So steige ich (…) ins Auto und verlasse das Gelände, verlasse Toulouse, verlasse Frankreich. Zurück nach Deutschland, zurück nach Hause, weg von ihm. Ohne seinen Namen.

Ich stehe mitten im Raum, mich halten meine Krücken. Mein Blick schweift über die leeren Möbelstücke. All meine Sachen sind bereits in Tüten und Kisten gepackt und ins Auto gebracht worden. Hier ist nichts mehr. Nichts, was an mich erinnert. Das Zimmer ist bereit für einen neuen Studenten. Ich verlasse das Zimmer so, als hätte es mich hier nie gegeben, als hätte ich hier nie gewohnt. Die Zimmernummer wird einem neuen Namen zugeordnet, ich verschwinde aus der Kartei. Ich werde das Wohnheim genauso unbekannt verlassen, wie ich es vor sieben Monaten bezogen hatte. Das macht traurig. Dann ist es Zeit, die Schlüssel abzugeben. Ich überreiche sie der Frau, die darauf wartet, dass ich das Zimmer verlasse. Ich humple nach draußen. Die Tür fällt zu, sie wird verschlossen. Die Schlüssel verschwinden in den Händen der Frau. Nun steige ich in den Aufzug ein. Die Trauer umgibt mich. Ich halte meine Tränen aber zurück. Erstmal. Dann verlasse ich das Gebäude. Ein paar bekannte Gesichter kommen mir noch entgegen.

Draußen will ich gerade ins Auto steigen, da steht er auf einmal. Er kommt wahrscheinlich gerade von der Uni. Er sieht die Frau von der Verwaltung mit den Schlüsseln. Er kann erahnen, was geschieht. Es ist offensichtlich. Ein vollgepacktes Auto, die Frau mit meinen Schlüsseln, meine Familie bei mir, ich mit Krücken. Er bekommt meinen Auszug mit. Dann verabschiedet sich die Frau von der Verwaltung bei mir, wünscht mir ¨bon courage¨ und verschwindet. Jetzt heißt es auch für mich zu gehen. Ich halte aber noch inne. Ich betrachte ihn, er mich. Ich lächle, er lächelt. Wieder sein ¨Bonjour¨. Oh, das werde ich so vermissen. Wieder meins. Ich erwarte mehr Worte, vielleicht ein Happy End, eine Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen, Kontakt aufzubauen, Kontakt zu halten. Ich weiß, dass ich, wenn ich jetzt in das Auto steige, ihn nie wieder sehen werde. Wenn ich zurück nach Toulouse kommen würde, würde er hier nicht mehr sein. Wir würden uns nie wieder über den Weg laufen. Alles oder Nichts. Doch er geht weiter. Er steuert das Innere des Wohnheims an, dreht sich noch einmal um und verschwindet endgültig.So steige ich, weniger grazil mit dem starren Bein, ins Auto ein und verlasse das Gelände, verlasse Toulouse, verlasse Frankreich. Zurück nach Deutschland, zurück nach Hause, weg von ihm. Ohne seinen Namen.


I’m standing in this room with my crutches which have to hold me. I’m staring at the empty pieces of furniture. All my stuff is gone, somewhere in bags, somewhere in the car. Here’s nothing more. The room is prepared for a new student. I’ll leave this room as if I haven’t never been here, as if I haven’t never lived here. Another student will get the number of this room; I’ll disappear in all card indexes. I’ll leave this room as unknown as I came here seven months ago. This makes me sad. It’s time to hand over the keys to the women. She waits. I should leave now. I’m limping out. The door closes. She locks it. The keys disappear somewhere in her hands. I’m taking the elevator, going downwards. I’m trying not to cry. Bad timing. Then, I’m leaving the building. There are some people I know. They’re quite familiar.

I’m about to climb into the car; then suddenly, he’s standing in front of me. Probably, he was in university. He’s looking to the women from the administration with my keys. He can guess what’s happening. It’s obvious. The car which is packed with all my stuff, the women with the keys, my family, me and my crutches. Then, the women from the administration says goodbye and wishes me “bon courage” before she’s leaving. Now, it’s time for me to go but I stop for a moment. I’m looking at him, he’s looking at me. I’m smiling, he’s smiling. His “bonjour” again. Oh, I will miss it. Mine again. I’m expecting more words, maybe a happy ending, a possibility to get in contact, maybe to stay in contact. I know that I’ll never see him again when I get into the car. If I come back to Toulouse, he won’t be here anymore. We won’t come across. I’m sure. It’s all or nothing. But he’s walking on. He heads for the inside of the building and turns around for one second before he finally disappears.

Now, I’m getting into the car, less graceful than I want to be. So, I’ll leave Toulouse, I’ll leave France. Back to Germany, back home, far away from him, without knowing his name.

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Wenn sie da jetzt hochging, würde sie sich in ihn verlieben, und das ging nicht.

„Was machst du gerade?“ Sie las seine Nachricht, als sie sich bereits tief in ihr warmes Bett gekuschelt hatte. Es war ein Wunder, dass sie seine Nachricht überhaupt noch erhielt. Normalerweise würder sie schon längst schlafen. Nicht weil es spät war. Es was gerade erst acht Uhr abends. Und es war Freitag. Sie hatte viele Gründe, noch wach bleiben zu können. Theoretisch. Sie entschied sich anders. Noch vor ein paar Minuten wollte sie ihr Handy endgültig ausstellen und die Augen schließen, als die Nachricht eintraf. „Liege schon im Bett!“ „Schon? Du willst nicht zufälligerweise noch zu mir hoch kommen?“ Mit der Antwort ließ sie sich Zeit, starrte eine Weile die Worte an, tippte etwas ein, löschte es, erneute Worte, wieder gelöscht. Sie stritt innerlich mit sich selbst. Wie gerne würde sie jetzt bei ihm sein. Wie gerne würde sie es sich neben ihm auf dem Sofa bequem machen, vielleicht sich an ihn kuscheln.

Unbewusst hatte sie neue Worte ins Display eingetippt und abgeschickt. Hier ist es gerade so gemütlich. Warum lügen, wenn man auch die Wahrheit sagen konnte. Zumindest die halbe Wahrheit. Es stimmte schon, dass sie nicht aus ihrem Bett raus wollte. Hier war es warm und kuschelig. Würde es bei ihm auch sein. Wahrscheinlich sogar viel bequemer. Sie wäre nicht so allein in diesem gefängnisähnlichen kleinen Zimmer, an dessen Wände sie nachts pausenlos starrte, bevor sie endlich einschlief. Dann hörte sie auch noch das nervige Gepolter der Nachbarn über ihr, die Stöckelschuhe derjeniger, die die Nacht zum Tag machten und den Wind, der draußen seit Tagen heftig wütete. Bei ihm in seinem Zimmer würde sie diesem trostlosen Abend wahrscheinlich entweichen können. Ein anderer Grund hielt sie davon ab, aus dem Bett zu springen, die Haare in eine hübschere Position zu bringen und diesen einen Stock hochzusteigen. Würde sie nun zu ihm gehen, sich in seine Nähe, seine Gegenwart begeben, würden sie wieder stundenlang über alles Mögliche reden, bequem gekuschelt auf dem Sofa, dann würde sie, ja, dann würde sie sich wahrscheinlich immer mehr in ihn verlieben. Dagegen sprach wenig, aber sie konnte, sie wollte nicht. Sie würde ja Frankreich verlassen. Bald. Nicht mehr lange. Würde sie sich nun in ihn verlieben, was sollte daraus werden? Sie ging, er blieb. Wenn sie da jetzt hochging, würde sie sich in ihn verlieben, und das ging nicht.

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Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

Da stand ich also am Aufzug. Wartend. Mit Krüken. Ich wollte nur in mein Stockwerk zurück. Früher hatte ich nie Zeit auf anderen Etagen verbracht. Das änderte sich. Mit dem Unfall. Er änderte einiges. Nicht alles wurde dadurch schlimm. Also stand ich nun da, in einer anderen Etage und wartete. Kurz zuvor hatte ich das gleiche getan, stieg zu dem jungen Mann in den Aufzug ein, ohne zu merken, wohin er doch fuhr. Er fuhr nicht nach oben. Er fuhr nach unten. Verdammt. Raushumpeln war nicht mehr mögich. Also ging es für mich mit ihm in den Erdgeschoss, um dann wieder nach oben zu kommen. Wunderbar.

Jetzt wartete ich wieder hier. Wieder sollte es nach oben gehen. Dieses Mal achtete ich aber tatsächlich auf die Fahrtrichtung. Ich wollte nicht schon wieder ewig im Aufzug stecken bleiben. Es war ja nicht so, dass ich ewig auf einem Bein stehen bleiben konnte. Das Gegenteil war der Fall. Mein nicht-verletztes Bein meldete sich. Es hatte genug von dem doppelten Gewicht, das sein Freund normalerweise zum Teil übernommen hätte. War jetzt nicht mehr möglich. Es war zuviel für den Gesunden. Dann tauchte endlich der Aufzug auf. Ich wollte mich gerade bereit machen um hineinzugehen. Als sich dann aber die Tür öffnete, schweifte mein Blick erst zur der gedrückten Zahl, bevor ich mich an die zwei jungen Männer wandte, die sich im Aufzug befanden. Sofort trafen sich unsere Blicke. Seiner erst auf mein Bein, dann in mein Gesicht. Da war er endlich wieder. Nach Wochen. Wochenlang haben wir uns nicht mehr gesehen. Die Treffen wurden rar und noch überraschender als zuvor. Mir verschlug es die Sprache. Er schob seine Sporttasche weiter in den Aufzug hinein, machte mir Platz. Aus meinem Mund huschte aber nur ein ¨Ah, non!¨. Ich tat einen Schritt zurück. Sie würden nach unten fahren. Nicht schon wieder. ¨Non?¨ Er wirkte überrascht. Ich fand keinen sinnvollen Satz in meinem Kopf. Lächelte aber. Dann: ¨Non…je…!¨ und zeigte mit dem einen Finger in der Krücke nach oben. Unsere Blicke waren aufeinandergeheftet, als sich die Tür schloss. Er verschwand. Ich blieb hier. Wartete, bevor ich den Knopf noch einmal drückte. Minuten später durfte dann auch ich endlich in den leeren Aufzug einsteigen, nach oben fahren. Dann kam mir Gedanke: Warum war ich nicht in den Aufzug zu ihm gestiegen? Wir hätten vielleicht endlich ein Gesprächsthema gehabt, vielleicht hätte er mich über mein Bein ausgefragt. Wir hätten miteinander reden können. Das erste Mal nach Monaten. Doch ich war wie erstarrt. Ich verlor meinen Verstand, meine französische Sprache, und einen weiteren Moment mit ihm. Das ist doch fast schon unmöglich!

Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

Man grüßt sich hier. Schließlich lebt man nicht nur im gleichen Wohnheim, sondern auch im gleichen Gebäude. Bonjour, Au revoir, Bonne soirée. Alles ganz normal. Wir sind Nachbarn. Wir kennen uns vom Sehen. So entgeht man wenigstens ein Stück der kompletten Anonymität. Daher wunderte mich also es überhaupt nicht, als ich da vor dem Aufzug stand, wartete und hinter mir die Tür auf- und zugehen hörte. Jemand gesellte sich neben mich. Ich wandte mich zu ihm. Ich kannte ihn. Ab und zu waren wir uns schon über den Weg gelaufen. Es war immer das gleiche gewesen: Ich schaute ihn an, er ignorierte mich. Kein Bonjour, kein Au revoir. Er war mir irgendwie nie wirklich sympatisch gewesen. Hübsch war er, aber unsympathisch. Schwarze Haare, grüne Augen. Statt also wie immer zu grüßen, wandte ich mich wieder von ihm ab. Er war mir zwar Tage zuvor schon mal entgegen gekommen, hatte mich angelächelt, das war’s dann aber auch schon. Keine Ahnung, was das auf einmal sollte, aber es war mir egal. Nun standen wir also beide da und warteten auf den blöden Aufzug, der wieder einmal in jedem Stockwerk hielt. Wahrscheinlich stieg wieder überhaupt keiner ein. Gar nicht nervig. Ich wartete also. „Bonjour!“ Das Wort von ihm neben mir kam überraschend. Ich hatte schon gemerkt, dass er sich mir zugewandt hatte, wollte das aber einfach ignorieren. Jetzt wollte auch ich mal die Ignorante sein. Konnte ich auch. „Bonjour!“, gab ich zurück, mit einem eher kühlen Lächeln. Vielleicht auch etwas zu kühl.

„Je suis F.!“ Okay, das war mehr als nur bloßes Grüßen. Ich nannte meinen Namen. „Enchanté!“ Ich nickte. Er wollte tatsächlich eine Unterhaltung anfangen. „Étudies-tu aussi?“ Studierst du auch. Wir standen in einem Studentenwohnheim. Ich antwortete trotzdem. „Oui, mais je suis une étudiante étrangère! Et toi?“ Ja, aber ich bin eine Auslandsstudentin. 

So begann unsere erste Unterhaltung. Ich empfand die Situation als seltsam, doch mit der Zeit – damit meine ich ein paar Sekunden – taute ich dann doch ein Stück auf. Endlich sprang der Aufzug auf, drei Studenten stiegen aus, wir hinein. Er drückte den Knopf seines Stocks, ich meinen. Kurze Gesprächspause. Gerade wollte sich die Tür des Aufzugs schließen, als sich noch jemand dazwischen schmiss. Die Tür hielt an, ging wieder auf. Da stand er plötzlich vor mir. Er. Der aus dem Bus. Timing war weder meine noch seine Stärke. Jetzt schwang er sich in den Aufzug. Es folgte ein Lächeln und ein Bonjour in meine, dann in F.s Richtung. Er drückte den Knopf seines Stockwerks, die Tür schloss sich. Jetzt standen wir also zu dritt in diesem kleinen Aufzug. Toll.

F.s Blick auf mir, sein Blick auf mir. Ich spürte schon wie die Röte in mein Gesicht stieg. Dann nahm F. wieder das Gespräch auf. Wir waren schließlich vom Aufzug gestört worden. Meine vorherige Gelassenheit hatte sich jetzt verabschiedet. Mir war seine Reaktion nicht entgangen. Er schaute mich an, er schaute F. an. Spannung lag in der Luft. Wahrscheinlich bildete ich die mir aber auch nur ein. Es war ein komisches Gefühl mit den beiden hier zu stehen. Es gab tausend angenehmere Dinge. Das nächste Mal nehme ich die Treppe, schoss es mir durch den Kopf. Dann erreichten wir endlich mein Stockwerk. Ich war die erste, die aussteigen musste. Welch Glück! Die Tür sprang auf. „A bientôt!“ Es klang eher wie eine Frage von F. „A bientôt!“, lächelte ich ihn an. Kurz erhaschte ich noch einen Blick von ihm, der stumm blieb. Kein Au revoir von mir, keins von ihm. Also stolperte ich aus dem Aufzug hinaus, nahm die nächste Ecke und war der Situation entkommen.

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Gilt „man sieht sich im Leben immer zweimal“ nach acht Mal schon nicht mehr?

Sie steht an der Bushaltestelle. Zu einer gewöhnlichen Uhrzeit. Zu einer Uhrzeit, an der viele Studenten fahren. Sie steht hier also nicht alleine hier. Viel früher ist das eher Fall, jetzt aber nicht. Sie wartet auf den Bus. Nicht lange. Sie muss nie lange warten. Während sie das tut, schweift ihr Blick von einer Person zur anderen. Sie kennt keinen einzigen von ihnen. Nie vorher im Wohnheim gesehen. Alle fremd. Da liegt auch schon das Problem: ER ist nicht unter ihnen. Wieder nicht, schon wieder nicht. Das letzte Mal, wo sie sich über den Weg gelaufen sind? Im Dezember. Zweimal meint sie, hätte sie ihn danach noch gesehen. Kann sie aber nicht genau sagen. Einmal trug sie keine Brille, beim anderen Mal hätte sie sich auch täuschen können. Im letzten Semester waren sie sich ständig über den Weg gelaufen, haben sich immer wieder im Bus gesehen, vor dem Wohnheim. Als sie begonnen hatte mitzuzählen, waren es bereits achtmal. Achtmal. Acht Chancen. Acht perfekte Momente. Acht Möglichkeiten ihn kennen zu lernen: Mund aufmachen, reden. Tat sie nicht. Ihn anlächeln? Auch nicht. Nichts. Jetzt sieht sie ihn gar nicht mehr. Nicht im Aufzug, nicht auf dem Gelände, nicht im Bus. Klar. Neues Semester, anderer Stundenplan. Seine Stunde, ihre Stunden, sie können sich komplett voneinander unterscheiden. Möglich. Aber Wahrscheinlich? Seit vier Wochen sich überhaupt nicht mehr sehen? Es erscheint ihr das suspekt. Dann taucht in ihr eine kleine Stimme auf: „Vielleicht war er ja Austauschstudent für ein Semester!“ Sie spürt von dem einen auf den anderen Moment Pani aufkommen. Den Gedanken hatte sie die meiste Zeit ignoriert, weggetröstet, mit „nein, Quatsch“ kommentiert. Langsam acht sich der Gedanke jedoch immer breiter. Er lässt sich nicht mehr verdrängen. Plötzlich ist da große Panik, gewaltige Panik. Vielleicht hat die Stimme ja recht. Vielleicht blieb er nur ein Semester. Das würde sein Verschwinden erklären. Soll er wirklich weg sein? Soll das wirklich schon alles gewesen sein? Hat sie tatsächlich die Gelegenheit verpasst? Wieder einmal? Schon wieder? Gilt „man sieht sich im Leben immer zweimal“ nach acht Mal schon nicht mehr?

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Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf?

Ich bin genervt. Einmal nehme ich meinen Regenschirm nicht mit, schon muss es regnen. Meine Regenjacke ist nicht regenfest. Ironie des Schicksals. Ich stapfe also mit meinen vollen Einkaufstüten zur Bushaltestelle. Wenigstens kommt hier alle paar Minuten ein passender Bus. Ich bin komplett durchgenässt, vom Schweiß und vom Regen. Warum müssen Geschäfte ihre Heizungen eigentlich immer so aufdrehen?  Reicht Stufe 2 nicht? Muss es immer 5 sein? Wer will da schon shoppen gehen? Drinnen viel zu heiß, draußen viel zu nass. Gerade will ich jetzt einfach nur noch heim. Heim, unter die heiße Dusche, in den dicksten Pulli und ins Bett. Kann ich mir heute leisten. Freier Tag, keine Uni. Ich stelle mich also an die Haltestelle, lasse meine schweren Taschen kurz sinken. Nicht lange. Ich will ja nicht, dass die Papiertüten vom nassen Boden durchgeweicht werden. Ich hebe sie wieder auf. Dann trete ich kurz näher an die Straße heran, schau kurz mal, ob ich den Bus schon sehen kann. Ich kann mit den schweren Taschen kaum schnell genug agieren. Ein Bus kommt herangebraust. Er ist so nah an der Haltestelle. Abstandhalten hält er für unnötig, langsamer fahren auch. Auch nicht wegen der großen Pfütze auf dem Boden. Ist ihm egal. Ich will noch einen Satz nach hinten machen. Ich schaff’s nicht rechtzeitig und sehe schon, wie Wasser und Dreck in die Höhe spritzen. Mein Reflex schläft in dem Moment ganz schön. Erst langsam kann ich nach hinten springen und mich wegwenden. Bringt nichts. Das Wasser und der Dreck kleben auf mir und meiner Hose. Hinter mir die Stimme eines Mädchens: „C’est un blague!“ –Das ist doch ein Witz, oder? Seh ich auch. Denn ich bin die einzige, die nass geworden ist. Alle anderen waren weit genug weg. Jetzt kommt zu dem Schweiß und dem Regen noch eine große Portion Dreck dazu. Ich könnte ausflippen. Nein. Atmen. Da kommt ja schon mein Bus. Gute Miene zum bösen Spiel. Ich steige ein. Versuche den Busfahrer anzulächeln, freundlich zu sein. Nein. Ich koche, steige ein, lass meine schweren Einkäufe sinken. Der Bus ist aufs Äußerste geheizt. Super. Der Schweiß kriecht mir wieder auf die Stirn. Scheiß Tag. Einfach nur noch heim. Ich lass meinen Blick durch den Bus schweifen. Einfach so. Ich kenne ja eh keinen…oh nein, verdammt. Da steht er plötzlich wieder. Mitten im Bus. Er blickt mich an. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf? Wenn ich nach dem Joggen mit hochrotem Kopf vorbeilaufe, wenn ich mit den gammligsten Klamotten waschen gehe, wenn ich mit tausenden Müllbeuteln in den Aufzug steige, wenn ich durchnässt und dreckig den Bus genervt betrete? Ich will seinen Blick nicht erwidern. Eigentlich schon. Aber in diesem Moment nicht. Wie ich ausschaue, hochroter Kopf, schweiß- und regennasse Haare, Dreck auf der Hose. Oh Gott. Ich will der Situation entrinnen, flüchte an unserer Haltestelle regelrecht aus dem Bus. Doch die Flucht ist letztendlich sinnlos: wir kommen beide zur gleichen Zeit beim Aufzug an. Die Tür springt auf. Das dumme Licht ist immer noch kaputt. Wir steigen also alle in den dunklen Kasten ein. Nun stehen wir beide eng nebeneinander hier in diesem Aufzug. Kurz nehme ich mir den Moment, ihn unbemerkt anzuschauen. Nur schwach lässt sich seine Silhouette ausmachen. Er schaut so verdammt gut aus. Ich sehe wieder weg. Dann legt sich sein Blick auf mich. Mein Herz fängt laut das Pochen an. Oh Gott. Ich warte sehnsüchtig, dass mein Stock auftaucht. So schnell war ich noch nie rausgestürmt. Ein „Au revoir“ von mir, ein „Au revoir“ von ihm. Dann bin ich weg. Bescheuerter Tag.

Er war mir bereits einige Male im Bus aufgefallen

Er war mir bereits einige Male im Bus aufgefallen. Zwei oder dreimal. Er gefiel mir. Zweifelsohne. Heimlich hatte ich immer wieder zu ihm gespitzt, ihn betrachtet. Er stand nur da und hörte Musik. Er hörte immer Musik. Nie traf ich ihn ohne an. Kurze Zeit später merkte ich, dass er im gleichen Studentenwohnheim wie ich wohnte. Mir war klar, ich würde ihn noch öfters sehen. Der Gedanke gefiel mir. Er gefiel mir sogar sehr. An einem Tag kam er mir dann auch tatsächlich auf dem Geländer entgegen. Ich kam gerade vom Laufen, war hochrot im Kopf, ungeschminkt. Er kam auf mich zu, lächelte und grüßte mich. Meine eigenen Worte brachte ich nur schwer heraus. Irgendwie hatte ich mit dieser Begrüßung einfach nicht gerechnet. Es freute mich trotzdem. Gerne hätte ich dabei vielleicht etwas schöner ausgesehen. Aber Timing war ja sowieso noch nie meine Stärke.

Es vergingen einige Tage, ja, wahrscheinlich sogar mehr als drei Wochen, in denen ich ihn dann gar nicht mehr sah. Weder im Bus, noch auf dem Gelände. Ich dachte nicht mehr an ihn, vergaß ihn. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Es war an einem Freitag, als ich beschloss, mein Zimmer mal wieder auf Hochglanz zu bringen, ausmistete, und mit einem vollen Müllbeutel ungeduldig auf den schnatternden Aufzug wartete. Als dann endlich die Tür aufsprang, und ich eintreten wollte, stand er dann plötzlich da, vor mir. Mit weit aufgerissenen Augen – er hatte nicht erwartet, dass der Aufzug nochmal anhielt – starrte er mich an, er hörte wieder einmal Musik. Mein Blick schweifte von ihm ab, auf die Ziffer, die gedrückt war. Ich wollte nicht nachfragen, ob er hoch oder runter fuhr. Die Wörter blieben mir im Halse stecken. Normalerweise grüßte man sich in meinem Batiment, dieses Mal war ich wie verstummt. Er erholte sich von seiner Überraschung schneller als ich. „Bonjour!“ Ich murmelte nur irgendetwas vor mich hin und stieg ein. Während der Fahrt blickte ich ihn kein einziges Mal an. Ich spürte aber, dass er mich betrachtete. Das machte mich verdammt nervös. Der Ton des Fahrstuhls, als wir das Erdgeschoss erreicht hatten, war wie ein rettendes Signal für mich. Mit einem kurzen „Au revoir“ wandte ich mich nur halb zu ihm um und hechtete aus dem Aufzug heraus. Ich wollte dieser Situation nur so schnell wie möglich entrinnen.

Dass ich ihn nicht besonders oft sah, daran hatte ich mich fast schon gewöhnt. Am darauffolgenden Tag, als eine Freundin und ich entschieden zum Waschsalon des Wohnheims zu gehen, war mir daher die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben, als wir den Raum betraten und er da auf der Bank saß. Er erhob seinen Blick, er hörte wieder Musik, er sah mich, erkannte mich. Ich sah, sein Mund wollte sich zu einem „Bonjour“ formen. Doch wir grüßten uns nicht. Ich war mitten in einer Unterhaltung, er schloss seinen Mund lautlos wieder. Während ich die Waschmaschine mit meiner Kleidung vollstopfte – Bhs mussten natürlich aus der Kleidermasse fallen – spürte ich seinen Blick auf mir. Ich flüchtete mit der Freundin wieder aus dem Waschsalon, als die Waschmaschine ansprang. Ich ließ mich draußen in der Sonne nieder, während sie wieder ihr Zimmer aufsuchte, nur für eine Weile. Dann war sie wieder da. Wir waren wieder in einer Unterhaltung vertieft, als er aus dem Waschsalon trat. Er hatte zu Ende gewaschen. Wieder lief er an uns vorbei. Er blickte mich an. Er wollte sich verabschieden, aber in der Gegenwart der Freundin verschluckte er seine Worte. Er sagte nichts und ging