Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen.

Ich sitze da, mitten in der Universität, mitten in diesem riesigen Vorlesungssaal. Ich bin umzingelt von wuselnden, schweigenden, schnatternden, lachenden Erstis, die gerade neue Bekanntschaften machen. Für sie alle ist das hier etwas Neues, Aufregendes, der erste Tag an einer Universität, raus aus der Schule, hinein ins Studentenleben. Die meisten wirken ziemlich jung, bei anderen kann ich das Alter nicht gut einschätzen. Mein Blick schweift von Gesicht zu Gesicht. Ich kenne hier niemanden. Das ist das, was mich mit den Erstis verbindet. Ich bin auch neu, neu an dieser Universität. Ich kenne mich hier nicht aus, kenne das System hier nicht. Doch ich unterscheide mich etwas von den anderen: ich war bereits immatrikuliert, habe bereits ein Studium absolviert, Studentsein ist nichts Neues für mich. Damit bin ich vertraut.

„Ist der Platz noch frei?“, höre ich die Stimme des Mädchens neben mir. Ich blicke auf, nicke. Sie lächelt und bedankt sich. Dann lässt sie sich nieder. Sie scheint nicht älter als 18 zu sein. Einschätzen kann ich es nicht. Sehr viel älter sehe ich aber auch nicht aus – auch wenn ich es bin. Bei manchen sogar 6 Jahre.

„Bist du auch im ersten Semester!“, beginnt sie nun das Gespräch.

Theoretisch schon!“ Sie blickt mich fragend an.

„Ich habe meinen Bachelor an einer anderen Uni gemacht, fange hier aber mit Lehramt an!“

„Die gleichen Fächer?“

Ich nicke. Die Unterhaltung bricht ab. Zu sagen, ich wäre kein Erstsemester mehr, hat irgendetwas an sich. Es ist eine Eigenschaft, mit der ich mich von den anderen abgrenze. Die womöglich erste Gemeinsamkeit ist damit passé. Gemeinsam Ersti sein: das ist spannend. Fand ich damals bei meinem ersten Unitag auch. Wir konnten uns gemeinsam durch das Studentenleben kämpfen. Ersti sein, das verbindet. Es nicht zu sein, grenzt aus. Gemeinsam Master-Ersti sein, das verbindet. Ein Student im höheren Semester in einem Studiengang mit Erstsemestern zu verbringen nicht. Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen. Ich gehöre zwar dazu, aber irgendwie auch nicht. Äußerlich ja, innerlich nicht. Komisches Gefühl.

Die Vorlesungen beginnen. Nichts davon ist wirklich neu für mich. Was ist ein Modul, was bedeutet LPO I, was sind Veranstaltungen, welche Art Prüfungen gibt. Alles schon gehört. Viele der neuen Studenten sind hier komplett überfordert. War ich damals auch schon. Irgendwann fuchst man sich da rein. Die anderen Studenten machen sich narrisch. Habe ich mich damals auch. Alles normal. Alle fangen das Schreiben an, ich nicht. Ich sitze nur da. Irgendwie fühle ich mich richtig am Platz. Zumindest gehöre ich hier in die Uni, hier in diesen Studiengang. Nur zwischen den Erstsemestern fühle ich mich falsch.

Später komme ich mit einer höher semestrigen ins Gespräch. Wir verstehen uns gut, von ihr fühle ich mich verstanden. Doch irgendwie passt das auch nicht. Denn sie kennt sich hier aus, ich mich nicht. Mich nervt das. Kein Erstsemester, kein wirklich höherer. Ich stehe zwischen den Stühlen. Ich weiß, dass es sich ändern wird. Irgendwann passe ich rein. Das weiß ich ja. Bis dahin heißt es Augen zu, und Leute kennen lernen.

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Veröffentlicht von

Iris

2013 entschied ich meine Heimat in Bayern zu verlassen, um in Sachsen-Anhalt zu studieren. Drei Jahre später zog es mich dort fort, nach Frankreich. Jetzt, einige Monate später, bin ich zurück in Deutschland und plane bereits meine zukünftigen Wohnorte. Ich liebe es zu schreiben. Kleine Geschichten, lange Romane. Meistens sind sie ausgedacht, nie so geschehen, nur Teil meiner Fantasie. Aber ich liebe es mit dem Gedanken des Was-Wäre-Wenn zu spielen. Da die Texte wahrscheinlich dann eh nur in den letzten Ecken meines PCs verschwinden würden, möchte ich sie hier veröffentlichen. Ich will ihnen einen Platz geben, wo sie sich präsentieren können und gelobt sowie kritisiert werden. Ich möchte mich als Schriftstellerin weiterentwickeln. Das geht nur mit ernsthafter Kritik. Begleitet mich auf meiner Reise zwischen Realität und Fantasie, zwischen Wahrheit und Fiktion.

2 Gedanken zu „Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen.“

  1. Hallo liebe Iris!
    Ich kenne das Gefühl was du beschreibst sehr gut! Zwar hatte ich kein Studium beendet als ich mein Bachelorstudium begann, dafür aber eine Ausbildung. Ich war mindest vier Jahre älter als der Durchschnitt der anderen Erstis. Und ich fühlte mich auch erstmal fehl am Platz. Viele der Erstis waren jung, wild, voller Lust auf Party und voll mit Naivität. Das fand ich schön, doch sah dadrin einfach keine Perspektive für die Zukunft, denn die Phase hatte ich lange hinter mir.
    Doch ich fand drei ganz wunderbare Freundinnen. Uns alle verband etwas: Wir hatten eine Ausbildung gemacht. Wir waren im Arbeitsleben gewesen. Wir waren älter. Mit Ihnen war das Studium einfach nur fabelhaft!
    Ich bin mir ganz sicher, dass du auch noch Leute treffen wirst, die in einer ähnlichen Situation stecken. Und dann verschwindet vielleicht auch ein wenig das Gefühl zwischen den Stühlen zu stehen!

    Ich wünsche Dir einen warmen Sonntag und ein wunderbares Restwochenende!
    Liebste Grüße an Dich! ♥ Saskia von Dem Wind entgegen

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  2. Ich war schon zweimal Ersti und habe dann aber immer wieder abgebrochen. Es ist wirklich echt merkwürdig Ersti zu sein, aber schon beim zweiten Mal hatte ich einen besseren Überblick. Beim dritten Mal wird es vielleicht endlich das letzte Mal Ersti sein.

    xx
    Josie / Warm Winters Blog

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