Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.

Mit 19, gleich nach dem Abitur, war ich mir sicher, dass ich so schnell und so weit wie möglich von meiner Heimat wegziehen wollte. Kein Wunder, dass ich mich deswegen an den weit entferntesten Unis beworben habe, die mir zu dem Zeitpunkt eingefallen sind: Berlin, Halle, Hamburg, München, Mannheim. Die zwei großen Unis in meiner Umgebung vermiet ich. Zu nah, zu nah an der Heimat, zu nah an den Leuten, die ich mehrere Jahre in der Schule aushalten musste. Ich wollte weg und tat das auch. In der neuen Studentenstadt sollte alles besser werden, wurde es aber nicht. Ich lernte Leute kennen, gute Leute, tolle Leute, weniger nette Leute. Ich lebte mich ein, fand eine tägliche Routine, verlor sie wieder. Ich lebte mich wieder aus, ich wollte da nicht mehr bleiben. Zu viele Erinnerungen, zu viele Plätze, die mich an schöne und zugleich traurige Dinge erinnerten. Es ging weiter nach Frankreich, in den Süden. Die Entscheidung fiel nur deswegen, weil ich es in meiner Studentenstadt nicht mehr aushielt. Ein Auslandsjahr war daher die perfekte Lösung. Wohnung gekündigt, Sachen gepackt, abgehauen. Nun bin ich hier, habe mich eingelebt, mir wieder eine Routine angeeignet. Ich komme nach drei Monaten mit der Mentalität klar, mit der Sprache, und doch weiß ich, dass Frankreich wohl auch nichts für mich ist. Dieses Jahr zeigt mir, hier kann ich nicht bleiben, ich muss weiter.


Meine Heimat selber ließ mich auf meinen Reisen nie los. Ich komme gerne zurück. Irgendwie. Ich genieße die Zeit. Ruhe, Geborgenheit. Hier kann ich wieder aufatmen, mich von dem ewigen Wegrennen ausruhen. Hier ticken die Uhren anders. Hier kenne ich den Stress dort draußen, wo ich umherschwirre, nicht. Komme ich zurück, bin ich wieder Kind. Ich vergesse meine Sorgen, vergesse das Leben, dass ich irgendwo da draußen führe. Komme ich zurück, sind da auch wieder die Menschen von damals. Ich will sie eigentlich meiden. Klappt nicht. Viele sind zwar wie ich gegangen, viele sind aber auch geblieben, wohnen in der Umgebung. Viele von ihnen sind sesshaft geworden, ziehen zusammen, planen ihre Familie. Fester Job, feste Beziehung, fester Wohnsitz. Es scheint so, dass sie ihren Platz in der Welt gefunden haben. Sie sind keine ewigen Reisenden, oder waren es nie. Sie haben ihr perfektes Glück gefunden. Es wäre gelogen, zu sagen, ich würde nicht ein Stück neidisch auf sie blicken. Ich irre immer noch umher, um meinen Platz zu finden. Meine Heimat war es nicht, die Studentenstadt nicht, Frankreich wird es auch nicht sein. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Also renne ich weiter, weiter davon, bis ich den Platz finde, an dem ich endlich das Gefühl von „Angekommen“ spüre. Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.

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Veröffentlicht von

Iris

2013 entschied ich meine Heimat in Bayern zu verlassen, um in Sachsen-Anhalt zu studieren. Drei Jahre später zog es mich dort fort, nach Frankreich. Jetzt, einige Monate später, bin ich zurück in Deutschland und plane bereits meine zukünftigen Wohnorte. Ich liebe es zu schreiben. Kleine Geschichten, lange Romane. Meistens sind sie ausgedacht, nie so geschehen, nur Teil meiner Fantasie. Aber ich liebe es mit dem Gedanken des Was-Wäre-Wenn zu spielen. Da die Texte wahrscheinlich dann eh nur in den letzten Ecken meines PCs verschwinden würden, möchte ich sie hier veröffentlichen. Ich will ihnen einen Platz geben, wo sie sich präsentieren können und gelobt sowie kritisiert werden. Ich möchte mich als Schriftstellerin weiterentwickeln. Das geht nur mit ernsthafter Kritik. Begleitet mich auf meiner Reise zwischen Realität und Fantasie, zwischen Wahrheit und Fiktion.

2 Gedanken zu „Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.“

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