Er wirkte wie der typische Idiot. Wie jemand, mit dem sie lieber nichts zu tun haben wollte. Vorlaut und arrogant. Ein Arschloch eben.

IMG_20150929_185058

Sie war etwas verunsichert, als sie den Laden betrat. Schließlich kannte sie hier niemanden und war auch nur kurzfristig für eine andere eingesprungen. Sie wusste ja nicht einmal, wer hier überhaupt das Sagen für den Abend hatte. Hier wuselten mehrere Personen umher: ein Mann, mittleren Alters, sie schätzte ihn auf 35, Bierbauch, Brille. Gleich daneben ein Jüngerer, vielleicht so in ihrem Alter. Irgendwo bei 25. Sie hätten es beide sein können. Sie entschied sich für den Älteren. Falsche Entscheidung.

Der Blick des Jüngeren erhob sich vom Computer, als sie in die Filiale trat und sich etwas von der Theke entfernt stellte. Sie hatte ihn vorher schon einmal gesehen, bei einer Mitar­beiterversammlung. Sie war alles andere als begeistert. Er wirkte wie der typische Idiot. Wie jemand, mit dem sie lieber nichts zu tun haben wollte. Vorlaut und arrogant. Ein Arschloch eben. Seine Haare waren ganz kurz rasiert. Er trug einen leichten Dreitagebart. Ihr fielen die Brusthaare auf, die aus seinem aufgeknöpften roten Arbeitsshirt hervorblitzen. Dann erst fielen ihr seine blauen Augen auf, die sie anfunkelten, als sie sich als Aushilfskraft vorstellte. Sie konnte nicht abstreiten, dass er gut aussah. Er sah sogar unverschämt gut aus. Zu gut. Trotzdem spielte das in dem Moment keine Rolle. Sie konnte ihn nicht leiden. Weder bei der Versammlung, noch jetzt. Deswegen war sie auch von ihm anfangs abgeneigt, wenn nicht zu Beginn unfreundlich. Das änderte sich erst ein Stück, als sie erfuhr, dass er für diesen Abend ihr Chef war. Verdammt. Doch nicht nur das änderte ihre Haltung ihm gegenüber. Während sie miteinander arbeiteten, war er nett, freundlich, höflich, ganz anders als sie gedacht hatte. Plötzlich konnte sie ihn ganz gut leiden. Er war witzig, er war locker, hatte keine Chefallüren. Dann folgten immer wieder kleine Augenblicke, in denen sie sich einbildete, seine Art und Weise war mehr als nur Freundlichkeit, mehr als bloße Höflichkeit. Irgendwie war da mehr. Dieses Mehr konnte sie aber nicht richtig deuten. Oder vielleicht bildete sie sich das auch ein. Sie wusste es nicht. Auf alle Fälle spielte nach ein paar Stunden sein Aussehen doch eine Rolle. Er sah gut aus und war lieb. Doppeltes Verdammt.

Irgendwann wurde sie dann endlich von der Arbeit erlöst. Sie war erleichtert, froh, wollte nur noch heim ins Bett. Der Abend war anstrengend genug. Sofort sprang sie hinauf in die Umkleide, warf ihre normale Alltagskleidung über und kam wieder nach unten. Jetzt erst realisierte sie, dass sie ihn nicht so schnell wieder sehen würde, war sie schließlich an diesem Tag nur als Vertretung erschienen. Sie versuchte, dass dieser Gedanke sie nicht störte, verabschiedete sich von ihm und verließ den Laden.

 

Advertisements

Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

 

Ich konnte mir vor vielen Jahren nichts Besseres vorstellen als endlich diese Stadt zu verlassen. Zu lange hatte ich hier verbracht, zuviel erlebt. Gutes wie Schlechtes. Das Schlechte überwiegte. Ich musste raus, den Kopf freibekommen, neu anfangen. Es reichte. Es reichte mit der Stadt, mit den Leuten, mit den schlechten Gefühlen. Ich verschwand von hier. Mit der Hoffnung, es würde woanders besser werden.

Ich lernte ein neues Leben kennen, eine neue Stadt, neue Leute. Lebte mich ein, verliebte mich, entliebte mich, lebte mich wieder aus. Es wurde alles nicht besser. Es wurde nach einiger Zeit sogar schlimmer. Dann ging es weiter. Weiter weg. Noch weiter weg.  Neues Land. Dort wurde es das erste Mal toll. Wunderbare Stadt, wunderbare Menschen.

Ich wusste aber, dass es begrenzt war hier zu sein. Dann endete alles sogar noch früher. Erst war ich traurig, dann merkte ich: Das Timing stimmte, es war perfekt. Ich hatte meine Heimat vermisst, die Sprache, die Mentalität. Ich ging zurück. Es sollte nur für kurz sein. Kurzer Zwischenstopp. Dann sollte die Reise weitergehen. So der Plan. Er war gut. Gut durchdacht. Alles sollte so geschehen. Tat es aber nicht. Erst ging das eine schief, dann geschah das, mit dem ich nie gerechnet hätte. Es war unmöglich. Ich hatte alles falsch eingeschätzt: ich verliebte mich. Unerwartet, urplötzlich, ab den einem Ort, an dem ich als letztes gedacht hätte. Es war nie so geschehen. Auf einmal aber schon. Nur das ruinierte meinen Plan. Gut. Es war nicht das einzige, was alles irgendwie ins Ungleichgewicht brachte. Wenige Zeit später fiel mir aber auf: Es passte. Es passte genau in meinen Lebensplan. Es zerstörte weniger als es mir gab. Es war nicht so schlimm wie angenommen. Es war sogar gut. Sehr gut sogar. Denn die Stadt, vor der ich damals flüchtete, stellte sich als toll heraus. Sie war nicht so schlimm wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich mochte sie. Sehr sogar. Plötzlich sah ich eine Zukunft hier.

Das Fernweh wurde schwächer. Mich zog es zum aller ersten Mal nirgends hin. Das erste Mal in meinem Leben wollte ich hier bleiben. Ich zog in ein anderes Bundesland, ich kam zurück. Ich zog ins Ausland, ich kam zurück. Jetzt bleibe ich. Vorerst. Nicht in der gleichen Stadt, aber in der Nähe. Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

DSC_0983DSC_1007DSC_0981

Bis auf den Wind, der in den Blättern raschelte, umgab uns Stille. Bloße Stille. Angenehme Stille. Denn ich war hier oben nicht alleine.

Ich liege da. In diesem riesigen, weißen Bett, mitten in meiner Wohnung. Ich starre an die Decke und versuche die Zeit totzuschlagen. Der Fernseher bleibt aus. Ich genieße die Stille. Langsam weiß ich einfach nicht mehr, was ich tun könnte. Ich kann keine Musik hören. Sie stört mich. Ich kann keinen Fernseher mehr sehen. Er ödet mich an. Immer das gleiche. Für meine Uni will ich einen Moment nicht denken. Einfach mal dafür nichts machen. Auch wenn es genug zu tun gibt. Ich habe die Motivation verloren. Ich langweile mich nur noch. Alles langweilt mich. Seit Wochen stecke ich zuhause fest. Mein verletztes Bein lässt mir keine andere Wahl. Ich kann nicht lange laufen. Es ist zu anstrengend. Irgendwann zwicken mir meine Muskeln. Dann geht gar nichts mehr. Statt meine freie Zeit zu genießen, bin ich in meiner Wohnung eingesperrt. Ich bin ganz allein. Ich bin einsam. Nur ich bin in dieser riesigen Wohnung. Ich warte, warte bis ich endlich meine Krücken davonjagen kann, warte, bis ich endlich wieder etwas erleben kann, ohne an mein Bein denken zu müssen. Es frustriert.

Ein Klopfen an der Tür reißt mich auf einmal aus meinen Gedanken heraus. Ich sitze sofort kerzengerade auf dem Bett und starre zur Uhr. 12.38. Ich erhebe mich, schnappe mir meine Krücke und peile die Tür an. Ich weiß nicht, wer mich jetzt besuchen kommt. Wahrscheinlich jemand aus meiner Familie. Ich öffne die Haustür und staune nicht schlecht.

„Was machst du denn hier?“ 

Dass ich ihn entgeistert anstarrte, wäre untertrieben gewesen. Mit ihm hatte ich auf alle Fälle nicht gerechnet. Nicht an seinem freien Tag, aber auch an keinem anderen. Wir kannten uns schließlich erst seit kurzem. Wir kannten uns seit kurzem ziemlich gut. Aber nicht so, dass ich seinen Besuch bei mir erwartet hätte.

„Du meintest, dass du wegen deinem Bein nichts unternehmen kannst. Wir wäre es denn mit einem kurzem Roadtrip? Dafür musst du auf alle Fälle nicht viel laufen!“

Mir verschlug es weiterhin die Sprache. Ich war zu überrascht von seinem Auftauchen. Überrascht. Aber ich lächelte. Mich machte es glücklich. Glücklich, dass er hier war. Glücklich wegen seinem Vorschlag. Ich dachte nicht weiter nach und sagte zu. Handy, Krücke, Schlüssel. Los.


Nach einer Weile, in denen wir durch weite Felder, Hügellandschaften und vorbei an Burgruinen fuhren, erreichten wir eine Erhöhung. Erst dort stiegen wir aus. Ich humpelte ein Stück vom Auto weg, er war sofort an meiner Seite. Dann blickten wir gemeinsam ins Tal hinab. Der Blick war bis hinüber zum anderen Teil des Kessels frei. Warm brannte die Sonne auf uns hinab. Die braun, grün, gelb und rot gefärbten Bäumen waren noch nass vom Regen des letzten Tages. Die Regentropfen glänzten wie in Diamanten. Hier oben standen nur wir. Bis auf den Wind, der in den Blättern raschelte, umgab uns Stille. Bloße Stille. Angenehme Stille. Denn ich war hier oben nicht alleine. Tief atmete ich die frische Luft ein und lächelte. Dann wandte ich mich zu ihm. „Danke!“ Er lächelte.

Datei_000 (2)

 

Es versperrt mir nicht den Weg, aber es begleitet mich. Nicht Hand in Hand. Eher unauffällig. Ein Schatten. Es wurde ein Teil von mir. 

„Halte mich verrückt, aber wenn ich nach H. fahre, hoffe ich, ihn wieder zu sehen!“

Fast zwei Jahre lang hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Die Sache war abgeschlossen gewesen. Über diese Tatsache war ich nicht mehr unglücklich. Ich war sogar ziemlich zufrieden. Die Sache hatte keine Zukunft, und nach Wochen und Monaten, in denen ich das nicht verstehen wollte, akzeptierte ich es, packte meine Koffer und verschwand. Aus der Stadt, aus dem Land. Da wurde alles besser. Neues Land, Neue Stadt, neue Leute, neue Bekanntschaften, neue Gefühle. Nach einem Jahr kam ich wieder zurück, ungewollt, erst etwas bedrückt, dann aber auch froh. Eigentlich war er mir da immer noch egal. Dann war es nur noch ein paar Monate bis zur Reise nach H. hin. Erinnerungen kamen auf, schwappten über. Irgendetwas änderte sich. Irgendwas in mir.

„Ich weiß nicht, ob das so gut ist, wenn du ihn triffst! Also, du wünschst dir das, aber ich bezweifel, dass das so gut für dich ist!“

Gerne würde ich das abstreiten, doch sie hatte recht. Es wäre nicht gut für mich. Es wäre schlecht. Wieder das ganze von vorne. Wieder Monate, in denen ich mir wünschte, alles wäre anders gekommen. Es würde nicht besser werden. Wir wären wieder in derselben Situation. Alles beim Alten. Nur die alten Wunden würden wieder aufgerissen werden. Sie würden dadurch nicht heilen. Es würde keine Lösung geben. Nur mehr Fragen. Oder die gleichen. Genauso wie die gleichen Probleme. Trotzdem würde ich fahren.

„Du solltest dir es aber auch nicht wegen ihm nehmen lassen, dorthin zu fahren! Außerdem ist die Stadt groß genug, um ihn nicht zu sehen!“

Ich schluckte. Es stimmte. Die Stadt war groß, zu groß. Über den Weg laufen würde an ein Wunder grenzen. Ein schlechtes Wunder. Es wäre nicht gut. Das musste dringend in meinen Kopf. Ich musste es verstehen, für richtig ansehen. Ich habe abgeschlossen, habe losgelassen. Es versperrt mir nicht den Weg, aber es begleitet mich. Nicht Hand in Hand. Eher unauffällig. Ein Schatten. Es wurde ein Teil von mir.