Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…


„Ich brauche dringend Abstand zu ihm. Ich stecke da gefühlstechnisch irgendwie viel zu tief drin!“


Sie blickte sie nur fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es war schwer zu erklären. Selbst sie verstand es nicht richtig.

Sie lernte ihn in einer Zeit kennen, in der sie am verletzlichsten war. Er tauchte auf, er war nett zu ihr, er baute sie auf. Sie sah ihn regelmäßig wieder. Sie unterhielten sich, sie zogen sich gegenseitig auf, sie verstanden sich. Er war nach langer Zeit wieder jemand, mit dem sie gerne redete, auch wenn die Unterhaltungen nie wirklich tiefgründig wurden. Er war jemand, bei dem sie gerne war, auf den sie sich jedes Mal wieder freute. Sie dachte, sie hätte sich in ihn verliebt. Irgendwie. Sie konnte das Gefühl nicht richtig einordnen. Schließlich kannten sie sich erst eine Weile. Sie wusste nicht besonders viel über ihn. Trotzdem fühlte sie sich ihm verbunden, fühlte sich zu ihm hingezogen.

Dann folgte eine Zeit, in der sie ihn kaum mehr sah. Sie liefen sich nicht mal mehr über den Weg. Kein kurzes Hallo, kein kurzes Wie geht‘s. Andere Dinge beschäftigten sie. Trotzdem war er auf irgendeine Art und Weise präsent in ihrem Kopf. Sie dachte an ihn, sie lächelte. Doch in gleicher Weise wie sie ihn vermisste, in gleicher Weise machten sich Bedenken breit. Bedenken, ob die Gefühle, die sie meinte zu haben, wirklich ernst oder nur ein Resultat ihrer Verletzlichkeit waren. Sie fragte sich, ob ihre Gefühle gar nicht echt waren. Empfand sie sie vielleicht nur deswegen, weil er im richtigen Moment die richtigen Worte fand? War sie vielleicht gar nicht verliebt, sondern nur von ihrer Hilflosigkeit beeinflusst?

„Solange ich nicht weiß, was das zwischen ihm und mir ist, kann ich nicht in seiner Nähe sein!“

„Denkst du nicht, du wirst es nur herausfinden, wenn ihr euch öfters seht?“

Sie wollte nicken. Sie beließ es. Konnte sie das? Nähe zulassen, um Abstand zu fühlen? Sich noch mehr in seine vertrauten Hände geben und hoffen, sie könne sich ihrer ‚Gefühle‘ bewusst werden, bevor sie einen Schritt weitergehe, und letztendlich jemand verletzt werden würde? Was wäre, würde sie merken, dass sie doch nicht verliebt war? Sie würde ihm gezwungenermaßen wieder über den Weg laufen müssen. Es nicht zu tun, wäre unmöglich.

Es vergingen wieder einige Wochen. Wochen, in denen sie tagein tagaus schlichtweg keine Zeit mehr hatte, um an ihn denken zu können. Sie sahen sich kurz wieder. Ein kurzes Hallo, ein kurzes Wie geht’s. Nicht mehr, nicht weniger. Irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Es wurde immer deutlicher. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest den größten Teil des Tages. Immer mal wieder tauchte er für ein paar Sekunden in ihrem Kopf auf. Dann war er wieder verschwunden. Sie merkte, dass sie immer deutlicher bezweifelte, dass es tatsächlich Gefühle für ihn waren. Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…

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Morgen ist heute schon gestern

„Und? Habt ihr euch verabredet?“

Sie war noch nicht einmal zur Tür rein, schon stand sie auf ihrer Matte. Sie hatte ihr versprochen, endlich den Mut zusammen zu nehmen und ihn nach einem Date zu fragen. Er hatte oft genug auf das Thema umgeschwenkt, hatte ihr eigentlich zu verstehen gegeben, wie gerne er die Unterhaltungen mit ihr hatte, und dass er es mag, wenn sie sich gegenseitig aufzogen. Die Angebote nach einer Verabredung versteckte er nur so gut, dass sie auch scherzhaft gemeint sein konnten. Darauf eingehen tat sie daher nie. Wäre es nämlich nicht so gewesen – und diese Möglichkeit bestand auch – wären die späteren beruflichen Treffen seltsam geworden. Also ließ sie es. Sie schüttelte den Kopf, auch dieses Mal wieder. „Warum denn nicht?“ Sie klang enttäuscht, wieder einmal. Schließlich ging es bereits seit einem halben Jahr so. Jedes Mal sagte sie, dass sie ihn darauf anspräche. Ihr wurde immer wieder gesagt, dass es gut gehen würde. Sie wollte das glauben. Wirklich. Tat sie aber nicht. Diese Sache war zu heikel.

„Wir kamen wieder auf dasselbe Thema!“

„Und?“

„Er meinte, ich könne ja deswegen zu ihm kommen!“

„Also habt ihr euch doch verabredet?“ Sie begann, aus dem Häuschen zu sein, doch sie trübte ihre Stimmung, schüttelte den Kopf. Sie blickte fragend drein. „Ich habe zwar gesagt, dass es super wäre, aber ich bin nicht weiter drauf eingegangen!“ Sie rollte mit den Augen. Verständlich. Würde sie an ihrer Stelle auch tun.

Sie lernte ihn vor einer Weile kennen – ‚beruflich‘. Sie verstanden sich von Anfang an gut. Das Eis war schnell gebrochen. Er hatte denselben schrägen Humor und verstand ihre Ironie. Sie waren sofort auf einer Wellenlänge. Nach kürzester Zeit wirkte es, als wären sie nicht mehr nur auf der ‚beruflichen’ Ebene, als wären sie in kürzester Zeit Freunde geworden. So sehr sie sich dann auch einredete, dass es nur diese besagte Freundschaft war, war ihr klar, dass sich in ihr der Wunsch nach mehr breitmachte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Auch versuchte sie sich auszureden, dass er vielleicht dieselbe Misere durchleben könnte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Nur damit sie selber von ihm loskam, und ihr Herz vielleicht nicht gebrochen wurde. Und weil sie nicht wusste, wie sich diese Barriere nun überwinden ließe, ohne sich zu blamieren, sollte sie sich doch geirrt haben, blieb sie still.

„Du redest dir nur ein, dass es nicht möglich ist, weil du Angst davor hast, zu deinen Gefühlen zu stehen!“

Sie schüttelte wieder einmal erst den Kopf, auch wenn sie ein Stück weit recht hatte. Sie hatte vor einer Weile wieder einmal nach langer Zeit einen Schritt gewagt und verloren. Sie hatte Bammel davor, das dasselbe bei ihm geschehen würde, auch wenn die Blamage nicht mehr präsent in ihrem Kopf war. Es war nicht die Angst vor dem Korb, die sie verstummen ließ. Es war die Angst davor, dass ihre Hoffnungen zerstört werden würden, sollte die Realität eine andere Wendung nehmen, als es ihr ihre Tagträume vorgaukelten. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sich seine Zuwendung vielleicht nur eingebildet hatte. Waren seine Worte gar nicht die, für sie sie hielt? War er vielleicht nur beruflich so freundlich und meinte es nicht ernst? Waren seine Sprüche, sie solle doch zu ihm kommen nur dahin geworfene Aussagen? Täuschte sie sich vielleicht in ihm?

Wochen vergingen, bevor das letzte Mal anstand, in dem sie sich beruflich sehen würden, bevor sie nicht mehr mit einander ‚arbeiten‘ würden. Ein letztes Mal, an dem sie endlich ihren Mund aufmachen musste, bevor sie sich nie wieder sehen würden. Es war eine Alles-oder-Nichts-Situation. Das wusste sie.

Paar Tage später tat sie es. Sie fragte ihn tatsächlich…

Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte.


September Part II


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Alles lief endlich so gut, ich lief gut. Ich konnte meine Krücke beiseitelegen. Sobald ich nicht darüber nachdachte, humpelte ich nicht mehr. Ich war auf einem guten Weg, durfte auch endlich mit Sprungübungen beginnen. Nur ein paar, doch das genügte mir, um zu merken, dass ich langsam wieder zur Normalität fand. Alles schien so, als könnte ich tatsächlich mein Studium ohne Krücke und ohne Probleme beginnen. Falsch gedacht. Ich merkte bereits in meinem Urlaub, dass irgendetwas an meinem Knie nicht in Ordnung war. Erst schmerzte es an der einen Stelle, dann fing plötzlich eine andere an. Ich dachte, die würden auch allmählich wieder verschwinden. Doch sie blieben und wurden schlimmer. Mein Physiotherapeut ging davon aus, dass es vielleicht der innere Oberschenkelmuskel ist. Beim Arzt dann die mögliche Diagnostik: Vielleicht ist der Meniskus nicht richtig verheilt. Vielleicht hat sich dort Narbengewebe gebildet. Mein Knie wurde vorläufig mit einem Zinkleimverband übers Wochenende ruhig gestellt.


Oktober


Ich dachte, die Schmerzen würden besser werden. Sie tun es, eine Weile. Dann wird es wieder schlimmer. Mein Arzt ließ erneut ein MRT machen. Resultat: Entzündung im Innenband durch Überstrapazierung. Der Radiologe sieht außerdem einen Riss im Meniskus. Trotzdem laufe ich in die Uni, bis gar nichts mehr geht. Es tut zu sehr weh. Stattdessen wieder übers Wochenende ruhig stellen. Zwei Wochen ist es nicht klar, was genau die Diagnose ist. Zwei Wochen voller Angst vor einer erneuten OP. So habe ich mir den Wiedereinstieg ins Studium nicht vorgestellt. Ich habe soviel zu tun, aber mein Bein bremst mich aus. Eine Woche später kommt die Entwarnung: Kreuzband sitzt gut, Meniskus ist in Ordnung. Ich habe aber ein Ödem, eine Entzündung, die nur mit entzündungshemmenden Tabletten behandelt werden kann. Erleichterung pur. Dann geht es wieder bergauf. Die Schmerzen sind weg, ich kann die Krücke beiseitelegen, kann wieder Fahrradfahren, dehnen, versuchen auf einen Hocker zu steigen. Vor allem letzteres hört sich so einfach an. Ist es aber nicht. Nicht, wenn man im Bein keine Muskeln mehr hat. Mit dem Dehnen komm ich auch gut voran. Ich bin endlich bei knapp 100 Grad. Für mich schon eine riesiger Erfolg.


November


Die OP ist jetzt ein halbes Jahr her. Das bedeutet, dass ich nicht mehr länger zur Physiotherapie muss. Nur noch bis Mitte November, dann muss ich selber weitertrainieren, weiter Muskeln aufbauen. Meine Physiotherapeuten haben ihr bestmöglichstes gegeben. Jetzt liegt es an mir. Dehnen, Kraft aufbauen. Der erste Erfolg in Sachen Sport hat sich auch gezeigt. Zum einen bin ich auf dem Laufband Joggen gewesen. Zum anderen auf ein Trampolin gestiegen. Beides kontrolliert mit dem Physiotherapeuten. Beides hat geklappt, beides war aber auch super anstrengend. Diese neuen Erlebnisse haben mich trauen lassen, wieder mit Yoga anzufangen. Ich merke, dass ich komplett auf Null stehe. Vor allem die „Child pose“ macht mir Probleme. Genauso wie der „Tree“. Aber ich hetze mich nicht, bin auch nicht frustriert. Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte. Ich habe mir mehrmals gewünscht, dass es eine Abkürzung gibt. Die gab es aber zu keiner Zeit. Ich habe es überstanden, ich habe mein Bein wieder. Ich bin stolz auf mich.

Sind manche Freundschaften im Leben vielleicht nur befristet?

Ich sitze an der Bushaltestelle, warte auf den Bus. Musik spielt in meinen Ohren, ich starre geistesabwesend in den Himmel hinein. An meiner Haltestelle bin ich alleine. Um die Uhrzeit – und es ist gerade erst 13.15 – tummeln sich wenig Leute. Macht mir nichts aus. Ich kann für einen Moment nachdenken, ohne beobachtet zu werden, ohne vom Wuseln eines anderen gestört zu werden.


Sie läuft plötzlich einfach an mir vorbei, hebt den Kopf vom Boden, blickt mich an, sieht wieder weg. Mehr Beachtung schenke ich ihr auch nicht. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ich erst sehr spät merke, dass sie es ist.

Früher waren wir einmal sehr gute Freunde. Früher, vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren, bevor aus Freundschaft fast Feindschaft wurde. Auslöser? Bis jetzt rätselhaft. Ich schätze es ging um einen Typen. Irgendwann zerbrach die Freundschaft, sie verbreitete Lügen über mich, sie wollte nichts mehr von mir wissen. Ich verstand die Welt nicht mehr, versuchte Gründe herauszufinden, wie sie so einen Hass auf mich bekam. Irgendwann beruhigte sich die Situation. Ich wurde ihr anscheinend egal. Die bösen Worte über mich hörten auf. Irgendwann verließen wir dann die Schule. Beide in andere Richtungen. Sie blieb im Ort, ich zog weg. Ich sah sie Jahre nicht. Irgendwann trafen wir uns hier doch einmal, hier an dieser Bushaltestelle. Ich war kurze Zeit in der Stadt, sie musste in dem Moment in die Universität. Nun standen wir also hier und redeten. Nur ein paar Wörtchen, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

Jetzt, wo ich sie wieder sah, sie an mir vorbei lief, in dem Moment aufsah und genauso Probleme hatte, mich zu erkennen wie ich sie, komme ich ins Grübeln, denke darüber nach, wie es nur möglich sein konnte, dass Freundschaften, die eine lange Zeit so großartig waren, von jetzt auf später einfach vorbei waren. Wie konnte es möglich sein, dass man so viel miteinander durch stand – Liebeskummer, schlechte Noten, Stress mit Eltern – und am Ende nichts davon übrig bleibt? Sind vielleicht manche Freundschaften im Leben nur befristet? Befristet für den Abschnitt, bevor man sich im Leben entscheidet, andere Wege einzuschlagen?

Sie war nicht die einzige, bei der die Freundschaft in die Brüche ging. Ich verlor durch meinen Umzug vor vier Jahren viele gute Freundschaften, tolle Menschen, zu denen der Kontakt einfach abbrach. Ich lernte aber auch Neue kennen. Menschen, aus allen möglichen Regionen in Deutschland. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, bevor ich, aber auch sie beschlossen, weiter zu ziehen: Hamburg, Berlin, Hannover. Bei manchen hielt der Kontakt, bei anderen nicht. Die Nähe der letzten Jahre konnte durch die Entfernung nicht gehalten werden. Wir entfernten uns voneinander. Nicht nur räumlich, sondern auch freundschaftlich.


Jetzt, zurück in der alten Stadt, und dieses Mal für eine längere Zeit, tauchen sie wieder auf: die Freundschaften der vergangenen Jahren. Sie tauchen auf wie die Geister, die ich versuchte nicht zu rufen. Sie sind wieder präsent. Gerne würde ich ihnen entkommen, gerne aber auch die Freundschaften wieder aufblühen lassen. Entfernung trennte uns damals. Entfernung und unsere neuen Leben. Wir erlebten alle vieles, was uns prägten. Wir sind nicht mehr dieselben von damals, sind gereift. Entfernung spielte keine Rolle mehr. Doch war es überhaupt möglich, die neuen Wir wieder in Einklang zu bringen? Wäre es möglich, zurückzufinden, zurück zu einander, auch wenn so viel Zeit vergangen war?