Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Sie war äußerst nervös, als sie vor seiner Haustür stand. Sie zögerte, war sich nicht sicher, ob sie eintreten sollte. Er wusste, das sie kommen würde, zu ihm nach Hause. Nur sie beide. Er und sie. Sie würden ein Bier miteinander trinken. Wie damals. Ob das eine gute Idee war? Sie war sich nicht sicher.

Nach langen Zögern klingelte sie dann doch. Der Grund war simpel: Es wurde langsam dunkel, und sie fühlte sich hier in der Gegend der ihr fremden Stadt unbehaglich. Sich mit ihm hingegen zu treffen, in seiner Wohnung, machte ihr zwar auch Bauchweh, war aber eine bessere Option. Also klingelte sie, wartete ab, bis die Tür geöffnet wurde und sie hineintreten konnte. Hinauf zu seiner Wohnung, in deren Eingang er bereits stand. Hechelnd kam sie endlich oben an, begrüßte ihn. Sie umarmten sich. Dann ließ er sie eintreten. Sie setzte sich auf sein Sofa.

„Hast du Lust auf ein Bier?“

„Gerne! Du schuldest mir sowieso noch eins!“

Er lachte. „Daran kannst du dich noch erinnern?“

Er verschwand in der Küche. Sie hatte Zeit, sich ein bisschen umzusehen. Seine Wohnung war nicht besonders groß. Ein Wohnzimmer, eine kleine Küche, das Schlafzimmer, ein Bad. Alles sehr sporadisch eingerichtet. Aber wenigstens hatte er überhaupt eine Wohnung für sich gefunden. Kein WG-Zimmer, bei keinen Freunden untergekommen. Wenigstens das.

Jetzt tauchte er wieder auf. Mit zwei Bier in der Hand. Sofort fiel ihr das auf, das er ihr reichte. Kirschbier. Dasselbe, dass sie damals getrunken, das was er ihr damals gekauft hatte. Anscheinend konnte er sich daran noch gut erinnern. Auch nach all der Zeit, in der sie sich nicht gesehen und geschrieben hatten.

„Dass du dich noch dran erinnern kannst, welches Bier ich mag!“

„Ich habe sogar denselben Schnaps von damals besorgt!“

Sie lachte in sich hinein. Das hätte sie nie von ihm gedacht. Er merkte sich Dinge. Als sie ihn kennenlernte, war er überhaupt nicht aufmerksam. Anfangs zumindest. Dann wurde er es irgendwann schon. Anscheinend war er es jetzt immer noch. Bemerkenswert. Nun ließ auch er sich nieder.

Sie nahm einen Schluck aus ihrem Bier. Dieses Mal peu à peu, nichts überstürzen. Damals vertrug sie es nicht besonders gut. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Nicht vor ihm. Nie wieder.

Eine Weile unterhielten sie sich beide über Belanglosigkeiten, über Dinge, die die letzten Jahre so passiert waren. Dann entstand Pause. Pause, in der sie ihr Bier trank und er sie einfach nur betrachtete. Irgendwas war da in seinem Gesichtsausdruck. Sie konnte es nicht deuten. Auch sie sah ihn an. Er sah gut aus, wie damals. Aber irgendwas war anders. Vielleicht lag es auch gar nicht an ihm. Vielleicht lag es doch an ihr.

„Ich kann es gar nicht glauben, dass du tatsächlich hier bist!“

„Ich kann es auch nicht ganz fassen, dass ich wirklich hier bin!“

Sie lächelte. Es trat Stille ein, in der die weitere Schlücke nahm. Nur kleine, damit der Alkohol ihr nicht in den Kopf stieg. Er hingegen stellte sein Bier auf den Wohnzimmertisch, rutschte ein Stück zu ihr. Sie zögerte, umklammerte ihr Bier fester. Die Stille um sie herum wurde unangenehmer. Sie fühlte sich, als verschwinde die Luft um sie herum, als könne sie nicht mehr atmen. Ihr Herz pochte laut in ihrem Kopf. Alkohol und Bier schossen ihr ins Gesicht. Sie errötete. Dann kam er noch ein Stück näher, bis er ihr so nah war, dass er sie küssen konnte. Er tat es. Wieder zögerte sie, wieder umklammerte sie ihr Bier fester. Sie war wie versteinert. Dann löste er sich wieder von ihr. Fragend blickte er sie an.

„Ich kann nicht!“

Sie wollte den Gedanken nicht laut aussprechen, tat es aber, denn es stimmte. Es ging nicht, es ging nicht mehr. Er blickte sie weiterhin fragend an, dann erhellten sich sein Blick.

„Es fühlt sich seltsam an!“

Sie nickte. Genau das tat es. Damals war es das schönste, was sie sich hätte vorstellen können. Jetzt war der Funke verschwunden. Nicht von jetzt auf gleich. Es war ein schleichender Prozess, den sie kaum bemerkt hat. Der Kuss war nötig, damit das ihr, aber auch ihm klar wurde. Ihre Gefühle hatten sich voneinander entfernt.

„Können wir Freunde bleiben?“

Ihr lagen diese Worte selber auf dem Mund. Sie war aber froh, dass er sie ausgesprochen hatte. Sie waren es schon solange gewesen. Der Kuss sollte nichts zwischen ihnen ändern. Das wäre das letzte, das sie sich wünschte, denn sie war gerne bei ihm. Sie mochte ihn, er war ihr wichtig. Und sie ihm anscheinend auch. Warum sollten sie das beenden, wenn es doch auch freundschaftlich klappen könnte?

An diesem Abend verließ sie seine Wohnung nicht, sondern blieb bei ihm über Nacht. Im Dunkeln durch diese fremde Stadt irren war ihr unangenehm. Er schlug ihr vor, bei ihm zu übernachten. Sie nahm das Angebot an. Dann lag sie also in seinem Bett, er auf dem Sofa. Die ganzen Nacht bekam sie kein Auge zu. Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Sie war tatsächlich hier bei ihm, hier in seinem Bett. Sie hatte nach all den Jahren endlich das, was sie sich damals so sehnlichst wünschte. Er hatte sie geküsst, wie sie es sich damals gewünscht hatte. Doch es war nicht mehr das, was sie jetzt wollte. Er war nur ein paar Meter von ihr entfernt, doch nichts zog sie zu ihm. Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Am Tag darauf schlich sie aus seiner Wohnung, hinterließ ihm eine Nachricht. Er sollte weiterschlafen, es war sein freier Tag. Ein paar Stunden später verließ sie wieder die Stadt, reiste weiter. Von ihm hören tat sie nichts mehr. Wochen und Monate vergingen, sich bei ihr melden tat er sich nicht mehr.

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Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sage ich es ihm!“

„Denkst du, dass wäre eine gute Idee?“

Sie nickte nur stumm, als sie mit ihr dieses Gespräch führte. Sie war sich sicher, dass die vielen Monate ausreichten, um endlich mit der Sprache herauszurücken. Sie würde ihn damit überrumpeln. Zumindest damit, dass sie es jetzt nach all der Zeit tat. Denn sie war sich ziemlich sicher, dass er es bereits wusste. Es war deutlich genug gewesen. Seine damalige Reaktion hatte ihr gezeigt, dass er bestens informiert war. Darauf eingehen tat er nie. Also blieb sie stumm. Besser so. Doch würde er jetzt vor ihr stehen, würde sie ihren Mund aufmachen. Das erste Mal. Sie würde nichts mehr verlieren können. Außerdem könnte sie abschließen. Es würde endlich weitergehen, ohne ihn.


Plötzlich stand er vor ihr. Genauso attraktiv wie sie ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht wirkte er es sogar noch mehr. Das letzte Mal, als sie ihn sah, wirkte er sehr müde, hatte dunkle Augenringe. Jetzt sah er wesentlich glücklicher aus. Er sah immer noch wie ein arroganter Arsch aus. Auch wenn er es nicht war. Zumindest nie vor ihr. Vor ihr war er immer liebenswert, freundlich, höflich, hilfsbereit. Deswegen hatte sie sich auch in ihn verliebt gehabt.

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Nicht dein Ernst!“

Er hatte sie sofort wiedererkannt, kam auf sie zu und umarmte sie fest, so als wären sie immer noch Freunde. Auf alle Fälle waren sie es. Er hatte sie nicht vergessen. Auch nach all der Zeit nicht.

„Wie lang ist das jetzt her? 1,5 Jahre?“

„Ja, ungefähr!“

Sie grinste. Sie wusste es ja genau. Es waren auf den Tag genau 1 Jahr und 8 Monate. Sie behielt es aber für sich. Er musste ja nicht wissen, dass sie mitgezählt hatte.

„Was machst du hier?“

„Urlaub!“

Er blickte sie mit einem breiten Grinsen an. Sie lächelte zurück. Sie hatte sich sooft vorgestellt, wie es wohl sein mag, ihn wieder vor sich stehen zu haben. Sie hatte sich sooft überlegt, was sie ihm sagen, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte ein bisschen Bammel davor. Das letzte Mal fühlte sie sich nämlich in seiner Gegenwart genauso unwohl wie wohl, war genauso glücklich wie unglücklich. Damals konnte sie aber auch nie ganz sie selber sein. Seine Anwesenheit schüchterte sie immer viel zu sehr ein. Doch die lange Zeit, in der sie sich nicht sahen, hatte etwas mit ihr gemacht. Sie fühlte sich vor ihm nicht mehr so nervös. Sie wollte ihm nicht mehr beweisen, wie erwachsen sie doch war. Das hatte sie früher versucht. Wahrscheinlich vergeblich. Er war zwar wie immer selbstbewusst und präsent, jedoch schüchterte er sie nicht mehr ein. Sie fühlte sich nicht mehr vor ihm wie die schwache Frau von damals. Sie fühlte sich auf einer Augenhöhe mit ihm. Sie war mit der Zeit, mit den Ereignissen der letzten Monate, gereift.

Eine Weile unterhielten sie sich miteinander. Über dies und das, was so in letzter passiert war. Dann gingen ihnen die Gesprächsthemen aus. Sie hatten noch nie viel miteinander geredet, aber hier merkte sie, dass doch viel Zeit vergangen war. Sie könnten sich eigentlich viel erzählen, aber keiner von ihnen wusste, wo sie anfangen sollten. Als das Gespräch ein weiteres Mal verstummte, hatte sie einen kurzen Moment, um ihn betrachten zu können. Strahlend blaue Augen, Dreitagebart, kurze Haare. Er sah wie damals aus. Er war immer noch hübsch, er war immer noch attraktiv, aber nicht mehr so, dass es ihr den Atem raubte.

„Wie lang bleibst du?“

„Morgen geht’s wieder weiter!“

Wieder verstummten sie. Dieses Mal aber stand er auf, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Für sie hieß das, dass sie sich auch langsam auf den Weg machen sollte. Sie wollte ihn nicht länger abhalten, nicht wie damals. Sie packte ihre Sachen, zog ihre Jacke an, leerte ihr Glas.

„Willst du schon gehen?“

„Ja! Ich will dich nicht länger aufhalten!“

Er nickte. „War trotzdem schön, dich mal wieder zu sehen!“

Sie lächelte.

„Sollte es dich mal in den Süden ziehen, kannst du es mich ja wissen lassen!“

„Ja, ich melde mich dann!“

Er nahm sie wieder in den Arm. Dann wandte sie sich von ihm ab und ging. Raus in den Abend, weg von ihm. Sie hätte ihm alles sagen können, hätte ihm sagen können, dass sie damals in ihn verliebt war, dass sie Gefühle für ihn hatte. Doch sie ließ es. Sie wollte es nicht mehr. Das, was sie beide jetzt hatten, war eine Freundschaft geworden, die ihr viel bedeutete. Ihre Gefühle von damals behielt sie für sich. Denn sie waren Vergangenheit, sie blieben ihr Geheimnis. Sie sah, dass er glücklich war. Sie selber war glücklich. Warum das ganze mit der Vergangenheit versauen.

Ohne großes Tamtam endet dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…

Ich grinse, als ich im Zug sitze. So frei habe ich mich seit langem nicht mehr gefühlt. Ich bin frei, frei von meiner Vergangenheit. Ich konnte endlich abschließen, konnte endlich einen Strich unter die ganze Geschichte setzen, einen Strich unter ‚unsere‘ Geschichte. Wochen- und monatelang stellte ich mir den Moment vor, wie es wäre, wenn wir uns wieder gegenüber stünden. Was würde er sagen, was würde ich sagen? Wie würde es werden? Hätten wir uns überhaupt noch was zu sagen? Kannte er mich noch? Fragen über Fragen, die beantwortet werden mussten.

Dann war es soweit. Er war überrascht, er freute sich, er umarmte mich. Das schönste mögliche Wiedersehen, dass ich mir hätte vorstellen können. Er konnte es nicht fassen, dass ich da plötzlich stand. Er erinnerte sich sofort an mich. Er lud mich auf ein Getränk ein, wir redeten. In der Zeit, in der wir uns nicht sahen, nicht geschrieben hatten, war einiges passiert. In seinem Leben, in meinem Leben. Er war neu vergeben. Er hatte jemand Neues gefunden. Er wirkte glücklich. Außerdem sollte sich in seinem Leben noch einiges gravierend ändert. Ich freute mich für ihn. Das tat ich wirklich. Dann erzählte ich ihm, was bei mir alles passiert war. Das war vieles. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es war eben zu viel. Und es war zuviel Zeit vergangen.

Irgendwann hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Die Stille zwischen uns wurde ziemlich unangenehm. Es war besser, wenn ich nun ging. Ich tat es. Ich zog mir meine Jacke an, leerte das Getränk, und wir verblieben damit, dass wir uns wiedersehen würden. Irgendwann. Dann umarmten wir uns zum Abschied. Dieses Mal fiel er mir nicht so schwer wie damals. Das letzte Mal brach es mir fast das Herz, auch wenn ich damals nicht einmal wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. Jetzt, hier störte es mich nicht mehr so, ihn jetzt eine Weile nicht mehr sehen zu können. Die Sehnsucht nach ihm war verschwunden. Wir waren Freunde. Mehr nicht. Ohne Drama und ohne Streit wurden aus Gefühlen freundschaftliche Achtung. Mich störte sogar nicht mehr, dass er wieder glücklich mit einer anderen war. Und das war er. Er war glücklich mit ihr. Und das war okay.

Unsere Wege trennten sich damals abrupt. Von heute auf morgen sahen wir uns nicht mehr. Er ging. Ich ging. Entfernung. Große Entfernung, Kontaktabbruch. Es folgten Momente, in denen er pausenlos präsent in meinem Kopf war. Es folgten Momente, in denen ich versuchte, ihn zu verdrängen. Es folgten Momente, in denen ich dachte, ich wäre über ihn hinweg. Doch dieses Treffen hatte mir gezeigt, dass es noch nicht der Fall war. Ich hatte dieses Wiedersehen gebraucht, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Er hatte mich eine lange Zeit als Geist der Vergangenheit verfolgt. Ich hatte ihn in all der Zeit nicht wirklich vergessen können. Dieses Wiedersehen hatte mir genau das gegeben. Denn auch wenn wir denken, dass die Geister unserer Vergangenheit uns nicht heimsuchen würde. Sie tun es. Solange, bis wir einen angemessenen Abschied finden.

Ohne großes Tamtam endete dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Der Vorhang schloss sich endlich Die Vorstellung war vorbei. Es gab Applaus, keine Buh-Rufe. Stattdessen eine Verbeugung. Das Stück hatte Höhen und Tiefen, Spannung, große Gefühle. Es war eine Liebestragödie in mehreren Aufzügen. Ohne großen Paukenschlag, aber auch ohne Happy Ending endete es…

Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…

Im selben Moment realisierte sie endlich, dass er es tatsächlich war. Im selben Moment fuhr sie weiter…

Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster der Straßenbahn. Haltestelle für Haltestelle sausten an ihr vorbei. Ihre war noch lange nicht dran. Menschen stiegen ein, Menschen stiegen aus. Sie tummelten sich auf dem Bahnsteig, sie gingen die Treppen hinauf. Paar Minuten später. Neue Haltestelle, selbe Situation. Sie war müde geworden, den Menschen in die Gesichter zu blicken. Sie kannte hier ja eh niemanden. Sie war fremd in der Stadt. Nicht alleine, aber fremd. Diejenigen, die sie kannte, waren nicht hier. Das wusste sie mit Sicherheit.

Neue Haltestelle. Selbes Prozedere. Sie wusste nicht, warum sie gerade hier etwas wacher wurde, warum sie sich die Menschen näher betrachtete. Sie tat es aber. Unbekannte Menschen, unbekannte Gesichter. Sie war bereits wieder drauf und dran wegzusehen. Dann sah sie ihn auf einmal. Mitten in dem Getummel der Menschenmasse. Da stand er plötzlich. Mitten auf dem Bahnsteig. Unerwartet. Dieselbe graue Mütze von damals. Dieselbe schwarze Jacke von damals. Er blickte sie an. Sie reagiert erst sehr spät. War er es? Sie musste erst zu sich kommen. Ja, da stand er. Oder? Sie hatte ihre Brille nicht auf. Sie sah alles nur sehr verschwommen. Aber ihn erkannte sie auch ohne. Dachte sie. Seine Art und Weise, wie er da stand, war einmalig. Sie würde ihn unter Hunderten wiedererkennen, auch ohne Brille. Dachte sie- Sein Blick blieb auf ihr hängen. Er blickte sie an. Nicht wie ein Fremder. Der Mann hier kannte sie. Statt die Treppe zu visieren, blieb er stattdessen stehen. Mittendrin. Er starrte sie an. Verdammt. War er es? Sie war sich einfach nicht sicher. Sollte sie lächeln? Wenn er es nicht war, wäre es seltsam. Würde er jemand hinter ihr ansehen, genauso. Es wurde ihr irgendwie immer klarer, dass er es war. Sie war sich sicher. Auch weil er abrupt anhielt und nicht weiterging. Doch. Das war er. ER stand hier mittendrin….

Dann setzte sich ihr Zug wieder in Bewegung. Im selben Moment realisierte sie endlich, dass er es tatsächlich war. Im selben Moment fuhr sie weiter…

Damals wollte sie endgültig abschließen. Jetzt, zwei Jahre später, würde sie ein Bier mit ihm trinken gehen. Wie damals. Wie früher. Ob das eine gute Idee war?

Als sie sich das letzte Mal sahen, war das vor zwei Jahren. Damals gingen sie getrennte Wege. Dass sie sich jetzt wieder trafen, war ein komischer Zufall. Wahrscheinlich ein guter Zufall. Auf jeden Fall unerwartet. Dann stand er also vor ihr und begrüßte sie mit dem üblichen Spitznamen, den er ihr damals schon gegeben hatte. Er machte sich einen Spaß daraus, genauso wie damals. Sie regte sich auf, wie damals. Da fiel ihr wieder auf, dass er ihr immer noch gefiel. Er gefiel ihr sogar ziemlich gut. Genauso wie vor zwei Jahren. Daran hatte sich tatsächlich nichts geändert. „Na, alles klar?“ Sie nickte und grinste. „Alles gut! Bei dir?“ „Klar!“ Sehr ausschweifend waren ihre Unterhaltungen nie gewesen, trotzdem waren sie ganz gute Freunde gewesen, irgendwie. Sie sprachen nie besonders viel, und trotzdem war es mehr als jetzt. Jetzt herrschte zwischen ihnen Distanz. Das spürte sie. Er wahrscheinlich auch. Es war eben zuviel Zeit vergangen. Doch auch seine letzten Worte pochten in ihrem Kopf, denn er hatte sich damit verabschiedet, dass er kein guter Umgang für sie sei. Darüber musste sie Wochen und Monate nachdenken. Nicht gut genug? Warum? Weil er schon viel Mist angestellt hatte? Ihr Leben verlief auch nicht immer geradeaus. Sie sah das Gute in ihm. Er nicht. Er war schlecht, sie gut. Dazwischen gab es nichts. Warum hatte er sich überhaupt das Recht genommen, zu bestimmen, was für sie gut war und was nicht? War nicht sie diejenige, die das zu entscheiden hatte? Seine Aussage hatte sie damals eiskalt erwischt. Vorhersehbar, aber unerwartet. „Und wo tingelst du jetzt in der Weltgeschichte umher?“ Er nahm die Unterhaltung nach einer kurzen Gesprächspause wieder auf. „Ich wohne wieder in der Heimat und bleibe da auch vorerst. Du wohnst also tatsächlich wieder hier?“ Er nickte.“So schnell werde ich hier auch nicht mehr verschwinden!“ Sie grinste. Er wollte das schon immer. Nun hatte er es wieder. Sie wollte immer nach Frankreich. Sie tat es. Dass sie letztendlich wieder in die Heimat zog, war nicht ganz so geplant, aber eine gute Entscheidung. Jeder hatte also in den zwei Jahren das erreicht, was er wollte. „Bleibst du jetzt in Deutschland?“ Sie nickte. Er lächelte. Was auch immer das zu bedeuten hatte. „Ich muss jetzt zurück zur Arbeit, aber hast du Lust, heut Abend nach meinem Feierabend noch ein Bier trinken zu gehen?“ Sie überlegt kurz. Dann sagte sie zu. „Deine Nummer hab ich ja noch. Ich schick dir dann die Adresse!“ Sie konnte ihn nicht einmal mehr fragen, warum er ihre Nummer behalten hatte, so schnell hatte er sie umarmt und war verschwunden. Sie hingegen blieb noch ein Weilchen stehen. Warum hatte er noch ihre Nummer? Er hatte den Abschied gewollt. Er hatte sie damals einfach stehen lassen. Sie hatte seine gelöscht. Damals wollte sie endgültig abschließen. Jetzt, zwei Jahre später, würde sie ein Bier mit ihm trinken gehen. Wie damals. Wie früher. Ob das eine gute Idee war?

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich.

So gut wie der Tag doch anfing, so schlimm wurden die weiteren Stunden, die folgten. Irgendwo im Chaos des Ladens stand sie und versank. Alle wuselten um sie herum, waren genervt, so genervt wie sie selber. Jeder wollte, dass dieses Chaos endlich endete, dass die Bestellungswelle endete. Bei seiner Anwesenheit konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ihn am liebsten ignorieren oder betrachten sollte. Sie entschied sich letztendlich für ersteres. Nicht aus eigenen Stücken. Einfach aus dem Grund, dass die Arbeit ihr die letzten Nerven raubte. Sie tat den lieben langen Abend nichts anderes als ständig das gleiche. Bestellungen annehmen, weiterleiten, telefonieren. Am liebsten hätte sie jeden Moment alles Stehen und Liegen gelassen. Sie riss sich aber zusammen. Der einzige Hoffnungsschimmer war ihr Feierabend. Nur noch knapp eine Stunde, bevor sie offiziell gehen durfte. Vor ihm. Tja, das dachte sie zumindest…

„Einer von euch darf dann jetzt Schluss machen!“

Wie gerne sie doch die Worte hörte. Endlich war der Moment gekommen, indem es ruhiger wurde. Nun wandte er sich zu ihr. Sie stand direkt neben ihm am Computer.

„Dann geh ich. Ich bin von gestern Abend noch so fertig!“ Er strich sich über die Augen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

Genervt funkelte sie ihn an, doch noch bevor sie weiter diskutieren konnte, meldete sich das Telefon wieder. Sie musste weiterarbeiten, wieder einen neuen Kunden bedienen, freundlich sein, sich nichts anmerken lassen und ihre Müdigkeit umspielen. In diesem Moment war sie auf alle sauer, aber besonders auf ihn. Er ließ sie hier jetzt einfach allein und ging nach Hause. Sie hingegen hob das Telefon auf. Ihre Stimmung umspielte sie mit einem Lächeln.

Während des Telefonats hatte er sich wieder neben sie gestellt, tippte seine Feierabendzeit in den Computer ein und wartete, dass sich ihre Unterhaltung fortsetzte. Nur das wollte sie nicht. Sie legte den Hörer kurze Zeit später nieder und machte sich am Computer an die Arbeit. Hauptsachen ihm keine Möglichkeit geben, mit ihr zu reden. Er tat es trotzdem.

„Tut mir echt leid!“, hörte sie seine Stimme neben sich.

„Aha!“

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich. Sie konnte ihn durch ihre Mütze, die ihr fast das ganze Gesicht verdeckte, kaum anblicken. Sie spitzte also nur zu ihm hinauf. Dann schob er sie – ihr Blick war immer noch versteinert – zu sich und drückte ihr einen Kuss rechts und links auf die Wangen. Sie spürte seinen Bart auf ihrer Haut. „Sei mir nicht böse!“ Seine Hände ruhten immer noch auf ihren Schultern. Ihr Herz pochte stärker. Es dröhnte in ihrem Kopf. Das Blut schoss ihr ins Gesicht, sie errötete. „Mal sehen!“ Sie löste sich von seinem Griff, um sich wieder an ihre Arbeit zu machen. „Ich spendiere dir dafür das nächste Mal ein Bier!“, rief er ihr noch hinterher. Sie beachtete es aber nicht. Er sollte sehen, wie genervt sie war, wie wütend auf ihn. Auch wenn er sie besänftigt hatte. Zumindest ein bisschen. Das sollte er aber nicht bemerken.

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Es waren nur Sekunden, in denen er ihr so nah war, so schrecklich nah, bevor er sich wieder von ihr löste und die Gegenstände in den Händen hielt. Er führte seine Arbeit fort, einfach so.

Als er mit seiner Arbeit zu Ende war, gesellte er sich direkt neben sie. Sie arbeitete einfach weiter. „Mach du deine Bestellungen, ich ordne das hier für dich!“ Ihr Erstaunen verbarg sie irgendwie gekonnt, nickte aber und bedankte sich. Er war jetzt nur noch ein paar Zentimeter neben ihr. Sie spürte, wie sein Arm ihren streifte. Es machte sie nervös, dass er jetzt hier neben ihr war. Sehr nervös sogar. Sie versuchte trotzdem so kalt wie möglich die Situation zu überstehen. Ignorieren, ignorieren, ignorieren, hörte sie die Stimme in ihrem Kopf. Sie wollte gleichgültig sein, sich nichts anmerken lassen. Sie versuchte kein Gespräch mit ihm anzufangen. Sie wollte desinteressiert wirken. Irgendwie.

Während sie mit ihrer Arbeit beschäftigt war, tat er das, was sie danach hätte machen müssen. Dass er das jetzt übernahm, ersparte ihr viel Zeit und Nerven. Sie sprachen nicht miteinander. Sie war gestresst, und er stumm. Die Stille zwischen ihnen war unangenehm. Er hatte schnell diese Arbeit auf der einen Seite beendet, als er von der anderen Seite die Gegenstände benötigte. Doch dazwischen stand sie.

„Könntest du sie mir vielleicht geben?“

Sie hörte seine Stimme in ihrem Ohr, hatte aber überhaupt keine Zeit ihm diesen Gefallen zu tun. Bestellungen über Bestellungen trudelten unaufhaltsam ein. Alles war für sie gedacht. Nichts für ihn. Sie kam beinahe nicht mehr hinterher. Der Schweiß rann ihr von der Stirn. Hier im Laden war es unausstehlich heiß. Das Chaos und seine Nähe gaben ihr den Rest.

„Hol sie dir halt!“

Ihr Ton war barscher als gewollt. Sie wollte ihn nicht anschnauzen. Ihr war es einfach so rausgerutscht. Sie ließ es dabei. Hier war der Ton sowieso immer etwas rauer, und er nahm es ihr nicht übel. Stattdessen wandte er seinen Körper zu ihr und griff selber danach. Nicht vor ihr, nicht hinter ihr, sondern er schlang seine Arme um sie herum. Er drückte sie dabei fest an sich. Ungewollt. Nicht ganz so vorhergesehen. Wahrscheinlich. Sie hingegen presste vor lauter Überraschung ihre Arme an ihren Oberkörper und hielt kurz mit der Arbeit inne. Es waren nur Sekunden, in denen er ihr so nah war, so schrecklich nah, bevor er sich wieder von ihr löste und die Gegenstände in den Händen hielt. Er führte seine Arbeit fort, einfach so. Als wäre das das Normalste der Welt gewesen. Doch das war es nicht. Auch sie versuchte die Situation spurlos an sich vorbeiziehen zu lassen. Sie gab keine Miene von sich, sondern arbeitete einfach weiter. Trotzdem fragte sie sich innerlich, was zur Hölle das war…