Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf?

Ich bin genervt. Einmal nehme ich meinen Regenschirm nicht mit, schon muss es regnen. Meine Regenjacke ist nicht regenfest. Ironie des Schicksals. Ich stapfe also mit meinen vollen Einkaufstüten zur Bushaltestelle. Wenigstens kommt hier alle paar Minuten ein passender Bus. Ich bin komplett durchgenässt, vom Schweiß und vom Regen. Warum müssen Geschäfte ihre Heizungen eigentlich immer so aufdrehen?  Reicht Stufe 2 nicht? Muss es immer 5 sein? Wer will da schon shoppen gehen? Drinnen viel zu heiß, draußen viel zu nass. Gerade will ich jetzt einfach nur noch heim. Heim, unter die heiße Dusche, in den dicksten Pulli und ins Bett. Kann ich mir heute leisten. Freier Tag, keine Uni. Ich stelle mich also an die Haltestelle, lasse meine schweren Taschen kurz sinken. Nicht lange. Ich will ja nicht, dass die Papiertüten vom nassen Boden durchgeweicht werden. Ich hebe sie wieder auf. Dann trete ich kurz näher an die Straße heran, schau kurz mal, ob ich den Bus schon sehen kann. Ich kann mit den schweren Taschen kaum schnell genug agieren. Ein Bus kommt herangebraust. Er ist so nah an der Haltestelle. Abstandhalten hält er für unnötig, langsamer fahren auch. Auch nicht wegen der großen Pfütze auf dem Boden. Ist ihm egal. Ich will noch einen Satz nach hinten machen. Ich schaff’s nicht rechtzeitig und sehe schon, wie Wasser und Dreck in die Höhe spritzen. Mein Reflex schläft in dem Moment ganz schön. Erst langsam kann ich nach hinten springen und mich wegwenden. Bringt nichts. Das Wasser und der Dreck kleben auf mir und meiner Hose. Hinter mir die Stimme eines Mädchens: „C’est un blague!“ –Das ist doch ein Witz, oder? Seh ich auch. Denn ich bin die einzige, die nass geworden ist. Alle anderen waren weit genug weg. Jetzt kommt zu dem Schweiß und dem Regen noch eine große Portion Dreck dazu. Ich könnte ausflippen. Nein. Atmen. Da kommt ja schon mein Bus. Gute Miene zum bösen Spiel. Ich steige ein. Versuche den Busfahrer anzulächeln, freundlich zu sein. Nein. Ich koche, steige ein, lass meine schweren Einkäufe sinken. Der Bus ist aufs Äußerste geheizt. Super. Der Schweiß kriecht mir wieder auf die Stirn. Scheiß Tag. Einfach nur noch heim. Ich lass meinen Blick durch den Bus schweifen. Einfach so. Ich kenne ja eh keinen…oh nein, verdammt. Da steht er plötzlich wieder. Mitten im Bus. Er blickt mich an. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf? Wenn ich nach dem Joggen mit hochrotem Kopf vorbeilaufe, wenn ich mit den gammligsten Klamotten waschen gehe, wenn ich mit tausenden Müllbeuteln in den Aufzug steige, wenn ich durchnässt und dreckig den Bus genervt betrete? Ich will seinen Blick nicht erwidern. Eigentlich schon. Aber in diesem Moment nicht. Wie ich ausschaue, hochroter Kopf, schweiß- und regennasse Haare, Dreck auf der Hose. Oh Gott. Ich will der Situation entrinnen, flüchte an unserer Haltestelle regelrecht aus dem Bus. Doch die Flucht ist letztendlich sinnlos: wir kommen beide zur gleichen Zeit beim Aufzug an. Die Tür springt auf. Das dumme Licht ist immer noch kaputt. Wir steigen also alle in den dunklen Kasten ein. Nun stehen wir beide eng nebeneinander hier in diesem Aufzug. Kurz nehme ich mir den Moment, ihn unbemerkt anzuschauen. Nur schwach lässt sich seine Silhouette ausmachen. Er schaut so verdammt gut aus. Ich sehe wieder weg. Dann legt sich sein Blick auf mich. Mein Herz fängt laut das Pochen an. Oh Gott. Ich warte sehnsüchtig, dass mein Stock auftaucht. So schnell war ich noch nie rausgestürmt. Ein „Au revoir“ von mir, ein „Au revoir“ von ihm. Dann bin ich weg. Bescheuerter Tag.

Advertisements

Wir werden zu Maschinen, ich fühle mich wie eine Maschine. Eine Arbeitsmaschine.

Mein Studium in der Germanistik habe ich, bis auf die Bachelorarbeit in den vorgegebenen drei Jahren beendet, das Romanistik-Studium wird ebenso mit dem sechsten Fachsemester abgeschlossen. Alles läuft genau so, wie es die Bachelorbestimmungen vorgegeben haben. (man bemerke, ich habe Romanistik erst ein Jahr später als Germanistik begonnen). Ich liege in der Regelstudienzeit, vom Langzeitstudentendasein bin ich noch weit entfernt, und doch macht sich langsam Panik in mir breit. Was ist, wenn ich doch noch ein Jahr länger benötige, was ist, wenn ich auf der Zielgeraden die Prüfungen vermassle, exmatrikuliert werde, so kurz vorher? Drei Jahre vergeudet, drei Jahre umsonst. Entspanntes Leben als Student? Fehlanzeige. In mir macht sich Druck breit. Mächtiger Druck von Seiten der Universität, die so viel erwartet, so viel fordert, mich überfordert. Dann noch der Druck endlich fertig zu werden. Druck, den ich mir selbst mache. Ich blicke zu meinem früheren Kommilitonen. Er hat mit mir die Romanistik begonnen, ich war bereits schon ein Jahr an der Universität, und er beendete dieses Jahr das Studium. Nach zwei Jahren Bachelor. Er fing später an, er hörte früher auf. Ich bin neidisch, denn ich torkle immer noch im Bachelor herum. Ich sollte stolz auf mich sein: Germanistik ist beendet. Ein Teil meines Studiums habe ich geschafft, und doch raubt mir die Romanistik die Nerven. Hausarbeit über Hausarbeiten, Erwartungen, hohe Erwartungen. Ich denke, ich kann ihnen nicht gerecht werden. Ich schiebe Panik. Wache nachts weinend auf. Hier in Frankreich wollte ich mich eigentlich nur auf die Universität hier konzentrieren, doch das Institut zuhause setzt mir Bestimmungen auf, die ich leisten muss. Davon sprachen sie vor meiner Abreise nicht. Damals gaben sie ihr Okay, jetzt erwarten sie plötzlich voluminöse Arbeiten. Ich arbeite nun für zwei Universitäten. Aus dem netten, unproblematischen Frankreichjahr, in dem ich die französische Sprache lerne, wurde plötzlich mächtig Stress, den mir die Uni, den ich mir aber auch selber mache. Ich frage mich, wenn das Studentenleben die schönste Zeit des Lebens sein soll, wie wird dann wohl meine Zukunft aussehen? Ich empfinde das Studentenleben nicht als erholsam, nicht als angenehm. Ich bin gestresst, genervt, muss leisten, muss funktionieren. Mein Privatleben geht unter. Denn es ist nun mal so: es reichen keine drei Jahre Regelstudienzeit mehr. Die Studenten müssen schneller werden, kürzer für das Studium brauchen, für mehr Stoff. Wir werden zu Maschinen, ich fühle mich wie eine Maschine. Eine Arbeitsmaschine.

Was man über das französische Unisystem wissen sollte


Sie sind eh nur Student


Ich bin es gewöhnt, dass mich die Professoren in der Uni mit meinem Nachnamen ansprechen und mich siezen. Ich finde, dass zeugt von Gleichberechtigung. Ich bin zwar Studentin, bin aber auch eine Erwachsene. Die Professoren nahmen mich für voll. Die Professoren in Frankreich hingegen duzen einen, ungehemmt, ohne zu fragen. Würde mich nicht stören, würden sie das gefragt tun. Meinen Vornamen zu sagen könnte ja von Vertrautheit zeugen, für mich eher, dass sie sich über mich stellen. Ich nenn sie ja schließlich auch „Madame“ und „Monsieur“. Peinlicherweise irriert mich das ganze Geduze. Außerdem ist die dritte Person Singular mancher Verben im Französischen leichter zu bilden als die Pluralform. Dann rutscht mir schon mal ein „tu“ heraus. Ist unangebracht, weiß ich selber. Zeugt ja nicht von Höflichkeit. Das „tu“ benutzen sie aber auch.


Willkommen zurück in der Schule


Wenn ich an meine Uni denke, dann vermisse ich vor allem,  dass ich mich während des Semesters nur auf mein Referat konzentrieren musste, sonst war da nichts zum Vorbereiten. Nicht mal für eine Prüfung. Ich schrieb ja eh nur Hausarbeiten. Hier aber gibt es Hausaufgaben und dazu Noten, auch auf die Mitarbeit. Eine Freundin erzählte mir sogar, sie würden Vokabeln abgefragt bekommen. Das universitäre System in Frankreich ist verschult. Daran muss man sich gewöhnen. Zumindest für die nächsten 9 Monate.


Zum Thema Schule…


Die Verschulung der Uni merkt man aber nicht nur an den Dozenten, sondern auch an den Studenten selber. In meiner Uni herrschte während den Seminaren Ruhe, wenn der Lehrer sprach. Es war ein Miteinander auf Augenhöhe, respektvoll. Nagut, dass mit dem Aufpassen war natürlich so eine Sache. Ich muss gestehen, dass ich in manchen Seminaren dann doch länger als gewollt am Handy saß. Dabei hab ich aber wenigstens keinen gestört. Sitzt man nun hier in den Seminaren, dann ist ständig etwas los. Pausenloses aufs Klo rennen, rascheln, es wird gegessen, geschnattert, dem Dozenten ins Wort gezischt. Man lässt den anderen nicht aussprechen, die Handys sind pausenlos auf Vibration gestellt. Meine Dozenten wären da wohl schon längst an die Decke gegangen oder hätten was gesagt. Hier ist das egal. Die halten es hier nicht mal für nötig, den „Studenten“ ein paar Manieren beizubringen. Die Dozenten erwarten auch nicht einmal, dass die Studenten die Blätter, die als Vorbereitung ins Internet gestellt wurden, ausdrucken und mitnehmen. Die Dozenten werden es eh austeilen. (man kann das natürlich nicht auf alle Studenten beziehen. Beim Großteil ist mir das dann schon aufgefallen)


Pünktlichkeit? Ordnung?


Eins lernte ich hier schnell: wenn der Unterricht um 10.30 beginnt, kommt der Dozent um 10.45, oder um 11. Je nach Lust und Laune. Die Studenten auch. Sie gehen schon von vornherein davon aus, dass der Prof sich Zeit lässt. Lustig ist auch, wenn der Prof spontan entscheidet, den Raum zu wechseln und es keinem sagt. Machen sie gerne, finden sie anscheinend lustig. Wenn man aber nicht auftaucht, sind sie pas contents.


Alles braucht seine Zeit – gilt nicht für Studenten


Die Franzosen gehen an alles etwas entspannter heran, zumindest die Dozenten und die Verwaltung. Von den Studenten wird erwartet, alles sofort zu machen, bloß nicht zu bummeln. Bei der Verwaltung schaut das anders aus. Ihre Struktur, wenn man davon überhaupt reden kann, folgt seinen eigenen Regeln, oder auch keinen. Ich blick da nicht durch. Wenn man etwas ganz dringend braucht, innerhalb von zwei Wochen, dann sollte man es vier Wochen vorher beantragen und mehrmals nachhaken. Aber nicht zu oft. Das würde zu sehr stressen. Wollen sie hingegen etwas von euch, dann macht das am besten noch gestern. Sicher ist sicher.

Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es.

Endlich war sie in H. gelandet. Wie glücklich sie war, dass sie den ersten Flug gut überstanden hatte. Nur noch einen weiteren, bevor das Ziel erreicht war. Sie stieg aus dem Flugzeug aus, sie schnappte sich ihren Koffer und verließ den Sicherheitsbereich. Jetzt war es Zeit, den Check-in-Schalter zu finden, erneut das Gepäck abzugeben und zu warten. Alles lief reibungslos, alles klappte, so wie sie es eingeplant hatte. Sie konnte jetzt die Flughafenhalle hinter sich lassen, erneut durch den Sicherheitscheck gehen und am Gate auf den Flieger warten. Doch sie hielt eine Weile inne. Sie war noch nicht bereit, den öffentlichen Bereich zu verlassen. „Vielleicht würde er doch noch auftauchen, vielleicht würde er sie für einen Moment noch aufhalten.“ Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es. Würde er kommen? Sie ließ ihren Blick durch die Menschenmenge schweifen. Unbekannte Gesichter, unbekannte Menschen.  Er war nicht zu sehen.

Sie hatte es sich auf einer Bank mit einem Kaffee in der Halle gemütlich gemacht. Sie wartete. Auf was eigentlich? Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass er sich hier blicken ließ? Er hatte sich Monate nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich hatte er sie schon längst vergessen. Aber sie saß hier und wartete auf ein Happy End. Sie konnte ihn nicht vergessen. Es ging nicht. „Ich bin doch bescheuert!“, durchzuckte ein Gedanke ihren Kopf. Ja, sie war verrückt. Auf jemand zu warten, der schon längst abgeschlossen, einen neuen Start gewagt hatte. Sie erhob sich, warf den leeren Kaffee davon. Es war absurd. Zu absurd. Wie blöd war sie denn? Wie naiv? Er hatte sie vergessen, sie war ihm nicht wichtig. Er würde sie nicht suchen. Sie musste hier weg, schlug die Richtung des Sicherheitschecks ein. Einen letzten Blick warf sie in die Menschenmenge. Doch er war nicht hier. Würde er eh nicht sein. Sie wandte sich endgültig von der Halle ab, wandte sich von H. ab, wandte sich von ihm ab. Eine Stunde später verließ sie Deutschland mit dem Flugzeug…