Un jour à Bordeaux

Es ist 4.30, ich stapfe los. Geschlafen? Vielleicht vier Stunden, höchstens. Oh Gott bin ich müde. Gefrühstückt habe ich nichts. Um 3.45 bekomme selbst ich keinen Hunger. Liegt aber wahrscheinlich auch an den Churros, die ich am Tag zuvor auf dem Weihnachtsmarkt verdrücke habe. Ich verlasse das Gelände. Jetzt heißt es, schnell über die Hauptstraßen zum Bahnhof eilen. Meine Schritte auf dem trockenen Laub sind die einzigen Geräusche, die diese menschenleeren Atmosphäre beleben. Nun, und die singenden Vögel und die einzelnen Autos. Sonst nichts. Erst als ich weiter ins Zentrum laufe, kommen ein paar Menschenstimmen dazu. Vor allem betrunkenes Gebrülle erreicht meine Ohren. Ich passiere eine Gruppe von drei Männern, die auf der anderen Flussseite stehen. Ihr Blick schweift zu mir. Ich versuche weiter geradeaus zu laufen, murmle leise „scheise, scheise, scheise“. Mein Schritt beschleunigt sich. Ich biege in die nächste Straße ein, gehe mir sicher, dass sie mir nicht folgen. Nein. Ich bin aus ihrem Blickfeld. Weiter geht’s. Nur noch 28 Minuten laufen. Ich komme wieder auf eine befahrene Hauptstraße. Hier in der Innenstadt kommen mir immer wieder Männer in Zweiergruppen entgegen. Meist bin ich auf der andren Straßenseite, sind sie auf meiner, blicke ich starr geradeaus. Die dummen Rufe halten sich in Grenzen. Viermal „hey“, einmal „hallo“ aus einem Auto herausgerufen. Jetzt hab ich nur noch eine Straße vor mir. Sie ist dunkel, eine große Nebenstraße, ohne Menschen. Nur einzelne Autos, aber ich habe das Ziel schon vor den Augen. Ich reiße mich nochmal zusammen und laufe noch schneller. Dann der Busbahnhof. Oh mein Gott. Geschafft. Busabfahrt in fünfzehn Minuten. Ich warte nicht lange alleine. Die Freundin taucht auf, mit der ich nach Bordeaux fahren möchte. Wir begrüßen uns mit: „Das machen wir nie wieder!!“ Sie hatte den gleichen Schreckensweg vor sich gehabt wie ich. Der Bus ist pünktlich, der Busfahrer freundlich. Die drei Stunden Fahrt sind so schnell vorbei. Irgendwann erreichen wir die Haltestelle in Bordeaux. Sie ist mitten im Zentrum, wissen wir zu diesem Zeitpunkt nur nicht. Wir fühlen uns wie am Ende der Welt. In irgendeinem Industriegebiet. Aber nach nur ein paar Schritten wird uns bewusst, dass ist nur die Gegend um den Bahnhof. Dreißig Minuten Gehweg später stehen wir schon an der wunderschönen Pont de Pierre. Unglaublich, wie lang diese Brücke ist, und wie traumhaft schön. Bordeaux überwältigt uns bereits ein paar Minuten nach der Ankunft mit schönem Wetter und traumhafter Architektur. Vor allem die Sauberkeit dieser Stadt lässt uns sofort wohlfühlen. Wir beide sind Kleinstadtmädchen. Wir lieben solche gemütlichen Orte.

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Als Student mittlerem Budgets kamen wir im Ibis Budget Hotel Centre Bastide unter. Wir blieben nur eine Nacht, aus dem Grund, weil wir nicht mehr als ein Wochenende für den Besuch hatten. Bleiben wir länger, wählen wir meist dann doch noch etwas preisgünstigere Unterkünfte. Nichtsdestotrotz ist Bordeaux tatsächlich ein Besuch wert. Insbesondere in der Weihnachtszeit, wenn die ganze Stadt mit Lichtern überflutet ist.

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Last Christmas I gave you my heart. This year, to save me from tears I’ll give it to someone special.

Last Christmas I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I’ll give it to someone special

Ich schaue aus dem Fenster. Draußen schneit es. Flocke um Flocke segelt zu Boden auf die weiße Decke. Ich spüre die Kälte draußen am eisigen Fenster. Ich lasse mich wieder in den Sessel vor dem Kamin fallen, kuschel mich tief in die Decke ein, blicke zum Feuer. Ich nehme einen Schluck aus der heißen Milch mit Honig, stelle die Tasse wieder auf den Tisch neben mir ab. Im Hintergrund summt Weihnachtsmusik, in irgendeiner zufälligen Reihenfolge. Neue Lieder, alte Lieder, irgendwie. Da taucht der Song auf, der vielen entweder auf die Nerven geht, oder die in der Weihnachtszeit nicht genug davon bekommen können. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe. Jedes Jahr aufs Neue schalt Wham durch die Radios, jedes Jahr der gleiche Text. Dieses Jahr passt keiner so gut zu meiner Stimmung wie dieses Lied.

Last Christmas I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I’ll give it to someone special

Ich denke an das letzte Weihnachtsfest. Verliebt, gute Hoffnung, Zukunftspläne. Alles gut. Last christmas, I gave you my heart. Das Jahr endete glücklich. Auch Silvester. Dann der Wandel. Es war seine Schuld, es war meine Schuld. Beide strebten andere Richtungen an. Weihnachten sah so vielversprechend aus, Anfang Januar auch, dann ging es bergab.

This year, to save me from tears, I gave it to someone special. Einen weiteren Schluck von der heißen Milch. Die Hitze strömt meine Speiseröhre hinunter, ein Stechen durchquert mich. Es ist nichts im Vergleich zu dem damals. Zu den vergossenen Tränen. Von dem Schmerz. Nichts. Dieses Jahr ist alles anders. Er ist abgeschrieben, irgendwie eben. Ich brauch mir keine Gedanken mehr um ihn machen. Denke ich…

Das nächste Lied schaltet ein. All i want for christmas is new year’s eve. Dann muss ich wenigstens nicht an das vergangene Weihnachten denken.

Was man über französische Studentenwohnheime wissen sollte

Auf der Suche nach einer erschwinglichen Möglichkeit in Frankreich wohnen zu können, kam mir das Angebot des Studentenwohnheims bei der Bewerbung für die Universität recht gelegen. Eine Gastfamilie habe ich nicht gefunden, genauso wenig Ahnung gehabt, wie ich an ein WG-Zimmer hätte kommen können. Als dann die Zusage für das Zimmer einflatterte, war ich also umso glücklicher, weil das eine Sorge weniger bedeutete.

Bereits im Frühling dieses Jahres wohnte ich für ein zweimonatiges Praktikum bei Paris in einem Internat, auf großen Luxus hoffte ich nach dieser Erfahrung sowieso nicht mehr. Das damalige Internat besaß ein kleines, quietschendes Bett, einen Schrank, einen Tisch und eine Dusche. Toilette und Küche waren jeweils separat. Internet gab es dort auch nicht. Ich lebte also zwei Monate von der Außenwelt mehr oder weniger abgeschnitten. Bei meinem Handy den Handyvertrag ändern, hatte ich ebenfalls verbummelt und durfte ganz schön draufzahlen oder das Handy auf die Seite legen. Aus diesem Grund war ich ganz froh, dass in der Beschreibung des Studentenwohnheim stand, dass Internet mit Kabel im Zimmer möglich war. Neun Monate komplett offline hätte ich wahrscheinlich nicht überstanden.

Was man über französische Studentenwohnheime wissen sollte – Das Leben mit den etwas anderen Nachbarn

Ich wohnte in Halle in einer Einzimmer-Wohnung mit wunderbar ruhigen Nachbarn. Die neben mir gaben keinen Laut von sich, die unter mir waren wahrscheinlich taub und bekamen mein Sportgetrampel nicht mit. Die Nachbarn in Tours waren ebenfalls ganz in Ordnung. Nur wenn sie nachts um 22 Uhr begannen zu kochen. Da wurde es dann schon manchmal ganz schön laut, aber es war aushaltbar. Meine Nachbarn hier sind nun etwas speziellerer Art. Junge Studenten, die das erste Mal von zuhause ausgezogen sind und Auslandsstudenten mit anderen Gepflogenheiten. Ich kann nicht genau sagen, welcher meiner lieben Nachbarn mir am meisten die Nerven raubt:

  • der Kiffernachbar, der in gewissen Abständen um zwei Uhr nachts den Feuermelder auslöst und jeder aus dem Gebäude im Schlafanzug nach unten trotten muss, um dann nach zehn Minuten wieder hinaufzutrotten.
  • Die südländischen Genossen, die um Mitternacht eine Party auf dem Flur veranstalten und von Zimmer zu Zimmer schreien.
  • das ’nette‘ Pärchen über mir, dass ganz nach dem Lied lebt „I love it when we fight just to make up. Funny how bad words turn to making love“. Das ganze nachts um drei Uhr, im Wechsel zwischen Liebe und Streit. Ob ich ihnen mal zustecken sollte, dass das ganze Haus ihre Liebe mitbekommt?

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Es klingt schlimmer als es ist. An die Hälfte der Dinge habe ich mich bereits nach vier Monaten gewöhnt. Die positiven Dinge an einem Studentenwohnheim sollte man nicht außer Acht lassen.

  • man lebt mit vielen Studenten aus vielen Nationen zusammen, lernt sich untereinander etwas kennen bzw. man grüßt sich, weil man sich bereits vom Sehen kennt
  • die Sicherheit steht hier hoch im Kurs. Nachts befinden sich Sicherheitsleute auf dem Gelände, überwachen die Anlage.
  • Sollten Abende in der Stadt doch mal länger werden, fühlt man sich nie unsicher, spät um die Uhrzeit noch unterwegs zu sein. Viele Studenten steigen an der gleichen Haltestelle wie ich aus. Im Entenmarsch geht’s dann ins Wohnheim. Alleine ist man da nie.
  • Die Verwaltung ist ganz entspannt, wenn es um das Bezahlen der Miete geht. Man kann weit im Voraus bezahlen, oder jeden Monat zu ihnen und bezahlen. Dann ist es egal, ob man pünktlich am 1. oder erst am 12. kommt. Hauptsachen man bezahlt irgendwann im Monat. Sie sind tatsächlich richtig entspannt. Und wenn man keine Lust hat, ins Sekretariat zu dackeln, geht das ganze auch online.

Wochenrückblick #2

Ich hätte nicht erwartet, dass schon wieder die nächste Woche vergangen ist. Die Zeit rast hier. Schneller als jemals zuvor. Kaum vorstellbar, dass ich bereits knapp vier Monate in Frankreich lebe. Erst meine einigermaßen eingeführte Routine zeigt mir, dass ich mich hier bereits eingelebt habe. Richtig angekommen fühle ich mich aber noch nicht, vor allem aus dem Grund, weil ich hier sehr wenig Französisch spreche. Tatsächlich sind manche Tagen sogar weit davon entfernt. Das Verständnis der Französischen Sprache ist weitaus besser geworden. Trotzdem bekomme ich meinen Mund einfach nicht auf und wechsel gerne in das Deutsche. Im nächsten Semester wird damit aber Schluss sein. Ich werde keine deutschen Kurse mehr belegen. Deswegen bin ich nicht nicht nach Frankreich gegangen. Im nächsten Semester werden außerdem alle deutschen Erasmusstudenten weg sein. Ich bleibe übrig. Meine Chance. Rausgehen, Französisch sprechen, mehr zutrauen.

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Jeder Tag hat seine Routine. Morgens aufstehen, Wasserkocher anschmeißen, im Bad erst einmal eiskaltes Wasser in das Gesicht spritzen. Dann bin ich einigermaßen wach. Frühstück, Haferflocken mit Obst, einen Kaffee. Dabei einmal die Nachrichten anschauen. Sich informieren, was in der Welt schon wieder los ist. Nie freudige Nachrichten, immer viel zu bedrückend. Dann mache ich mich für die Uni fertig. Haare richten, ein bisschen Puder, Lidstrich. Mehr nicht. Dann stapfe ich los. Früher habe ich den Bus genommen, jetzt laufe ich bis zur Metro-Station. Ein Fußmarsch von 15 Minuten. Akzeptabel. Dann hinab wie zig andere Menschen in die Metro. Warten. Hoffen, dass die U-Bahn nicht wieder komplett überfüllt ist. Viele Studenten wollen dahin, wo ich hin möchte. An manchen Tagen kann ich daher erst die dritte heranbrausende Metro nehmen. Nimmt nicht viel Zeit heraus. Ist eben so. Dann stehe ich zwischen den vielen Menschen eingeklemmt da. Eingeklemmt. Eindeutig. Manche nehmen sich wirklich viel Körperkontakt heraus. Mir irgendwie etwas zu nah. Ich freue mich, wenn die Haltestelle endlich auftaucht. Rausspringen, ab in die frische Luft.

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Story der Woche

Den Aufzug verlasse ich immer kopflos, in Gedanken versunken. Liegt aber auch an der Musik, die in meinen Ohren läuft. Ich gehe in ihr unter. Meistens achte ich dann nicht mehr auf meinen Weg. Ich bin deswegen schon oft genug gestolpert. Also verlasse ich den Aufzug wie immer gedankenversunken. Ich bin es ja gewohnt, dass in dem Moment irgendeine Person vor mir die Tür aufknallt und ich fast dagegen renne. Auch in diesem Fall. Nein, es ist nicht der, den ich schon zu oft über dem Weg gelaufen bin, in schlechten Momenten natürlich. Ein anderer. Doch als ich geschockt nach oben blicke, schaue ich in schöne blaue Augen. Er grüßt mich mit einem verschmitzten Bonjour. Wir beide müssen durch die nächste Tür hindurch. Irgendetwas sagt er, aber wegen der Musik in meinen Ohren verstehe ich nichts. Er hält mir die Tür auf, damit ich vor ihm hindurchgehen kann. Ich bedanke mich mit Merci. Ein richtiger Gentlemen ist er. Diese kurze Begegnung zaubert mir auf den Weg zur Bushaltestelle ein echt bescheuertes Lächeln auf die Lippen. Einfach deswegen, weil er so nett und höflich war. Keine Seltenheit hier, aber es lässt mich immer wieder lächeln. Ich denke da nur an die abertausenden Türen, die mir in Deutschland gegen die Nase gehauen wurden…

An der Bushaltestelle angekommen blicke ich auf den Boden und versuche mein bescheuertes Grinsen zu verbergen. Die Menschen um mich herum realisiere ich nicht wirklich. Dann spüre ich aber doch einen Blick auf mir. Er dauert keine Sekunden, sondern fast eine Minute. Jetzt muss ich den Kopf heben. Da steht er dann auch. Wie immer unvorbereitet. Er ist an dem Haltestellenhäuschen gelehnt, raucht eine Zigarette. Ach, scheiße, ich hasse Raucher, schießt es mir durch den Kopf. Sein Blick bleibt auf mir liegen, ich blicke wieder davon. Dann schaut er auch davon. Man sieht sich im Leben immer zweimal? Ich sehe ihn jetzt schon das siebte Mal. Dieses Mal schau ich sogar gut aus. Ich erwidere seinen Blick nicht. Wieso? Ich weiß es nicht. Mich verunsichert die Tatsache, dass ich immer noch Schwierigkeiten mit dem Französischsprechen habe. Ich bin nicht perfekt, muss tausendmal nachfragen, wenn mein Kopf überhaupt nicht mitmachen möchte. Ich verzettel mich in nervösen Situationen, bekomme keinen klaren Satz raus. Weder auf deutsch, noch auf französisch. In meinem Kopf herrscht pure Leere. So verging #7 also genauso wie alle anderen….

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Un jour à Barcelone

Endlich hielt der Bus an. Sie hatte genug von dem ewigen Sitzen. Fünf Stunden. Fünf Stunden war sie bereits unterwegs, fuhr am Mittelmeer entlang, oder sie ahnte eher, dass sie es tat. Es war bereits zu dunkel, um irgendetwas noch in der Landschaft ausmachen zu können. Erst als sie sich Barcelona näherte, wurden die Landschaften heller, bis ein Meer an Lichtern sie überwältigte. Der Busfahrer erhöhte sein Tempo, als sie die ersten Häuser der Stadt passierten. Anscheinend wollte auch er endlich ankommen. Wären ihre Augen vor ein paar Minuten noch fast zugefallen, es war schließlich eine Stunde vor Mitternacht, war sie jetzt hellwach. Nicht nur, weil der Bus hin und her ruckelte, sondern auch, weil die ganzen Lichter sie überwältigten. Endlich hatte sie die Stadt erreicht. Endlich konnte sie den Bus verlassen. Sie saß bereits zu lange.

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Der Tag musste gut geplant sein, um so viel wie möglich in der kürzesten Zeit zu schaffen. So stapfte sie dann auch schon los, hinweg über die Via Laietana, um dann in die Passeig de Graciá zu biegen. Das Ziel war festgesteckt. Sie passierte teure Läden, sie passierte Zara, sie lief an H&M vorbei. Nichts davon interessierte sie. Shoppen konnte sie auch in Toulouse. Ihr Ziel war die Casa Batlló von Antoni Gaudi. Sie war extra früh aufgestanden, um all den Menschenmassen, die sich später davor tummeln würden, zu entrinnen. Sie wollte ein paar Fotos schießen, ohne irgendwelche Gesichter, Selfiesticks oder andere Körperteile im Bild zu haben. Irgendwann erkannte sie von weitem das wundervolle Gebäude, dass sie sich schon mehrere Male im Internet angesehen und immer wieder davon geträumt hatte, eines Tages davor zu stehen. Ihr Traum wurde endlich wahr, als sie sich vor das fünfstöckige Gebäude stellte und immer weiter einen Schritt nach hinten tat, um das ganze Gebäude auf ein Bild zu bekommen. Dann nahm sie sich Zeit die Realität zu betrachten. Die grünen, orangenen, blauen Blumen, die ab dem dritten Stockwerk auf die Wand gemalt waren. Die unregelmäßig eiförmigen Fenster des ersten Stockwerks, die von skelettförmigen Pfeilern geteilt waren. Die farbigen Muster der Glasflächen an den Fenstern. Sie betrachtete die Formen und Farben. Die Casa Battló wirkte weich, wirkte, nicht steif, verspielt. Es war einmalig, einzigartig, schöner, als sie es sich in ihren kühnsten Träume ausmalen hätte können.
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Irgendwann erreichte sie die Kreuzung der Passeig de Gracia mit der Carrer de Provenca. Da war sie: die Casa Milá mit ihrer welligen, sandsteinfarbigen Fassade und den aus Metal bestehenden Verzierungen der hervorstehenden Balustraden. Auf dem Gebäude thronten Statuen, unbeschreibliche Formen aus Stein, kaum von unten erkennbar. Waren es Gestalten, oder waren es nur aufeinandergestellte Steinbrocken? Es blieb wohl ein Rätsel.

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Als die Sagrada Familia vor ihr auftauchte, war sie schon im ersten Moment mehr als nur überwältigt. Alle umherstehenden Gebäude wirkten wie mickrige Puppenhäuser. Sie ragte soweit hoch in den Himmel. Sie war unverkennbar. Unverkennbar schön. I. stand vor der Passionsfassade. Sechs schiefe Stützen ragten hinauf in die Höhe, hielten ein dreieckiges Vordach, auf dem weitere, knochenartige weiße Stützen standen. Sie trugen die Inschrift „Jesus Nazarenus Rex Iudӕorum“. Über dem Vordach erstreckten sich runde, sandsteinfarbene Türme. Sie wirkten wie Korallen. Auf ihnen befanden sich blumenförmige Gebilde. Sie umrundete die Kirche. Der Eingang war auf der anderen Seite.

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Sie war überwältigt von diesem Gebäude. Keine Kirche, die sie jemals gesehen hatte, glich ihr. Das hier war ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk eines Visionärs, wahrscheinlich auch eines Verrückten. Ein Genie. Ihre Eintrittskarte hatte sie schon Tage zuvor im Internet gebucht. Früh um neun mit der Hoffnung nach Tickets dort aufzutauchen, wurde als nutzlos beschrieben. Schon zu der Zeit würden alle Karten vergeben sein. Tage zuvor sie auf der offiziell spanischen Seite zu buchen war die beste Idee. Sie passierte die Kontrolleure, näherte sich den Portalen. Wow. Sie trat hinein. Vorbei an den plastischen efeubezogenen Türen, hinein in den Säulenwald.

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Ihr Blick schweifte hinauf zur Decke, dort, wo die Kronen der Säulenstämme zusammenfanden. Zwischen ihnen fiel Sonnenlicht hindurch. Wie in einem wirklichen Urwald. Nun von dem abgesehen war die Sagrada Familia allgemein von Licht durchflutet. Sie wirkte nicht erdrückend, wie es Kirchen sonst immer taten. Hier wurde das Sonnenlicht willkommen geheißen. Ihr Blick schweifte nun zu dem Altar. Er zog durch seine Helligkeit alle Blicke auf sich. Insbesondere durch das hell erleuchtete Dach über dem Kreuz, an dem nicht nur Lichter, sondern auch Weintrauben hangen. Ähnliches hatte sie nie zuvor gesehen…

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(Die Textstellen sind Auszüge meines unfertigen, entwurfartigen Roman „Tudo passa“)

Wochenrückblick #1

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Nun. In Frankreich hat vor zwei Wochen der Weihnachtsmarkt begonnen. Nachdem ich bereits in Bordeaux auf einem war, musste ich mich natürlich nun auch auf den in Toulouse stürzen. Französische Weihnachtsmärkte sind schön, keine Frage, und doch fehlt ihnen ein bisschen – find ich – der deutsche Charme. Es gibt Glühwein, aber in Plastikbechern, es gibt Crêpes, aber die findet man hier ja sowieso überall, man findet Stände mit Handwerkskunst. Inmitten steht ein riesiger Weihnachtsmarkt, der so hell leuchtet, wenn nicht schon sogar etwas too much. Nun. Nichtsdestotrotz habe ich den Weihnachtsmarkt genossen. Insbesondere die „Spätzle, Bretzeln, Streuselkuchen, Kugelhupfe“, die laut Franzosen alle aus dem Elsass stammen. Ich habe schon leidenschaftliche Diskussionen hier darüber geführt.

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Das große Highlight war jedoch wie immer das Wochenende. Rugby steht als Sportart in Frankreich sehr hoch. Höher als Fußball. Die Regeln habe ich ehrlich gesagt noch nie verstanden. Nichtsdestoweniger habe ich mich darauf eingelassen, ein Spiel der Toulouser Mannschaft anzusehen. Ich muss gestehen: das Spiel war sogar richtig aufregend. Wir haben mitgefiebert, mitgegrölt und am Ende sogar fast die Regeln verstanden. Toulouse gewann am Ende 30 – 12. Dass uns währenddessen der kalte Wind um die Ohren gefegt ist, und wir am nächsten Tag alle wieder mit einer Erkältung im Bett lagen, war dann fast nur halb so schlimm. Also, nur halb.

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Dort oben auf dem Berg, ohne Netz, ohne ständige Erreichbarkeit fühlte ich mich befreiter als jemals zuvor.

Social Media. Ich bin ohne sie aufgewachsen. Auch ohne Smartphones. Mein erstes Handy bekam ich mit 14 Jahren. Mit 16 dann das erste mit Kamera und Musikfunktion. Ich war so glücklich über das Teil. Es überlebte außerdem vier ungewollte Balkonstürtze. Das erste Smartphone kam mit 17. Seitdem hat sich viel getan. Drei Smartphones hatte ich bis jetzt. Länger haben sie nicht gehalten. Damit war ich immer und überall mit den Social Media Kanälen Facebook, Instagram, Snapchat – auf gut deutsch- connected. In meiner Schülerzeit gab es nur schülervz, mehr war da nicht. Reichte auch. Ich sah die Menschen, die ich kannte, jeden Tag in der Schule. Gab es was zu sagen, dann dort. Geschrieben wurde über Sms, wenn das Budget das erlaubte. Oder Angerufen. Zuhause. Nicht mobil.

Die letzten 10 Jahre haben sich nur so wahnsinnig rasant entwickelt. Mehr online statt offline. Whatsapp-Nachrichten sind schnell geschrieben, Fotos schnell verschickt. Meine Großeltern sagen immer, ihr, die Jugend, ihr kennt euch damit so gut aus. Nun, teilweise, ich hadere selber mit dem ganzen neumodischen Kram. Würde mir niemand die Geräte erklären, würde ich wahrscheinlich restlos überfordert sein. Außerdem muss ich gestehen: ich vermisse die Zeit, in der alles offline geschehen ist. Kein Whatsapp, kein Facebook, kein Instagram, kein Snapchat. Die neue digitale Welt kann aufregend sein. Informationsfluss in Hülle und Fülle, wunderschöne Bilder, produktive Diskussionen. Diese interaktive Welt wird von allen Seite genutzt. Über Facebook wissen wir, was unsere Bekannten treiben, ohne mit ihnen sprechen zu müssen. In Instagram lassen wir uns motivieren. Whatsapp ermöglicht es uns, Bilder zu verschicken, schnelle Konversationen zu führen, immer irgendwie erreichbar zu sein. Kostet ja nichts. Nicht soviel wie eine Sms, oder telefonieren. Wir mögen erst zu bemerken, wie lange wir in der online-Welt leben, wenn wir sie für einen Moment beiseitelegen.

Weit, weit, hoch oben auf den Gipfel der Pyrenäen, ohne Netz, ohne die Möglichkeit, dass Handy auszupacken, weil man sonst Angst haben muss, dass man auf die Schnauze fällt (und mir ist genau das passiert). Dort oben waren jegliche Gedanken an die Social Media Welt vergessen. Ich sog die scharfkalte Luft in meine Lungen ein, zog meine Mütze noch tiefer ins Gesicht, kuschelte mich in meine Jacke und meinen dicken Pulli. Dann ging es steilbergauf, die Waden schmerzten. Aufgeben war keine unmöglich. Ganz oben dann der Ausblick. Nun ja. Zumindest theoretisch. Es war neblig. Nichtsdestotrotz erlebte ich fast zwölf Stunden in der realen Welt, im Hier und Jetzt. Mich interessierte nicht, was für Bilder hochgeladen wurden, welche Beiträge mit „gefällt mir“ geklickt wurden, welche Diskussionen entfachten. Dort oben auf dem Berg, ohne Netz, ohne ständige Erreichbarkeit fühlte ich mich befreiter als jemals zuvor.

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