Der Aufzug setzte sich in Bewegung, nach unten. In meinem Gesicht entstand ein breites Lächeln. Dann verließ ich das Gebäude.

Ich humpelte Schritt für Schritt nach vorne. Noch etwas benommen, ein leichtes Kribbeln im Bein. Sobald ich aber mit dem Fuß aufsaß, zog es, zog es unangenehm. Da musste ich durch, dachte ich mir. Hier jetzt aber wieder in die übliche Art und Weise zu gehen, wäre unpassend gewesen. Also Augen zu und durch, metaphorisch.

Ich steuerte den Aufzug an, lief an der Rezeption vorbei. Da stand er. Ich lächelte ihn an. Er und die Frau an der Rezeption unterhielten sich gerade mit einem Mann. Ich passierte sie, nickte ihnen zu und verabschiedte mich. Auch von ihm. Kurz vor dem Aufzug löste er sich auf einmal aber von der Theke und drückte für mich den Aufzugsknopf. Ich bedankte mich mit Merci. Ach, verdammt. Mein Kopf steckte immer noch in Frankreich. Er lächelte mich an, ich sagte noch einmal Dankeschön, dann stieg ich ein, drückte die Taste nach unten, drehte mich um. Die Tür schloss sich, als er plötzlich wieder auftauchte. Er stellte seinen Fuß zwischen die Tür, hielt den Aufzug damit auf. Er machte einen Schritt in den Aufzug hinein, hielt die Tür mit dem Knopf offen. Ich blickte ihn etwas überrascht an. Er wirkte nervös. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Warum auch. Dafür gab es vorher nie einen Grund. Jetzt aber anscheinend schon.

„Hättest du Lust mal einen Kaffee zusammen trinken zu gehen?“

Die Frage überraschte mich schon sehr, doch ohne wirklich nachzudenken sagte ich zu. Seine Nervosität im Gesicht legte sich, er trat einen Schritt aus dem Aufzug hinaus, die Tür schloss sich. Der Aufzug setzte sich in Bewegung, nach unten. In meinem Gesicht entstand ein breites Lächeln. Dann verließ ich das Gebäude.

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Ich entschied mich fürs Kennen lernen im echten Leben. Ich will kein Bild, kein Profil erst ausführlich studieren, bevor ich mich für oder gegen ihn entscheide.

Er schreibt mich mit „coucou“ Hallöchen an. Ich betrachte mir sein Profil. Er schaut gut aus. Blonde Haare, blaue Augen. Mag ich. Er ist Student, 25 Jahre alt, wohnhaft in Toulouse. Er wirkt nett. Ich antworte ihm. Eigentlich habe ich von der Dating-App genug. Seine Nachricht stoppt mich davor, sie zu löschen. Ich gebe ihr eine Chance, ich gebe ihm eine Chance. Ich antworte ihm mit Salut. Prompt kommt eine Antwort.

„Wie geht’s?“

Ich antworte noch freundlich, dass es mir gut geht. Ich frage zurück. Der normale Smalltalk. Ich bin kein Fan von Smalltalk. Doch so beginnen Gespräche eben. Besser als Stille.

„Was suchst du hier?“

Genervt rolle ich mit den Augen. Wieder diese Frage. Wieder die Frage, was ich suche. Ich versuche ruhig zu bleiben, nicht zickig zu antworten, auch wenn es in mir brodelt. Ich hasse diese Frage. Sie scheint aber normal in der Online-Welt zu sein. Denn anscheinend gibt es nur zwei Möglichkeiten, warum man sich am Online-Dating bedient: Sex oder Beziehung. Nichts dazwischen. Und jeder muss sich in eine der Spalten befinden. Die Absichten müssen von vornherein feststehen. Was nicht passt, wird aussortiert. Das nach einer Frage. Das nach der Frage, wie es einem geht. Man lernt sich nicht etwa kennen. Nein. Entweder ich will das eine oder das andere. So einfach. Dass die Dating-App mich nach Frankreich verortet hat, war so eigentlich nie geplant. Doch ich gebe ihm noch eine Chance. Vielleicht entpuppt er sich ja als ganz nett. Ich wimmle meine Genervtheit ab. Es war ja nur eine Frage. An der Tatsache, dass sie mir bereits zu oft gestellt wurde, hat er ja keine Schuld.

„Ich weiß nicht, was ich suche! Bekanntschaften eben!“

Mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Nie habe ich mir jemals Gedanken darüber gemacht. Weder in Deutschland, noch in Frankreich. Ich will Menschen kennen lernen, nicht mehr, nicht weniger. Ich suche nicht das eine und auch nicht das andere. Ausgeschlossen ist beides nicht. Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich stelle die Frage an ihn zurück.

„Ich möchte Leute kennen lernen!“

Gute Antwort auf eine blöde Frage. Das macht ihn sympathischer. Doch die Unterhaltung ist zäh. Nur schleppend zieht sie sich voran. Neue Fragen, weiterer Smalltalk. Beruf, Studium.

„Ich studiere bureau d’études!“

Klingt spannend, sage ich ihm auch, obwohl ich keinen Plan habe, was das ist. Google hilft mir damit auch nicht. Ich frage nach. Zum Glück ist er entspannt und erklärt es mir. Langsam kommt das ganze in Fahrt. Sehr schwerfällig und anstrengend, doch es geht voran. Mehr oder weniger. Dann bricht die Unterhaltung plötzlich ab. Keine neuen Fragen, keine neuen Antworten. Paar Tage nicht mehr. So aus heiterem Himmel. So seltsam ich die ganze Sache auch finde: sie stört mich nicht.

Tage später lösche ich die Dating-App wieder. Warum? Ich habe keine Lust mehr auf das Schreiben mit wildfremden Leuten, wildfremden Männern. Ich habe der App vier Monate in Frankreich gegeben. Beeindruckt war ich nicht. Ich verbrachte zuviel Zeit damit, zu schauen, wie viele Nachrichten ich geschickt bekam. Selber bewertete ich niemanden. Irgendwann klickte ich nur noch auf Löschen, ohne mir die Bilder oder Nachrichten durchgelesen zu haben. Ich war genervt. Nicht von denen, die mir schrieben. Nicht von ihren Worten. Sondern von der App. Dann kam aber die Nachricht von A., und ich entschied mich für einen Moment anders. Dann diese Pleite. Ich löschte sie.

Die App nutzte ich bereits das vierte Mal. Jedes Mal lernte ich Leute kennen. Nicht, dass es immer nur Idioten waren. Viele von ihnen waren freundlich. Mit vielen von ihnen konnte ich mich gut unterhalten. Letztendlich kam es tatsächlich nur mit einem zum Treffen. Es war spontan. Ich war in der Stadt shoppen, er in der Nähe. Wir trafen uns in einem Café. Den, den ich da aber dann für ein Date traf, stellte sich als ein absoluter Frosch heraus. Er war unverschämt und hielt sich für was Besseres. Ich löschte seine Nummer und die App.

Beim zweiten Versuch hatte ich mehr Glück. Ich lernte O. kennen. Wir hatten online eine gute Unterhaltung. Ich hätte ihn gerne persönlich kennen gelernt. Er war so witzig, so freundlich, er verstand meine Ironie. Doch er war in Berlin, ich noch in Sachsen-Anhalt. Ein Treffen kam nicht zustande. Irgendwann brach dann der Kontakt ab. Letztendlich schade.

Ich gab der App Chancen. Immer wieder. Einige Male. Letztendlich löschte ich sie dann doch wieder. Ich entschied mich fürs Kennen lernen im echten Leben. Ich will kein Bild, kein Profil erst ausführlich studieren, bevor ich mich für oder gegen ihn entscheide. Ich möchte mich unterhalten, möchte die wirkliche Person kennen lernen, möchte Unterhaltungen führen, lange Unterhaltungen, keinen Smalltalk. Ich will mir gleich einen richtigen Eindruck von jemand machen, keine Scheinwelt aufbauen, um sie dann zerstört zu bekommen.

Welche Erfahrungen habt ihr denn schon mit Dating-Apps gemacht?  

Was man über andere internationale Studenten wissen sollte


Die Briten, Schotten, Iren, Nordiren und Waliser


England

Sich in die Gruppe der Briten zu gesellen, war eine sehr schwierige Angelegenheit. Sie blieben wirklich lieber für sich selbst, als Kontakte mit Nonanglophonen zu knüpfen. Daher sprachen sie ausschließlich Englisch. Da kam ich auch das erste Mal in Berührung mit den vielen Dialekten vom United Kingdom. Nicht alle verstand ich, doch bei ihnen ist mir etwas deutlich aufgefallen: die vielen Variationen und das Ausmaß des Wortes „F***“. Meistens in keinem negativen Sinn. Zu Beginn meines Studiums in Frankreichs saß ich in einer Veranstaltung, deren Sinn sich mir auch jetzt noch nicht wirklich erklärt. Das sah der Engländer neben mir genauso und regte sich neben mir so leise mit englischen Ausdrücken auf, dass ich mir das Lachen nicht verkneifen konnte.

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, mit den Briten über den Brexit zu reden. Als ich nach Toulouse kam, war die Brexit-Entscheidung erst zwei Monate her gewesen. Die Meinung dazu war bei allen Nordiren, Iren, Schotten, Engländer und Waliser die gleiche: der Brexit ist scheiße. Niemand von ihnen befürwortet den Brexit, Monatelang haben sie versucht, noch irgendwie zu hoffen, dass es doch noch eine Möglichkeit gäbe, in der EU bleiben zu können. Irgendwann verschwand das Hoffen im Laufe der Zeit, und am Ende stand da nur noch Wut. Wut auf ihre Regierung, Wut auf die Bürger, die für den Brexit gestimmt haben, und vor allem Verzweiflung.


Die Isländer


Island

Ich habe in meinem Leben noch nie jemand kennen gelernt, der aus Island stammt. Erinnert ihr euch noch an die Zeit während der EM: die Isländer haben uns allen das Herz geraubt, mit ihrem Charme, ihrer Authentizität, und der lustigen Tatsache, dass ihre Nachnamen alle mit -son enden.  Den einzigen Isländer, dessen Namen ebenfalls mit -son aufhört, lernte ich erst im zweiten Semester durch verschiedene Kurse näher kennen. Es kann seinem Charakter geschuldet sein, und weil er der einzige war, hatte ich keinen Vergleich, aber er ist eine unglaublich entspannte Persönlichkeit. Hektik kennt er nicht, Stress auch nicht. Genau so stell ich mir auch die Isländer vor.


Die Finnen


Finnland

Ich habe noch nie jemand aus Finnland kennen gelernt. Hier waren es auf einmal sechs, zu denen ich schon beim ersten Wort einen guten Draht hatte. Ich bin keine besonders offene Person, aber mit den Finninnen kam ich sofort in ein Gespräch und durch den schrägen Humor wurden sie mir noch sympathischer. Sarkasmus und Ironie verbindet eben auch über die Muttersprache hinweg. In Sprachen sind Finninnen fast unschlagbar. Englisch und Französisch sprechen sie nämlich perfekt. Die Finninnen, die ich kennen gelernt habe, wussten alle, wie man feiern gehen und wie man Spaß haben kann. Sie reisten auch verdammt gerne. Bei ihnen musste am Wochenende immer etwas los sein.


Die Australier


Australien

Auf die Australier stieß ich durch Zufall: er sprach Englisch, hatte aber weder einen amerikanischen, noch britischen Akzent. Auf den Gedanken, dass er aus Australien stammen könnte, kam ich in dem Moment nicht. Verdammt, das war echt peinlich. Auf einer Geburtstagsfeier lernte ich dann die Australierin kennen. Durch ihre offene und herzliche Art erzählte ich nur paar Minuten später mein halbes Leben. Ich hatte mit beiden, im Gegensatz zu den Briten, sofort ein gutes Verhältnis. Sie sind offen, lustig und eindeutig leicht verrückt. Natürlich waren die Australier daran interessiert, in Europa zu reisen. Schließlich ist Australien nicht gleich um die Ecke. Dasselbe Interesse für die Kultur anderer Länder galt auch den Menschen. Sie sind für alle Nationalitäten offen und interessieren sich sehr für die europäische Kultur. Genauso sieht das mit Sprachen aus. Wenige Einwohner in Australien sprechen eine andere Sprache als Englisch. Warum auch. Die nächsten Länder anderer Sprache liegen viel zu weit entfernt.


Die Belgier und Niederländer


Niederlande

Die Belgier und Niederländer nenne ich liebevoll die neutrale Schweiz unter den Erasmus-Studenten, denn alle, die ich kennen gelernt habe, sind die wohl freundlichsten Menschen von allen. Sie verstehen sich tatsächlich mit jedem gut, sind immer willkommen bei Feiern und sind manchmal echt lustig drauf. Das Spannende: Französisch, Englisch, Niederländisch und Deutsch sprechen sie perfekt, manchmal auch kurze Zeit hintereinander, immer mit der perfekten Grammatik. Wenn jemand sprachbegabt ist, dann sie.


Die Deutschen


Deutschland

Wenn man in Deutschland lebt, macht man sich nie Gedanken darüber, wie wir Deutschen eigentlich sind. Erst durch andere Nationalitäten nahm ich die deutschen Tugenden wahr: Struktur, Ordnung, Pünktlichkeit, Genauigkeit. Es ist nicht selten, dass ich den Satz „Ach, die Deutschen“ höre. Selbst diejenigen, die denken, nicht typisch deutsch  sind, sind es. Vor allem wenn es um Pünktlichkeit geht. Wenn der Termin um 10.30 ist, müssen wir genau um 10.30 erscheinen. 10.40 ist zu spät. Bei anderen Nationen ist es normal, eine Stunde später zu kommen, von beiden Parteien aus, oder auch gar nicht zu kommen.

Wir Deutschen meckern ja gerne über unsere Bürokratie. Wir müssen eingestehen. Wir meckern eigentlich ständig, aber bei der Bürokratie werden die Stimmen am lautesten. Sieben Monate Frankreich haben mir gezeigt, dass wir mit unserem System mehr als nur zufrieden sein sollten. Denn bei uns läuft es. In Frankreich auch, aber umständlicher und zeitverzögerter.

Wir Deutschen sind auch echt (zu) diszipliniert.Wird uns eine Arbeit gestellt, erledigen wir sie. Meistens können wir es auch nicht mit uns vereinbaren, es nicht zu tun. Es muss ja nicht immer perfekt sein. Hauptsachen wir tun irgendetwas. Ich sage nicht, dass andere Nationalitäten nicht diszipliniert sind. Das sind sie. Aber wir Deutschen sind dann doch verbissener. Als wir die Aufgabe gestellt bekamen, eine Hausarbeit zu schreiben, fing ich am gleichen Tag, obwohl der Abgabetermin erst zwei Monate später war. Die Finnin fing zwei Wochen vorher an und erledigte alles entspannter als ich es tat.

Nichtsdestotrotz haben wir Deutschen einen guten Ruf, wenn es um Sprachen geht. Ich wurde auch bereits öfters gefragt, ob es stimmt, dass die Deutschen fast jede Sprache perfekt können.


Natürlich ist alles, was ich hier schreibe, verallgemeinert. Es gibt Ausnahmen, nicht jeder ist gleich. Es sind meine Eindrücke von den anderen Nationalitäten. Außerdem soll das ganze zeigen, welchen tollen Erfahrungen ich mit den anderen Ländern gemacht habe. Sieht irgendjemand in meinen Sätzen etwas, was ihn darauf schließen lassen könnte, dass ich andere Länder schlecht rede bzw. Deutschland über andere Länder stelle, dann hat er sich definitiv verlesen.

*all pics are from pixabay

Ich sah wieder weg. Es war besser so. 

Drinnen in der Bar war es stickig und voll. Menschen über Menschen, die sich aneinander drückten. Die Luft war gedrängt von Bier, Schweiß und Parfüm. Irgendwann wurde es mir zuviel, ich musste raus. Tat ich auch. Unbemerkt. Keiner merkte es. Sie alle waren in ihre Unterhaltungen vertieft. Vertieft in die letzten Unterhaltungen, die sie wahrscheinlich miteinander führen würden. Es war die letzte gemeinsame Feier zusammen. Einige würden bald abreisen, einige würden verreisen, einige blieben. Auf alle Fälle würde sich was verändern, würde sich viel verändern. 

Ich musste die Bar für einen Moment verlassen. Also drückte ich die schwere Tür der Bar auf und trat hinaus in die fast nächtliche Luft. Sie war so frisch. Mein Weg führt mich ein paar Meter von der Bar entfernt zu einer Bank. Ich setzte mich und blickte zum Fluss. Tief sog ich die saubere und frische Luft in meine Lungen ein und atmen Sie wieder aus. Die Luft tat mir gut. Drinnen war es so beklemmend. Immer mehr Menschen waren hineingeströmt. Irgendwann klebte ich zwischen mehreren Körpern, konnte mich kaum noch bewegen. Hier draußen aber ging es mir besser. Mein Blick schweifte zur hell erleuchteten Brücke. Ich hörte leise das Rascheln des Windes in den Bäumen und das Rauschen des Flusses. Eine Stimme riss mich abrupt aus meinen Gedanken heraus. 

“Hey, was machst du hier ganz alleine?”

Ich wandte mich um. Die Stimme war mir bekannt. Ich blickte zu ihm. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand gemerkt hatte, dass ich nicht mehr bei den anderen in der Bar stand. Es war einfach viel zu voll und viel zu laut gewesen. Da war es einfach, zu verschwinden. Doch er hatte wohl mein Verschwinden bemerkt und war mir irgendwann gefolgt. Ich lächelte ihn an und ließ ihn sich neben mich setzen. Dann herrschte zwischen uns für einen Moment Stille. Der frische Nachtwind strich über meine heiß gewordenen Haut. Nicht nur die Wärme von der Bar war für meine Glühen verantwortlich. Dass er neben mir saß, machte mich nervös. Meine Hände, die auf meinem Schoß lagen, wussten nicht, was sie tun sollten. Dann brach er das Schweigen.

“Alles in Ordnung mit dir?“

Ich nickte. Zögerlich. Eigentlich war gar nichts in Ordnung. Das verschwieg ich aber. Es waren nur noch knapp zwei Monate, die wir hier beide in diesem Land verbrachten. Dann verschwand ich wieder in meins, er in seins. Das Meer würde uns dann trennen. Egal wie optimistisch ich mir die Dinge einredete: die Distanz war zu groß. Aber diesen Gedanken verschwieg ich ihm. Ich sprach mir zu, dass es besser so war. Weh tat es aber trotzdem.

“Es ist schade, dass unser Aufenthalt bald endet!”

Wieder nickte ich stumm. Gerade in diesem Moment versuchte ich tatsächlich ein paar Tränchen zu unterdrücken. Zum Glück war es dämmrig. Er würde es nicht bemerken.

„Denkst du, wir werden uns alle wiedersehen?“

Ich blicke zu ihm. Das hatte ich die ganze Zeit vermieden. Jetzt tat ich es. Ich musste es. Ich wollte seine Reaktion sehen. Ich wollte ihn sehen. Zumindest ein letztes Mal. Schließlich war es unsicher, ob man sich jemals wieder über den Weg laufen würde. Die Wahrscheinlichkeit war gering. Sie war es hier, sie war es woanders.

„Man sieht sich im Leben immer zweimal!“

Er grinste und sah mich an. Da blickte ich wieder in die blauen Augen und in das strahlende Lächeln, von dem ich bereits von Anfang an verzaubert war. Er sah so gut aus, er war so lieb, er war so witzig. Und in zwei Monate würde er in sein Land zurück verschwinden. Ich sah wieder weg. Es war besser so.

Kulinarische Reise durch Toulouse

Sieben Monate war ich nun in Toulouse, und während dieser Zeit war ich tatsächlich nur einmal in einem Restaurant Cassoulet essen, denn man muss wissen, dass das für einen Studenten ziemlich teuer werden kann. Ich wollte das Geld dann doch lieber fürs Reisen ausgeben.

In den vier Wochen, in denen ich hingegen in meinem Zimmer feststeckte, und meine Freunde alle für die Ferien verreist waren oder genug andere Sorgen vor der bevorstehenden Prüfungsphase hatten, blieb mir nichts anderes übrig als endlich mal den Lieferdienst Deliveroo auszuprobieren. Ich hatte die Fahrer schon immer durch die Stadt fegen sehen, die bei den einzelnen Restaurants die Speisen abholen und nach Hause bringen. Reisen ging sowieso nicht mehr, also gönnte ich mir endlich die Speisen.


La Manufacture – 6 Rue Valade, 31000 Toulouse


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Diese Pizzeria wurde mir als die Beste in der ganzen Stadt gepriesen. Ich musste sie also testen. Die Pizzen sind mittelpreisig. Von 10€ bis 15€ ist alles dabei. Dafür erhält man aber auch eine mächtige Pizza, die für eine Person für zwei Mahlzeiten reicht. Zumindest für mich. Ich bin normalerweise kein besonders großer Pizza-Fan. Im Jahr esse ich vielleicht höchstens 2-3 Pizzen. La Manufacture sollte aber vor Ort gegessen werden. Denn mein Deliveroo-Fahrer verfuhr sich mehrmals und die Pizza war kalt. Ich hatte keine Mikrowelle, was etwas schade war. Die Pizzen selber sind super.


Cup’n’Cake – 19 Rue des changes, 31000 Toulouse


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Schon der Laden selber schaut zuckersüß aus. Hinz kommt die wunderbare Auswahl an bunten Cupcakes, die zwar süß sind, aber man keinen Zuckerschock bekommt. Das ist ja meistens das Problem, dass Cupcakes schnell zu süß sind. Nicht hier. Aber ich denke, dass ich eine französische Eigenart, denn hier wird mit allen ‚Gewürzen‘ eher sparsam umgegangen. Bestellt habe ich mir den Bagel Burgy und die Cupcakes Citron Framboise, Mangue Passion, Red Velvet und Bueno.


MIAM – Made in a Marmite – 24 Rue Léon Gambetta, 31000 Toulouse


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Ich finde das Konzept von MIAM wirklich super. Man wählt aus zwischen Box oder Galette, zwischen Reis und Kartoffeln, zwischen einigen Fleischarten und gibt dann noch nach Belieben Käse, Gemüse und eine Soße hinzu. Am Ende kommt eine simple, aber echt leckere Mahlzeit heraus. Kein Wunder, dass ich hier bereits zweimal bestellt habe.


L’Atelier du Burger – 9 Rue Léon Gambetta, 31000 Toulouse


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An diesem Restaurant bin ich fast jeden Tag vorbeigefahren, als ich in die Uni fuhr. Jedes Mal versprach ich mir, einmal dort essen zu gehen. Hat leider nie funktioniert. Also bestellte ich. Leider kam der Burger nicht ganz heil an, dafür hat er trotzdem verdammt gut geschmeckt. Ich esse Burger genauso selten wie Pizza, aber der Cheeseburger war wirklich gut.


Eat Salad – 2 Rue Paul Meriel, 31000 Toulouse


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Noch so ein Konzept, von dem ich absolut begeistert bin. Man wählt erst die Basis, die aus Salat oder Nudeln besteht. Dann fügt man einzelne Lebensmittel und die Soße hinzu. Schon hat man seinen eignen persönlichen Salat. Natürlich ist das ganze auch zuhause leicht zubereitbar, aber wenn jemand unterwegs ist und schnell was gesundes will, oder wie ich nicht einkaufen gehen kann, ist das eine geniale Möglichkeit, an gesunde Speisen zu kommen. Man sehe mal von dem dicken Muffin daneben ab.


Asian Kanteen – 47 Boulevard de Strasbourg, 31000 Toulouse


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Es gibt ziemlich viele asiatische Restaurants hier, und natürlich habe ich sie nicht alle durchgetestet. Das würde mein Geldbeutel auch nicht überleben. Ich habe mich letztendlich für Asian Kanteen entschieden. Die Entscheidung war spontaner Natur. Die Portion ist ziemlich großzügig. Ich aß zwei Mahlzeiten daran. Aber es war gut, verdammt gut sogar. Vor allem diese kleinen mit Pute gefüllten Täschchen.

Sein Äußeres täuschte. Die anfänglich sympathische Seite auch. Er war anders, so ganz anders. Was ich da sah, gefiel mir überhaupt nicht.

„Was wurde eigentlich aus dem, von dem du mir letztens erzählt hast! Kam da jetzt noch irgendwas?“

Ich hatte mich in mein Bett wieder einmal verkrümelt. Etwas anderes tat ich die letzten Wochen auch nicht. Im Bett liegen, Bein hoch, warten, bis das verletzte Knie sich von der Operation erholte. Solange standen am Tag kaum Dinge an. Viel Zeit zum Nachdenken, und doch schaffte ich es tatsächlich, den Gedanken an ihn zu verdrängen. Eigentlich hatte ich vor drei Wochen mit ihm abgeschlossen. Durch die Nachricht, die mir eine Freundin schickte, war er sofort wieder präsent in meinem Kopf. 

„Ach Gott, der hat sich als absoluter Vollidiot entpuppt!“

Unglaublich, was er doch für ein Idiot war. Alles, was ich wollte, war ihn kennen zu lernen. Daraus entwickelte sich ein Drama mit mehreren Aufzügen, bis der endgültige Cut kam. Von ihm, dann von mir. Das Gute: ich würde ihm nie wieder über den Weg laufen. Selbst wenn ich wollte. Es ginge nicht. Das beruhigte. Ein Wiedersehen wäre peinlich geworden. Nicht nach dieser Geschichte. Nicht nach diesem Chaos.

„Meintest du letztes Mal nicht, dass er immer so schüchtern wirkte und sich geschmeichelt gefühlt hat, als du ihn kennen lernen wolltest?“

Tatsächlich war seine erste Reaktion die beste, die ich hätte erwarten können. Kein dummer Kommentar, nur ein nettes Lächeln. Ich gab ihm meine Nummer. Er solle sich melden. Ich war mir sicher, dass es sich bei ihm lohnte, aus dem Schneckenhaus zu kriechen. Das dachte ich dann auch zwei Wochen lang. Ich war nicht böse, dass keine Nachricht kam. Er wirkte ja nett, am Anfang.

„Das dachte ich tatsächlich auch! Aber von nichts auf jetzt verhielt er sich plötzlich total pubertär!“

Ich war mir so sicher gewesen, dass er anders als die anderen Mittzwanziger war. Ich hatte gehofft, dass er vielleicht etwas mehr Köpfchen besaß, dass er nicht gleich kalte Füße bekommen würde, wenn er nur einen Hauch spürte, dass ich nicht nur auf eine einmalige Geschichte hinauswollte. Er sah doch so danach aus. Meine Menschenkenntnisse hatten mich in dem Moment aber komplett getäuscht. Er war exakt so. Alles, was ich wollte, war ihn kennen zu lernen, nicht zu heiraten. Das war ihm anscheinend schon zuviel. Schon die Tatsache, dass wir nicht in der gleichen Stadt, geschweige denn im gleichen Land waren, reichte ihm, um die Biege zu machen.

„Ist es denn möglich, dass du einfach zu forsch an die Sache herangegangen bist?“

Tatsächlich stellte ich mir diese Frage mehrere Male, doch jedes Mal war mir klar, dass es nicht der Fall war. Nur die Nummer, nur gesagt, er wäre sympathisch, das war alles. Nicht mehr, nicht weniger. Das war anscheinend schon zuviel.

„Die andere Möglichkeit wäre, dass er als Erasmus-Student nur an Feiern, Alkohol und flüchtigen Bekanntschaften interessiert war. Sechs Monate die Sau rauslassen, bevor es dann wieder ins gewohnte Leben zurückgeht!“

Mit dieser Vermutung gab ich ihr recht. Mir waren nicht die unzähligen Partybilder aufgefallen, der Alkohol, die Mädels, die regelrecht an ihm klebten. Er wirkte so unschuldig, auf den ersten Blick, und doch war er das genaue Gegenteil. Die Art Typ, um die ich immer einen großen Bogen zog. Sein Äußeres täuschte. Die anfänglich sympathische Seite auch. Er war anders, so ganz anders. Was ich da sah, gefiel mir überhaupt nicht. Das machte die Sache wahrscheinlich weniger schmerzhaft, lindernde die Enttäuschung aber nicht vollkommen.

2014 (363)