Zeit hat uns sogar noch mehr verbunden.

Ich habe bereits eine sechsstündige Odyssee hinter mir, als der Zug endlich in meinen Zielbahnhof einfährt. Sechs Stunden Zugfahrt, obwohl die Fahrt theoretisch nur vier Stunden dauern würde. Der ICE hat aber einen technischen Defekt, tuckert teilweise mit 15 km/h umher, zwischendurch muss dann auf einen Krankenwagen gewartet werden: einem Fahrgast geht es nicht gut. Kann die Deutsche Bahn nichts dafür, aber meine Nerven liegen blank.


Nach sechs Stunden steige ich also aus dem Zug. Da steht sie schon. Ich trage dieses Mal eine Brille. Sicher ist sicher. Aber wie sie dasteht, das würde ich auch ohne Brille erkennen. Wir haben uns nun über eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Viel ist passiert. Bei ihr, bei mir. Als wir uns gegenüber stehen, fallen wir uns in die Arme. Früher, als wir uns noch jedes Wochenende gesehen haben, umarmten wir uns kaum bis nie. Jetzt aber schon. Zu viel Zeit ist vergangen. Wir verlassen den Bahnhof. Ich betrachte sie. Sie hat sich wirklich verändern. Viel längere Haare und ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie wirkt glücklich. Mich freut das für sie. Zu wissen, ob es ihr gut geht, wie ihr Leben verläuft, war der Hauptgrund meines sehr kurzen Besuchs. Unsere Terminkalender machen es nicht möglich, sich öfters und länger zu sehen. Es ist also nur ein Tag drin, durch die Verspätung des Zuges nur noch ein Abend. 440km für ein paar Stunden. So verrückt das auch klingt: Für diese Freundschaft nehme ich das auf mich.


Wir reden fast die ganze Nacht. Über dies und das. Das, was uns bewegt, das was die letzten Monate, das letzte Jahr alles passierte. Sie hat sich sehr verändert. Sie redet mehr. War sie früher eher die stille Zuhörerin, hat sich das Blatt ein Stück weit gewendet. Große Veränderungen, gute Veränderungen stehen für sie an. Als wir beide noch in derselben Stadt wohnten, wollte sie genauso schnell dort verschwinden wie ich. Taten wir beide, in unterschiedliche Richtungen. Jetzt sitze ich bei ihr, wir haben einiges erlebt, uns verändert, und doch fühlt sich das hier an, als wäre nie Zeit vergangen. Stattdessen hat uns Zeit sogar noch mehr verbunden. Uns verbindet aber auch die Vergangenheit, die Vergangenheit in der Stadt, in der weder sie noch ich glücklich wurden. Jetzt, beide in unseren neuen alten Städten, sind wir es. Wir sind glücklich. Ich sehe es ihr an.


Am nächsten Morgen kann ich getrost wieder in den Zug steigen, mit der Gewissheit, unsere Freundschaft kann auch weite Entfernungen überstehen. Wir haben bereits die nächsten Treffen ausgemacht. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann im neuen Jahr. Die Zeit wird aich vergehen, und zu wissen, diese Freundschaft könne es auch verkraften, dass wir uns eben nicht so häufig sehen, ist eine beruhigende Gewissheit.

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Veröffentlicht von

Iris

2013 entschied ich meine Heimat in Bayern zu verlassen, um in Sachsen-Anhalt zu studieren. Drei Jahre später zog es mich dort fort, nach Frankreich. Jetzt, einige Monate später, bin ich zurück in Deutschland und plane bereits meine zukünftigen Wohnorte. Ich liebe es zu schreiben. Kleine Geschichten, lange Romane. Meistens sind sie ausgedacht, nie so geschehen, nur Teil meiner Fantasie. Aber ich liebe es mit dem Gedanken des Was-Wäre-Wenn zu spielen. Da die Texte wahrscheinlich dann eh nur in den letzten Ecken meines PCs verschwinden würden, möchte ich sie hier veröffentlichen. Ich will ihnen einen Platz geben, wo sie sich präsentieren können und gelobt sowie kritisiert werden. Ich möchte mich als Schriftstellerin weiterentwickeln. Das geht nur mit ernsthafter Kritik. Begleitet mich auf meiner Reise zwischen Realität und Fantasie, zwischen Wahrheit und Fiktion.

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