Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben.

Morgens, 8 Uhr. Ich schlendere durch die Stadt, alleine, denn ich bin die einzige, die um diese Uhrzeit Zeit dazu findet. Die meistens sind schon auf Arbeit, andere in der Schule oder in der Uni. Ich nicht. Vorlesungsfreie Zeit. Prüfungen sind geschrieben, Hausarbeiten habe ich keine. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Zu viel Zeit. Jetzt sind die Straßen wie leer gefegt. Die Geschäfte haben alle noch nicht offen. Das zieht niemanden hierher. Also finde ich Zeit, in Ruhe mir die Schaufenster anzuschauen. Sofort fallen sie mir auf: rosa rote Herzchen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern. Ganz groß und in mehrfacher Ausführung steht dort:

VALENTINSTAG

Ich rolle mit den Augen, gehe weiter. Beim nächsten Fenster schaut es nicht anders aus, wenn nicht sogar gleich. Rosa rote Herzen, rote Rosen, verliebte Pärchen auf Bildern, drumherum steht:

VALENTINSTAG


Seit fast zwei Wochen geht das nun schon. Fielen mir vor ein paar Wochen noch die tausenden Werbespots zur Neujahrsfitness auf, sind es jetzt überall die Herzchen, Pralinen in Herzform, Parfüm in Herzform, Kuchen in Herzform. Überall höre ich, ich muss noch ein Geschenk besorgen. Geld ausgeben hier, Geld ausgeben da. Alles zum Valentinstag. Jedes Jahr aufs neue, und jedes Jahr schüttle ich mit dem Kopf. Valentinstag, ehrlicherweise kann ich mit diesem Tag nichts anfangen. Letztes Jahr war ich zur selben Zeit in Paris. Valentinstag in Paris. Alleine. Keine gute Idee. Die Idee vom Fest der Liebe finde ich ganz wunderbar. Ich bin ein romantischer Typ. Das bin ich, das kann ich sein. Aber eben nicht nur an diesem einen Tag. Deswegen stört er mich. Stört er mich jedes Jahr.


Valentinstag, das ist ein Tag, der mehr ist als bloß der Tag der Liebe. Schon Wochen zuvor überquillt jede einzelne Ratgeberseite von Tipps. „Darum ist es geil, an Valentinstag Single zu sein“ oder „Darum ist der Valentinstag kein Kommerz-Quatsch“. Daneben steht „5 ungewöhnliche Valentinstags-Unternehmungen“ und natürlich ein Test, welcher Valentinstags-Typ man doch ist. Ich mache ihn, habe anscheinend auch nichts Besseres zu tun. Die Fragen bringen mich auf der einen Seite zum Kopfschütteln, auf der anderen zum Lachen. Es tauchen Fragen auf wie „Deine beste Freundin ruft dich abends am Valentinstag an, möchte mit dir telefonieren, weil es ihr nicht gut geht. Deine Reaktion?“

A. Ich nehme mir die Zeit

B. Ich rede kurz mit ihr, lege dann aber auf.

C. Was soll denn der scheiß von ihr? Dieser Abend gehört nur meinem Freund.

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, ob überhaupt jemand C. gewählt hat.


Valentinstag, das ist der Tag, an dem Singles auf das Single-Sein reduziert werden (und das kenne ich allzu gut), und der Tag, an dem manche Pärchen noch deutlicher demonstrieren können, dass sie eins sind. Größer, aufwendiger, besser. Bei manchen die Devise. Ich mache mir da wenig Gedanken. Keine aufwendigen Geschenke, keine Blumen. Zumindest nichts geplant. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die den Valentinstag zelebrieren, aber auch nicht zu denen, die den Valentinstag als „Kommerz-Quatsch“ bezeichnen würden.


Valentinstag, das ist ein Tag, über den geschrieben und gesprochen wird, um ein Thema zu haben. Jeder veröffentlicht einen Beitrag dazu, gibt seine Meinung dazu, durchleuchtet ihn hin und her. Ich tu das auch. Ist eine gute Gelegenheit, einfach mal seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich nehme ihn gerne an, schreibe über ihn und feier ihn dann ja doch nicht wirklich. Zumindest nicht geplant.


Valentinstag, das ist ein Tag wie jeder andere auch, und irgendwie auch nicht. Jeder sollte aus ihn machen, was er möchte, und doch bitte nicht komplett übertreiben. Es ist nur ein Tag. Ein Tag im Februar, ein Arbeitstag wie jeder andere. Es ist der Tag der Liebe, die aber bitteschön nicht nur heute gefeiert werden soll. Sonst müsse man ja am Tag der Freundschaft nur an diesem Tag befreundet sein, als müsse man am Tag der Frauen nur dann die Frauen würdigen. Ihr versteht, was ich meine…


Valentinstag, das ist ein Tag im Februar. Ein normaler Arbeitstag. Ein Mittwoch.

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Wäre schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Gelangweilt zippe ich von Sender zu Sender. Es läuft nichts Interessantes im Fernseher. Mir fallen zwar fast die Auge zu, aber ins Bett möchte ich auch noch nicht. Es ist dafür viel zu früh. Irgendwann zippe ich nur noch von Werbung zu Werbung, von Werbung über Reiseseiten, hin zu Werbung über Sport, Werbung über irgendwelche Diätprodukte, Entgiftungstees, Entschlackungssäfte. Zwischendurch geht es um Versicherungen. Das geht aber unter, denn schon die nächste Werbung mit der Botschaft „Geb dein Bestes“ dröhnt mir in den Ohren, will mich motivieren, mein sowieso schon geringes Studentenbudget für eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio oder in Abnehm-Drinks zu investieren. Irgendwann habe ich die Schnauze voll und entscheide, den Fernseher auszumachen. Es ist nicht das Fernsehprogramm, was mich in diesem Moment nervt, sondern diese Sport- und Ernährungswerbung kurz nach dem Neujahr. Jedes Jahr aufs Neue. Weil es immer Menschen gibt, die sich als guten Jahresvorsatz vornehmen, mehr Sport zu machen und sich gesünder zu ernähren. Dafür wird gerne das neue Jahr genutzt, um Anfang des Jahres ordentlich in die Pedalen zu treten und zu hungern, um dann Wochen später zu merken, in denen man Haufen Geld rausgeschmissen hat, dass das so nicht funktioniert. Die sogenannten Wunderhelfer sind nur bloße Geldmacherei, sechsmal die Woche Sport machen, von 0 auf 100, klappt auch nicht. Man hat aber einen Jahresvertrag für das Fitnessstudio unterschrieben und überlesen, dass nur die ersten drei Monate 4,99€ kosten. Danach sind es 19.90€. 19.90€ dafür, dass man in den 52 Wochen im Jahr 6 Wochen durchhält. Danach geht man nicht mehr, zahlt aber. Rausgeschmissenes Geld also. Man könnte ja meinen, man würde dadurch lernen, es ein Jahr später besser zu machen. Man tut es aber nicht.


Eine Bekannte von mir macht jetzt zum neuen Jahr die gefühlt 700ste Diät. Immer hat sie gut abgenommem, immer einige Kilos runter. Tage oder manchmal auch wochenlang war sie mürrisch, weil sie hungrig war. Während ich mir einen Burger mit Pommes bestellte, nuckelte sie an ihrem Eistee. Der Zucker im Eistee ist schon in Ordnung. Ist ja nur Flüssigkeit. Sagt sie. Ihr zu sagen, dass in ihrem Denken, nichts zu essen, aber zuckersüß zu trinken, irgendetwas nicht stimmt, habe ich aufgegeben. Man könnte meinen, die letzten Jahre haben endlich alle aufrütteln lassen, dass das Hungern etwas schlechtes ist. Man sollte es meinen. Ist aber nicht so. Frauen tun vieles für ihren perfekten Körper.


Die „Body Positivity“-Bewegung hat da auch eine Veränderung mit sich gebracht. An sich ist das ja was Gutes. Klingt ja auch gut. Steh zu dir und deinen Rundungen. Liebe dich wie du bist. Wir sind alle nicht perfekt. Klingt alles gut. Aber es muss immer welche geben, die etwas so Gutem einen schlechten Beigeschmack geben müssen. Denn statt endlich davon abzukommen, über Körper zu urteilen, tut auch die „Body Positivity“-Bewegung nichts anderes. Sie urteilt über den Körper der Frau. Wieder. Das Thema darüber ist schon genug ausgelutscht, und doch sehe ich keine Veränderung im Denken. Plötzlich wird es in, stolz und ungehemmt sich halbnackt bei Social Media zu zeigen. Als es in war, gertenschlank zu sein, wollten alle gertenschlank sein. Als es in war, muskulös zu sein, wollten alle muskulös sein. Jetzt ist es in, Plussize zu sein, und viele wollen jetzt Plussize sein. Ich habe nichts gegen das Plussize, oder sagen wir, gegen normal gebaute Körper. Kleidungsgröße 40/42, ja auch 44. Alles normale Körper. Früher war das nichts Außergewöhnliches. Jetzt werden sie Plussize genannt. Plussize geht aber noch weiter. Weiter zu Menschen, deren Körpergewicht schon die Gesundheit gefährden, und trotzdem präsentieren sie sich halbbekleidet im Netz. Sie dürfen ja zu sich stehen. Dagegen habe ich nichts. Aber hier geht es nicht mehr nur um ein Schönheitsideal, hier geht es um die Gesundheit. Fettleibig sein, und dazu stehen, hat nichts mit „Body Positivity“ zu tun. Das ist krank, und es geht zu weit.


In meinem Umfeld geht es auch immer wieder über das Gewicht. Ich kommentiere meins auch. Auch jetzt noch. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der Sport über alles ging. Über Freundschaften, über andere Hobbies. Ich liebte es, mich zu bewegen, viel zu bewegen, viel zu viel zu bewegen. Fünf-/Sechsmal die Woche Sport. Das Umdenken kam nach meinem Unfall. Man merkt, wie viel Zeit man doch plötzlich übrig hat. Wie viel Zeit, um soziale Kontakte wieder aufblühen zu lassen. Zeit, wieder mehr an andere zu denken, und nicht nur an sich. Bewegung ist gut, gesunde Ernährung ist gut, aber alles in Maßen. Ständig drüber nachdenken macht nicht glücklich. Überhaupt nicht daran zu denken, und sich zu denken, ich lebe ja nur einmal, aber auch nicht. Genauso wenig, darüber zu urteilen, über sich selbst oder andere. Wir sollten beginnen, wieder ein gesundes Maß zu finden, und vor allem anderen nichts vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Immer noch: solange es in einem gesunden Maß ist. 


Die Werbung über Sport und Nahrungsergänzungmittel wird im Laufe des Jahres weniger, wie jedes Jahr. Das ist sicher. Bald wird sie Werbung über den Valentingstag verdrängen. Nur noch knapp zwei Wochen muss ich solange aushalten. Machbar. Wäre nur schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Sie hatte noch nicht einmal die Wohnung richtig betreten, schon kam sie auf sie zugestürmt.

„Und? Wie war dein Date?“

Sie war ganz aufgeregt, wollte am liebsten sofort alles wissen. Sie hingegen stellte erst einmal ihre Tasche ab, schmiss ihre Schlüssel in die Schale, bevor sie sich auf den Hocker niederließ. Sie fand ihre Aufregung etwas übertrieben. Schließlich war es kein Date. Sie schüttelte sie nur ab. Das Thema war aber damit noch lange nicht vom Tisch. Sie war verdammt neugierig.

„Was sollte das denn sonst gewesen sein?“

„Zwei Bekannte, die einen Kaffee trinken gehen, miteinander reden und dann einen kleinen Spaziergang machen!“

„Also ein Date!“

Sie verdrehte ihre Augen. Sie war heute aber sehr hartnäckig. Es war nach langer Zeit wieder ein Treffen mit einem Mann, von dem sie wiederkam und gleich Löcher gefragt wurde. Jahrelang lebte sie alleine. Da interessierte es kaum, welche Dates sie so hatte. Viele waren grauenvoll, viele ganz in Ordnung. Der Richtige war darunter nicht. Meistens Frösche. Jetzt ertappte sie sich selber, dass sie das Treffen „Date“ nannte. Sie erschrak innerlich zusammen. So wollte sie es einfach nicht nenne. Denn es war keins. Versuchte sie sich einzureden.


Sie hatte ihm bereits ein Wochenende zuvor absagen müssen. Dieses Wochenende sollte es aber funktionieren. Das hatte sie sich Tage zuvor vorgenommen. Auch wenn die Bedingungen immer noch nicht optimal waren. Sie holte ihn am Bahnhof ab, denn er kannte sich hier nicht aus. Ihm den Weg zu erklären, wo sie sich am besten treffen könnten, empfand sie als zu große Zumutung. Er musste schon hierherfahren. Dann war es das mindeste, dass sie ihn abholte. Dann stand er vor ihr, sie umarmten sich. Es war einige Zeit vergangen, das sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Als er nun vor ihr stand, merkte sie, dass er an sich ganz gut aussah. So hatte sie ihn gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Seine Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen. Er trug einen Drei-Tage-Bart. War sie sich sicher gewesen, dass er damals gar nicht ihr Typ war, änderte sich das nun.

Sie liefen vom Bahnhof Richtung Stadt, suchten sich ein nettes Café. Es war verkaufsoffener Marktsonntag. Sie hatte gehofft, dass die Straßen, dass die Cafés leer waren. Stattdessen versammelte sich fast die ganze Stadt hier. Sie bekamen noch einen schönen Platz in ihrem Lieblingscafé und begannen das Reden. Während er da saß und seinen Käsekuchen aß, nuckelte sie an ihrem Chai-Latte. Sie redeten über Gott und die Welt. Gesprächspausen entstanden fast nie. Sie redeten übers Studium, übers Älterwerden, über Lieblingsfilme, bis sie das Thema Wohnort anschnitten.

„Willst du ein Leben lang im Norden leben bleiben?“

„Ja! Mir gefällt es dort!“

„Für dich bleibt der Süden nicht mal eine Option?“

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich bleibe – wenn’s jobtechnisch klappt – im Süden! Hier gehöre ich hin!“ Er nickte stumm. Er hatte ihr schon damals, als sie sich kennen gelernt hatten, mit einem Augenzwinkern zu verstehen gegeben, ihm würde es gefallen, wenn sie eines Tages beschließen würde, in den Norden zu kommen. Sie hatte es damals nur mit einem Lächeln überspielt, aber er meinte es ernst. Er ließ es sie jetzt wieder wissen. Und sie gab ihm zu verstehen, sie würde alles dran setzen, im Süden zu bleiben. Der Norden war nur Plan C.


„Und wie geht es bei euch jetzt weiter?“

„Gar nicht!“

„Wie ‚gar nicht‘?“

„Was soll schon aus uns werden? Ich bin jetzt die nächsten drei Jahre hier. Er wäre in wenigen Monaten mit dem Studium fertig, aber er will nicht in den Süden!“

„Und das ist ein Problem?“

Sie nickte, denn es stimmt. Zu oft stand sie vor dem Problem der Entfernung. Jedes Mal in den letzten Jahren stand sie im Raum. Erst war es Frankreich, dann war es wieder Deutschland, dann der Süden. Es war nie möglich gewesen, auf einen Nenner zu kommen. Nie fühlte sie sich an einem Ort so wohl, dass sie dort ihr ganzes Leben hätte verbringen wollen. Ihnen hingegen gefiel es, wo sie waren. Oder sie wollten umziehen, und sie konnte nicht mit. Sie war mit ihrem Studium nicht flexibel genug. Immer gab es da dieses Problem der Entfernung. Sie versprach sich, sich nie wieder auf jemanden  einzulassen, wenn sie von vornherein wusste, dass das zum Scheitern verdonnert war, eben wegen der großen Entfernung. Für manche mochte das so funktionieren. Für sie nicht. Hatte es nie, würde es nie. Ihn dann auf dem Weg vom Süden in den Norden kennen zu lernen, war nie so geplant. Sich mit ihm dann kurze Zeit später wiederzutreffen, auch nicht. Sie tat es. Vielleicht hätte sie ihm den Süden schmackhaft machen können. Es ging nicht um ’sofort‘. Es ging um irgendwann, irgendwann in näherer Zukunft. Aber die sah er nicht. Nicht hier, sondern dort. Und das war okay. Zum Glück wusste er das jetzt schon gut genug. Nicht, dass er es ihr erst später lassen ließ. So wie jemand damals. Deswegen war das auch kein Date gewesen. Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…


„Ich brauche dringend Abstand zu ihm. Ich stecke da gefühlstechnisch irgendwie viel zu tief drin!“


Sie blickte sie nur fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es war schwer zu erklären. Selbst sie verstand es nicht richtig.

Sie lernte ihn in einer Zeit kennen, in der sie am verletzlichsten war. Er tauchte auf, er war nett zu ihr, er baute sie auf. Sie sah ihn regelmäßig wieder. Sie unterhielten sich, sie zogen sich gegenseitig auf, sie verstanden sich. Er war nach langer Zeit wieder jemand, mit dem sie gerne redete, auch wenn die Unterhaltungen nie wirklich tiefgründig wurden. Er war jemand, bei dem sie gerne war, auf den sie sich jedes Mal wieder freute. Sie dachte, sie hätte sich in ihn verliebt. Irgendwie. Sie konnte das Gefühl nicht richtig einordnen. Schließlich kannten sie sich erst eine Weile. Sie wusste nicht besonders viel über ihn. Trotzdem fühlte sie sich ihm verbunden, fühlte sich zu ihm hingezogen.

Dann folgte eine Zeit, in der sie ihn kaum mehr sah. Sie liefen sich nicht mal mehr über den Weg. Kein kurzes Hallo, kein kurzes Wie geht‘s. Andere Dinge beschäftigten sie. Trotzdem war er auf irgendeine Art und Weise präsent in ihrem Kopf. Sie dachte an ihn, sie lächelte. Doch in gleicher Weise wie sie ihn vermisste, in gleicher Weise machten sich Bedenken breit. Bedenken, ob die Gefühle, die sie meinte zu haben, wirklich ernst oder nur ein Resultat ihrer Verletzlichkeit waren. Sie fragte sich, ob ihre Gefühle gar nicht echt waren. Empfand sie sie vielleicht nur deswegen, weil er im richtigen Moment die richtigen Worte fand? War sie vielleicht gar nicht verliebt, sondern nur von ihrer Hilflosigkeit beeinflusst?

„Solange ich nicht weiß, was das zwischen ihm und mir ist, kann ich nicht in seiner Nähe sein!“

„Denkst du nicht, du wirst es nur herausfinden, wenn ihr euch öfters seht?“

Sie wollte nicken. Sie beließ es. Konnte sie das? Nähe zulassen, um Abstand zu fühlen? Sich noch mehr in seine vertrauten Hände geben und hoffen, sie könne sich ihrer ‚Gefühle‘ bewusst werden, bevor sie einen Schritt weitergehe, und letztendlich jemand verletzt werden würde? Was wäre, würde sie merken, dass sie doch nicht verliebt war? Sie würde ihm gezwungenermaßen wieder über den Weg laufen müssen. Es nicht zu tun, wäre unmöglich.

Es vergingen wieder einige Wochen. Wochen, in denen sie tagein tagaus schlichtweg keine Zeit mehr hatte, um an ihn denken zu können. Sie sahen sich kurz wieder. Ein kurzes Hallo, ein kurzes Wie geht’s. Nicht mehr, nicht weniger. Irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Es wurde immer deutlicher. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest den größten Teil des Tages. Immer mal wieder tauchte er für ein paar Sekunden in ihrem Kopf auf. Dann war er wieder verschwunden. Sie merkte, dass sie immer deutlicher bezweifelte, dass es tatsächlich Gefühle für ihn waren. Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…

Sind manche Freundschaften im Leben vielleicht nur befristet?

Ich sitze an der Bushaltestelle, warte auf den Bus. Musik spielt in meinen Ohren, ich starre geistesabwesend in den Himmel hinein. An meiner Haltestelle bin ich alleine. Um die Uhrzeit – und es ist gerade erst 13.15 – tummeln sich wenig Leute. Macht mir nichts aus. Ich kann für einen Moment nachdenken, ohne beobachtet zu werden, ohne vom Wuseln eines anderen gestört zu werden.


Sie läuft plötzlich einfach an mir vorbei, hebt den Kopf vom Boden, blickt mich an, sieht wieder weg. Mehr Beachtung schenke ich ihr auch nicht. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ich erst sehr spät merke, dass sie es ist.

Früher waren wir einmal sehr gute Freunde. Früher, vor zehn Jahren. Vor zehn Jahren, bevor aus Freundschaft fast Feindschaft wurde. Auslöser? Bis jetzt rätselhaft. Ich schätze es ging um einen Typen. Irgendwann zerbrach die Freundschaft, sie verbreitete Lügen über mich, sie wollte nichts mehr von mir wissen. Ich verstand die Welt nicht mehr, versuchte Gründe herauszufinden, wie sie so einen Hass auf mich bekam. Irgendwann beruhigte sich die Situation. Ich wurde ihr anscheinend egal. Die bösen Worte über mich hörten auf. Irgendwann verließen wir dann die Schule. Beide in andere Richtungen. Sie blieb im Ort, ich zog weg. Ich sah sie Jahre nicht. Irgendwann trafen wir uns hier doch einmal, hier an dieser Bushaltestelle. Ich war kurze Zeit in der Stadt, sie musste in dem Moment in die Universität. Nun standen wir also hier und redeten. Nur ein paar Wörtchen, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

Jetzt, wo ich sie wieder sah, sie an mir vorbei lief, in dem Moment aufsah und genauso Probleme hatte, mich zu erkennen wie ich sie, komme ich ins Grübeln, denke darüber nach, wie es nur möglich sein konnte, dass Freundschaften, die eine lange Zeit so großartig waren, von jetzt auf später einfach vorbei waren. Wie konnte es möglich sein, dass man so viel miteinander durch stand – Liebeskummer, schlechte Noten, Stress mit Eltern – und am Ende nichts davon übrig bleibt? Sind vielleicht manche Freundschaften im Leben nur befristet? Befristet für den Abschnitt, bevor man sich im Leben entscheidet, andere Wege einzuschlagen?

Sie war nicht die einzige, bei der die Freundschaft in die Brüche ging. Ich verlor durch meinen Umzug vor vier Jahren viele gute Freundschaften, tolle Menschen, zu denen der Kontakt einfach abbrach. Ich lernte aber auch Neue kennen. Menschen, aus allen möglichen Regionen in Deutschland. Wir verbrachten viel Zeit miteinander, bevor ich, aber auch sie beschlossen, weiter zu ziehen: Hamburg, Berlin, Hannover. Bei manchen hielt der Kontakt, bei anderen nicht. Die Nähe der letzten Jahre konnte durch die Entfernung nicht gehalten werden. Wir entfernten uns voneinander. Nicht nur räumlich, sondern auch freundschaftlich.


Jetzt, zurück in der alten Stadt, und dieses Mal für eine längere Zeit, tauchen sie wieder auf: die Freundschaften der vergangenen Jahren. Sie tauchen auf wie die Geister, die ich versuchte nicht zu rufen. Sie sind wieder präsent. Gerne würde ich ihnen entkommen, gerne aber auch die Freundschaften wieder aufblühen lassen. Entfernung trennte uns damals. Entfernung und unsere neuen Leben. Wir erlebten alle vieles, was uns prägten. Wir sind nicht mehr dieselben von damals, sind gereift. Entfernung spielte keine Rolle mehr. Doch war es überhaupt möglich, die neuen Wir wieder in Einklang zu bringen? Wäre es möglich, zurückzufinden, zurück zu einander, auch wenn so viel Zeit vergangen war?

Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.

Mit 19, gleich nach dem Abitur, war ich mir sicher, dass ich so schnell und so weit wie möglich von meiner Heimat wegziehen wollte. Kein Wunder, dass ich mich deswegen an den weit entferntesten Unis beworben habe, die mir zu dem Zeitpunkt eingefallen sind: Berlin, Halle, Hamburg, München, Mannheim. Die zwei großen Unis in meiner Umgebung vermiet ich. Zu nah, zu nah an der Heimat, zu nah an den Leuten, die ich mehrere Jahre in der Schule aushalten musste. Ich wollte weg und tat das auch. In der neuen Studentenstadt sollte alles besser werden, wurde es aber nicht. Ich lernte Leute kennen, gute Leute, tolle Leute, weniger nette Leute. Ich lebte mich ein, fand eine tägliche Routine, verlor sie wieder. Ich lebte mich wieder aus, ich wollte da nicht mehr bleiben. Zu viele Erinnerungen, zu viele Plätze, die mich an schöne und zugleich traurige Dinge erinnerten. Es ging weiter nach Frankreich, in den Süden. Die Entscheidung fiel nur deswegen, weil ich es in meiner Studentenstadt nicht mehr aushielt. Ein Auslandsjahr war daher die perfekte Lösung. Wohnung gekündigt, Sachen gepackt, abgehauen. Nun bin ich hier, habe mich eingelebt, mir wieder eine Routine angeeignet. Ich komme nach drei Monaten mit der Mentalität klar, mit der Sprache, und doch weiß ich, dass Frankreich wohl auch nichts für mich ist. Dieses Jahr zeigt mir, hier kann ich nicht bleiben, ich muss weiter.


Meine Heimat selber ließ mich auf meinen Reisen nie los. Ich komme gerne zurück. Irgendwie. Ich genieße die Zeit. Ruhe, Geborgenheit. Hier kann ich wieder aufatmen, mich von dem ewigen Wegrennen ausruhen. Hier ticken die Uhren anders. Hier kenne ich den Stress dort draußen, wo ich umherschwirre, nicht. Komme ich zurück, bin ich wieder Kind. Ich vergesse meine Sorgen, vergesse das Leben, dass ich irgendwo da draußen führe. Komme ich zurück, sind da auch wieder die Menschen von damals. Ich will sie eigentlich meiden. Klappt nicht. Viele sind zwar wie ich gegangen, viele sind aber auch geblieben, wohnen in der Umgebung. Viele von ihnen sind sesshaft geworden, ziehen zusammen, planen ihre Familie. Fester Job, feste Beziehung, fester Wohnsitz. Es scheint so, dass sie ihren Platz in der Welt gefunden haben. Sie sind keine ewigen Reisenden, oder waren es nie. Sie haben ihr perfektes Glück gefunden. Es wäre gelogen, zu sagen, ich würde nicht ein Stück neidisch auf sie blicken. Ich irre immer noch umher, um meinen Platz zu finden. Meine Heimat war es nicht, die Studentenstadt nicht, Frankreich wird es auch nicht sein. Ich weiß nicht, wo ich hingehöre. Also renne ich weiter, weiter davon, bis ich den Platz finde, an dem ich endlich das Gefühl von „Angekommen“ spüre. Bis dahin bleibe ich eine Ewigreisende.