Eigentlich war ich nie eine begeisterte Langstreckenläuferin gewesen.

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Meine Laufgeschichte fängt in der Oberstufe an. Eigentlich war ich nie eine begeisterte Langstreckenläuferin gewesen. Ich habe die Leichtathletik geliebt, aber ich war der festen Überzeugung, dass ich für kurze Strecken bestimmt war. Dann kam in der Oberstufe die Hiobsbotschaft: pro Semester mussten wir jeweils drei Läufe absolvieren, jeweils 6 km in unter 40 Minuten. Dann gab’s 15 Punkte. Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wie die Bewertung danach war. Ich habe den Lauf einmal mitgemacht, war so motiviert und wollte es unbedingt schaffen. Man muss sich mal vorstellen: ich war vorher noch nie laufen gewesen, und jetzt sollte ich 6 km in unter 40 Minuten schaffen. Kein Wunder, dass die Jahrgangsstufen nach mir diesen Lauf nicht mehr machen mussten. Auch jetzt, sieben Jahre später, ist diese Vorgabe immer noch übertrieben gewesen.

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Sechs Wochen vor dem ersten Lauf versuchte ich das erste Mal die sechs Kilometer überhaupt durchzuhalten und traf mich dafür mit einer Freundin, die dasselbe vorhatte. Wirklich Spaß machte das Ganze überhaupt nicht, und vor allem waren wir nach nur knapp 2 km fertig, körperlich und mit den Nerven. Trotzdem versuchte ich es weiter. In der Trainingsphase schaffte ich die 6km nie. Dann stand der Tag schon an. Ich war so motiviert und setzte mir das Ziel von 6 km unter 40 Minuten. Als dann der Startschuss fiel, lief ich gemächlich los. Alle anderen rasten davon. Irgendwann merkte ich, dass ich eine der letzten war. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft mich die anderen überholt hatten. Gut. Die allerletzte war ich nicht. Ungefähr 10-15 Leute waren hinter mir. Im Ziel angekommen, brach ich dann erst einmal zusammen. Ich habe geheult. Mir lief der Schweiß runter, mein Kopf war puterrot, mein Kreislauf versagte. Meine Zeit war gar nicht mal so schlecht: 6 km in 43 Minuten.  Danach folgte kein anderer Lauf mehr. Ich weigerte mich vehement, jemals wieder laufen zu gehen.

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Vor 2 Jahren nahm ich wieder den Mut zusammen und schlüpfte in meine Laufschuhe. Ich war noch nie jemand gewesen, der schnell aufgab. Es reizte mich zu sehr, noch einmal die sechs Kilometer unter 40 Minuten zu schaffen. Die ersten Versuche fingen unglaublich peinlich an. Anfangs schaffte ich nicht mal 2 oder 3 km, ohne am liebsten umzufallen. Aber ich gab nicht auf. Es lohnte sich. Irgendwann schaffe ich tatsächlich die 6 Kilometer durchzuhalten. Nicht in 40 Minuten, aber das spielte erstmal keine Rolle. Ich lief 6 Kilometer, ohne am Ende heulend zusammenzufallen. Das genügte als erster Erfolg. Bis dahin dauerte es aber einige Monate. Erst dann machte ich mir Gedanken darüber, schneller zu laufen. Wieder einige Monate später standen da die 6 Kilometer unter 40 Minuten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich war. Ich hatte diesen Meilenstein geschafft, und ich begann mich irgendwie in das Laufen zu verlieben. Jetzt war ich soweit, meinen Blick darauf zu richten, längere Strecken zu laufen. Irgendwann schaffte ich dann 10 und 11 km. Dann kam die Zeit, als ich das erste Mal für drei Monate nach Frankreich ging. Erst funktionierte es mit dem Laufen. Dann passierte das Unerwartete: ich lief zu schnell und verletzte mich. Ich fiel für ganze vier bis fünf Monate aus. Die Schmerzen in den Schienbeinen tauchten nicht nur beim Joggen auf, sondern auch beim ganz normalen Laufen. Sie brauchten ihre Ruhe. Es war unglaublich frustrierend. Ich wollte laufen, doch ich konnte nicht. Nach ein paar Monaten Schonungszeit, stieg ich dann wieder ins Laufen ein. Ich fing nicht unbedingt bei Null an, aber ich begann wieder mit 3-4km. Die 10km rückten in weite Ferne. Im Herbst 2016 ging ich dann wieder nach Frankreich. Wieder eine Umstellung. Dieses Mal war die Umstellung aber nicht so gravierend wie beim ersten Mal. Dieses Mal schaffte ich sogar 12 Kilometer. Ich glaube, ich war noch nie so stolz auf mich und erkannte: Vielleicht war es doch möglich auf einen Halbmarathon hin zu arbeiten. Halbmarathon. Verrückte Idee. 21 km, aber ich dachte, in einem Jahr müsste das doch machbar sein. Ich visierte also den Halbmarathon im September 2017 an. Voller Freude darauf sprang ich wieder in meine Laufschuhe. Es folgte, was immer wieder geschah. Ich kann nicht einmal sagen, wie es genau passiert war, aber ich verletzte mich schon wieder. Dieses Mal am Knie. Wieder fiel ich aus. 2 Monate lief ich gar nicht, denn ich hatte Angst, dass das mit meinem Knie etwas Ernsthaftes war. Ich stoppte solange, bis ich beim Orthopäden einen Termin bekam. Erst als das Knie geröngt war, gab er Entwarnung: Der Grund für die Schmerzen war, dass meine Knochen im Knie nicht normal aufeinander liegen, sondern der eine Knochen verschoben ist. Er sagte aber, das ließe sich ganz einfach mit einer Bandage regeln. Ich trug sie dann auch, und damit waren die Schmerzen in meinem Knie tatsächlich verschwunden. Ich durfte wieder laufen. Seitdem, es sind nun drei Monate vergangen, kann ich wieder viel laufen gehen. Die Lektion, die ich in all der Zeit gelernt habe, ist, dass ich nun besser auf mich aufpasse. Wenn ich spüre, dass mein Schienbein wieder zwickt, mir sich der Magen irgendwie umdreht oder mein Knie sich bemerkbar macht, höre ich sofort auf. Ich habe meine Grenzen entdeckt. Jetzt versuche ich einfach so weit zu laufen, wie es geht. Wenn meine Beine es erlauben, bin ich schneller, aber ich gebe mich auch zufrieden, wenn ich etwas langsamer laufe. Von dem Gedanken „Halbmarathon“ habe ich mich irgendwie mehr oder weniger verabschiedet. Ich schaffe es wahrscheinlich nicht, in den nächsten sechs Monaten auf 21 km hin zu arbeiten. Ich versuche es, aber wenn es nicht möglich ist, dann geht es eben nicht. Vielleicht melde ich mich dann eben nur für den 10 km Lauf an. Auf jeden Fall laufe ich weiter, so weit wie mich meine Beine tragen.

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Was wäre, wenn er…

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Es war ein Tag wie jeder andere auch. Langsam fielen mir wie immer die Augen fast zu. Vier Stunden Französisch. Davon mehrere Vorträge und ein großes Wirrwarr, wenn es um Mitarbeit ging. Alles nachmittags, alles dann, während draußen wunderschönes Wetter war. In diesem Moment wollte ich einfach nur noch nach Hause. Dann endlich eine neue Aufgabe: Gruppenarbeit. So schnell wie diese Aufgabe jedoch kam, so schnell war unsere Gruppe auch damit fertig. Wir hatten nichts mehr zu tun, ich hatte nichts mehr zu tun. Mein Blick schweifte durch die Klasse. Aus Langeweile. Dann blieb mein Blick auf einmal auf ihm hängen. Ungewollt. Irgendwie. Er war mir schon Wochen zuvor aufgefallen. Zufällig. Eigentlich immer dadurch, dass ich in meinem Blickwinkel erhaschen konnte, dass sein Blick zu mir gerichtet war. Oder vielleicht auch nicht? Ich wusste eigentlich nicht genau, was ich da tatsächlich mitbekam: Blickte er mich an, schaute er aus dem Fenster, beobachtete er jemand anderes? Egal was nun der Fall war: es machte mich nervös, er machte mich nervös, sehr nervös sogar. Jetzt war er in seine Arbeit vertieft, schaute aber auf, als er meinen Blick bemerkt hatte. Wir schauten uns an. Länger als sonst. Aber ohne zu lächeln. Das war’s. Dann sah ich wieder weg und entschied, mich in Richtung Toilette aufzumachen. Ich musste meine Beine vertreten, sie waren wie mein ganzer Körper eingeschlafen. Also quetschte ich mich durch die Reihen und verließ den Raum. Auf dem Weg zur Toilette kam mir ein seltsamer Gedanke: Was wäre, wenn er nun zur gleichen Zeit den Raum verlassen würde, wir uns das erste Mal auf dem Flur alleine träfen? Würden wir dann endlich mal ein Gesprach miteinander führen konnen? Es war nie zustandegekommen, denn er war immer in derselben Gruppe. Sich dazugesellen ging nicht. Ich schüttelte den Gedanken ab. Alles Quatsch. Ich bildete mir alles nur ein. Er würde hier jetzt nicht auftauchen.

Ich erreichte die Toilette, nachdem ich mir viel zu viel Zeit bis dahin gelassen hatte, verschwand in den Raum, richtete meine Haare, wischte die verschmierte Wimperntusche weg, wusch die Hände. Bevor ich zwieder den Raum verließ, warf ich noch einen letzten Blick in den Spiegel. Ich hatte genug Zeit vergeudet, nun sollte ich wieder zurück in den Kurs gehen. Ich wandte mich daher zum Ausgang und hatte ihn gerade passiert, als ich plötzlich die Tür der Männertoilette neben mir hörte. In allen Fällen hätte es mich nicht interessiert, doch dieses Mal riss es mich aus meiner Gedankenwelt heraus, aus den Gedanken an ihn. Seine braunen Augen, seine braunen, kurzen Haare. Er war niedlich. Ausgesprochen niedlich sogar. Wie konnte es nur möglich sein, dass er jetzt unbedingt in meinem Kopf wütete? Vor ein paar Minuten, vor ein paar Tagen tat er es noch nicht. Jetzt auf einmal schon. Wie war das möglich?

Doch bevor ich meine Gedanken zu Ende denken konnte, unterbrach mich die Person neben mir mit ihrem Auftauchen, unterbrach er mich auf einmal. Plötzlich stand er da. Gleich neben mir. Voller Überraschung riss ich meine Augen auf. Verdammt. Was machte er denn jetzt hier? Dann dämmerte es mir. Er hatte den Raum verlassen, kurz nach mir, war mir gefolgt, mehr oder weniger. Jetzt standen wir uns gegenüber, hatten endlich die Möglichkeit miteinander zu reden. Er war allein, nicht wie immer in seiner üblichen Gruppe. Dann überkam mich Panik. Was sollte ich sagen? Irgendwas. Doch mein Kopf war wie leer gefegt. Mir verschlug es die Sprache. Ich starrte ihn nur an, sagte kein Wort. Dann wandte ich mich von ihm ab und stolperte den Flur zurück zum Kurs. Ich lächelte, war aber gleichermaßen schrecklich überfordert. Mein Verstand setzte aus. Dann betrat ich den Kursraum und setzte mich wieder auf meinen Platz. Er tauchte erst nach einer ganzen Weile auf…

Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

Da stand ich also am Aufzug. Wartend. Mit Krüken. Ich wollte nur in mein Stockwerk zurück. Früher hatte ich nie Zeit auf anderen Etagen verbracht. Das änderte sich. Mit dem Unfall. Er änderte einiges. Nicht alles wurde dadurch schlimm. Also stand ich nun da, in einer anderen Etage und wartete. Kurz zuvor hatte ich das gleiche getan, stieg zu dem jungen Mann in den Aufzug ein, ohne zu merken, wohin er doch fuhr. Er fuhr nicht nach oben. Er fuhr nach unten. Verdammt. Raushumpeln war nicht mehr mögich. Also ging es für mich mit ihm in den Erdgeschoss, um dann wieder nach oben zu kommen. Wunderbar.

Jetzt wartete ich wieder hier. Wieder sollte es nach oben gehen. Dieses Mal achtete ich aber tatsächlich auf die Fahrtrichtung. Ich wollte nicht schon wieder ewig im Aufzug stecken bleiben. Es war ja nicht so, dass ich ewig auf einem Bein stehen bleiben konnte. Das Gegenteil war der Fall. Mein nicht-verletztes Bein meldete sich. Es hatte genug von dem doppelten Gewicht, das sein Freund normalerweise zum Teil übernommen hätte. War jetzt nicht mehr möglich. Es war zuviel für den Gesunden. Dann tauchte endlich der Aufzug auf. Ich wollte mich gerade bereit machen um hineinzugehen. Als sich dann aber die Tür öffnete, schweifte mein Blick erst zur der gedrückten Zahl, bevor ich mich an die zwei jungen Männer wandte, die sich im Aufzug befanden. Sofort trafen sich unsere Blicke. Seiner erst auf mein Bein, dann in mein Gesicht. Da war er endlich wieder. Nach Wochen. Wochenlang haben wir uns nicht mehr gesehen. Die Treffen wurden rar und noch überraschender als zuvor. Mir verschlug es die Sprache. Er schob seine Sporttasche weiter in den Aufzug hinein, machte mir Platz. Aus meinem Mund huschte aber nur ein ¨Ah, non!¨. Ich tat einen Schritt zurück. Sie würden nach unten fahren. Nicht schon wieder. ¨Non?¨ Er wirkte überrascht. Ich fand keinen sinnvollen Satz in meinem Kopf. Lächelte aber. Dann: ¨Non…je…!¨ und zeigte mit dem einen Finger in der Krücke nach oben. Unsere Blicke waren aufeinandergeheftet, als sich die Tür schloss. Er verschwand. Ich blieb hier. Wartete, bevor ich den Knopf noch einmal drückte. Minuten später durfte dann auch ich endlich in den leeren Aufzug einsteigen, nach oben fahren. Dann kam mir Gedanke: Warum war ich nicht in den Aufzug zu ihm gestiegen? Wir hätten vielleicht endlich ein Gesprächsthema gehabt, vielleicht hätte er mich über mein Bein ausgefragt. Wir hätten miteinander reden können. Das erste Mal nach Monaten. Doch ich war wie erstarrt. Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

Man grüßt sich hier. Schließlich lebt man nicht nur im gleichen Wohnheim, sondern auch im gleichen Gebäude. Bonjour, Au revoir, Bonne soirée. Alles ganz normal. Wir sind Nachbarn. Wir kennen uns vom Sehen. So entgeht man wenigstens ein Stück der kompletten Anonymität. Daher wunderte mich also es überhaupt nicht, als ich da vor dem Aufzug stand, wartete und hinter mir die Tür auf- und zugehen hörte. Jemand gesellte sich neben mich. Ich wandte mich zu ihm. Ich kannte ihn. Ab und zu waren wir uns schon über den Weg gelaufen. Es war immer das gleiche gewesen: Ich schaute ihn an, er ignorierte mich. Kein Bonjour, kein Au revoir. Er war mir irgendwie nie wirklich sympatisch gewesen. Hübsch war er, aber unsympathisch. Schwarze Haare, grüne Augen. Statt also wie immer zu grüßen, wandte ich mich wieder von ihm ab. Er war mir zwar Tage zuvor schon mal entgegen gekommen, hatte mich angelächelt, das war’s dann aber auch schon. Keine Ahnung, was das auf einmal sollte, aber es war mir egal. Nun standen wir also beide da und warteten auf den blöden Aufzug, der wieder einmal in jedem Stockwerk hielt. Wahrscheinlich stieg wieder überhaupt keiner ein. Gar nicht nervig. Ich wartete also. „Bonjour!“ Das Wort von ihm neben mir kam überraschend. Ich hatte schon gemerkt, dass er sich mir zugewandt hatte, wollte das aber einfach ignorieren. Jetzt wollte auch ich mal die Ignorante sein. Konnte ich auch. „Bonjour!“, gab ich zurück, mit einem eher kühlen Lächeln. Vielleicht auch etwas zu kühl.

„Je suis F.!“ Okay, das war mehr als nur bloßes Grüßen. Ich nannte meinen Namen. „Enchanté!“ Ich nickte. Er wollte tatsächlich eine Unterhaltung anfangen. „Étudies-tu aussi?“ Studierst du auch. Wir standen in einem Studentenwohnheim. Ich antwortete trotzdem. „Oui, mais je suis une étudiante étrangère! Et toi?“ Ja, aber ich bin eine Auslandsstudentin. 

So begann unsere erste Unterhaltung. Ich empfand die Situation als seltsam, doch mit der Zeit – damit meine ich ein paar Sekunden – taute ich dann doch ein Stück auf. Endlich sprang der Aufzug auf, drei Studenten stiegen aus, wir hinein. Er drückte den Knopf seines Stocks, ich meinen. Kurze Gesprächspause. Gerade wollte sich die Tür des Aufzugs schließen, als sich noch jemand dazwischen schmiss. Die Tür hielt an, ging wieder auf. Da stand er plötzlich vor mir. Er. Der aus dem Bus. Timing war weder meine noch seine Stärke. Jetzt schwang er sich in den Aufzug. Es folgte ein Lächeln und ein Bonjour in meine, dann in F.s Richtung. Er drückte den Knopf seines Stockwerks, die Tür schloss sich. Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

F.s Blick auf mir, sein Blick auf mir. Ich spürte schon wie die Röte in mein Gesicht stieg. Dann nahm F. wieder das Gespräch auf. Wir waren schließlich vom Aufzug gestört worden. Meine vorherige Gelassenheit hatte sich jetzt verabschiedet. Mir war seine Reaktion nicht entgangen. Er schaute mich an, er schaute F. an. Spannung lag in der Luft. Wahrscheinlich bildete ich die mir aber auch nur ein. Es war ein komisches Gefühl mit den beiden hier zu stehen. Es gab tausend angenehmere Dinge. Das nächste Mal nehme ich die Treppe, schoss es mir durch den Kopf. Dann erreichten wir endlich mein Stockwerk. Ich war die erste, die aussteigen musste. Welch Glück! Die Tür sprang auf. „A bientôt!“ Es klang eher wie eine Frage von F. „A bientôt!“, lächelte ich ihn an. Kurz erhaschte ich noch einen Blick von ihm, der stumm blieb. Kein Au revoir von mir, keins von ihm. Also stolperte ich aus dem Aufzug hinaus, nahm die nächste Ecke und war der Situation entkommen.

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Jetzt passe ich hier also nicht mehr rein. Jetzt gehöre ich woanders hin. Dort ist mein neues Leben, vorerst.

Als ich aus dem Zug steige, ist da dieses Gefühl von „Ich komme nach Hause“. Alles ist hier so vertraut, ich kenne mich in dieser Stadt aus. Gut. Kurz zuvor war ich in Paris und habe mich gefühlt tausendmal verlaufen. Dazu kommt, das Paris laut und stressig war. Aber hier ist es was ganz anders. Ich habe hier mehrere Monate gelebt. Die Stadt wurde zu meinem zweiten Zuhause. Die Stadt ist kleiner, gemütlicher.

Am nächsten Tag, am nächsten Morgen schnappe ich meine Laufschuhe und laufe los. Ich will mich fühlen, als wäre dieses eine Jahr nicht vergangen, als wäre ich nie weg gewesen. Doch es fühlt sich nicht wie damals an. Irgendetwas ist anders. Wahrscheinlich hat sich die Stadt verändert. Okay, nicht alles. Die Loire steht wie immer sehr hoch. Einzelne Bäume sind bereits überflutet. Das hat sich nicht geändert. Genauso wenig wie das Wetter. Es regnet. Wie damals.

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Trotzdem wirkt die Stadt anders. Ein Jahr ist ja auch lang. Aber ich merke, es ist nicht nur die Stadt, die sich verändert hat, sondern auch ich. Als ich hier vor einem Jahr angekommen war,  suchte ich eine Möglichkeit, um für eine Weile Deutschland verlassen zu können. Zuviel war Geschehen, zuviel, was mich nach unten gezogen hatte. Bei meiner Ankunft suchte ich eine Möglichkeit, wieder glücklich zu werden. Ich erinnere mich noch, als ich in den ersten Tagen und Wochen nicht loslassen konnte und mir vorgestellt habe, es würde noch ein Happy End geben. Dann, von dem einen auf den anderen Tag, waren die Gedanken einfach verschwunden. Ich vergaß es und wurde hier tatsächlich glücklich, sehr glücklich sogar. Als es dann zurück nach Deutschland ging, waren alle Sorgen verschwunden.

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Jetzt, ein Jahr später, hat sich daran nichts geändert. Die Gefühle von vor einem Jahr sind verschwunden, genauso aber auch das Zuhause-Gefühl. Ich fühle mich wie eine Fremde. Auch wenn es irgendwie mein zweites Zuhause war, ist es das jetzt nicht mehr. Vor einem Jahr habe ich hierher gehört. Vor einem Jahr war diese Stadt genau das, was ich in meinem Leben gebraucht habe, um einfach aus dem Alten herauszukommen, um etwas Neues zu beginnen. Doch jetzt bin ich irgendwie aus dieser Stadt ‚herausgewachsen‚. Ich habe mich entwickelt, ich habe neue Erfahrungen gemacht. Jetzt passe ich hier nicht mehr rein. Jetzt gehöre ich woanders hin. Dort ist mein neues Leben, vorerst.