Was man wissen sollte über zwei Stunden im Kurs einer französischen Universität

Pünktlich fünfzehn Minuten vor Kursbeginn treffe ich vor dem Raum ein. Manchmal sind es auch zwanzig, manchmal nur zehn. Auf alle Fälle bin ich etwas früher da. Lieber ein paar Minuten zu früh als den Kurs zu spät zu stören. Denke ich mir. Gut ich bin tatsächlich die einzige, die da ist. Die anderen kommen immer kurz vor knapp. Gut, ich finde, dass es kurz vor knapp ist. Eigentlich sind sie pünktlich. Irgendwann taucht dann der Professor auf. Manchmal pünktlich, aber eigentlich immer zu spät. Dann beginnt der Kurs.

Es vergehen 10 bis 15 Minuten bis jeder einen Platz gefunden hat, die Sachen ausgepackt und die Unterhaltungen beendet sind. Mehrfach verschwindet der Dozent noch einmal, weil er irgendwas vergessen hat. Manchmal wird auch erst später angefangen, weil zu wenig Leute pünktlich sind. Dann wird gewartet. Auf die Studenten. Nicht auf den Dozent. Nein. Auf die Studenten. Igendwann kann es dann aber wirklich losgehen. Es dauert  nur ein paar Minuten, dann klopft es das erste Mal an der Tür. Der erste, der zu spät kommt. Also, noch viel später. Die erste Unterbrechung. Dann geht es wieder weiter. Manche Dozenten achten darauf, anderen ist es egal.

Den Kurs in einer internationalen Gruppe kann man sich so vorstellen: entweder stellt der Lehrer eine Frage und keiner meldet sich oder er stellt eine Frage und es werden einfach irgendwelche Worte in den Raum geschmissen oder der Dozent stellt eine Frage und beantwortet sie gleich selber. Das nennen Sie hier mehr oder weniger Seminar. Auf alle Fälle lässt keiner den anderen ausreden. Sätze werden meistens auch nicht ausformuliert. Meistens sind es einfach nur rein geschmissen Worte.  Wenn man es jedoch mit einer Vorlesung zu tun hat, sitzt man da, ungefähr die ganzen zwei Stunden und soll jeden Wortlaut des Lehrers aufschreiben. Der Lehrer diktiert sogar, wann man mitschreiben, welche wichtigen Punkte man herausheben und was man unterstreichen soll. Schule eben. Am Anfang habe ich so weiter gemacht, wie ich das auch an meiner Uni getan habe. Ich habe meine eigene Überschriften benutzt, Stichpunkte aufgeschrieben und nur das Wichtigste zusammengefasst. Blöderweise schauen die Dozenten in euren Unterlagen nach, was ihr tut. Schließlich wollen sie, dass man für die Abfrage in der nächsten Stunde bereit ist.

Weiter zum Kurs: Es sind wieder ein paar Minuten vergangen, eine halbe oder dreiviertel Stunde. Dann klopft es wieder. Der nächste zu spät. Manche Dozenten reagieren dann etwas verärgert, aber die meisten haben schon aufgehört überhaupt irgendwas darüber zu sagen. Auffällig ist, dass es immer die gleichen Nationalitäten sind, die so extrem zu spät kommen, und immer die gleichen, die über diese Unverschämtheit den Kopf schütteln: nämlich die Deutschen und die Engländer. (man bemerke: diese Verspätungen sind meist um 8.30, also zur ersten Stunde des Tages. Es liegt also an keinem vorherigen Kurs)

Nach einer Stunde folgt in den Vorlesungen eine kleine Pause. In den Seminaren nicht. Nur wenn das Seminar vier volle Stunden geht. Die Konzentration ist in der zweiten Hälfte des Kurses meistens deutlich angeschlagen. Zwei Stunden Kurs ist schon nervenzerrend. Vier erst recht. Wurde schon in der ersten Hälfte nicht mitgearbeitet, dann in der zweiten erst recht nicht. Das Gute ist, dass Dozenten pünktlich auf die Minute aufhören. Kaum überziehen. Dummerweise fängt der nächste Kurs zur gleichen Zeit an, wie der andere aufhört. Das bedeutet: Ende 10.30, Anfang 10.30. Nicht zu vergessen: Die Kurse liegen auf dem Campus verstreut. Früher gehen ist verboten. Verspäten ist daher normal und trotzalledem auch nicht gern gesehen. Zum Thema Logik. Geht man dann nach Hause, heißt es, Hausaufgaben machen. Meistens tu ich das, aber immer erst am Morgen vor dem Kurs. An das Schulsystem kann ich mich eben nicht gewöhnen.

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Dann stapfte ich los. Er verabschiedete sich nicht. Wir gingen getrennte Wege.

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Ich hatte es mir auf der kleinen Mauer gemütlich gemacht. Zu den anderen. In der Mitte von uns standen unzählige Bierflasche und Snacks. Jeder hatte was mitgebracht. Es sollte ein entspanntes Picknick werden. Mein letztes Picknick in Frankreich. Mit ein paar Freunden, mit ein paar Freundesfreunden, mit guten Getränken, gutem Essen, guter Musik und gutem Wetter. Den ganzen Tag hatte die Sonne die Erde aufgeheizt. Selbst jetzt am Abend war es noch angenehm warm. Nun saßen wir also alle in einer netten Runde zusammen und sprachen in mehreren Sprachen durcheinander. Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch. Es sollte das letzte Mal sein, wo ich einige von ihnen sehen würde. Manche wohnten am anderen Ende der Welt. Manche nur ein paar Landesgrenzen hinweg. Auf alle Fälle woanders.

Sein Auftauchen hatte ich erst durch die Reaktionen der anderen bemerkt. Vor allem durch die Gesichtsausdrücke meiner Freundinnen, die erst zu ihm, dann schlagartig zu mir sahen. Erst hörte ich seine unverwechselbare Stimme. Als er dann die Runde umkreiste und sich gegenüber von mir niederließ, sah ich ihn dann auch. Freute ich mich vor ein paar Wochen noch bei seinem Anblick, bemühte ich mich dieses Mal nur schwerlich um ein Lächeln. Ich fühlte mich sogar ziemlich unbehaglich in seiner Anwesenheit, und vor allem seinem Blick auf mir. Wären da nicht mein verletztes Bein und die nervigen Krücken, wäre ich wahrscheinlich schon längst geflüchtet. Stattdessen saß ich hier fest. Ich wusste, dass ich die ganze Situation maßlos dramatisierte. Nichtsdestotrotz spürte ich den Scham deutlich in meiner Bauchhöhle. Denn er wusste, wie ich empfand. Ich bei ihm hingegen nicht. Obwohl keine Antwort auch eine war, oder? Ich schnappte mir ein erneutes Bier. Wenn ich nicht von dieser Situation rennen konnte, dann wenigstens seinem Blick. Den ganzen Abend lang sprachen wir kein einziges Mal. Er betrachtete mich, ich vergnügte mich mit den Getränken. Ich brauchte das. Ohne würden mich die Gefühle überwältigen. Nicht nur der heutige Abschied. Auch die Wut auf ihn.

Die Zeit verging wie im Flug. Es war Zeit für mich aufzubrechen. Es war 22h. Jetzt musste den Aufzug nehmen, später würde er abgeschaltet werden. Es war Nachtruhe. 22h bedeutete, ein letztes Mal meine Freunde in den Arm nehmen und auf ein baldiges Wiedersehen hoffen. Eine Freundin half mir auf. Es war alles andere als grazil. Es sah bescheuert aus. Alleine wäre es unmöglich gewesen. Sein Blick wieder auf mir. Ich ignorierte das. Nacheinander verabschiedete ich mich von den anderen. Ich unterdrückte meine Gefühle. Nicht weinen, dachte ich mir. Dann stapfte ich los. Er verabschiedete sich nicht. Wir gingen getrennte Wege.

7 Monate Toulouse #2

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Januar:

3.1: ich hatte wohl die aller schlimmste Rückreise. Erst ging es um 1.55 mit dem Bus nach Berlin, wo alle paar Minuten ein kleines Mädchen durch den Bus geschrien hat. Um 3.30 hielt uns die Bundespolizei an, um ein paar Reisende zu überprüfen. Einer davon wurde sogar mitgenommen, kam aber später wieder. Dann ging es weiter. Als ich in Berlin dann aus dem Bus ausgestiegen bin, um zum Berlin Tegel zu gelangen, war ich innerhalb von 10 Minuten durch und war über drei Stunden zu früh dran. Dann ging mein Flugzeug auch noch 20 Minuten später los, war aber pünktlich in Frankfurt. Wieder 2,5 Stunden Wartezeit. Dann die Tortur: Gate 68, 56, 62, 64, 56. Dann startete der Flieger auch noch fast eine Stunde später. Grund war der morgendliche Schneesturm in Deutschland. Ich war so froh, als ich dann endlich in Toulouse war. Man bedenke: ich habe in der ganzen Zeit maximal eine Stunde Schlaf gehabt. Außerdem war ich auch noch heftig erkältet. Im Flugzeug fühlte es sich an, als würde mir der Kopf bald platzen.

27.1: Für meinen Geburtstag ging es mit einer Freundin nach Narbonne. Blöderweise hat es den ganzen Tag geregnet und gestürmt. Das war’s dann also mit einem schönen Tag am Meer. Als wir dann auch noch in Gruissan waren, vergaßen wir auf die Zeiten des Busses zu achten und standen dann vor den Busabfahrtzeiten, die uns sagten, dass der nächste Bus erst zwei Stunden später abfahren würde. Hungrig und genervt vom Wetter bestellten wir uns ein Taxi. Anders war es sonst nicht möglich, wieder nach Narbonne zu kommen.

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Februar:

18.2: ich bin zurück aus Tours und Paris. Paris war das absolute Chaos. Nicht die 6,5h Zugfahrt und auch nicht die Tatsache, dass mein Wagon gefehlt hat. Auch nicht mein Hostel, das eine geniale Lage hatte, sondern die Tatsache, dass Paris so laut und groß war, dass ich mich ständig verlaufen habe. Im Louvre dann waren so viele Menschen, die sich so unmöglich aufgeführt haben, dass ich nach zwei Stunden das Weite suchte.

23.2: Langsam freue ich mich, wieder nach Deutschland zu kommen. Ich habe etwas genug von Frankreich. Nicht weil es mir nicht mehr gefällt. Frankreich ist wunderschön. Ich liebe die Sprache. Ich liebe das Essen. Ich liebe die Kultur. Doch mir fehlen die deutschen Tugenden, auf die ich einfach nicht verzichten kann.

27.2: Langsam entsteht in mir das Gefühl, dass ich wieder nach Hause will. Die ersten sechs Monate waren zwar einfach genial, aber jetzt geht mir langsam die Luft aus. Liegt wohl am Stress. Nur noch 3,5 Monate.

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März:

15.3: Bis vor kurzem hatte ich noch Heimweh, jetzt will ich bloß nur nicht so schnell zurück. Denn langsam tickt die Uhr. Ich bin nur noch drei Monate hier, dann verlasse ich Frankreich. Ich geh nach Deutschland. Es sind tatsächlich nur noch drei Wochen Unterricht und zwei Wochen Prüfungen, bevor ich dann erst einmal 1,5 Monate Urlaub genießen kann.

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April:

01.04: Vor drei Tagen passierte das wohl Schlimmste, was jemals hier hätte passieren können. Ich war im Trampolinpark und habe mich am Knie verletzt. Sechs Stunden im französischen Krankenhaus später das Ergebnis: Kreuzband- und Meniskusriss. Im schlimmsten Fall muss ich operiert werden. Es sind Ferien, also keine Uni, die ich verpasse, aber das macht die Sache gerade nicht besser. Ich überlege mir jetzt, ob ich meinen Aufenthalt Mitte Mai abbrechen soll. Aber nein. Ich bleibe. Dann halt mit Krücken. Ich schaffe das.

11.04: In einer Woche soll ich irgendwann meine erste Physiotherapie bekommen. Eine Woche lang lag ich jetzt flach in meinem Bett mit höllischen Schmerzen. Ich weinte. Ich weinte viel. Ich wollte meinen Aufenthalt hier zu Ende machen, nicht so schnell aufgeben, doch es geht nicht mehr. Ich werde Frankreich Anfang Mai verlassen. Ich bin traurig. Ich wollte hier doch noch soviel erleben, habe sogar bereits einen Flug nach London gebucht. Doch nichts geht mehr. Ich kann nicht mehr in die Uni gehen, ich kann nicht mehr gehen, kann keine Prüfungen mehr machen. Das Semester, der Aufenthalt ist von heute auf morgen einfach vorbei.

19.04: Bis vor Kurzem dachte ich noch, dass ich ein paar Wochen in der Uni und zwei Monate in Frankreich haben werde, jetzt ist es entschieden: ich verlasse Frankreich am 5.5. Die Reise ist geplant, ich werde verschwinden. Schlagartig ist alles vorbei. Ich werde nie wieder an der Garonne entlang joggen, mit Freunden in Bars gehen, bei ihren Picknicks teilnehmen. Endlich habe ich wirklich Anschluss gefunden, der Unfall hat alles zerstört.

23.04: Ich bin bereit, Toulouse hinter mir zu lassen, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Ich muss wissen, was mit meinem Knie los ist. Es tut weh, auch nach drei Wochen. Das kann einfach nicht in Ordnung sein. Ich weiß, dass der Arzt von Meniskus- und Kreuzbandriss ausgeht, aber sicher ist das eben noch nicht. Gerade dreht mein Kopf vollkommen durch. Ich habe panische Angst vor den Monaten, in denen mein Bein wieder funktionsfähig gemacht wird. Jeden Morgen wache ich ohne Schmerzen im Knie auf, denke, dass alles in Ordnung ist. Heute hielt ich mein Bein aber irgendwie falsch, übte versehentlich Kraft aus und hatte sofort Schmerzen auf beiden Meniskusseiten.

06.05: Schon bin ich zurück in Deutschland. Wieder mit höllischen Schmerzen, weil ich gestern irgendwie doof auf das Bett im Hotel gesprungen bin. Ich bin einfach nicht für ein verletztes Bein geschaffen. Der Abschied von meinen Freunden war die Hölle. Ich werde sie alle so unglaublich vermissen. Natürlich wohnen einige nicht so weit entfernt, irgendwo in Deutschland, aber die anderen sind so weit entfernt. Als ich dann heute Nacht das Hotel verlassen habe, habe ich erst einmal total geweint, denn ich bin sauer. Es kommt mir vor, als würde das Schicksal ein Beil über alle Erasmus-Studenten kreisen lassen und bei einem fällt’s runter. In diesem Fall eben bei mir. Ich war zwar sieben Monate hier, aber im Nachhinein hätte ich die neun doch liebend gerne beendet. Wurde mir aber anscheinend verweht.

Ich musste wieder auf die Beine kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann erst könnte ich in das Flugzeug steigen. (…) Wenn es dann nicht schon zu spät war…

„Bist du noch in Toulouse?¨

Mit seiner Sms hatte ich nicht mehr gerechnet. Ich hatte ihm meine Nummer gegeben, hatte Tage lang auf eine Antwort gewartet, war mir sicher, es wäre umsonst gewesen. Hatte ich mir geschworen, es endlich zu wagen, selber aktiv zu werden – schließlich war mir die Zeit davongerannt – durchkreuzte mein Unfall meine Pläne. Wochenlang hatte ich mir Mut zugeredet, hatte ich mit Freunden darüber gesprochen. Ich war bereit, ich wollte es angehen. Ich wusste, dass ich noch zwei Monate hier hatte. Zwei Monate, die ich nutzen wollte. Dann der Unfall, dann die Horrornachricht, dann der Entschluss, meinen Aufenthalt abzubrechen. Wochen des Unwissens, der Tränen und der Entscheidungen. Der Unfall entschied, dass ich auch ihn nicht mehr wieder sehen sollte. Erst gab ich mich geschlagen, dann wollte ich es nicht so hinnehmen. Ich setzte alles auf eine Karte, wollte meine letzten Tag noch ausnutzen. Klappte es nicht, würde ich ihn nie wiedersehen. Klappte es,…

„Ja, ich bin noch bis morgen hier!“

„Sehen wir uns noch vor deiner Abreise?“

„Sehr gerne! Ich bin nur nicht besonders mobil!“

Hektisch suchte ich mir meine Klamotten zusammen, bevor ich mein Zimmer mit Krücken verließ. Der Treffpunkt war nicht besonders weit. Eine Parkbank versteckt unter ein paar Bäumen. Bis hierhin würde ich es schaffen, hier könnten wir uns unterhalten, hier könnten wir uns nach langer Zeit wiedersehen. Je näher ich dem verabredeten Ort kam, desto heftiger pulsierte mein Herz. Vermutlich war das Laufen Grund dafür. Vielleicht war es aber auch dem Moment geschuldet, als ich ihn da auf der Parkbank entdeckte. Sein Blick war auf seine Hände gerichtet, mit denen er nervös spielte. Er wirkte wie immer schüchtern, wie immer so unglaublich süß. Es dauerte eine Weile, bis er aufblickte und mich entdeckte. Sofort sprang er auf und sah mich wie immer mit seinem wunderschönen, offenen Lächeln an. Ich näherte mich, setzte mich hin, er nahm mir die Krücken ab und lehnte sie an die Bank. Dann ließ er sich ebenfalls nieder.

„Wie geht’s dir?“

„Den Umständen entsprechend!“

„Du fährst morgen?“

Ich nickte. Stille kehrte ein. Er sprach nicht, ich sprach nicht. Er sah wieder hinunter zu seinen Händen. Keiner von uns wusste, was er sagen sollte. Kein Wunder. Unser Timing war mehr als schlecht. Nur einige Wochen zuvor sahen wir uns nach einer etlichen Weile wieder. Ihn näher kennen zu lernen schob ich Tag für Tag vor mir her. Ich dachte, ich hätte Zeit. Dann kam der Unfall. Jetzt saß er hier neben mir. Ein Tag vor meiner Abreise. Am nächsten Tag würde ich sehr früh das Land verlassen. Ich würde verschwinden, er würde wieder zurück in sein Land fliegen. Ob wir uns wieder sehen würde: unsicher.

„Wie wird es weiter gehen?“ „Ich fahre nach Hause und werde erst einmal wieder gesund. Nach meiner Operation und der Physiotherapie sehe ich dann weiter! Auf alle Fälle muss ich jetzt erst wieder laufen können!“

Er nickte. Ich wusste, dass es nicht die Antwort war, die er erwartet hatte. Aber mehr konnte ich dazu einfach nicht sagen. Bis jetzt waren mir selber noch die nächsten Monate ungewiss. Operation, Physiotherapie. Keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Keine Ahnung, wie lange das ganze dauern würde, bis ich wieder mobil war. Jetzt war es nur wichtig, wieder auf die Beine zu kommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Dann würde ich alles weitere entscheiden, dann würde ich alles weitere planen. Dann erst könnte ich in das Flugzeug, dann könnte ich erst den Zug steigen. Wenn es dann nicht schon zu spät war…

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So steige ich (…) ins Auto und verlasse das Gelände, verlasse Toulouse, verlasse Frankreich. Zurück nach Deutschland, zurück nach Hause, weg von ihm. Ohne seinen Namen.

Ich stehe mitten im Raum, mich halten meine Krücken. Mein Blick schweift über die leeren Möbelstücke. All meine Sachen sind bereits in Tüten und Kisten gepackt und ins Auto gebracht worden. Hier ist nichts mehr. Nichts, was an mich erinnert. Das Zimmer ist bereit für einen neuen Studenten. Ich verlasse das Zimmer so, als hätte es mich hier nie gegeben, als hätte ich hier nie gewohnt. Die Zimmernummer wird einem neuen Namen zugeordnet, ich verschwinde aus der Kartei. Ich werde das Wohnheim genauso unbekannt verlassen, wie ich es vor sieben Monaten bezogen hatte. Das macht traurig. Dann ist es Zeit, die Schlüssel abzugeben. Ich überreiche sie der Frau, die darauf wartet, dass ich das Zimmer verlasse. Ich humple nach draußen. Die Tür fällt zu, sie wird verschlossen. Die Schlüssel verschwinden in den Händen der Frau. Nun steige ich in den Aufzug ein. Die Trauer umgibt mich. Ich halte meine Tränen aber zurück. Erstmal. Dann verlasse ich das Gebäude. Ein paar bekannte Gesichter kommen mir noch entgegen.

Draußen will ich gerade ins Auto steigen, da steht er auf einmal. Er kommt wahrscheinlich gerade von der Uni. Er sieht die Frau von der Verwaltung mit den Schlüsseln. Er kann erahnen, was geschieht. Es ist offensichtlich. Ein vollgepacktes Auto, die Frau mit meinen Schlüsseln, meine Familie bei mir, ich mit Krücken. Er bekommt meinen Auszug mit. Dann verabschiedet sich die Frau von der Verwaltung bei mir, wünscht mir ¨bon courage¨ und verschwindet. Jetzt heißt es auch für mich zu gehen. Ich halte aber noch inne. Ich betrachte ihn, er mich. Ich lächle, er lächelt. Wieder sein ¨Bonjour¨. Oh, das werde ich so vermissen. Wieder meins. Ich erwarte mehr Worte, vielleicht ein Happy End, eine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, Kontakt aufzubauen, Kontakt zu halten. Ich weiß, dass ich, wenn ich jetzt in das Auto steige, ihn nie wieder sehen werde. Wenn ich zurück nach Toulouse kommen würde, würde er hier nicht mehr sein. Wir würden uns nie wieder über den Weg laufen. Alles oder Nichts. Doch er geht weiter. Er steuert das Innere des Wohnheims an, dreht sich noch einmal um und verschwindet endgültig.So steige ich, weniger grazil mit dem starren Bein, ins Auto ein und verlasse das Gelände, verlasse Toulouse, verlasse Frankreich. Zurück nach Deutschland, zurück nach Hause, weg von ihm. Ohne seinen Namen.


I’m standing in this room with my crutches which have to hold me. I’m staring at the empty pieces of furniture. All my stuff is gone, somewhere in bags, somewhere in the car. Here’s nothing more. The room is prepared for a new student. I’ll leave this room as if I haven’t never been here, as if I haven’t never lived here. Another student will get the number of this room; I’ll disappear in all card indexes. I’ll leave this room as unknown as I came here seven months ago. This makes me sad. It’s time to hand over the keys to the women. She waits. I should leave now. I’m limping out. The door closes. She locks it. The keys disappear somewhere in her hands. I’m taking the elevator, going downwards. I’m trying not to cry. Bad timing. Then, I’m leaving the building. There are some people I know. They’re quite familiar.

I’m about to climb into the car; then suddenly, he’s standing in front of me. Probably, he was in university. He’s looking to the women from the administration with my keys. He can guess what’s happening. It’s obvious. The car which is packed with all my stuff, the women with the keys, my family, me and my crutches. Then, the women from the administration says goodbye and wishes me “bon courage” before she’s leaving. Now, it’s time for me to go but I stop for a moment. I’m looking at him, he’s looking at me. I’m smiling, he’s smiling. His “bonjour” again. Oh, I will miss it. Mine again. I’m expecting more words, maybe a happy ending, a possibility to get in contact, maybe to stay in contact. I know that I’ll never see him again when I get into the car. If I come back to Toulouse, he won’t be here anymore. We won’t come across. I’m sure. It’s all or nothing. But he’s walking on. He heads for the inside of the building and turns around for one second before he finally disappears.

Now, I’m getting into the car, less graceful than I want to be. So, I’ll leave Toulouse, I’ll leave France. Back to Germany, back home, far away from him, without knowing his name.

„Ich habe es gewagt!“ „Und?“ „Verloren!“

„Ich habe es gewagt!“

„Und?“

„Verloren!“

Sie hatte es sich gerade auf dem Sessel gegenüber von mir gemütlich gemacht und einen Kaffee bestellt, bevor wir zu dem Gespräch kamen.

„Wieso?“

„Es sollte eben einfach nicht sein! Aber das wusste ich schon bei jedem Treffen!“

Ich nahm einen Schluck aus meiner Tasse, um die aufkommende Trauer herunterzuschlucken. Darüber zu reden tat weh. Auch jetzt, Wochen später, trieb mir der Gedanke an ihn Tränen in die Augen. Ich sollte darüber hinwegkommen, sollte ich wirklich. An manchen Tagen funktionierte es, an anderen überhaupt nicht.

„Lag es an ihm?“ „Nein! Aber auch nicht an mir!“

Das stimmte. Niemand von uns war schuld gewesen. Ich hätte es auf meine Schüchternheit schieben können oder auch auf all die unpassenden Momente, die ich damals ungünstiger betrachtet hatte als sie eigentlich waren.

„Wie geht es jetzt weiter?“

„Ich sehe ihn nie wieder!“

Bis dato hatte ich diesen Gedanken nie laut ausgesprochen. Warum auch. Die Sache würde dadurch nicht besser werden. Eher schlimmer. Es wurde realistischer. Davon wollte ich mich eigentlich fernhalten.

„Denkst du, es wäre anders gekommen, wenn du es früher gewagt hättest“

„Vielleicht! Vielleicht aber auch nicht!“

„Aber du denkst trotzdem darüber nach, wie es gekommen wäre, wenn du schon vor einem Monat den Schritt getan hättest, wenn du einfach ins kalte Wasser gesprungen wärst!“

„Natürlich! Aber ich kenne ihn nicht gut genug, um zu sagen, was nun der Grund dafür gewesen wäre, dass er sich nicht gemeldet hat. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal mehr, wer ich bin. Schließlich sind bereits einige Wochen vergangen! Ich habe ihn ja mehr oder weniger schon mit allem überfallen!“

„Du denkst, dass du ihn damit abgeschreckt hast?“

„Wahrscheinlich! Wenn ich mir alles zuvor nur eingebildet habe, dann habe ich ihn ja fast schon vor unveränderte Tatsachen gestellt!“

Es war ein gutes Nebeneinanderleben zwischen uns. Wir sahen uns jede Woche ein paar Mal. Das war’s dann auch schon. Nicht mehr und nicht weniger. Doch dann entwickelten sich in mir plötzlich Gefühle. Unerklärbare Gefühle. Sie kamen einfach so. Nichts hatte sich geändert. Wir sahen uns nicht öfters, wir sprachen nicht öfters. Trotzdem kamen die Gefühle auf. Dann war da noch der Zeitdruck. Die pochende Uhr in meinem Köpfchen, die mich nicht vergessen ließ, dass ich nur noch wenige Monate in Frankreich hatte. Ich musste handeln. Tat ich auch. Aber erst, als es nur noch ein paar Wochen bis zu meiner Abreise war. Dann sogar nicht selber. Sondern über eine andere. Wegen meinem Unfall. Ich fühlte mich feige.

„Aber er wusste doch den Grund, warum du dich nicht darum kümmern konntest. Das wird er schon verstehen!“

Trotzdem fühlte ich Feigheit in mir. Feigheit und Scham. Ich fühlte mich peinlich berührt. Gefühle offen darlegen, tat ich nie. Das war mir immer zu unsicher gewesen. Jetzt hatte ich es doch gewagt und verloren…

„Bist du dir eigentlich sicher, dass du verloren hast?“

„Ziemlich!“

„Ziemlich sicher?“

„Ich hab’s im Gefühl!“

„Wenn du dich täuschst?“

„Ich habe lange genug gewartet! Jetzt ist er mir egal!“

Damit schloss ich die Sache ab.