Das Jahr 2017 war das wohl aufregendste und wundervollste Jahr, welches ich erlebt habe – Ein Rückblick

Das Jahr 2017 war das wohl aufregendste und wundervollste Jahr, welches ich erlebt habe. Erlebte ich bis Ende April noch lauter Abenteuer während meines Erasmus-Aufenthalts, lernte neue tolle Leute aus der ganzen Welt kennen, erlebte ich nach meinem Unfall und der monatelangen Rehabilitation meines Beines eine sehr schmerzhafte Zeit, in der ich ausgesprochen viel Liebe von allen Seiten bekam. Das Jahr 2017 war ein Auf und Ab der Gefühle. Es gab viele Höhen, viele Tiefen. Dank meines Unfalls lernte ich einen ganz wundervollen Menschen kennen, konnte alte Freundschaften aufblühen lassen, tat den wohl größten Schritt meines Lebens, in dem ich meine alte Universität hinter mir ließ, und genau das in der Heimat anfing zu studieren, was ich seit Jahren unbedingt tun wollte. Im September schloss ich dann auch endlich mit einer Sache ab, die mich jahrelang verfolgt hatte. 2017 war mein Jahr.

Zu Beginn des Jahres, an meinem Geburtstag, ging es für mich das erste Mal auf einen Tagestrip nach Narbonne/Gruissan. Ich habe meinen Geburtstag jahrelang alleine gefeiert. Zum einen, weil er immer unter der Woche war, oder genau in die Prüfungsphase fiel. Dieses Jahr war es etwas anderes. Blöderweise erwischten wir genau den Tag, an dem Sturmwarnung für den Süden Frankreichs galt. Es hat wie aus Eimern geregnet und stark gewindet. Egal. Der Tag war trotzdem einfach nur wundervoll.


Auf dieser Reise beschäftigte ich mich mit dem Thema der „Ewigenreisenden“, denn so fühlte ich mich Anfang diesen Jahres. Ich wusste nicht, wo ich mich in Zukunft sah, und vor allem, wo mein Platz in der Welt war. Nichts fühlte sich richtig an, nichts fühlte sich wirklich wie ein Zuhause an. Anfang des Jahres war ich mir sicher, dass meine Heimat, meine damalige Studentenstadt, aber auch nicht Frankreich mein Zuhause werden sollte. Anfang des Jahres war ich mir sicher, dass mich mein Weg noch weiter wegführen würde…

Im Februar, und ich plante den Aufenthalt so clever vom 13 bis 15 Februar, ging es für mich nach Paris. Architektonisch ist Paris wunderschön, und deshalb ein Besuch wert. Ansonsten hatte ich einen Kulturschock. Obdachlose, die quer über die Straßen liegen, und Menschen, die gestresst über sie drüber steigen, Verkehrslärm, Hektik, viele Touristen und dann das unwohle Gefühle, in Zeiten von Terror an so öffentlichen Plätzen wie dem Louvre, Notre Dame oder dem Eiffelturm zu stehen. Nicht zu vergessen, dass das alles genau um den Valentinstag herum war. Pärchen, kuschelnde, küssende Zweiergespanne, vor deren Selfiekamerasticks man sich in Acht nehmen musste. So schön wie Paris wohl auch sein konnte, hatten mir die zwei Tage definitiv gereicht.

Ende März folgte dann der wohl schlimmste Moment, als ich mir das Kreuzband und den Meniskus beim Trampolinspringen riss. Es folgten wochenlanges im Bett liegen und vereinzelt Arztbesuche. Das alles in Frankreich, das alles fast auf mich alleine gestellt, wären da nicht zwei liebste Menschen gewesen, die für mich einkaufen gingen, mir Gesellschaft leisteten. Der Unfall war der Horror, die Rehabilitationsphase genauso grauenvoll, und doch war der Unfall wohl das beste, was mir hätte passieren können.

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Im September ging es für mich nach Hamburg und Rügen. Dieser Urlaub war bereits jahrelang geplant und endlich kam ich dazu. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt. Für eine Großstadt sind die Menschen ausgesprochen entspannt und freundlich. Die Stadt selber ist ausgesprochen sauber. Nichts im Vergleich zum eher dreckigen Berlin oder Paris. Mit dieser Reise konnte ich endlich ein bestimmtes Kapitel abschließen, welches noch auf sein Ende gewartet hatte. Diese Reise bedeutet mir daher sehr viel für das Jahr 2017.

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Im Oktober begann ich dann endlich an einer neuen Universität zu studieren. Ich ließ meine alte hinter mir, meine alten Kommilitonen, meinen Bachelor, um endlich das zu studieren, was ich schon seit Jahren wollte und mich nie getraut hatte: Lehramt. Staatsexamen. Für mich war das ein riesiger Schritt. Vor allem aus dem Grund, weil ich dafür zurück in die Heimat zog. Nach dem Abitur wollte ich weg, so weit weg wie möglich. Jetzt bin ich zurück und bin glücklicher als jemals zuvor. Seit diesem Jahr glaube ich wieder sehr an das Schicksal. Mein Unfall hat so viele Kettenreaktionen ausgelöst, die mich jetzt Ende Dezember 2017 zu einem Punkt geführt haben, an dem ich bis über alle Ohren strahle. Wäre der Unfall nicht gewesen, wäre alles wahrscheinlich nie so gelaufen. Es ist schon verrückt, wie das Leben spielt.

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Zeit hat uns sogar noch mehr verbunden.

Ich habe bereits eine sechsstündige Odyssee hinter mir, als der Zug endlich in meinen Zielbahnhof einfährt. Sechs Stunden Zugfahrt, obwohl die Fahrt theoretisch nur vier Stunden dauern würde. Der ICE hat aber einen technischen Defekt, tuckert teilweise mit 15 km/h umher, zwischendurch muss dann auf einen Krankenwagen gewartet werden: einem Fahrgast geht es nicht gut. Kann die Deutsche Bahn nichts dafür, aber meine Nerven liegen blank.


Nach sechs Stunden steige ich also aus dem Zug. Da steht sie schon. Ich trage dieses Mal eine Brille. Sicher ist sicher. Aber wie sie dasteht, das würde ich auch ohne Brille erkennen. Wir haben uns nun über eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Viel ist passiert. Bei ihr, bei mir. Als wir uns gegenüber stehen, fallen wir uns in die Arme. Früher, als wir uns noch jedes Wochenende gesehen haben, umarmten wir uns kaum bis nie. Jetzt aber schon. Zu viel Zeit ist vergangen. Wir verlassen den Bahnhof. Ich betrachte sie. Sie hat sich wirklich verändern. Viel längere Haare und ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie wirkt glücklich. Mich freut das für sie. Zu wissen, ob es ihr gut geht, wie ihr Leben verläuft, war der Hauptgrund meines sehr kurzen Besuchs. Unsere Terminkalender machen es nicht möglich, sich öfters und länger zu sehen. Es ist also nur ein Tag drin, durch die Verspätung des Zuges nur noch ein Abend. 440km für ein paar Stunden. So verrückt das auch klingt: Für diese Freundschaft nehme ich das auf mich.


Wir reden fast die ganze Nacht. Über dies und das. Das, was uns bewegt, das was die letzten Monate, das letzte Jahr alles passierte. Sie hat sich sehr verändert. Sie redet mehr. War sie früher eher die stille Zuhörerin, hat sich das Blatt ein Stück weit gewendet. Große Veränderungen, gute Veränderungen stehen für sie an. Als wir beide noch in derselben Stadt wohnten, wollte sie genauso schnell dort verschwinden wie ich. Taten wir beide, in unterschiedliche Richtungen. Jetzt sitze ich bei ihr, wir haben einiges erlebt, uns verändert, und doch fühlt sich das hier an, als wäre nie Zeit vergangen. Stattdessen hat uns Zeit sogar noch mehr verbunden. Uns verbindet aber auch die Vergangenheit, die Vergangenheit in der Stadt, in der weder sie noch ich glücklich wurden. Jetzt, beide in unseren neuen alten Städten, sind wir es. Wir sind glücklich. Ich sehe es ihr an.


Am nächsten Morgen kann ich getrost wieder in den Zug steigen, mit der Gewissheit, unsere Freundschaft kann auch weite Entfernungen überstehen. Wir haben bereits die nächsten Treffen ausgemacht. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann im neuen Jahr. Die Zeit wird aich vergehen, und zu wissen, diese Freundschaft könne es auch verkraften, dass wir uns eben nicht so häufig sehen, ist eine beruhigende Gewissheit.

Sie hatte ihm von der Geschichte mit dem beinahe Kuss erzählt. Der Schnee. Jetzt stand er vor ihr.

Leise segelten die Schneeflocken hinab zur Erde, bedeckten das Gras, bedeckten die hinuntergefallenen Blätter. Von heute auf morgen wurde es Winter. Eisige Kälte presste gegen das Fenster. Sie saß eingekuschelt in die flauschige Decke auf dem Sofa. Ihre Füße steckten in dicken Wintersocken, sie in einem dicken Pulli. Auch wenn die Wohnung geheizt war, war ihr kalt. Sie war den ganzen Tag draußen an der frischen Luft gewesen, wärmte sich jetzt erst wieder auf. Ihr Blick schweifte hinaus. Es war der erste Schnee dieses Jahres. Er würde nicht liegen bleiben. Das wusste sie. Er würde wieder verschwinden. Würde er überhaupt wieder auftauchen? Sie bezweifelte das.


Das Klingeln an der Haustür ließ sie aufschrecken. Sie hatte mit keinem Besuch gerechnet, konnte sich auch nicht vorstellen, wer es wohl sein mochte. Sie befreite sich aus dem Haufen an Decken und stapfte zur Haustür. Etwas skeptisch öffnete sie sie, die kalte Luft preschte gegen ihren Körper, sie bekam eine Gänsehaut und riss erst dann überrascht die Augen auf. Da stand er.

„Äh, hi!“

Sie starrte ihn nur an. Er selbst wirkte auch, als hätte er keine Ahnung, mit welchen Worten er doch anfangen sollte. Also blieb er erst einmal stumm. Dann brach der doch die Stille.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht!“

Sie schüttelte ihren Kopf, während sie ihre Arme nun an ihren Oberkörper presste. Die kalte Luft von draußen preschte ungehindert bis an ihre Haut heran. Ihr Pulli hielt sie kaum auf. Es bildete sich eine Gänsehaut. Gerade wollte sie ihn hereinbeten, ihn bitten, sein Auftauchen drinnen zu erklären, doch er wimmelte sie schnell noch ab. Er streckte ihr seine Hand entgegen, sie sollte ihre hineinlegen. Sie hat es. Etwas skeptisch, aber sie tat es. Er führte sie am Vordach weg, bis sie beide unter dem fallenden Schnee standen. Er positionierte sich vor sie, sie blickte zu ihm hinauf. Ihr Gesicht schrieb immer noch Bände. Sie hatte keine Ahnung, was er vorhatte. Also starrte sie ihn nur an. Er lächelte, hielt ihr Hand, streichelte sie. Dann zog er sie zu sich, in seine Arme. Dann spürte sie seine Lippen auf ihren. Seine weichen Lippen. Sein Bart kitzelte sie an ihrer Haut. Sie hielten küssend eine Weile inne. Er küsste so gut, er küsste perfekt. Dann trat sie einen Schritt zurück. Ihre Überraschung blieb.

„Du hast mir damals von dem beinahe Kuss erzählt! Ich wollte derjenige sein, der ihn dir geben wollte!“

Nun war sie noch perplexer als zuvor. Sie hatte ihm die Geschichte nur beiläufig erzählt, und das war Monate her. Damals war alles zwischen ihnen eher freundschaftlich gewesen. Schon damals wusste sie, dass es mehr sein würde. Mehr als kleine Berühungen war da aber nie gewesen. Dass er sich also an die Geschichte von damals erinnerte, die sie ihm in ihrem ganzen Redeschwall versehentlich erzählt hatte, war daher ausgesprochen überraschend. Und doch freute sie sich darüber. Er hatte sich diese Geschichte gemerkt, der beinahe Kuss, und entschieden, er wolle derjenige sein, der sie hier unter dem Schnee küsse. Er. Nie im Leben hätte sie gedacht, dieser Kuss würde er ihr erfüllen!

Sie grinste, als sie ihn hier mitten in der Menschenmasse entdeckte.

„Schön, dich mal ohne Krücken anzutreffen!“

Sie grinste, als sie ihn hier mitten in der Menschenmasse entdeckte. Hier mitten auf dem Festgelände begegneten sie sich nur zufällig. Sie befand sich genau dort, wo sie ihm gesagt hatte, dass sie hier sein würde. Er lief an ihr vorbei, wie er sie das wissen gelassen hatte. Ihr Treffen war trotzdem zufällig. Sie hatten sich nicht verabredet, sie ließen den Zufall entscheiden. Es funktionierte. Um sie herum dröhnte die Musik, die Geräusche der Fahrgeschäfte, hunderte Menschenstimmen und Kindergeschrei. Der Geruch des Bieres stand in der Luft. Die Sonne hatte den ganzen Tag geschienen, die Erde erhitzt. Auch jetzt war es noch warm, obwohl der Abend bereits hereingebrochen war. Mittendrin standen sie. Seine Freunde waren bereits weiter gelaufen. Einige Meter. Sie warteten aber.


Ein paar Wochen hatten sie sich nicht mehr gesehen. Davor aber auch nicht sehr häufig. Nur ein paar Mal. Sie redeten, aber nie viel. Die Zeit war genauso begrenzt wie die Situation ungünstig gewesen war. Irgendwann trafen sie sich dann nicht mehr an dem Ort. Sie wusste, dass es so kommen würde. Aber sie wohnten ja in einer Kleinstadt. Sie wusste, dass sie ihn irgendwie wieder sehen würde. Gut. Das dachte sie früher auch bei anderen. Klappte nie. Aber bei ihm war sie sich sicher gewesen. Jetzt stand er tatsächlich vor ihr. Er grüßte sie nicht nur. Er hielt für sie an.

„Schön, dich mal in einer anderen Umgebung zu sehen!“

Er grinste. Wie immer. Mit seinem schönen Lächeln. Seinem ansteckendem Lächeln. Sie mochte es. Sehr sogar. Ihr hatte es die Wochen gefehlt, in denen sie sich nicht gesehen hatten. Auch das gegenseitige Aufziehen. Sie hatte ihre Unterhaltungen vermisst. Sie hatte ihn vermisst.

„Wo verschlägt es dich denn hin?“

Er gab seinen Kumpels einen kurzen Wink, dass er gleich käme, bevor er sich wieder an sie wandte. In der Zeit hatte sie einen kurzem Moment, in dem sie sich ihn betrachten konnte. Sie hatte ganz vergessen, wie gut er doch aussah. Seine schönen braunen Haare, seine wundervoll blauen Augen. Ja, sie hatte ihn die Zeit, in der sie sich nicht mehr sahen, vermisst.

„Ich weiß es noch nicht! Ich schau einfach mal, ob ich hier jemanden kenne!“

Er nickte.

„Wenn du niemanden findest, dann kannst du gerne bei uns vorbeischauen!“

Jetzt nickte sie. Doch noch bevor sie ihn um seine Handynummer fragen konnte, noch bevor sie ihn fragen konnte, wo sie denn genau sein würden, verabschiedete er sich von ihr. Seine Freunde drängten, sie wollten weitergehen. Er umarmte sie nicht, warf ihr nur ein „Ich muss gehen“ hin und wandte sich von ihr ab. So herzlich, wie er sie empfangen hatte, so kühl war dann doch der Abschied gewesen. Sie verstand nicht, wieso er auf einmal so war. Sie brachte noch ein „ja, okay, tschüss“ heraus, bevor er bereits wieder bei seinen Freunden war und weiterging. Sie blieb kurz stehen, blickte ihm hinterher, bevor er in der Menschenmasse verschwand. Sie setzte ihren Weg irgendwann auch fort. Sie fand niemanden, den sie kannte, sie ging aber auch nicht auf sein schwammiges Angebot ein. Stattdessen verließ sie das Festgelände.

Bei dieser Sache wollte sie den Dingen nicht ihren Lauf lassen

„Ich habe jetzt einfach Nägel mit Köpfen gemacht! Mir hat’s gereicht!“

„Wow! So kenne ich dich ja gar nicht!“

„Denkst du, dass es doch zu forsch war?“

Sie schüttelte mit dem Kopf. Einen faden Beigeschmack behielt das ganze doch dabei. Sie war sich ihrer Sache wirklich sicher gewesen. Sie wollte nicht länger warten. Nicht länger zuhause warten und hoffen, es würde sich schon von selbst lösen. Das hat es nicht. Irgendwie wurde sie immer trauriger. Warten und hoffen. Das hatte sie ihr ganzes Leben getan. Sie war immer eine sehr vorsichtige Person gewesen. Nie die Stimme erhoben, wollte immer lieber auf Nummer sicher gehen. Ja niemanden auf dem falschen Fuß antreffen. Damit fuhr sie ganz zufriedenstellend. Aber eben nur zufriedenstellend. Sie riskierte nichts und gewann damit auch nichts. Manchmal war Risiko doch nötig, um das zu bekommen, was man wollte. Sie riskierte nichts, sie verlor nichts…

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…Bei dieser Sache wollte sie den Dingen aber nicht ihren Lauf lassen. Sie wollte und musste nachhelfen. Ihr würde wieder eine Gelegenheit entgehen. Der erste Schritt war bereits getan. Sie konnte noch einen Rückzieher machen, wieder die anderen für sie entscheiden lassen. Sie konnte sich wieder rausnehmen und hoffen, alles würde seinen Weg so nehmen, wie sie sich das so vorgestellt hatte. Wahrscheinlich würde es wieder in eine vollkommen falsche Bahn geraten. Sie könnte wieder nur zusehen und sich ärgern, dass sie nicht die Zügel in die Hand genommen hatte. Sie hätte sich Monate und Jahre wieder darüber geärgert. Sie hätte sich gewünscht, dass sie es anders gehandhabt hätte. Irgendwann würde Gras drüber wachsen. Sie würde wieder eine neue Aufgabe bekommen. Sie würde die andere vielleicht ein Stück weit vergessen, aber nie ganz. Sie kannte dieses Prozedere nur zu gut. Die letzten Jahre war es nie anders gelaufen. Zufriedenstellend genügte ihr aber nicht mehr. Sie wollte mehr. Mehr als das. Also wurde sie forscher. Aber vielleicht sogar zu forsch?

„Vielleicht war es doch nicht so gut, wie ich das gemacht habe!“

Sie zweifelte. Wie sie es immer tat. Sie hatte endlich wieder etwas gewagt. Es fühlte sich eigentlich so gut an. Kurz danach zweifelte sie wieder an dem, was sie getan hatte. Forsch sein. Das war sie nicht oft. Das versuchte sie ehrlicherweise zu vermeiden. Nicht dass sie es nie gewagt hatte. Das hatte sie bereits. Doch das, was dann geschah, schreckte sie für eine Weile ganz schön ab. Außerdem hatte sie bereits den ersten Schritt getan. Den nächsten nun auch. Er war nötig gewesen, um den Stein irgendwie ins Rollen zu bringen. Sie gab ihm bereits einen Schupser. Der Stein blieb aber hängen. Sie wurde ein weiteres Mal forsch, damit der Stein sich weiterbewegte. Sie wollte nicht warten, bis der Stein von selbst rollte. Ihr Geduldsfaden war endgültig gerissen. War sie ihm vielleicht doch zu forsch gewesen?

„Wart doch erst einmal ab, was von ihm kommt!“

Sie wollte gerade ihren Mund noch einmal aufmachen, protestieren, Gründe finden, warum ihre Entscheidung die falsche war, warum es nicht klappen konnte. Sie war bereit für eine weiter Runde. Das Piepsen des Handys riss sie aber aus diesem Vorhaben heraus. Sie blickte auf ihr Display. Eine Nachricht von ihm. Sie öffnete sie und lächelte.

Nun standen sie also hier. Er, umwerfend schön in seinem schwarzen Anzug, und sie, in diesem fabelhaften grünen Kleid

Sie hatten es sich draußen gemütlich gemacht. Nicht unbedingt gemütlich. Draußen war es eisigkalt. Doch innen, innen im Tanzsaal war es stickig, so stickig, dass sie selbst die Eiseskälte bevorzugen würde. Sie sagte ihm, sie würde für eine Weile nach außen gehen, frische Luft schnappen. Er bot an, mitzugehen. Das tat er dann auch. So schlenderten sie also gemeinsam nach draußen.


Nun standen sie also hier. Er, umwerfend schön in seinem schwarzen Anzug, und sie, in diesem fabelhaften grünen Kleid und den High Heels, auf denen sie langsam nicht mehr laufen konnte. Trotzdem wollte sie für einen Moment mit ihm alleine sein, rausgehen. Abseits von der lauten Musik, den schnatternden Leuten und ihrem Tanzpartner, der jedes Mal dazwischen funkte, sobald sie einen Moment für sich hatten. Schließlich war sie für diesen Abend seine Tanzpartnerin. Sie musste bei  ihm bleiben, den Abend mit ihm verbringen. Nicht mit dem anderen. Jetzt waren sie aber endlich alleine. Nur sie beide. Sie hatte ihre Jacke innen gelassen und bereute es in der Sekunde, in der sie nach draußen traten. Er bemerkte die Gänsehaut, die sich bei ihr bildete, und dass sie ihre Arme fest an den Oberkörper presste.

„Willst du meine Jacke?“

Vor Kälte brachte sie fast kein Wort heraus. Sie nickte deswegen nur. Dann stand sie also mit seiner nach ihm riechenden Jacke in dieser winterlichen Kälte, er trug nur noch sein weißes Hemd. Er wirkte jedoch nicht, als würde er selber frieren. Stille kehrte zwischen ihnen ein. Stille, in denen sie sich nur betrachteten. Sie blickte zu ihm hinauf. Er fixierte sie mit seinen wunderschönen braunen Augen, lächelte. Nun begann es langsam zu schneien. Flocke um Flocke rieselte zu ihnen hinunter. Sie legten sich auf seine und ihre Haare nieder. Er tat nun einen Schritt auf sie zu. Noch einen. Jetzt stand er ihr so nahe. Sie spürte seine Wärme. Dann näherte er sich ihr, bis er sie fast küssen konnte…

„Hier steckst du! Ich habe dich schon überall gesucht. Der nächste Tanz steht gleich an!“

Mit einem Satz wandte sie sich um, weg von ihm, als sie hinter sich die Stimme ihres Tanzpartners hörte. Sie hatte gehofft, dass er sie hier nicht fand. Er tat es aber. Mit ein paar Schritten war er bei ihr, platzierte sich vor sie.

„Kommst du?“

Er sagte das mehr als Aufforderung. Er wirkte alles andere als begeistert von der Tatsache, dass sie anscheinend wieder mit ihm verschwunden war. Sie war seine Tanzpartnerin. Als er sie gefragt hatte, hatte sie ihm „ja“ gesagt. Der andere war zu spät gewesen. Er hatte eine andere Tanzpartnerin, also sollte er sich mit ihr abgeben. Nicht mit seiner. Das gab er ihr zu verstehen. Sie hatte da anscheinend wenig mitzureden. Nun wandte sie sich wieder zu ihm. Er nickte nur, lächelte. Nicht so wie vorher. Er wirkte bedrückt. Trotzden ließ er sie gehen. Sie folgte ihrem Tanzpartner, der sie bereits an der Hand gepackt hatte und hinter sich herzog. Sie wandte sich noch einmal zu ihm um. Da stand dieser perfekte Mann in seinem Anzug im Schnee und blickte sie betrübt an. Dann wandte sie sich wieder um. Sie ließ ihn stehen. Ohne Kuss. Ohne ihren ersten Kuss. Woher hätten sie auch wissen sollen, dass es nie wieder eine Gelegenheit geben würde, dass die Sache sich letztendlich doch im Sande verlaufen würde?

So sehr er sie optisch doch anzog, so klar war es ihr, dass ihre Entscheidung die richtige war.

Seine Bekanntschaft machte sie nur aus Zufall. Ausnahmsweise war sie mit auf die Party gekommen, ausnahmsweise ließ er sich von seinen Freunden dazu überreden. Dort trafen sie aufeinander und verstanden sich auf Anhieb gut. Außerdem gefiel er ihr. Braune Haare, wunderschöne blau-grüne Augen. Sein Lächeln ließ sie dahinschmelzen. Den ganzen Abend verbrachten sie zusammen. Sie tanzten, sie lachten, tauschten Nummern aus.


Wenige Tage später begannen sie miteinander zu schreiben, bis sie schon ihr wahres erstes Date hatten. Sie gingen ins Kino, saßen in einem Pärchensitz und schauten einen Liebesfilm an. Er war so schüchtern, dass er sich nicht traute, irgendwas zu tun. Es war aber auch verständlich. Sie kannte sich ja kaum. Nur vom Schreiben. Kino war die dümmste Idee von allen. Sie konnten nicht miteinander reden, sich nicht kennen lernen. Dann dieser doofe Pärchensitz. Hatte er entschieden. Jetzt saßen sie beide so eingekauert in der jeweils anderen Ecke dieses Sitzes und starrten auf die Leinwand. Nicht nur sie, sondern auch er sahen das Ende des Filmes herbei. Nicht weil der Film schlecht war. Aber es war ein Liebesfilm. Das sagte schon genug aus, bei einem ersten Date.


Erst zwei Stunden nach dem Film konnten sie miteinander reden. So gut, wie sie sich beim zufälligen Aufeinandertreffen verstanden hatten, so wenig hatten sie sich nun zu sagen. Er bekam den Mund nicht auf, ihr gingen langsam die Gesprächsthemen aus. Von ihm kam kaum etwas. Die Stille wurde regelrecht unangenehm. Irgendwann brach sie die Verabredung ab. Nicht unhöflich, sondern damit, dass sie am nächsten Morgen recht früh raus musste. Es war gelogen. Er sollte das nur nicht erfahren.


Ein zweites Date gab es nicht mehr. Sie sahen sich zwar drei oder viermal wieder, doch jedes Mal wurde es wieder dieselbe bizarre Situation wie damals beim ersten Date. Er bekam seinen Mund nicht auf. Er war niemand Gesprächiges. Zumindest nicht dann, wenn sie in seiner Nähe war. Weitere Treffen, die er ihr vorschlug, umging sie, indem sie ihm vorgaukelte, sie würde aktuell viel zu tun haben. Eine Weile sahen sie sich dann auch nicht mehr, bis sie sich wieder auf einer Party über den Weg liefen. Mitten in der Menschenmenge entdeckte sie ihn dann. Er sah wie immer recht gut aus. Er lächelte sie an. Wieder mit seinem wunderschönen Lächeln. Sie wusste nicht, was sie dazu getrieben hatte, doch sie ging auf ihn zu, begrüßte ihn und lag nur wenige Minuten später in seinen Armen. Sie küssten sich. Er küsste sie so zärtlich, so liebevoll, vorsichtig. Die Bartstoppel an seinem Kinn kitzelten ihre Haut. Nach dem Kuss umarmten sie sich noch eine Weile, bis sie gehen musste, bis es Zeit war, um zu gehen. Sie gab ihm noch einen Kuss und verabschiedete sich von ihm.


Zwischen ihr und ihm wurde nie etwas. Ihnen fehlten die Gespräche, ihr fehlten die Gefühle. So sehr er sie optisch doch anzog, so sehr, wie sie diesen Kuss, diesen einen wundervollen Kuss doch genossen hatte, und noch eine Weile sehnte, so klar war es ihr, dass ihre Entscheidung, ihn nicht mehr wiederzusehen, die richtige war.