Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben.

Morgens, 8 Uhr. Ich schlendere durch die Stadt, alleine, denn ich bin die einzige, die um diese Uhrzeit Zeit dazu findet. Die meistens sind schon auf Arbeit, andere in der Schule oder in der Uni. Ich nicht. Vorlesungsfreie Zeit. Prüfungen sind geschrieben, Hausarbeiten habe ich keine. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Zu viel Zeit. Jetzt sind die Straßen wie leer gefegt. Die Geschäfte haben alle noch nicht offen. Das zieht niemanden hierher. Also finde ich Zeit, in Ruhe mir die Schaufenster anzuschauen. Sofort fallen sie mir auf: rosa rote Herzchen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern. Ganz groß und in mehrfacher Ausführung steht dort:

VALENTINSTAG

Ich rolle mit den Augen, gehe weiter. Beim nächsten Fenster schaut es nicht anders aus, wenn nicht sogar gleich. Rosa rote Herzen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern, drumherum steht:

VALENTINSTAG


Seit fast zwei Wochen geht das nun schon. Fielen mir vor ein paar Wochen noch die tausenden Werbespots zur Neujahrsfitness auf, sind es jetzt überall die Herzchen, Pralinen in Herzform, Parfüm in Herzform, Kuchen in Herzform. Überall höre ich, ich muss noch ein Geschenk besorgen. Geld ausgeben hier, Geld ausgeben da. Alles zum Valentinstag. Jedes Jahr aufs neue, und jedes Jahr schüttle ich mit dem Kopf. Valentinstag, ehrlicherweise kann ich mit diesem Tag nichts anfangen. Letztes Jahr war ich zur selben Zeit in Paris. Valentinstag in Paris. Alleine. Keine gute Idee. Die Idee vom Fest der Liebe finde ich ganz wunderbar. Ich bin ein romantischer Typ. Das bin ich, das kann ich sein. Aber eben nicht nur an diesem einen Tag. Deswegen stört er mich. Stört er mich jedes Jahr.


Valentinstag, das ist ein Tag, der mehr ist als bloß der Tag der Liebe. Schon Wochen zuvor überquillt jede einzelne Ratgeberseite von Tipps. „Darum ist es geil, an Valentinstag Single zu sein“ oder „Darum ist der Valentinstag kein Kommerz-Quatsch“. Daneben steht „5 ungewöhnliche Valentinstags-Unternehmungen“ und natürlich ein Test, welcher Valentinstags-Typ man doch ist. Ich mache ihn, habe anscheinend auch nichts Besseres zu tun. Die Fragen bringen mich auf der einen Seite zum Kopfschütteln, auf der anderen zum Lachen. Es tauchen Fragen auf wie „Deine beste Freundin ruft dich abends am Valentinstag an, möchte mit dir telefonieren, weil es ihr nicht gut geht. Deine Reaktion?“

A. Ich nehme mir die Zeit

B. Ich rede kurz mit ihr, lege dann aber auf.

C. Was soll denn der scheiß von ihr? Dieser Abend gehört nur meinem Freund.

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, ob überhaupt jemand C. gewählt hat.


Valentinstag, das ist der Tag, an dem Singles auf das Single-Sein reduziert werden (und das kenne ich allzu gut), und der Tag, an dem manche Pärchen noch deutlicher demonstrieren können, dass sie eins sind. Größer, aufwendiger, besser. Bei manchen die Devise. Ich mache mir da wenig Gedanken. Keine aufwendigen Geschenke, keine Blumen. Zumindest nichts geplant. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Valentinstag zelebrieren, aber auch nicht zu denen, die den Valentinstag als „Kommerz-Quatsch“ bezeichnen würden.


Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben. Jeder veröffentlicht einen Beitrag dazu, gibt seine Meinung dazu, durchleuchtet ihn hin und her. Ich tu das auch. Ist eine gute Gelegenheit, einfach mal seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich nehme ihn gerne an, schreibe über ihn und feier ihn dann ja doch nicht wirklich. Zumindest nicht geplant.


Valentinstag, das ist ein Tag wie jeder andere auch, und irgendwie auch nicht. Jeder sollte aus ihn machen, was er möchte, und doch bitte nicht komplett übertreiben. Es ist nur ein Tag. Ein Tag im Februar, ein Arbeitstag wie jeder andere. Es ist der Tag der Liebe, die aber bitteschön nicht nur heute gefeiert werden soll. Sonst müsse man ja am Tag der Freundschaft nur an diesem Tag befreundet sein, als müsse man am Tag der Frauen nur dann die Frauen würdigen. Ihr versteht, was ich meine…


Valentinstag, das ist ein Tag im Februar. Ein normaler Arbeitstag. Ein Mittwoch.

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4 jours à Hamburg

Ich lasse mich auf den Sitz des Zuges nieder. Der Koffer ist gut verstaut, der Platz direkt am Fenster perfekt. Der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt, als mich jemand fragt, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ich bejahe. Er lässt sich nieder. Ich bekomme nur im Augenwinkel mit, dass es ein junger Mann ist, ungefähr in meinem Alter. Ob er gut aussieht: das weiß ich nicht. Dafür ist der Blick auf ihn zu kurz. Während ich mich mit meiner Reisebegleitung unterhalte, merke ich, dass er seine Ohren bei uns hat. Mich stört das nicht. Es geht schließlich um Belangloses. Irgendwann komme ich dann doch mit ihm in ein Gespräch. Es geht um das Studium. Zufälligerweise studiert er das gleiche. Er macht nur aktuell Praktikum in meiner Heimat. Jetzt betrachte ich ihn mir dann doch irgendwann. Er schaut nicht schlecht aus. Nicht wirklich mein Typ. Aber er ist nett. Von der einen auf die andere Sekunde einfach angequatscht zu werden, ist mir anfangs etwas zu neu. Ein paar Tage später in Hamburg merke ich, dass das hier oben in Norddeutschland ganz normal ist. Die Menschen sind ziemlich offen, kontaktfreudig. Da, wo ich herkomme, etwas ungewohnt, aber ich mag es, dass sich Fremde in der Straßenbahn anquatschen und einfach so ins Gespräch kommen. Ich erfahre, dass der hier neben mir auch aus dem Norden stammt bzw. schon eine Weile dort lebt. Er ist mir sympathisch. Irgendwann taucht dann aber seine Haltestelle auf. Er fragt mich nach meiner Nummer. Ich gebe sie ihm. Er steigt aus. Ein paar Stunden später schreibt er mir, damit auch ich seine Nummer habe. Ein paar Wochen später kommt es dann auch zum Treffen. Mehr wird daraus aber nicht.

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Wir hätten uns den Wetterbericht genauer anschauen sollen. Dass ein Sturm über Hamburg ziehen sollte, war uns von vornherein klar, aber nicht, dass er bereits mittags über Norddeutschland ziehen wird. Wir dachten, wir hätten Zeit. Zeit, um uns die Stadt anzuschauen, Eimsbüttel, St. Georg, Winterhude, Eppendorf. Wir spazierten gerade an der Außenalster entlang, wollten umdrehen, nach St. Georg reinlaufen, als der Wind auf einmal aufbrauste. Wir stemmten uns noch dagegen, wollten noch einen Unterschlumpf suchen, als wir schon die Regenwand auf uns zukommen sahen. Schnell das Gesicht in die Regenmütze gezogen, als der Sturm mit einem Schwall auf uns zugeprescht kam. Wir versuchten dagegen anzulaufen, doch der Wind, doch der Sturm riss mir fast die Krücke aus der Hand. Dagegen steuern? Unmöglich. Es war weniger beruhigend, dass um uns herum nur Bäume waren. Panik stieg in uns auf. Wir stellten uns dorthin, wo wir zumindest ein Stück weit von den umherfliegenden Ästen geschützt waren. Zumindest ein bisschen. Das Horrorszenario dauerte ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen ich hoffte, hier so schnell wie möglich weg zu kommen. Als der Wind und der Regen nachließen, und vor allem die Sonne auf uns niederbrannte, als wäre zuvor nichts passiert, machten wir uns auf den Heimweg. Uns war die Lust vergangen. Wir kauften uns zwar noch ein Eis auf den Schreck, danach ging es aber sofort zurück ins Hotel. Als wir dort ankamen, erhielten wir auf unseren Handys die Nachricht, bei dem Sturm gab es einen Toten. Teile eines Gerüsts waren durch den Sturm von einer Baustelle auf einen Mann gefallen. Nichtsahnend verließ er morgens das Haus, abends würde er nicht mehr nach Hause kommen. Der Schock saß tief. Der Unfall geschah nicht weit von uns entfernt. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um uns von diesem Geschehen zu erholen. Wir waren eindeutig bedient. Stürme in Norddeutschland sind auf alle Fälle nicht ohne.

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