7 Monate Toulouse #1

15.9: Seit drei Tagen bin ich in Toulouse und durfte bereits in mein Studentenwohnheim einziehen. Bis jetzt ist Toulouse der Hammer, genauso wie mein Zimmer. Am Anfang hatte ich ein anderes, doch da hatte ich das Problem, dass ich nicht auf das Bett kam. Es war zu hoch. Selbst mit zwei Stühlen war es unmöglich. Als ich das dem Hausverwalter erzählt habe, hat er mich angeschaut, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Trotzdem bekam ich ein neues Zimmer. Jetzt habe ich einen wunderschönen Blick in Richtung der Garonne.

16.9: Bis jetzt ist Toulouse wirklich genial. Das Wetter ist nicht wie erwartet, sondern sehr wechselhaft. Leider regnet’s die ganze Zeit. Außerm habe ich bei meinen Stadtrundgängen bereits Orte kennen gelernt, die ich wahrscheinlich zukünftig meiden möchte. Aber ich bin in einer Großstadt, wenn nicht schon Metropole. Das ist normal.

28.9: Ich komme überhaupt nicht mehr zum Schreiben. Jeden Tag steht irgendwas anderes an. Es ist aufregend und spannend, aber ein wenig Ruhe könnte ich auch langsam mal gebrauchen. Dieses Wochenende war zum Beispiel das geplante Fest am See, an dem ich jemanden kennen gelernt habe. Heute habe ich ihn wieder gesehen. Auch jetzt finde ich, dass er ein schönes Lächeln hat. Im Nachhinein sogar richtig schön…

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10.10: Ich bin krank, habe aber trotzdem beim Colorrun5k teilgenommen. Danach ging’s mir richtig schlecht. Genial war es trotzdem. Sonst bin ich hier nur gestresst, weil die Uni einer Schule mit Hausaufgaben gleicht. Dann wird man auch noch ständig aufgerufen, und Handys sind strengstens verboten. Manche Dozenten schnauzen einen sogar an, wenn sie das Handy auf dem Tisch entdecken. Ich vermisse meine Uni jetzt schon. Da konnte man an manchen Tagen wenigstens körperlich, aber nicht geistig anwesend sein.

21.10: Her im Wohnheim grüßt man sich, auch wenn man sich nicht wirklich kennt. Man sieht sich aber jeden Tag, und das ist schon Grund genug, um sich zu begrüßen, zu verabschieden und einen schönen Tag oder Abend zu wünschen. Ich mag diese Gesten. Da fühlt man sich nicht ganz alleine unter vielen Studenten. Toulouse ist außerdem, trotz der Größe, fast schon dorfähnlich. Man sieht ständig jeden Tag dieselben Menschen in der Stadt. Was auch auffällt: die Menschen sind unglaublich entspannt. Manchmal vielleicht sogar etwas zu sehr. Aber vielleicht gewöhne ich mich die Monate da daran.

30.10: Nun bin ich aus Barcelona zurück. Endlich war ich in dieser Stadt, sah die Casa Battló, Casa Milá, Sagrada Familia und das Camp Nou. Endlich ging ein Traum in Erfüllung. Vor allem habe ich endlich wieder Inspiration für mein Buch gesammelt. Über eine Stadt zu schreiben, in der man noch nie war, ist echt schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Doch auch wenn Barcelona über einen traumhaften Strand und einer wunderschönen Architektur verfügt, würde ich dort niemals leben wollen. Schon aus dem Grund, weil Busfahren verdammt teuer ist.

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30.11: Eigentlich habe ich keine Lust zu schreiben, aber das letzte Mal ist schon so ewig her. Am Wochenende war ich in Bordeaux. Super schöne, saubere Stadt, in dem Menschen leben, deren Französisch im Vergleich zu den Toulousain verständlich ist. Die Südfranzosen bestehen nämlich leider auf ihre Art und Weise der Aussprache und stellen sich fast schon auf taub, wenn sie das Standartfranzösisch hören. Das frustriert etwas. Vor allem weil die Südfranzosen immer so nuscheln müssen.

Vom Dezember gab es keine Einträge, auch aus dem Grund, weil ich in den Weihnachtsferien zuhause in der Heimat war. 

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Ich war verliebt, wir waren Freunde, ich verliebte mich wieder, dann wurden wir nr noch flüchtige Bekannte…

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Wir lernten uns auf einer Party zufälligerweise kennen. Ich kannte niemanden, er sprach meine Sprache. Das genügte schon, um ins Gespräch zu kommen. Natürlich entging mir nicht, dass er gut aussah, dass er freundlich und lustig war. Mit ihm konnte man sogar über ernsthafte Themen reden. Es war ein bisschen “Verliebtsein auf den ersten Blick”. Das gebe ich gerne zu. Dann sah ich ihn erst einmal eine Weile nicht mehr. Vielleicht mal zufällig irgendwo auf einer Veranstaltung. Das war’s. Dann brach das neue Semester heran, und unerwartet hatten wir einige Kurse miteinander. Auf Veranstaltungen trafen wir uns auch öfters, wir kamen wieder ins Gespräch, wurden Freunde, tatsächlich sogar gute Freunde. Jedes Mal freute ich mich, mich wieder mit ihm unterhalten zu können. Manchmal waren Gespräche das schönste, auf das ich mich in einer Woche freute. Wohl bildete ich mir das ein, doch es kam auch etwas von ihm. Nur freundschaftlich? Mehr? Keine Ahnung. Wie beim ersten Mal fühlte ich mich wieder von ihm angezogen. Ich merkte wieder, dass es jetzt keine kleine Schwärmerei mehr war, sondern ich tatsächlich verliebt in ihn war. Ich hatte mich in seinen Charakter verliebt, und zwar noch mehr. Doch ehrlich gesagt wollte ich das nicht. Ich ging also auf Abstand. Ich blickte ihn nicht mehr an, ich lächelte ihn nicht mehr an, und in eine Unterhaltung trat ich erst recht nicht mit ihm. Wahrscheinlich merkte er das sogar, aber anscheinend störte ihn meine kühlere Art nicht. In dieser Zeit versuchte ich mir meiner Gefühle klar zu werden, aber auch, um über sie hinweg zu kommen. Nach einer Weile normalisierte sich die Situation zwischen uns, vor allem dadurch, dass meine Gefühle abflauten. Einfach so, ohne dass er etwas wirklich dazu beigetragen hätte. War es notwendig, dann sprachen wir miteinander, wir redeten wie damals. Nichts fühlte sich irgendwie seltsam an. Wie damals wurde es aber nicht mehr. Seine Komplimente freuten mich nicht mehr nur, sie taten mir auch irgendwie weh. Ich war verliebt, wir waren Freunde, ich verliebte mich wieder, dann wurden wir nur noch flüchtige Bekannte…

Es war nicht mein Zuhause, er war nicht mein Zuhause. Es war woanders…irgendwo.

„Kommst du?“ Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich starrte ihn nur an. „Wohin?“  „Nach Hause!“ Mein Blick schweifte zu seiner Hand. Ich hätte sie gerne ergriffen, wäre ihm gefolgt. Wahrscheinlich würde ich mit ihm ans Ende der Welt flüchten. Nur er und ich. Wir beide. Ich zögerte aber. „Nach Hause!“ Ich sprach mehr mit mir selbst als mit ihm. „Komm mit mir!“ Ich schaute wieder in seine Augen, seine blauen Augen. Oh, sie waren so schön. Oh, er war doch so schön. „Wir beide? Zusammen? Wer sagt mir denn, dass du nicht wieder verschwindest? Mich wieder alleine lässt?“ Er senkte seine Hand nun. In seinem Gesicht veränderte sich der Ausdruck. Er wurde nachdenklich.

„Ich habe dich schon einmal gehen lassen. Das möchte ich nicht noch einmal!“

„Eine Garantie ist das aber nicht!“

„Da hast du recht! Aber hierher gehörst du auch nicht!“

„Ich weiß!“

„Dann komm zu mir, komm nach Hause! Da gehörst du hin!“

„Warum sollte ich? Hab ich damals auch nicht. Hast du entschieden. Warum sollte ich es denn gerade jetzt schon?“

„Damals wusste ich es nicht. Jetzt schon!“

Einen weiteren Impuls unterdrückte ich, der mich zu ihm drängen wollte. Ich wollte. Ich wollte so sehr. Aber es ging nicht. Nicht mehr. Wir hatten unsere Chance, und diese nicht ergriffen.

„Weil es zu spät ist!“

„Zu spät?“ Er wirkte überrascht.

„Es ist ein Jahr vergangen. Ich war weg, ich bin wieder hier. Ich gehe wieder. Glaub mir: es ist zu spät!“

„Bist du dir sicher?“

Ich nickte. Dann wandte er sich um und ging. Ich folgte ihm nicht. Es war nicht mein Zuhause, er war nicht mein Zuhause. Es war woanders…irgendwo.

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Wenn sie da jetzt hochging, würde sie sich in ihn verlieben, und das ging nicht.

„Was machst du gerade?“ Sie las seine Nachricht, als sie sich bereits tief in ihr warmes Bett gekuschelt hatte. Es war ein Wunder, dass sie seine Nachricht überhaupt noch erhielt. Normalerweise würder sie schon längst schlafen. Nicht weil es spät war. Es was gerade erst acht Uhr abends. Und es war Freitag. Sie hatte viele Gründe, noch wach bleiben zu können. Theoretisch. Sie entschied sich anders. Noch vor ein paar Minuten wollte sie ihr Handy endgültig ausstellen und die Augen schließen, als die Nachricht eintraf. „Liege schon im Bett!“ „Schon? Du willst nicht zufälligerweise noch zu mir hoch kommen?“ Mit der Antwort ließ sie sich Zeit, starrte eine Weile die Worte an, tippte etwas ein, löschte es, erneute Worte, wieder gelöscht. Sie stritt innerlich mit sich selbst. Wie gerne würde sie jetzt bei ihm sein. Wie gerne würde sie es sich neben ihm auf dem Sofa bequem machen, vielleicht sich an ihn kuscheln.

Unbewusst hatte sie neue Worte ins Display eingetippt und abgeschickt. Hier ist es gerade so gemütlich. Warum lügen, wenn man auch die Wahrheit sagen konnte. Zumindest die halbe Wahrheit. Es stimmte schon, dass sie nicht aus ihrem Bett raus wollte. Hier war es warm und kuschelig. Würde es bei ihm auch sein. Wahrscheinlich sogar viel bequemer. Sie wäre nicht so allein in diesem gefängnisähnlichen kleinen Zimmer, an dessen Wände sie nachts pausenlos starrte, bevor sie endlich einschlief. Dann hörte sie auch noch das nervige Gepolter der Nachbarn über ihr, die Stöckelschuhe derjeniger, die die Nacht zum Tag machten und den Wind, der draußen seit Tagen heftig wütete. Bei ihm in seinem Zimmer würde sie diesem trostlosen Abend wahrscheinlich entweichen können. Ein anderer Grund hielt sie davon ab, aus dem Bett zu springen, die Haare in eine hübschere Position zu bringen und diesen einen Stock hochzusteigen. Würde sie nun zu ihm gehen, sich in seine Nähe, seine Gegenwart begeben, würden sie wieder stundenlang über alles Mögliche reden, bequem gekuschelt auf dem Sofa, dann würde sie, ja, dann würde sie sich wahrscheinlich immer mehr in ihn verlieben. Dagegen sprach wenig, aber sie konnte, sie wollte nicht. Sie würde ja Frankreich verlassen. Bald. Nicht mehr lange. Würde sie sich nun in ihn verlieben, was sollte daraus werden? Sie ging, er blieb. Wenn sie da jetzt hochging, würde sie sich in ihn verlieben, und das ging nicht.

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