Deux jours à Paris

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Nächster Stopp: La Tours d’Eiffel. Schnell ein paar Bilder geschossen, sich über den Gedanken lustig gemacht, ‚wer kommt eigentlich auf die Idee, so einen riesigen Stahlbau einfach mitten in eine Stadt zu bauen?‘, bevor es wieder in die komplett andere Himmelsrichtung geht, Richtung Place de la Concorde. Ich versuche es zumindest. Bis ich den Tours d’Eiffel überhaupt gefunden habe, war es schon ein halber Marathon. Ich wollte so effizient wie möglich alle touristischen Sehenswürdigkeiten einfangen, um Zeit zu sparen. Zwei Tage Paris sind echt knapp bemessen gewesen. Als ich dann auch noch die tiefe Meinung vertrat, ohne Blick auf den Stadtplan Paris erkunden zu wollen, konnte das nur nach hinten losgehen. Mehrmals verlaufen, immer wieder die gleichen Straßen zurückgelaufen, um irgendwie diesen Eiffelturm zu finden. Dann fängt es auch noch an zu regnen. 

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Auf dem Weg zum Place de la Concorde vermeide ich die große befahrene Straße und den Weg an der Seine. Überall wimmeln Touristen, hundert unterschiedliche Sprachen trommeln auf mich ein. Meist ist es englisch oder deutsch. Franzosen? Wenig gesehen. Wenn dann doch, halten sie mich für eine Touristin wie die andren. Sprechen mit mir Englisch. Ich weiger mich, dieses Spiel mitzuspielen, antworte auf Französisch.

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Mir brummt der Schädel noch vom gestrigen Tag. Paris ist so unglaublich laut, alle Menschen gestresst. Es ist 10 Uhr. Gefrühstückt habe ich noch nicht und bin schon zwei Stunden unterwegs. Es ist nur ein Zufall, dass neben mir ein Starbucks auftaucht. Dankend nehme ich das Angebot an und setze mich rein. Ist sowieso wärmer. Ich bestelle einen Chai Latte sowie Pancakes und lasse mich an einem der Tische nieder. Gegenüber und neben mir sitzen jeweils Studenten, sie sind zumindest in meinem Alter, tippen alle auf ihren MacBooks umher und trinken nebenbei ihren Kaffee. Was daran so produktiv ist, in einem lauten Café zu arbeiten, habe ich nie verstanden. Ich genieße stattdessen mein langersehntes Frühstück, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Es steht noch viel auf meinem Plan: Île de la cité Notre Dame, Panthéon, Jardin du Luxembourg. Den Louvre schaue ich mir erst am nächten Tag an. Die Sacré Coeurs habe ich bereits gesehen. Praktisch, wenn das Hostel genau in Montemartre liegt und der Ausblick aus dem Fenster direkt einen Blick auf das Bauwerk bietet.

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War er nur Projektion ihrer Fantasie?

Sie hatte sich zu den anderen in der Küche gesellt, sich in die Unterhaltung eingeklinkt. Sie lachte. Die Einladung für die Feier hatte sie mit großer Freude angenommen. Sie hatte zu viele Freitagabende in ihrem Leben zuhause alleine verbracht. Das vorgeschlagene Essen klang nach einer willkommenen Abwechslung. Sie nahm einen Schluck aus ihrem Weinglas. Ihre Wangen glühten von der warmen Luft drinnen und dem Alkohol, der ihr in den Kopf stieg. Viel hatte sie nicht, ihr Kopf brannte trotzdem. Kurz wandte sie sich nun von ihren Gesprächspartnern ab, blickte aus dem Fenster hinaus. Draußen war es bereits dunkel. Nur die Laterne auf der anderen Straßenseite erhellte die Dunkelheit.

Da entdeckte sie die Person, die sich in diesem Schein der Dunkelheit aufhielt und sie betrachtete. Sie musste kurz wegblicken und sich über die Augen streichen, bevor sie noch einmal hinaussah. Erst dachte sie, dass ihr der Alkohol doch etwas zu sehr in den Kopf benebelte, doch auch beim zweiten Mal hinsehen stand er dort draußen, Hände in der Hosentasche, Lederjacke, Strickmütze, schicke Schuhe. Er schaute aus wie immer. Doch was machte er hier, und vor allem, woher wusste er, dass sie hier war? Wie auch immer. Er stand hier und betrachtete sie. Sie wandte sich nun vom Fenster und ihren Gesprächspartnern ab, stellte beim Verlassen der Küche das Weinglas beiseite und steuerte den Ausgang an. Ohne Erklärung ging sie schnellen Schrittes nach draußen. Sie wollte zu ihm. Sie wollte den Grund für sein Auftauchen wissen. Sie wollte wissen, warum er nach so langer Zeit wieder da war. In diesem Moment zählte nichts außer genau diese Fragen. Sie trat hinaus in den lauwarmen Sommerabend, steuerte den Platz an, an dem sie ihn kurz zuvor gesehen hatte. Doch als sie dort auftauchte, war er verschwunden. Sie drehte sich im Kreis, blickte in alle Richtungen, doch er war nirgends mehr zu finden. Verschwunden. Sie war die einzige, die sich hier in der Dunkelheit befand. Keine Menschenseele war hier. Stille. In der Ferne vereinzelt das Rauschen von Autos, das Rascheln der Bäume. Sonst war da nichts. Sie war allein. Doch wo war er? War er es überhaupt? War er hier? Wegen ihr? Warum war er gegangen? Oder hatte sie sich alles eingebildet? War er nur Projektion ihrer Fantasie? Sie ging zurück ins Haus.

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Gilt „man sieht sich im Leben immer zweimal“ nach acht Mal schon nicht mehr?

Sie steht an der Bushaltestelle. Zu einer gewöhnlichen Uhrzeit. Zu einer Uhrzeit, an der viele Studenten fahren. Sie steht hier also nicht alleine hier. Viel früher ist das eher Fall, jetzt aber nicht. Sie wartet auf den Bus. Nicht lange. Sie muss nie lange warten. Während sie das tut, schweift ihr Blick von einer Person zur anderen. Sie kennt keinen einzigen von ihnen. Nie vorher im Wohnheim gesehen. Alle fremd. Da liegt auch schon das Problem: ER ist nicht unter ihnen. Wieder nicht, schon wieder nicht. Das letzte Mal, wo sie sich über den Weg gelaufen sind? Im Dezember. Zweimal meint sie, hätte sie ihn danach noch gesehen. Kann sie aber nicht genau sagen. Einmal trug sie keine Brille, beim anderen Mal hätte sie sich auch täuschen können. Im letzten Semester waren sie sich ständig über den Weg gelaufen, haben sich immer wieder im Bus gesehen, vor dem Wohnheim. Als sie begonnen hatte mitzuzählen, waren es bereits achtmal. Achtmal. Acht Chancen. Acht perfekte Momente. Acht Möglichkeiten ihn kennen zu lernen: Mund aufmachen, reden. Tat sie nicht. Ihn anlächeln? Auch nicht. Nichts. Jetzt sieht sie ihn gar nicht mehr. Nicht im Aufzug, nicht auf dem Gelände, nicht im Bus. Klar. Neues Semester, anderer Stundenplan. Seine Stunde, ihre Stunden, sie können sich komplett voneinander unterscheiden. Möglich. Aber Wahrscheinlich? Seit vier Wochen sich überhaupt nicht mehr sehen? Es erscheint ihr das suspekt. Dann taucht in ihr eine kleine Stimme auf: „Vielleicht war er ja Austauschstudent für ein Semester!“ Sie spürt von dem einen auf den anderen Moment Pani aufkommen. Den Gedanken hatte sie die meiste Zeit ignoriert, weggetröstet, mit „nein, Quatsch“ kommentiert. Langsam acht sich der Gedanke jedoch immer breiter. Er lässt sich nicht mehr verdrängen. Plötzlich ist da große Panik, gewaltige Panik. Vielleicht hat die Stimme ja recht. Vielleicht blieb er nur ein Semester. Das würde sein Verschwinden erklären. Soll er wirklich weg sein? Soll das wirklich schon alles gewesen sein? Hat sie tatsächlich die Gelegenheit verpasst? Wieder einmal? Schon wieder? Gilt „man sieht sich im Leben immer zweimal“ nach acht Mal schon nicht mehr?

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Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.

Mit 19, gleich nach dem Abitur, war ich mir sicher, dass ich so schnell und so weit wie möglich von meiner Heimat wegziehen wollte. Kein Wunder, dass ich mich deswegen an den weit entferntesten Unis beworben habe, die mir zu dem Zeitpunkt eingefallen sind: Berlin, Halle, Hamburg, München, Mannheim. Die zwei großen Unis in meiner Umgebung vermiet ich. Zu nah, zu nah an der Heimat, zu nah an den Leuten, die ich mehrere Jahre in der Schule aushalten musste. Ich wollte weg und tat das auch. In der neuen Studentenstadt sollte alles besser werden, wurde es aber nicht. Ich lernte Leute kennen, gute Leute, tolle Leute, weniger nette Leute. Ich lebte mich ein, fand eine tägliche Routine, verlor sie wieder. Ich lebte mich wieder aus, ich wollte da nicht mehr bleiben. Zu viele Erinnerungen, zu viele Plätze, die mich an schöne und zugleich traurige Dinge erinnerten. Es ging weiter nach Frankreich, in den Süden. Die Entscheidung fiel nur deswegen, weil ich es in meiner Studentenstadt nicht mehr aushielt. Ein Auslandsjahr war daher die perfekte Lösung. Wohnung gekündigt, Sachen gepackt, abgehauen. Nun bin ich hier, habe mich eingelebt, mir wieder eine Routine angeeignet. Ich komme nach drei Monaten mit der Mentalität klar, mit der Sprache, und doch weiß ich, dass Frankreich wohl auch nichts für mich ist. Dieses Jahr zeigt mir, hier kann ich nicht bleiben, ich muss weiter.

Meine Heimat selber ließ mich auf meinen Reisen nie los. Ich komme gerne zurück. Irgendwie. Ich genieße die Zeit. Ruhe, Geborgenheit. Hier kann ich wieder aufatmen, mich von dem ewigen Wegrennen ausruhen. Hier ticken die Uhren anders. Hier kenne ich den Stress dort draußen, wo ich umherschwirre, nicht. Komme ich zurück, bin ich wieder Kind. Ich vergesse meine Sorgen, vergesse das Leben, dass ich irgendwo da draußen führe. Komme ich zurück, sind da auch wieder die Menschen von damals. Ich will sie eigentlich meiden. Klappt nicht. Viele sind zwar wie ich gegangen, viele sind aber auch geblieben, wohnen in der Umgebung. Viele von ihnen sind sesshaft geworden, ziehen zusammen, planen ihre Familie. Fester Job, feste Beziehung, fester Wohnsitz. Es scheint so, dass sie ihren Platz in der Welt gefunden haben. Sie sind keine ewigen Reisenden, oder waren es nie. Sie haben ihr perfektes Glück gefunden. Es wäre gelogen zu sagen, ich würde nicht ein Stück neidisch auf sie blicken. Ich irre immer noch umher, um meinen Platz zu finden. Meine Heimat war es nicht, die Studentenstadt nicht, Frankreich wird es auch nicht sein. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Also renne ich weiter, weiter davon, bis ich den Platz finde, an dem ich endlich das Gefühl von „Angekommen“ spüre. Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.