Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf?

Sie war genervt. Einmal nahm sie ihren Regenschirm nicht mit, schon musste es regnen. Ihre Regenjacke war nicht regenfest. Ironie des Schicksals. Sie stapfte also mit ihrem vollen Einkaufstüten zur Bushaltestelle. Wenigstens kam hier alle paar Minuten ein passender Bus. Sie war komplett durchgenässt, vom Schweiß und vom Regen. Warum mussten Geschäfte ihre Heizungen eigentlich immer so aufdrehen?  Reichte Stufe 2 nicht? Musste es immer 5 sein? Wer wollte da schon shoppen gehen? Drinnen viel zu heiß, draußen viel zu nass. Gerade wollte sie jetzt einfach nur noch heim. Heim, unter die heiße Dusche, in den dicksten Pulli und ins Bett. Konnte sie sich heute leisten. Freier Tag, keine Uni. Sie stellte sich also an die Haltestelle, ließ ihre schweren Taschen kurz sinken. Nicht lange. Sie wollte ja nicht, dass die Papiertüten vom nassen Boden durchgeweicht wurden. Sie hob sie wieder auf. Dann trat sie kurz näher an die Straße heran, schaute kurz mal, ob sie den Bus schon sehen konnte.


Sie konnte mit den schweren Taschen kaum schnell genug agieren. Ein Bus kam herangebraust. Er war so nah an der Haltestelle. Abstandhalten hielt er für unnötig, langsamer fahren auch. Auch nicht wegen der großen Pfütze auf dem Boden. War ihm egal. Sie wollte noch einen Satz nach hinten machen, doch sie schaffte es nicht rechtzeitig und sah schon, wie Wasser und Dreck in die Höhe spritzten. Ihr Reflex schlief in dem Moment. Erst langsam konnte sie nach hinten springen und sich wegwenden. Brachte nur nichts. Das Wasser und der Dreck klebten auf ihr und ihrer Hose. Hinter ihr die Stimme eines Mädchens.

„C’est un blague!“ –Das ist doch ein Witz, oder?

Sah sie genauso. Denn sie war die einzige, die nass geworden war. Alle anderen waren weit genug weg gewesen. Jetzt kam zu dem Schweiß und dem Regen noch eine große Portion Dreck dazu. Ich hätte ausflippen können. Doch nein. Sie atmete. Da kam schon ihr Bus. Gute Miene zum bösen Spiel. Sie stieg ein. Versuchte den Busfahrer anzulächeln, freundlich zu sein. Nein. Sie kochte, stieg ein, ließ ihre schweren Einkäufe sinken. Der Bus war aufs Äußerste geheizt. Super. Der Schweiß kroch ihr wieder auf die Stirn. Scheiß Tag. Einfach nur noch heim. Sie ließ ihren Blick durch den Bus schweifen. Einfach so. Sie kannte ja eh keinen…oh nein, verdammt. Da stand er plötzlich wieder. Mitten im Bus. Er blickt sie an. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Sie schaute wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum tauchte er immer in den ungünstigen Momenten auf? Wenn sie nach dem Joggen mit hochrotem Kopf vorbei lief, wenn sie mit den gammligsten Klamotten waschen ging, wenn sie sich mit tausenden Müllbeuteln in den Aufzug quetschte, wenn sie durchnässt und dreckig den Bus genervt betrat. Sie wollte seinen Blick nicht erwidern. Eigentlich schon. Aber in diesem Moment nicht. Wie sie aussah, hochroter Kopf, schweiß- und regennasse Haare, Dreck auf der Hose. Oh Gott. Sie wollte der Situation entrinnen, flüchte an ihrer Haltestelle regelrecht aus dem Bus. Doch die Flucht war letztendlich sinnlos: sie kamen beide zur gleichen Zeit beim Aufzug an. Die Tür sprang auf. Das dumme Licht war immer noch kaputt. Sie stiegen also alle in den dunklen Kasten ein. Nun standen sie eng nebeneinander hier in diesem Aufzug. Kurz nahm sie sich den Moment, ihn unbemerkt anzuschauen. Nur schwach ließ sich seine Silhouette ausmachen. Er schaute so verdammt gut aus. Sie sah wieder weg. Dann legte sich sein Blick auf sie. Ihre Herz fing laut das Pochen an. Oh Gott. Sie warte sehnsüchtig, dass ihr Stock auftauchte. So schnell war sie noch nie rausgestürmt. Ein „Au revoir“ von ihr, ein „Au revoir“ von ihm. Dann war sie weg. Bescheuerter Tag.

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Was man über das französische Unisystem wissen sollte


Sie sind eh nur Student


Ich bin es gewöhnt, dass mich die Professoren in der Uni mit meinem Nachnamen ansprechen und mich siezen. Ich finde, dass zeugt von Gleichberechtigung. Ich bin zwar Studentin, bin aber auch eine Erwachsene. Die Professoren nahmen mich für voll. Die Professoren in Frankreich hingegen duzen einen, ungehemmt, ohne zu fragen. Würde mich nicht stören, würden sie das gefragt tun. Meinen Vornamen zu sagen könnte ja von Vertrautheit zeugen, für mich eher, dass sie sich über mich stellen. Ich nenn sie ja schließlich auch „Madame“ und „Monsieur“. Peinlicherweise irriert mich das ganze Geduze. Außerdem ist die dritte Person Singular mancher Verben im Französischen leichter zu bilden als die Pluralform. Dann rutscht mir schon mal ein „tu“ heraus. Ist unangebracht, weiß ich selber. Zeugt ja nicht von Höflichkeit. Das „tu“ benutzen sie aber auch.


Willkommen zurück in der Schule


Wenn ich an meine Uni denke, dann vermisse ich vor allem,  dass ich mich während des Semesters nur auf mein Referat konzentrieren musste, sonst war da nichts zum Vorbereiten. Nicht mal für eine Prüfung. Ich schrieb ja eh nur Hausarbeiten. Hier aber gibt es Hausaufgaben und dazu Noten, auch auf die Mitarbeit. Eine Freundin erzählte mir sogar, sie würden Vokabeln abgefragt bekommen. Das universitäre System in Frankreich ist verschult. Daran muss man sich gewöhnen. Zumindest für die nächsten 9 Monate.


Zum Thema Schule…


Die Verschulung der Uni merkt man aber nicht nur an den Dozenten, sondern auch an den Studenten selber. In meiner Uni herrschte während den Seminaren Ruhe, wenn der Lehrer sprach. Es war ein Miteinander auf Augenhöhe, respektvoll. Nagut, dass mit dem Aufpassen war natürlich so eine Sache. Ich muss gestehen, dass ich in manchen Seminaren dann doch länger als gewollt am Handy saß. Dabei hab ich aber wenigstens keinen gestört. Sitzt man nun hier in den Seminaren, dann ist ständig etwas los. Pausenloses aufs Klo rennen, rascheln, es wird gegessen, geschnattert, dem Dozenten ins Wort gezischt. Man lässt den anderen nicht aussprechen, die Handys sind pausenlos auf Vibration gestellt. Meine Dozenten wären da wohl schon längst an die Decke gegangen oder hätten was gesagt. Hier ist das egal. Die halten es hier nicht mal für nötig, den „Studenten“ ein paar Manieren beizubringen. Die Dozenten erwarten auch nicht einmal, dass die Studenten die Blätter, die als Vorbereitung ins Internet gestellt wurden, ausdrucken und mitnehmen. Die Dozenten werden es eh austeilen. (man kann das natürlich nicht auf alle Studenten beziehen. Beim Großteil ist mir das dann schon aufgefallen)


Pünktlichkeit? Ordnung?


Eins lernte ich hier schnell: wenn der Unterricht um 10.30 beginnt, kommt der Dozent um 10.45, oder um 11. Je nach Lust und Laune. Die Studenten auch. Sie gehen schon von vornherein davon aus, dass der Prof sich Zeit lässt. Lustig ist auch, wenn der Prof spontan entscheidet, den Raum zu wechseln und es keinem sagt. Machen sie gerne, finden sie anscheinend lustig. Wenn man aber nicht auftaucht, sind sie pas contents.


Alles braucht seine Zeit – gilt nicht für Studenten


Die Franzosen gehen an alles etwas entspannter heran, zumindest die Dozenten und die Verwaltung. Von den Studenten wird erwartet, alles sofort zu machen, bloß nicht zu bummeln. Bei der Verwaltung schaut das anders aus. Ihre Struktur, wenn man davon überhaupt reden kann, folgt seinen eigenen Regeln, oder auch keinen. Ich blick da nicht durch. Wenn man etwas ganz dringend braucht, innerhalb von zwei Wochen, dann sollte man es vier Wochen vorher beantragen und mehrmals nachhaken. Aber nicht zu oft. Das würde zu sehr stressen. Wollen sie hingegen etwas von euch, dann macht das am besten noch gestern. Sicher ist sicher.

Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es.

Endlich war sie in H. gelandet. Wie glücklich sie war, dass sie den ersten Flug gut überstanden hatte. Nur noch einen weiteren, bevor das Ziel erreicht war. Sie stieg aus dem Flugzeug aus, sie schnappte sich ihren Koffer und verließ den Sicherheitsbereich. Jetzt war es Zeit, den Check-in-Schalter zu finden, erneut das Gepäck abzugeben und zu warten. Alles lief reibungslos, alles klappte, so wie sie es eingeplant hatte. Sie konnte jetzt die Flughafenhalle hinter sich lassen, erneut durch den Sicherheitscheck gehen und am Gate auf den Flieger warten. Doch sie hielt eine Weile inne. Sie war noch nicht bereit, den öffentlichen Bereich zu verlassen. „Vielleicht würde er doch noch auftauchen, vielleicht würde er sie für einen Moment noch aufhalten.“ Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es. Würde er kommen? Sie ließ ihren Blick durch die Menschenmenge schweifen. Unbekannte Gesichter, unbekannte Menschen.  Er war nicht zu sehen.

Sie hatte es sich auf einer Bank mit einem Kaffee in der Halle gemütlich gemacht. Sie wartete. Auf was eigentlich? Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass er sich hier blicken ließ? Er hatte sich Monate nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich hatte er sie schon längst vergessen. Aber sie saß hier und wartete auf ein Happy End. Sie konnte ihn nicht vergessen. Es ging nicht. „Ich bin doch bescheuert!“, durchzuckte ein Gedanke ihren Kopf. Ja, sie war verrückt. Auf jemand zu warten, der schon längst abgeschlossen, einen neuen Start gewagt hatte. Sie erhob sich, warf den leeren Kaffee davon. Es war absurd. Zu absurd. Wie blöd war sie denn? Wie naiv? Er hatte sie vergessen, sie war ihm nicht wichtig. Er würde sie nicht suchen. Sie musste hier weg, schlug die Richtung des Sicherheitschecks ein. Einen letzten Blick warf sie in die Menschenmenge. Doch er war nicht hier. Würde er eh nicht sein. Sie wandte sich endgültig von der Halle ab, wandte sich von H. ab, wandte sich von ihm ab. Eine Stunde später verließ sie Deutschland mit dem Flugzeug…