4 jours à Hamburg

Ich lasse mich auf den Sitz des Zuges nieder. Der Koffer ist gut verstaut, der Platz direkt am Fenster perfekt. Der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt, als mich jemand fragt, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ich bejahe. Er lässt sich nieder. Ich bekomme nur im Augenwinkel mit, dass es ein junger Mann ist, ungefähr in meinem Alter. Ob er gut aussieht: das weiß ich nicht. Dafür ist der Blick auf ihn zu kurz. Während ich mich mit meiner Reisebegleitung unterhalte, merke ich, dass er seine Ohren bei uns hat. Mich stört das nicht. Es geht schließlich um Belangloses. Irgendwann komme ich dann doch mit ihm in ein Gespräch. Es geht um das Studium. Zufälligerweise studiert er das gleiche. Er macht nur aktuell Praktikum in meiner Heimat. Jetzt betrachte ich ihn mir dann doch irgendwann. Er schaut nicht schlecht aus. Nicht wirklich mein Typ. Aber er ist nett. Von der einen auf die andere Sekunde einfach angequatscht zu werden, ist mir anfangs etwas zu neu. Ein paar Tage später in Hamburg merke ich, dass das hier oben in Norddeutschland ganz normal ist. Die Menschen sind ziemlich offen, kontaktfreudig. Da, wo ich herkomme, etwas ungewohnt, aber ich mag es, dass sich Fremde in der Straßenbahn anquatschen und einfach so ins Gespräch kommen. Ich erfahre, dass der hier neben mir auch aus dem Norden stammt bzw. schon eine Weile dort lebt. Er ist mir sympathisch. Irgendwann taucht dann aber seine Haltestelle auf. Er fragt mich nach meiner Nummer. Ich gebe sie ihm. Er steigt aus. Ein paar Stunden später schreibt er mir, damit auch ich seine Nummer habe. Ein paar Wochen später kommt es dann auch zum Treffen. Mehr wird daraus aber nicht.

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Wir hätten uns den Wetterbericht genauer anschauen sollen. Dass ein Sturm über Hamburg ziehen sollte, war uns von vornherein klar, aber nicht, dass er bereits mittags über Norddeutschland ziehen wird. Wir dachten, wir hätten Zeit. Zeit, um uns die Stadt anzuschauen, Eimsbüttel, St. Georg, Winterhude, Eppendorf. Wir spazierten gerade an der Außenalster entlang, wollten umdrehen, nach St. Georg reinlaufen, als der Wind auf einmal aufbrauste. Wir stemmten uns noch dagegen, wollten noch einen Unterschlumpf suchen, als wir schon die Regenwand auf uns zukommen sahen. Schnell das Gesicht in die Regenmütze gezogen, als der Sturm mit einem Schwall auf uns zugeprescht kam. Wir versuchten dagegen anzulaufen, doch der Wind, doch der Sturm riss mir fast die Krücke aus der Hand. Dagegen steuern? Unmöglich. Es war weniger beruhigend, dass um uns herum nur Bäume waren. Panik stieg in uns auf. Wir stellten uns dorthin, wo wir zumindest ein Stück weit von den umherfliegenden Ästen geschützt waren. Zumindest ein bisschen. Das Horrorszenario dauerte ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen ich hoffte, hier so schnell wie möglich weg zu kommen. Als der Wind und der Regen nachließen, und vor allem die Sonne auf uns niederbrannte, als wäre zuvor nichts passiert, machten wir uns auf den Heimweg. Uns war die Lust vergangen. Wir kauften uns zwar noch ein Eis auf den Schreck, danach ging es aber sofort zurück ins Hotel. Als wir dort ankamen, erhielten wir auf unseren Handys die Nachricht, bei dem Sturm gab es einen Toten. Teile eines Gerüsts waren durch den Sturm von einer Baustelle auf einen Mann gefallen. Nichtsahnend verließ er morgens das Haus, abends würde er nicht mehr nach Hause kommen. Der Schock saß tief. Der Unfall geschah nicht weit von uns entfernt. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um uns von diesem Geschehen zu erholen. Wir waren eindeutig bedient. Stürme in Norddeutschland sind auf alle Fälle nicht ohne.

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Veröffentlicht von

Iris

2013 entschied ich meine Heimat in Bayern zu verlassen, um in Sachsen-Anhalt zu studieren. Drei Jahre später zog es mich dort fort, nach Frankreich. Jetzt, einige Monate später, bin ich zurück in Deutschland und plane bereits meine zukünftigen Wohnorte. Ich liebe es zu schreiben. Kleine Geschichten, lange Romane. Meistens sind sie ausgedacht, nie so geschehen, nur Teil meiner Fantasie. Aber ich liebe es mit dem Gedanken des Was-Wäre-Wenn zu spielen. Da die Texte wahrscheinlich dann eh nur in den letzten Ecken meines PCs verschwinden würden, möchte ich sie hier veröffentlichen. Ich will ihnen einen Platz geben, wo sie sich präsentieren können und gelobt sowie kritisiert werden. Ich möchte mich als Schriftstellerin weiterentwickeln. Das geht nur mit ernsthafter Kritik. Begleitet mich auf meiner Reise zwischen Realität und Fantasie, zwischen Wahrheit und Fiktion.