Neustart. Letztendlich, immer dann, wenn wir in neue Städte ziehen, einen neuen Job beginnen oder auch einfach so neue Bekanntschaften machen möchte, rücken wir tatsächlich immer wieder in die gleiche Situation wie in der fünften Klassen. Wir sind natürlich etwas reifer, wir gehen nicht hin und fragen, ob wir Freunde sein wollen, aber an sich ist es nichts anderes. Das ändert sich im Leben wahrscheinlich nie. Denke ich zumindest.

Seid ihr anderer Meinung?

Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

„Was machst du denn hier?“

Entgeistert starrte sie ihn an. Sie blinzelte mehrmals, um sich sicher zu gehen, dass sie keine Fata Morgana vor sich hatte. Nein. Er blieb vor ihr. Dann musste sie also langsam doch verrückt werden und Halluzinationen haben. Anders war es nicht zu erklären, anders war er nicht zu erklären. Es konnte ja unmöglich sein, dass er zurückgekehrt war und vor ihrem Haus stand. Niemals. Das war unmöglich. Schlichtweg unmöglich.

„Können wir reden?“

Jetzt sprach die Halluzination. Sie ließ sich auf das Spiel ein.

„Was gibt’s?“

Wäre er echt gewesen, wäre sie von seinem Auftauchen überhaupt nicht begeistert gewesen. Er hatte sich vor mehr als einem Jahr einfach aus dem Staub gemacht, mit ihrer Gewissheit, er war nicht interessiert. Vielleicht ein bisschen, aber die Umstände ließen es nicht zu. Sie schloss mit der Sache ab. Die ersten Wochen und Monate taten weh. Sie weinte die Nächte durch. Sie verstand die Welt nicht mehr. Aber sie rappelte sich auf. Musste sie. Sie verließ die alte Stadt, sie verließ das Land. Dort vergaß sie ihn. Er wurde zu einem Wort in ihrem Tagebuch, was ein paar Mal auftauchte, dann aber plötzlich verschwand. So wie er damals auch. Jetzt stand er, oder die Halluzination, vor ihr, und sie hatte überhaupt keine Lust darauf. Weder auf den einen, noch auf die andere.

„Ich hab die letzten Wochen und Monate nachgedacht, und vor allem darauf gewartet, dass du aus Frankreich zurückkommst!“

Ein Aha entwich ihrem Mund.

„Ich hab mich doch nicht geirrt, dass du damals mehr wolltest, oder?“

Eigentlich dachte sie, sie hätte das ganze etwas dezenter gestaltet. Fehlanzeige.

„Ja, damals!“

Sie konnte es gar nicht abwarten, endlich in ihre Wohnung gehen zu können. Sechs Stunden Uni. Das schlauchte ganz schön. Vor allem bis abends. Sie wollte nach Hause, Klamotten loswerden, sich ins Bett schmeißen und einschlafen. Sie wollte keine Unterhaltung mit ihrer Fantasie führen.

„Jetzt nicht mehr?“

Jetzt stieg sie dann doch in die Unterhaltung ein. Anders wäre sie aus der Sache sowieso nicht herausgekommen.

„Ich verstehe nicht, was du jetzt für eine Antwort haben willst!“

Eigentlich wusste sie es, wollte es aber nicht wahrnehmen, sie wollte ihn nicht wahrhaben. Er war nicht da. Das wollte sie sich einreden. Er starrte sie mit seinen blauen Augen an. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen. Als er ging, war dieser noch nicht so voll. Als er ging, sah er müde und erschöpft aus. Als er ging, brach er ihr das Herz. Die Wunden heilten. Ein Stück. Nicht vollständig. Sie wollte ihn hassen, konnte es aber nicht. Doch lieben tat sie ihn auch nicht mehr. Bei seinem Anblick hegte sie keinerlei Gefühle mehr für ihn. Den Mann vor ihr betrachtete sie nur mit Gleichgültigkeit. Sie hatte sich Monate lang vorgestellt, wie es sein würde, wenn er wieder vor ihr stand. Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

Das Leben wird hier genossen, gefeiert, gelebt. Ich bin mittendrin.

Denke ich zurück an die drei Jahre, in denen ich in Halle gelebt habe, war diese Zeit vor allem geprägt von Traurigkeit, von Unwohlsein, von Langeweile, von Einsamkeit, von Lustlosigkeit. Nur die ersten zwei Semester, und eine kurze Zeitspanne, in der ich einen Nebenjob angefangen hatte, waren wirklich angenehm und ließen meine Pläne, die Stadt verlassen zu wollen, für einen Moment vergessen. Es standen schon Pläne für einen Universitätswechsel bereit. Ich hatte Vorstellungsgespräche in der neuen Uni, habe mit meinen Dozenten in Halle gesprochen und meine Lage erklärt. Das erste Loch überwand ich durch einen Studiengangswechsel. Bis jetzt einer der besten Entscheidungen meines Lebens. Trotz des verlängerten Jahres.

Nun sitze ich also in Toulouse, und das erste Mal in den letzten Jahren kann ich endlich wieder ausschnaufen. Nicht nur, weil ich meine Zeit in Halle wirklich beendet habe, sondern weil ich hier endlich wieder anfange zu leben. Wochenenden in Halle waren geprägt von viel Sport und Nichtstun. Wirkliches Nichtstun. Es gab Wochenenden, in denen ich sogar zu faul und unmotiviert war, um einkaufen zu gehen. Das Leben hier ist aber gespickt voller Erlebnisse. Immer ist irgendetwas, was erlebt werden kann. Die Stadt quellt nur so über voller Lebensfreude, voller neuer Eindrücke. Schlossbesichtigungen, Barbesuche, Museen und Kunstgalerien, Sonntagsmärkte. Wo das Auge hinsieht, ist etwas los. Das Leben wird hier in vollen Zügen genossen, gefeiert, gelebt. Die Zeit rast und trottet im gleichen Moment. An Salsaabenden werden die Hüften geschwunden, in Bars Cocktails geschlürft, oder am Döner um die Ecke Falafeln gekostet. Auch wenn Toulouse eine Großstadt, ja mit der Umgebung sogar eine Metropole ist, so wirkt hier nichts erdrückend, nichts fremd, nicht rast zu schnell davon – bis auf den Bus, den ich glücklicherweise immer wieder verpasse. Der nächste kommt aber nur wenige Minuten später. Es ist alles so lebendig. Ich bin mittendrin.

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Er war aufs Äußerste besitzergreifend

Ich lernte ihn in einer Bar kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch, denn er studierte Deutsch. Er suchte nach jemand, der ihm beim Deutschlernen half. Da ich mir nach meinem Studium eine Laufbahn als Lehrer vorstellen konnte, fand ich diese Idee gar nicht mal so schlecht. Schließlich konnte ich mit ihm meine Französischkenntnisse verbessern. Die Sache sollte komplett platonisch bleiben. Wir tauschen also Nummer aus.

Am nächsten Tag folgte schon die erste Nachricht von ihm: er fragte, ob ich Zeit hätte für einen Spaziergang. In mir klingelte zwar jetzt schon eine Alarmglocke, sie war aber noch viel zu leise, um mich wirklich merklich aufhören zu lassen. Außerdem schrillte sie ständig, fast immer. Ich überhörte sie also einfach und ging mit ihm spazieren. Es war wirklich nett. Er war ein Gentlemen, wir unterhielten uns gut, er war aufmerksam, er brachte mir Oreo-Kekse mit. Alles war gut.

Am Tag darauf sah ich ihn wieder, weil wir die gleiche Veranstaltung einer Organisation besuchten. Ich wusste also, dass wir uns wieder treffen würden Das Wiedersehen war mir dieses Mal aber irgendwie schon etwas unangenehm. Er erwartete, dass ich mit ihm den Markt durchstreifte, beim Picknick danach setzte er sich neben mich. Dann kam wieder die Frage: „Wann bist du denn morgen verfügbar?“ Von seiner Frage war ich dermaßen überrascht, dass ich ihn erst entgeistert anstarrte. „Morgen? Überhaupt nicht. Ich habe unter der Woche überhaupt keine Zeit!“ Jetzt wurde die Sache langsam eigenartig. Ich hatte ihn Freitag, Samstag  und Sonntag gesehen. Jetzt fragte er nach dem Montag. Seine Enttäuschung war deutlich zu merken. Die Sache war zum Glück fürs Erste gegessen. Bis sich bei mir am Abend das schlechte Gewissen einmischte, und ich ihn um Verzeihung bat. Ich hätte es eindeutig lassen sollen. Ich schlug ihm den Dienstag vor. Dumme Idee. In der Nacht erwischte es mich dann auch noch heftig mit einer Erkältung, sodass ich ihm absagen musste. Ich war zu krank, um überhaupt reden zu können. Verstand er nicht.

Am Mittwoch ging es mir besser, aber es war immer noch nicht überstanden. Er wollte mich trotzdem sehen. Ich sagte ab. Er blieb hartnäckig, wollte mich sehen. Wer in die Uni gehen kann, der kann ihm auch beim Deutschlernen helfen. Die Sache wurde immer skurriler.

Der Höhepunkt folgte am folgenden Sonntag, nachdem ich mich eine Woche von ihm versucht hatte fernzuhalten. Denn langsam dämmerte es mir, dass er schon längst an nichts Platonischem mehr interessiert war.

„Fühlst du dich imstande, in die Universität zu gehen?“

„Ja, ich gehe in die Universität!“

„Ah, und du hast um wie viel Uhr Schluss?“

„Spät!“

„Ah, nett, spät ist welche Uhrzeit?“

„Keine Ahnung!“

„Wenn du Zeit hast, könnten wir uns ja sehen!“

„Nein!“

Mir war der Kragen geplatzt. Schon einen Tag vorher schnauzte ich ihn in meinem Fieberwahn an. Wenn ich jetzt an ihn denke, an unseren Spaziergang, tut mir das auch wirklich leid, aber jetzt, Tage später realisiere ich, es war das Beste, was ich tun konnte. Diese harten Worte waren bitter nötig, um unter dem ganzen einen Schlussstrich zu ziehen. Der anfängliche Gentleman zeigte sein wahres Gesicht: er war aufs Äußerste besitzergreifend. Dachte ich mir noch am Anfang, dass ich diejenige war, die übertrieb, dass ich ihm eine Chance geben sollte, dass mein Kopf zu schnell verrückt spielte, merkte ich jetzt erst, dass es ganz gut war, dass ich schon nach einer Woche den Kontakt abbrach. Denn ich will mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn das ganze noch länger ging.

Wenn die Realität die Phantasie überwältigt

Alle hatten es sich im Garten der Bar gemütlich gemacht. Fröhlich quatschten noch fremde Menschen miteinander, lernten sich besser kennen. Ich stand mittendrin. Ich hatte mich auf diesen Abend wahnsinnig gefreut. Das erste Mal in der neuen Stadt ausgehen, ein paar Cocktails schlürfen und neue Leute kennen lernen, die seit Jahren oder schon ihr ganzes Leben lang hier lebten. Ich hatte mich auf einen ungezwungenen, lockeren Abend gefreut mit viel Französisch, und vor allem ohne ihn. Einen Abend lang neue Leute kennen lernen, ohne seine Anwesenheit spüren zu müssen. Die Hoffnung hatte sich aber schon bereits vor dem Barbesuch verabschiedet, als ich auf eine Freundin an der Métro-Station wartete, aufsah und ihn genau auf der anderen Straßenseite erblickte: er, mit ihr im Schlepptau, lachend. Ich wandte mich von ihnen ab. Diesen Anblick musste ich mir nicht antun. Für einen Hauch einer Sekunde hatte ich sogar beschlossen, wieder in die Métro einzusteigen und nach Hause zu fahren. Einen ganzen Abend mit den beiden Turteltäubchen? Das wollte ich mir eigentlich nicht antun.

Ich entschied ich mich trotzdem anders. Nun stand ich also hier. Inmitten der Menschenmenge. Ich ging in ihnen unter. War mir nur recht. Immer noch herrschte in mir der Eindruck, er würde mich betrachten. Doch diese Gedanken wollte ich verdrängen. Sie waren Einbildung, absoluter Quatsch. Die Zeit verstrich ein Weilchen. Ich lernte viele Leute kennen. Lustige, spannende, aufregende Menschen. Ich diskutierte, lachte und stand manchmal dann doch sehr auf dem Schlauch, wenn das Französisch dann doch zu kompliziert wurde. Doch sie waren alle nett, verständnisvoll.

Dann durch Zufall stand ich plötzlich vor ihm. Ich war ihm den ganzen Abend eigentlich aus dem Weg gegangen. Hätte ich mich in dem Moment von ihm abgewandt, wäre es wahrscheinlich unangebracht gewesen. Ich stellte mich also einer Unterhaltung mit ihm. Gezwungenermaßen. Die Unterhaltung lief schleppend an. Eigentlich war ich diejenige, die die Konversation irgendwie am Laufen hielt. Er stand nur so vor mir, mit seinem Bier, und er war arrogant, hochnäsig, eingebildet. Irgendwann sprachen wir über die Windzirkulation der Erde. Seltsamer konnte ein Gespräch überhaupt nicht werden. Doch das schlimmste war sein Desinteresse, seine Arroganz. Ich war so froh, als ich mich von ihm abwenden konnte.

Alle Phantasien waren zwar zerstört, aber jetzt wusste ich, wie er tatsächlich war: hoch langweilig und von sich eingenommen. Da störte es mich auch nicht, dass er sich den ganzen Abend von ihr umschmeicheln ließ. Ich versank in der Menschenmasse und war froh, dass diese Geschichte ein schnelles Ende fand.