Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte.


September Part II


IMG_5979

Alles lief endlich so gut, ich lief gut. Ich konnte meine Krücke beiseitelegen. Sobald ich nicht darüber nachdachte, humpelte ich nicht mehr. Ich war auf einem guten Weg, durfte auch endlich mit Sprungübungen beginnen. Nur ein paar, doch das genügte mir, um zu merken, dass ich langsam wieder zur Normalität fand. Alles schien so, als könnte ich tatsächlich mein Studium ohne Krücke und ohne Probleme beginnen. Falsch gedacht. Ich merkte bereits in meinem Urlaub, dass irgendetwas an meinem Knie nicht in Ordnung war. Erst schmerzte es an der einen Stelle, dann fing plötzlich eine andere an. Ich dachte, die würden auch allmählich wieder verschwinden. Doch sie blieben und wurden schlimmer. Mein Physiotherapeut ging davon aus, dass es vielleicht der innere Oberschenkelmuskel ist. Beim Arzt dann die mögliche Diagnostik: Vielleicht ist der Meniskus nicht richtig verheilt. Vielleicht hat sich dort Narbengewebe gebildet. Mein Knie wurde vorläufig mit einem Zinkleimverband übers Wochenende ruhig gestellt.


Oktober


Ich dachte, die Schmerzen würden besser werden. Sie tun es, eine Weile. Dann wird es wieder schlimmer. Mein Arzt ließ erneut ein MRT machen. Resultat: Entzündung im Innenband durch Überstrapazierung. Der Radiologe sieht außerdem einen Riss im Meniskus. Trotzdem laufe ich in die Uni, bis gar nichts mehr geht. Es tut zu sehr weh. Stattdessen wieder übers Wochenende ruhig stellen. Zwei Wochen ist es nicht klar, was genau die Diagnose ist. Zwei Wochen voller Angst vor einer erneuten OP. So habe ich mir den Wiedereinstieg ins Studium nicht vorgestellt. Ich habe soviel zu tun, aber mein Bein bremst mich aus. Eine Woche später kommt die Entwarnung: Kreuzband sitzt gut, Meniskus ist in Ordnung. Ich habe aber ein Ödem, eine Entzündung, die nur mit entzündungshemmenden Tabletten behandelt werden kann. Erleichterung pur. Dann geht es wieder bergauf. Die Schmerzen sind weg, ich kann die Krücke beiseitelegen, kann wieder Fahrradfahren, dehnen, versuchen auf einen Hocker zu steigen. Vor allem letzteres hört sich so einfach an. Ist es aber nicht. Nicht, wenn man im Bein keine Muskeln mehr hat. Mit dem Dehnen komm ich auch gut voran. Ich bin endlich bei knapp 100 Grad. Für mich schon eine riesiger Erfolg.


November


Die OP ist jetzt ein halbes Jahr her. Das bedeutet, dass ich nicht mehr länger zur Physiotherapie muss. Nur noch bis Mitte November, dann muss ich selber weitertrainieren, weiter Muskeln aufbauen. Meine Physiotherapeuten haben ihr bestmöglichstes gegeben. Jetzt liegt es an mir. Dehnen, Kraft aufbauen. Der erste Erfolg in Sachen Sport hat sich auch gezeigt. Zum einen bin ich auf dem Laufband Joggen gewesen. Zum anderen auf ein Trampolin gestiegen. Beides kontrolliert mit dem Physiotherapeuten. Beides hat geklappt, beides war aber auch super anstrengend. Diese neuen Erlebnisse haben mich trauen lassen, wieder mit Yoga anzufangen. Ich merke, dass ich komplett auf Null stehe. Vor allem die „Child pose“ macht mir Probleme. Genauso wie der „Tree“. Aber ich hetze mich nicht, bin auch nicht frustriert. Ich habe das letzte halbe Jahr viele Höhen und Tiefen gehabt, Schmerzen erlebt, die ich nie zuvor gefühlt hatte. Ich habe mir mehrmals gewünscht, dass es eine Abkürzung gibt. Die gab es aber zu keiner Zeit. Ich habe es überstanden, ich habe mein Bein wieder. Ich bin stolz auf mich.

Advertisements

Langsam sind meine Nerven ausgelastet. Ich will nicht mehr.


Juli


Langsam sind meine Nerven ausgelastet. Ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr mit der Schiene laufen, nicht mehr mit der dummen Krücke. Auch wenn es nur eine ist. Sie steht ständig im Weg, ich rutsche mit ihr ständig aus oder haue mich an. Dann bin ich letztens auch noch mit dem Fuß meines verletzten Beins umgeknickt. Resultat: Muskelüberdehnung. Langsam reicht es wirklich. Hinzu kommt, dass jetzt der Sommer beginnt. Alle reisen, sind im Freibad, Grillen bei Freunden oder liegen im Park. Ich kann das alles nicht machen. Denn dafür müsste ich zumindest ein bisschen laufen können. Mir ist aber alles zu anstrengend. Selbst zur Physiotherapie kann ich nicht laufen, auch wenn die nicht sehr weit von zuhause entfernt ist. So sitze ich also den ganzen Tag zuhause. Selbst auf dem Volksfest konnte ich nur ein paar Mal gehen, alles andere wäre körperlich zu anstrengend gewesen. Frustrierend ist dann auch noch die Tatsache, dass diese Situation noch eine Weile anhält. Dieses Jahr gibt es keinen Sommer, gibt es vor allem nicht den Sommer meines Lebens. Die Sache mit meinem Bein wird noch anhalten. Sehr lange sogar.


August


Der Unfall ist jetzt vier Monate, die OP drei Monate her. Mit meinem Bein steht es irgendwie immer noch schlecht. Die Schiene habe ich abgelegt, die eine Krücke leider immer noch nicht. Ich versuche es, aber irgendwann zieht mir meine Kniekehle. Ich komme dann sofort wieder in die schonende Haltung und winkel mein Bein beim Laufen nicht an. Das Bein selber ist immer noch geschwollen. Sehr viel mehr als 90 Grad Anwinkeln kann ich immer noch nicht, auf 0 Grad ausstrecken auch nicht. Meine Muskeln blockieren. Ich muss sie erst wieder an das ganze Prozedere gewöhnen. Es ist frustrierend. Andere können jetzt bereits wieder normalen Sport treiben, ich nicht. Ich kann nicht einmal normal laufen. Das einzige Erfolgserlebnis: ich kann endlich wieder auf dem Heimtrainer Fahrradfahren. Zumindest ohne Widerstand. Ich komme rum. Das ist das einzige, was einigermaßen Mut macht, dass es langsam vorangeht. Die Schmerzen im hinteren Oberschenkel, und ich denke, dass das Muskelkater ist, sind trotzdem weiterhin sehr unangenehm und blockieren mich. Ich habe jetzt nur noch zwei Monate, bis die Uni wieder anfängt, und ich dringend wieder normal laufen muss.


September Part I


Ich komme irgendwie voran. Die Betonung liegt auf irgendwie. Ich laufe immer noch mit einer Krücke. Grund? Fehlende Muskeln. Theoretisch ginge das Laufen, aber nur auf kurzer Strecke. Dann wird es anstrengend und schmerzhaft. Jetzt heißt es erstmal, langsam Muskeln aufbauen. Ich darf daheim Fahrradfahren, sogar mit Widerstand. So wie es für mich angenehm ist. Hinzu kommen Übungen für den Pomuskel und dem Muskel im Fuß, die beide irgendwie nicht mehr vorhanden sind. Mein Physiotherapeut macht mir zwar Mut und sagt, ich mache das alles ganz gut und gebe mein Möglichstes, aber frustrierend ist es trotzdem. Der Kopf sagt, ich schaffe das, aber das Bein kann einfach nicht, zumindest nicht soviel, wie es mal konnte. Auch nach vier Monaten nicht. Das schlimmste: da muss ich einfach durch, es gibt keine Alternative, keine leichtere Variante. Jeden Tag aufs Neue auf das Fahrrad für zwanzig Minuten steigen, Übungen machen, Bein dehnen, damit die verhärteten Muskeln locker lassen. Jeden Tag aufs Neue. Es ist also verständlich, dass der Frust groß ist.

Denn jetzt ist der Schmerz wieder da, und ich weiß, von was er verursacht wird: dem gerissenen Kreuzband und dem Meniskus in meinem Knie.


März


Ich liege da in der Dunkelheit und starre an die Decke. Ich kann nicht schlafen. In meinem Bauch spüre ich ein großes Loch. Es scheint mich innerlich aufzufressen. In meinen Augen bilden sich immer wieder Tränen. Ich wische sie weg. Ich liege auf dem Rücken, würde gerne die Position wechseln, aber das geht nicht. Nicht in meiner momentanen Situation. Diese Nacht ist es schlimmer als alle Nächte zuvor, denn der Schmerz ist zurück. Der Schmerz in meinem Bein, das in einer engen Schiene fixiert liegt. Auf die Seite drehen ist nicht möglich. Weder auf die eine, noch auf die andere. Schmerz. Stechender Schmerz. Vor Tagen war er erst einmal verschwunden. Ich dachte, ich hätte das schlimmste überstanden. Ich dachte an Besserung. Es war ein Trugschluss. Denn jetzt ist der Schmerz wieder da, und ich weiß, von was er verursacht wird: dem gerissenen Kreuzband und dem Meniskus in meinem Knie. Die Hiobsbotschaft ist eine Woche alt, und es wirkt immer noch unreal. Ich kann es einfach nicht fassen. Drei Monate, bevor ich meinen Aufenthalt hier in Frankreich beenden würde, geschieht das: Krücken, Schiene, Schmerzen. Ich war dem Ende, einem guten Ende so nahe. Vor kurzem machte ich mir noch um andere Dinge Gedanken. Dinge, die ich die Wochen und Monate noch erledigen wollte. Jetzt ist ein anderes Ende näher. Ein vorzeitiges. Ein abruptes. Ich werde nicht mehr in die Universität gehen können. Es hapert bereits am Gehen. Ich kann keine Nächte mehr mit meinen neu gefundenen Freunden durchmachen, nicht mehr reisen, nicht mehr die Stadt erkunden. Es ist vorbei. Genau diese Tatsache tut so verdammt weh. Ich hatte hier noch soviel vor, wollte noch soviel erleben, aber stattdessen geht es jetzt darum, zurück nach Hause zu kommen, Ärzte aufsuchen, Operation planen, Operation überstehen, Physiotherapie, Reha. Ich bin wütend. Wütend auf das Trampolin, wütend auf mich, wütend auf mein Knie, wütend auf alles. 


Mai


IMG_20170521_084311

Langsam öffne ich meine Augen. Ein Tag ist es her. Ein Tag nach der Operation. Den gestrigen Tag habe ich nur ganz schwammig in Erinnerung. Ich habe ihn verschlafen. Mein Körper fühlt sich schlapp an, mein Bein schwer. Es ist in einen dicken Verband und in eine dicke Schiene gespannt. Das Bein liegt erhöht. Bei der kleinsten Bewegung reißt ein unbeschreibbarer Schmerz durch meinen ganzen Körper. Tränen bilden sich in meinen Augen. Schon wieder. Mein  Magen knurrt. Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen. Ich hatte aber auch keinen Hunger. Erst jetzt. Der Schmerz nimmt ihn mir aber gleich wieder. Die verschriebenen Schmerztabletten helfen nichts. Ich weine. Sie werden schlimmer, als es heißt, Verband abnehmen, Pflaster wechseln, Drainage ziehen. Schon bei der kleinsten Bewegung schreie ich laut auf. Der Schmerz ist unaushaltbar. Es folgt die Therapeutin. Sie möchte anfangen, mein Bein zu bewegen. Unmöglich. Auch das Anziehen des Kompressionsstrumpfs sind Höllenqualen. Ich weine, kann mich fast nicht beruhigen. Ich zitter am ganzen Körper. Ich verfluche alles. Weitere Schmerztablette, die helfen. Zwei Tage später quält mich ein anderer Therapeut aus dem Bett. Ich muss das Laufen üben. Ich stehe dem ganzen kritisch entgegen. Doch er motiviert, er erklärt mir alles. Er ist auch ziemlich streng, doch ich schenke ihm vollstes Vertrauen. Die ersten Schritte bleiben die Hölle. Das Blut schießt in mein Bein. In meinem Schienbein fühle ich jede Wunde. Es sticht. Es sticht brutal. Ich will wieder in mein Bett, doch der Therapeut lässt mich durchhalten. Als ich erleichtert mein Bett wieder aufsuche, bin ich stolz. Meine ersten Schritte. Sie taten weh, sie waren schrecklich, doch ich tat sie. Jetzt weiß ich, dass es bergauf geht.


Juni


Datei_000 (2)

Ich mache meinen ersten Schritt nach vorne. Ich belaste das erste Mal mein Bein voll. Die Krücken sind beiseite gelegt. Jetzt muss ich mich mit meinem eigenem Körpergewicht, mit meinen Beinen nach vorne schieben. Der erste Schritt. Es zieht, es drückt, doch ich stehe, ich stehe auf ihm. Es ist unangenehm. Ich ziehe das andere hinterher. Einem echten Schritt gleicht das nicht. Ich muss das gesunde Bein schneller nach vorne schieben. Das andere hält mich nicht. Es sind einfach keine Muskeln mehr vorhanden. Drei Monate ist der Unfall nun her. Drei Monate, in denen ich das Bein nicht benutzt, nicht belastet habe. Jetzt besteht es nur noch aus Haut, Knochen und Fett. Auf jeden Fall spannt sich hier nichts mehr an, was mich halten könnte. Ich habe keine Muskeln mehr. Das merke ich. Mein Knie ist wackelig, überhaupt nicht stabil. Aber das neue Kreuzband hält. Nichts knackst. Es schmerzt auch nicht. Es ist nur anstrengend. Sehr sogar. Mein Physiotherapeut muss hinten und vorne mein Knie stabilisieren, damit die ersten Schritte funktionieren. Zum Glück nur das erste Mal. Im Laufe der Tage wird es immer besser. Irgendwann kann ich dann auch schon eine Krücke weglegen. Komplett ohne funktioniert nicht. Die Muskeln, die ich zum Laufen bräuchte lassen sich mächtig Zeit, sich wieder aufzubauen. Ich versuche es ohne Krücken, aber das wird auf die Dauer zu anstrengend. Dann zieht es in der Kniekehle. Dann kommt auch noch ein fieser Muskelkater im hinteren Oberschenkel und in der Wade dazu. Ich mache Schritt für Schritt Fortschritte. Ich sehe sie. Doch meinem offiziellen Plan halte ich nicht ein. Ich schaffe es weder nach vier Wochen nach der OP komplett ohne Krücken voll zu belasten, noch nach acht Wochen die Schiene abzulegen. Kein Wunder. Der Plan sieht schließlich auch nicht vor, dass ich durch wochenlanges Liegen meine Muskeln verliere. Die müssen erst wieder aufgebaut werden. Bis dahin muss ich Krücke und Schiene beibehalten…

Eigentlich war ich nie eine begeisterte Langstreckenläuferin gewesen.

IMG_20170312_102637_200

Meine Laufgeschichte fängt in der Oberstufe an. Eigentlich war ich nie eine begeisterte Langstreckenläuferin gewesen. Ich habe die Leichtathletik geliebt, aber ich war der festen Überzeugung, dass ich für kurze Strecken bestimmt war. Dann kam in der Oberstufe die Hiobsbotschaft: pro Semester mussten wir jeweils drei Läufe absolvieren, jeweils 6 km in unter 40 Minuten. Dann gab’s 15 Punkte. Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wie die Bewertung danach war. Ich habe den Lauf einmal mitgemacht, war so motiviert und wollte es unbedingt schaffen. Man muss sich mal vorstellen: ich war vorher noch nie laufen gewesen, und jetzt sollte ich 6 km in unter 40 Minuten schaffen. Kein Wunder, dass die Jahrgangsstufen nach mir diesen Lauf nicht mehr machen mussten. Auch jetzt, sieben Jahre später, ist diese Vorgabe immer noch übertrieben gewesen.

IMG_20170302_182033_328

Sechs Wochen vor dem ersten Lauf versuchte ich das erste Mal die sechs Kilometer überhaupt durchzuhalten und traf mich dafür mit einer Freundin, die dasselbe vorhatte. Wirklich Spaß machte das Ganze überhaupt nicht, und vor allem waren wir nach nur knapp 2 km fertig, körperlich und mit den Nerven. Trotzdem versuchte ich es weiter. In der Trainingsphase schaffte ich die 6km nie. Dann stand der Tag schon an. Ich war so motiviert und setzte mir das Ziel von 6 km unter 40 Minuten. Als dann der Startschuss fiel, lief ich gemächlich los. Alle anderen rasten davon. Irgendwann merkte ich, dass ich eine der letzten war. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft mich die anderen überholt hatten. Gut. Die allerletzte war ich nicht. Ungefähr 10-15 Leute waren hinter mir. Im Ziel angekommen, brach ich dann erst einmal zusammen. Ich habe geheult. Mir lief der Schweiß runter, mein Kopf war puterrot, mein Kreislauf versagte. Meine Zeit war gar nicht mal so schlecht: 6 km in 43 Minuten.  Danach folgte kein anderer Lauf mehr. Ich weigerte mich vehement, jemals wieder laufen zu gehen.

IMG_20170223_174651_933
Vor 2 Jahren nahm ich wieder den Mut zusammen und schlüpfte in meine Laufschuhe. Ich war noch nie jemand gewesen, der schnell aufgab. Es reizte mich zu sehr, noch einmal die sechs Kilometer unter 40 Minuten zu schaffen. Die ersten Versuche fingen unglaublich peinlich an. Anfangs schaffte ich nicht mal 2 oder 3 km, ohne am liebsten umzufallen. Aber ich gab nicht auf. Es lohnte sich. Irgendwann schaffe ich tatsächlich die 6 Kilometer durchzuhalten. Nicht in 40 Minuten, aber das spielte erstmal keine Rolle. Ich lief 6 Kilometer, ohne am Ende heulend zusammenzufallen. Das genügte als erster Erfolg. Bis dahin dauerte es aber einige Monate. Erst dann machte ich mir Gedanken darüber, schneller zu laufen. Wieder einige Monate später standen da die 6 Kilometer unter 40 Minuten. Ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich war. Ich hatte diesen Meilenstein geschafft, und ich begann mich irgendwie in das Laufen zu verlieben. Jetzt war ich soweit, meinen Blick darauf zu richten, längere Strecken zu laufen. Irgendwann schaffte ich dann 10 und 11 km. Dann kam die Zeit, als ich das erste Mal für drei Monate nach Frankreich ging. Erst funktionierte es mit dem Laufen. Dann passierte das Unerwartete: ich lief zu schnell und verletzte mich. Ich fiel für ganze vier bis fünf Monate aus. Die Schmerzen in den Schienbeinen tauchten nicht nur beim Joggen auf, sondern auch beim ganz normalen Laufen. Sie brauchten ihre Ruhe. Es war unglaublich frustrierend. Ich wollte laufen, doch ich konnte nicht. Nach ein paar Monaten Schonungszeit, stieg ich dann wieder ins Laufen ein. Ich fing nicht unbedingt bei Null an, aber ich begann wieder mit 3-4km. Die 10km rückten in weite Ferne. Im Herbst 2016 ging ich dann wieder nach Frankreich. Wieder eine Umstellung. Dieses Mal war die Umstellung aber nicht so gravierend wie beim ersten Mal. Dieses Mal schaffte ich sogar 12 Kilometer. Ich glaube, ich war noch nie so stolz auf mich und erkannte: Vielleicht war es doch möglich auf einen Halbmarathon hin zu arbeiten. Halbmarathon. Verrückte Idee. 21 km, aber ich dachte, in einem Jahr müsste das doch machbar sein. Ich visierte also den Halbmarathon im September 2017 an. Voller Freude darauf sprang ich wieder in meine Laufschuhe. Es folgte, was immer wieder geschah. Ich kann nicht einmal sagen, wie es genau passiert war, aber ich verletzte mich schon wieder. Dieses Mal am Knie. Wieder fiel ich aus. 2 Monate lief ich gar nicht, denn ich hatte Angst, dass das mit meinem Knie etwas Ernsthaftes war. Ich stoppte solange, bis ich beim Orthopäden einen Termin bekam. Erst als das Knie geröngt war, gab er Entwarnung: Der Grund für die Schmerzen war, dass meine Knochen im Knie nicht normal aufeinander liegen, sondern der eine Knochen verschoben ist. Er sagte aber, das ließe sich ganz einfach mit einer Bandage regeln. Ich trug sie dann auch, und damit waren die Schmerzen in meinem Knie tatsächlich verschwunden. Ich durfte wieder laufen. Seitdem, es sind nun drei Monate vergangen, kann ich wieder viel laufen gehen. Die Lektion, die ich in all der Zeit gelernt habe, ist, dass ich nun besser auf mich aufpasse. Wenn ich spüre, dass mein Schienbein wieder zwickt, mir sich der Magen irgendwie umdreht oder mein Knie sich bemerkbar macht, höre ich sofort auf. Ich habe meine Grenzen entdeckt. Jetzt versuche ich einfach so weit zu laufen, wie es geht. Wenn meine Beine es erlauben, bin ich schneller, aber ich gebe mich auch zufrieden, wenn ich etwas langsamer laufe. Von dem Gedanken „Halbmarathon“ habe ich mich irgendwie mehr oder weniger verabschiedet. Ich schaffe es wahrscheinlich nicht, in den nächsten sechs Monaten auf 21 km hin zu arbeiten. Ich versuche es, aber wenn es nicht möglich ist, dann geht es eben nicht. Vielleicht melde ich mich dann eben nur für den 10 km Lauf an. Auf jeden Fall laufe ich weiter, so weit wie mich meine Beine tragen.

nrc-20170315_095114-stickered

Ich bin keine Wettkampfläuferin. Zeit, Geschwindigkeit muss mir nicht wichtig sein. Ich laufe, um den Kopf freizubekommen, in mich zu gehen, auf meinen Körper zu hören.

Mit dem Laufen verhält sich das bei mir so: Morgens wache ich auf, und mein erster Gedanke ist „oh, scheiße!“. Dann rolle ich mich aus meinem Bett raus, stapfe zur Küche und schmeiße den Wasserkocher an. Erstmal Kaffee. Davor läuft bei mir gar nichts. Ich kann nicht auf nüchternen Magen laufen, also gibt’s dazu zwei Honig-Toasts. Dann heißt es warten. Ungefähr eineinhalb Stunden, in denen ich immer wieder überlege, ob ich nicht doch zuhause bleiben soll. Mehrfach schau ich da aus dem Fenster, finde das Wetter zu blöd oder eben nicht, diskutiere mit dem Schweinehund, dann geht’s los. Ich schmeiß mich in die Laufklamotten und schnapp mir mein Handy. Los. Wenn ich dann draußen bin, bin ich endlich etwas motivierter. Die Nike-App wird geöffnet, auf Start gedrückt, dann kann es mit Musik in den Ohren losgehen. Anfangs fühlen sich alle Schritte so leicht an. Meine Beine wachen immer mehr auf, mein Puls erhöht sich allmählich. Der Start, die ersten 2km, lasse ich relativ schnell hinter mir. Bis vor kurzem war es mir noch relativ wichtig, wie schnell das ganze funktionierte. Nach jedem Kilometer ertönte eine Stimme in meinen Kopfhörern, die mir Distanz, Zeit und Geschwindigkeit vorsagte. Diese Funktion habe ich endlich ausgestellt. Mir ist es egal, wie ich laufe. Ich laufe nun nur noch nach Gefühl. Solange ich schaffe, solange ich will. Beim Laufen ist mir Abwechslung unglaublich wichtig, deshalb veränderte ich meine Laufstrecken immer mal wieder. Manche Läufer haben ja die Angewohnheit, Jahre lang immer wieder die gleiche Strecke abzulaufen. Mir ist das zu öde. Meine erste Überwindungsphase beim Laufen beginnt bei 4,5km. Dann werden die Beine langsam schwerer. Dann heißt es Zähne zusammenbeißen. Wenn der Schweinehund zu groß wird, oder ich sogar ein schmerzendes Ziehen in den Beinen spüre, kann es schon vorkommen, dass ich aufhöre. Muss sein. In meinem Lauflebenslauf habe ich gelernt, dass es wichtig ist, aufzuhören, wenn Schmerzen auftauchen. Nach zwei längeren Laufpausen, die verletzungsbedingt waren, höre ich nun besser auf meinen Körper. Wenn es nicht mehr geht, dann geht es eben nicht mehr. Ich quäle mich nicht mehr.

Wenn alles jedoch gut läuft, sind mein Ziel immer 6 Kilometer. Das hat den Grund, dass ich in der Schule einen 6-Kilometer-Lauf unter 40 Minuten absolvieren musste und da regelmäßig durchgeflogen bin. Das hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Wenn die 6 Kilometer geschafft sind, ziehe ich innerlich eine Bilanz. Ich frage mich, wie weit es noch gehen kann. Reicht das, schaff ich noch ein bisschen, oder wollen meine Beine mehr. Es kommt auf den Tag, auf die Temperatur oder meine allgemeine körperliche Verfassung an. Ein was ist für mich dann immer klar: egal wie weit es noch geht, alles ist besser als nichts. Aber auch nichts kann gut sein. Man sammelt die Energie, um dann wieder mit Anlauf einzusteigen. Ich bin keine Wettkampfläuferin, keine Wettkampfsportlerin. Zeit, Geschwindigkeit muss mir nicht wichtig sein. Ich laufe, um den Kopf freizubekommen, in mich zu gehen, auf meinen Körper zu hören. Komme ich nach dem Lauf nach Hause, bin ich stolz wie Bolle. Dann kann der Tag für mich starten.