Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen.

Ich sitze da, mitten in der Universität, mitten in diesem riesigen Vorlesungssaal. Ich bin umzingelt von wuselnden, schweigenden, schnatternden, lachenden Erstis, die gerade neue Bekanntschaften machen. Für sie alle ist das hier etwas Neues, Aufregendes, der erste Tag an einer Universität, raus aus der Schule, hinein ins Studentenleben. Die meisten wirken ziemlich jung, bei anderen kann ich das Alter nicht gut einschätzen. Mein Blick schweift von Gesicht zu Gesicht. Ich kenne hier niemanden. Das ist das, was mich mit den Erstis verbindet. Ich bin auch neu, neu an dieser Universität. Ich kenne mich hier nicht aus, kenne das System hier nicht. Doch ich unterscheide mich etwas von den anderen: ich war bereits immatrikuliert, habe bereits ein Studium absolviert, Studentsein ist nichts Neues für mich. Damit bin ich vertraut.

„Ist der Platz noch frei?“, höre ich die Stimme des Mädchens neben mir. Ich blicke auf, nicke. Sie lächelt und bedankt sich. Dann lässt sie sich nieder. Sie scheint nicht älter als 18 zu sein. Einschätzen kann ich es nicht. Sehr viel älter sehe ich aber auch nicht aus – auch wenn ich es bin. Bei manchen sogar 6 Jahre.

„Bist du auch im ersten Semester!“, beginnt sie nun das Gespräch.

Theoretisch schon!“ Sie blickt mich fragend an.

„Ich habe meinen Bachelor an einer anderen Uni gemacht, fange hier aber mit Lehramt an!“

„Die gleichen Fächer?“

Ich nicke. Die Unterhaltung bricht ab. Zu sagen, ich wäre kein Erstsemester mehr, hat irgendetwas an sich. Es ist eine Eigenschaft, mit der ich mich von den anderen abgrenze. Die womöglich erste Gemeinsamkeit ist damit passé. Gemeinsam Ersti sein: das ist spannend. Fand ich damals bei meinem ersten Unitag auch. Wir konnten uns gemeinsam durch das Studentenleben kämpfen. Ersti sein, das verbindet. Es nicht zu sein, grenzt aus. Gemeinsam Master-Ersti sein, das verbindet. Ein Student im höheren Semester in einem Studiengang mit Erstsemestern zu verbringen nicht. Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen. Ich gehöre zwar dazu, aber irgendwie auch nicht. Äußerlich ja, innerlich nicht. Komisches Gefühl.

Die Vorlesungen beginnen. Nichts davon ist wirklich neu für mich. Was ist ein Modul, was bedeutet LPO I, was sind Veranstaltungen, welche Art Prüfungen gibt. Alles schon gehört. Viele der neuen Studenten sind hier komplett überfordert. War ich damals auch schon. Irgendwann fuchst man sich da rein. Die anderen Studenten machen sich narrisch. Habe ich mich damals auch. Alles normal. Alle fangen das Schreiben an, ich nicht. Ich sitze nur da. Irgendwie fühle ich mich richtig am Platz. Zumindest gehöre ich hier in die Uni, hier in diesen Studiengang. Nur zwischen den Erstsemestern fühle ich mich falsch.

Später komme ich mit einer höher semestrigen ins Gespräch. Wir verstehen uns gut, von ihr fühle ich mich verstanden. Doch irgendwie passt das auch nicht. Denn sie kennt sich hier aus, ich mich nicht. Mich nervt das. Kein Erstsemester, kein wirklich höherer. Ich stehe zwischen den Stühlen. Ich weiß, dass es sich ändern wird. Irgendwann passe ich rein. Das weiß ich ja. Bis dahin heißt es Augen zu, und Leute kennen lernen.

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Trauer – Wut – Akzeptanz – Neustart.

Ich liege da und je mehr ich versuche, nicht zu weinen, umso mehr Tränen rollen aus meinen Augen. Das hier ist keine Trauer mehr. Das hier ist mehr. Das Gefühl von Versagen. Das Gefühl nach einem verlorenen Kampf. Man war so guter Dinge. Gelernt. Auswendig gelernt. Rauf und Runter. Vorbereitet. Für gut empfunden. Dann das niederschmetternde Urteil. Alles schlecht, alles scheiße. Keine konstruktive Kritik. Nur Brüllen. „Elle a rien compris!“, hörte ich ihn aus dem Zimmer schreien. Am liebsten hätte ich meine Sachen gepackt und wäre gegangen. Ich hätte mir damit einiges ersparen können. Ich hätte weglaufen sollen, weit weg, dem ganzen entkommen. Ich blieb. Dumme Idee. Meine Beurteilung fiel nicht weniger scheiße aus. Deswegen erhob ich mich irgendwann und zischte ein unfreundliches „Au revoir“. Als ich  das Gebäude wenig später verließ, heulte ich.

„Was war los?“

Ich schüttelte nur den Kopf. Ich wollte nicht reden. Mit niemanden. Nur heulen und schluchzen. 150 km Autofahrt später baute sich Stück für Stück die Wut in mir auf. Wut auf die gemeine Beurteilung. Denn wie ich es drehte und wandte: er hatte mich da komplett hineingeritten und mir damit ordentlich eins ausgewischt. Genau so war es, und ich hasste ihn dafür. Mein Puls schoss nach oben. Hass. Purer Hass. Weitere 100 km. Die Wut legte sich nicht, vielleicht ein bisschen. Dann mischten sich Tränen dazu. Gefühlschaos. Ich wollte mir neuen Mut zusprechen.

„Was ist, wenn ich auch den zweiten Versuch vermassle? Dann wären drei Jahre umsonst!“

„Umsonst ist im Leben nichts, denn du hast neue Erfahrungen gewonnen! Aber denk nicht ans Scheitern. Das packst du schon!“

Ich redete mir ihre Worte immer wieder ein. Sie hatte ja recht. Es fiel aber schwer. Meine Wut war so groß. Ich fühlte mich so lächerlich gemacht. Vorgeführt. Gegen das Gefühl konnte ich nichts machen. Vorbei. Es war vorbei. Jetzt hieß es sich wieder aufrappeln. Gerade fühlte sich alles einfacher als das an. Einfacher, als an die Zukunft zu denken. Trauer – Wut – Akzeptanz – Neustart. Es musste bergauf gehen. Musste. Irgendwie. Aber wie?

Ich nahm mir zwei Wochen Zeit. Zwei Wochen, in denen ich über meine Zukunft nachdachte, in denen ich mit allen möglichen Gedanken spielte, wie es weitergehen könnte. Irgendwann kam die rettende Lösung. Ich beschloss das zu wagen, was ich schon Jahre zuvor hätte tun sollen. Durch die vermasselte Prüfung traute ich mich endlich das, was ich noch Jahre vorher so angezweifelt hatte. Ich hatte Angst, den Schritt zu wagen. Jetzt war es wohl das beste, was mir hätte passieren können. Klar wäre es schön gewesen, hätte diese Prüfung geklappt. Doch ich habe nichts mehr dagegen, dass es eben anders lief. Diese Tür schloss sich. Eine neue öffnete sich kurze Zeit später. Und diese neue schaut nicht schlecht aus, wenn nicht sogar besser.

  • Wäre ich nie weggezogen, hätte ich nie die Liebe zu meiner Heimat entdeckt.
  • Hätte ich nicht entschieden, Französisch zu studieren, wäre ich nie nach Frankreich gegangen.
  • Wäre ich nie in Frankreich gewesen, hätte ich nie diesen Unfall gehabt.
  • Hätte ich nie den Unfall gehabt, hätte ich nie neue und alte Bekanntschaften gemacht.
  • Hätte ich die Prüfungen nicht nicht bestanden, hätte ich nie entschieden, zurück in meine Heimat zu gehen, um endlich das zu machen, was ich seit Jahren bereits plane.

Life happens while you’re making plans

Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

 

Ich konnte mir vor vielen Jahren nichts Besseres vorstellen als endlich diese Stadt zu verlassen. Zu lange hatte ich hier verbracht, zuviel erlebt. Gutes wie Schlechtes. Das Schlechte überwiegte. Ich musste raus, den Kopf freibekommen, neu anfangen. Es reichte. Es reichte mit der Stadt, mit den Leuten, mit den schlechten Gefühlen. Ich verschwand von hier. Mit der Hoffnung, es würde woanders besser werden.

Ich lernte ein neues Leben kennen, eine neue Stadt, neue Leute. Lebte mich ein, verliebte mich, entliebte mich, lebte mich wieder aus. Es wurde alles nicht besser. Es wurde nach einiger Zeit sogar schlimmer. Dann ging es weiter. Weiter weg. Noch weiter weg.  Neues Land. Dort wurde es das erste Mal toll. Wunderbare Stadt, wunderbare Menschen.

Ich wusste aber, dass es begrenzt war hier zu sein. Dann endete alles sogar noch früher. Erst war ich traurig, dann merkte ich: Das Timing stimmte, es war perfekt. Ich hatte meine Heimat vermisst, die Sprache, die Mentalität. Ich ging zurück. Es sollte nur für kurz sein. Kurzer Zwischenstopp. Dann sollte die Reise weitergehen. So der Plan. Er war gut. Gut durchdacht. Alles sollte so geschehen. Tat es aber nicht. Erst ging das eine schief, dann geschah das, mit dem ich nie gerechnet hätte. Es war unmöglich. Ich hatte alles falsch eingeschätzt: ich verliebte mich. Unerwartet, urplötzlich, ab den einem Ort, an dem ich als letztes gedacht hätte. Es war nie so geschehen. Auf einmal aber schon. Nur das ruinierte meinen Plan. Gut. Es war nicht das einzige, was alles irgendwie ins Ungleichgewicht brachte. Wenige Zeit später fiel mir aber auf: Es passte. Es passte genau in meinen Lebensplan. Es zerstörte weniger als es mir gab. Es war nicht so schlimm wie angenommen. Es war sogar gut. Sehr gut sogar. Denn die Stadt, vor der ich damals flüchtete, stellte sich als toll heraus. Sie war nicht so schlimm wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich mochte sie. Sehr sogar. Plötzlich sah ich eine Zukunft hier.

Das Fernweh wurde schwächer. Mich zog es zum aller ersten Mal nirgends hin. Das erste Mal in meinem Leben wollte ich hier bleiben. Ich zog in ein anderes Bundesland, ich kam zurück. Ich zog ins Ausland, ich kam zurück. Jetzt bleibe ich. Vorerst. Nicht in der gleichen Stadt, aber in der Nähe. Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

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Kulinarische Reise durch Toulouse

Sieben Monate war ich nun in Toulouse, und während dieser Zeit war ich tatsächlich nur einmal in einem Restaurant Cassoulet essen, denn man muss wissen, dass das für einen Studenten ziemlich teuer werden kann. Ich wollte das Geld dann doch lieber fürs Reisen ausgeben.

In den vier Wochen, in denen ich hingegen in meinem Zimmer feststeckte, und meine Freunde alle für die Ferien verreist waren oder genug andere Sorgen vor der bevorstehenden Prüfungsphase hatten, blieb mir nichts anderes übrig als endlich mal den Lieferdienst Deliveroo auszuprobieren. Ich hatte die Fahrer schon immer durch die Stadt fegen sehen, die bei den einzelnen Restaurants die Speisen abholen und nach Hause bringen. Reisen ging sowieso nicht mehr, also gönnte ich mir endlich die Speisen.


La Manufacture – 6 Rue Valade, 31000 Toulouse


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Diese Pizzeria wurde mir als die Beste in der ganzen Stadt gepriesen. Ich musste sie also testen. Die Pizzen sind mittelpreisig. Von 10€ bis 15€ ist alles dabei. Dafür erhält man aber auch eine mächtige Pizza, die für eine Person für zwei Mahlzeiten reicht. Zumindest für mich. Ich bin normalerweise kein besonders großer Pizza-Fan. Im Jahr esse ich vielleicht höchstens 2-3 Pizzen. La Manufacture sollte aber vor Ort gegessen werden. Denn mein Deliveroo-Fahrer verfuhr sich mehrmals und die Pizza war kalt. Ich hatte keine Mikrowelle, was etwas schade war. Die Pizzen selber sind super.


Cup’n’Cake – 19 Rue des changes, 31000 Toulouse


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Schon der Laden selber schaut zuckersüß aus. Hinz kommt die wunderbare Auswahl an bunten Cupcakes, die zwar süß sind, aber man keinen Zuckerschock bekommt. Das ist ja meistens das Problem, dass Cupcakes schnell zu süß sind. Nicht hier. Aber ich denke, dass ich eine französische Eigenart, denn hier wird mit allen ‚Gewürzen‘ eher sparsam umgegangen. Bestellt habe ich mir den Bagel Burgy und die Cupcakes Citron Framboise, Mangue Passion, Red Velvet und Bueno.


MIAM – Made in a Marmite – 24 Rue Léon Gambetta, 31000 Toulouse


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Ich finde das Konzept von MIAM wirklich super. Man wählt aus zwischen Box oder Galette, zwischen Reis und Kartoffeln, zwischen einigen Fleischarten und gibt dann noch nach Belieben Käse, Gemüse und eine Soße hinzu. Am Ende kommt eine simple, aber echt leckere Mahlzeit heraus. Kein Wunder, dass ich hier bereits zweimal bestellt habe.


L’Atelier du Burger – 9 Rue Léon Gambetta, 31000 Toulouse


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An diesem Restaurant bin ich fast jeden Tag vorbeigefahren, als ich in die Uni fuhr. Jedes Mal versprach ich mir, einmal dort essen zu gehen. Hat leider nie funktioniert. Also bestellte ich. Leider kam der Burger nicht ganz heil an, dafür hat er trotzdem verdammt gut geschmeckt. Ich esse Burger genauso selten wie Pizza, aber der Cheeseburger war wirklich gut.


Eat Salad – 2 Rue Paul Meriel, 31000 Toulouse


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Noch so ein Konzept, von dem ich absolut begeistert bin. Man wählt erst die Basis, die aus Salat oder Nudeln besteht. Dann fügt man einzelne Lebensmittel und die Soße hinzu. Schon hat man seinen eignen persönlichen Salat. Natürlich ist das ganze auch zuhause leicht zubereitbar, aber wenn jemand unterwegs ist und schnell was gesundes will, oder wie ich nicht einkaufen gehen kann, ist das eine geniale Möglichkeit, an gesunde Speisen zu kommen. Man sehe mal von dem dicken Muffin daneben ab.


Asian Kanteen – 47 Boulevard de Strasbourg, 31000 Toulouse


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Es gibt ziemlich viele asiatische Restaurants hier, und natürlich habe ich sie nicht alle durchgetestet. Das würde mein Geldbeutel auch nicht überleben. Ich habe mich letztendlich für Asian Kanteen entschieden. Die Entscheidung war spontaner Natur. Die Portion ist ziemlich großzügig. Ich aß zwei Mahlzeiten daran. Aber es war gut, verdammt gut sogar. Vor allem diese kleinen mit Pute gefüllten Täschchen.

7 Monate Toulouse #2

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Januar:

3.1: ich hatte wohl die aller schlimmste Rückreise. Erst ging es um 1.55 mit dem Bus nach Berlin, wo alle paar Minuten ein kleines Mädchen durch den Bus geschrien hat. Um 3.30 hielt uns die Bundespolizei an, um ein paar Reisende zu überprüfen. Einer davon wurde sogar mitgenommen, kam aber später wieder. Dann ging es weiter. Als ich in Berlin dann aus dem Bus ausgestiegen bin, um zum Berlin Tegel zu gelangen, war ich innerhalb von 10 Minuten durch und war über drei Stunden zu früh dran. Dann ging mein Flugzeug auch noch 20 Minuten später los, war aber pünktlich in Frankfurt. Wieder 2,5 Stunden Wartezeit. Dann die Tortur: Gate 68, 56, 62, 64, 56. Dann startete der Flieger auch noch fast eine Stunde später. Grund war der morgendliche Schneesturm in Deutschland. Ich war so froh, als ich dann endlich in Toulouse war. Man bedenke: ich habe in der ganzen Zeit maximal eine Stunde Schlaf gehabt. Außerdem war ich auch noch heftig erkältet. Im Flugzeug fühlte es sich an, als würde mir der Kopf bald platzen.

27.1: Für meinen Geburtstag ging es mit einer Freundin nach Narbonne. Blöderweise hat es den ganzen Tag geregnet und gestürmt. Das war’s dann also mit einem schönen Tag am Meer. Als wir dann auch noch in Gruissan waren, vergaßen wir auf die Zeiten des Busses zu achten und standen dann vor den Busabfahrtzeiten, die uns sagten, dass der nächste Bus erst zwei Stunden später abfahren würde. Hungrig und genervt vom Wetter bestellten wir uns ein Taxi. Anders war es sonst nicht möglich, wieder nach Narbonne zu kommen.

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Februar:

18.2: ich bin zurück aus Tours und Paris. Paris war das absolute Chaos. Nicht die 6,5h Zugfahrt und auch nicht die Tatsache, dass mein Wagon gefehlt hat. Auch nicht mein Hostel, das eine geniale Lage hatte, sondern die Tatsache, dass Paris so laut und groß war, dass ich mich ständig verlaufen habe. Im Louvre dann waren so viele Menschen, die sich so unmöglich aufgeführt haben, dass ich nach zwei Stunden das Weite suchte.

23.2: Langsam freue ich mich, wieder nach Deutschland zu kommen. Ich habe etwas genug von Frankreich. Nicht weil es mir nicht mehr gefällt. Frankreich ist wunderschön. Ich liebe die Sprache. Ich liebe das Essen. Ich liebe die Kultur. Doch mir fehlen die deutschen Tugenden, auf die ich einfach nicht verzichten kann.

27.2: Langsam entsteht in mir das Gefühl, dass ich wieder nach Hause will. Die ersten sechs Monate waren zwar einfach genial, aber jetzt geht mir langsam die Luft aus. Liegt wohl am Stress. Nur noch 3,5 Monate.

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März:

15.3: Bis vor kurzem hatte ich noch Heimweh, jetzt will ich bloß nur nicht so schnell zurück. Denn langsam tickt die Uhr. Ich bin nur noch drei Monate hier, dann verlasse ich Frankreich. Ich geh nach Deutschland. Es sind tatsächlich nur noch drei Wochen Unterricht und zwei Wochen Prüfungen, bevor ich dann erst einmal 1,5 Monate Urlaub genießen kann.

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April:

01.04: Vor drei Tagen passierte das wohl Schlimmste, was jemals hier hätte passieren können. Ich war im Trampolinpark und habe mich am Knie verletzt. Sechs Stunden im französischen Krankenhaus später das Ergebnis: Kreuzband- und Meniskusriss. Im schlimmsten Fall muss ich operiert werden. Es sind Ferien, also keine Uni, die ich verpasse, aber das macht die Sache gerade nicht besser. Ich überlege mir jetzt, ob ich meinen Aufenthalt Mitte Mai abbrechen soll. Aber nein. Ich bleibe. Dann halt mit Krücken. Ich schaffe das.

11.04: In einer Woche soll ich irgendwann meine erste Physiotherapie bekommen. Eine Woche lang lag ich jetzt flach in meinem Bett mit höllischen Schmerzen. Ich weinte. Ich weinte viel. Ich wollte meinen Aufenthalt hier zu Ende machen, nicht so schnell aufgeben, doch es geht nicht mehr. Ich werde Frankreich Anfang Mai verlassen. Ich bin traurig. Ich wollte hier doch noch soviel erleben, habe sogar bereits einen Flug nach London gebucht. Doch nichts geht mehr. Ich kann nicht mehr in die Uni gehen, ich kann nicht mehr gehen, kann keine Prüfungen mehr machen. Das Semester, der Aufenthalt ist von heute auf morgen einfach vorbei.

19.04: Bis vor Kurzem dachte ich noch, dass ich ein paar Wochen in der Uni und zwei Monate in Frankreich haben werde, jetzt ist es entschieden: ich verlasse Frankreich am 5.5. Die Reise ist geplant, ich werde verschwinden. Schlagartig ist alles vorbei. Ich werde nie wieder an der Garonne entlang joggen, mit Freunden in Bars gehen, bei ihren Picknicks teilnehmen. Endlich habe ich wirklich Anschluss gefunden, der Unfall hat alles zerstört.

23.04: Ich bin bereit, Toulouse hinter mir zu lassen, vor allem aus gesundheitlichen Gründen. Ich muss wissen, was mit meinem Knie los ist. Es tut weh, auch nach drei Wochen. Das kann einfach nicht in Ordnung sein. Ich weiß, dass der Arzt von Meniskus- und Kreuzbandriss ausgeht, aber sicher ist das eben noch nicht. Gerade dreht mein Kopf vollkommen durch. Ich habe panische Angst vor den Monaten, in denen mein Bein wieder funktionsfähig gemacht wird. Jeden Morgen wache ich ohne Schmerzen im Knie auf, denke, dass alles in Ordnung ist. Heute hielt ich mein Bein aber irgendwie falsch, übte versehentlich Kraft aus und hatte sofort Schmerzen auf beiden Meniskusseiten.

06.05: Schon bin ich zurück in Deutschland. Wieder mit höllischen Schmerzen, weil ich gestern irgendwie doof auf das Bett im Hotel gesprungen bin. Ich bin einfach nicht für ein verletztes Bein geschaffen. Der Abschied von meinen Freunden war die Hölle. Ich werde sie alle so unglaublich vermissen. Natürlich wohnen einige nicht so weit entfernt, irgendwo in Deutschland, aber die anderen sind so weit entfernt. Als ich dann heute Nacht das Hotel verlassen habe, habe ich erst einmal total geweint, denn ich bin sauer. Es kommt mir vor, als würde das Schicksal ein Beil über alle Erasmus-Studenten kreisen lassen und bei einem fällt’s runter. In diesem Fall eben bei mir. Ich war zwar sieben Monate hier, aber im Nachhinein hätte ich die neun doch liebend gerne beendet. Wurde mir aber anscheinend verweht.

7 Monate Toulouse #1

15.9: Seit drei Tagen bin ich in Toulouse und durfte bereits in mein Studentenwohnheim einziehen. Bis jetzt ist Toulouse der Hammer, genauso wie mein Zimmer. Am Anfang hatte ich ein anderes, doch da hatte ich das Problem, dass ich nicht auf das Bett kam. Es war zu hoch. Selbst mit zwei Stühlen war es unmöglich. Als ich das dem Hausverwalter erzählt habe, hat er mich angeschaut, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Trotzdem bekam ich ein neues Zimmer. Jetzt habe ich einen wunderschönen Blick in Richtung der Garonne.

16.9: Bis jetzt ist Toulouse wirklich genial. Das Wetter ist nicht wie erwartet, sondern sehr wechselhaft. Leider regnet’s die ganze Zeit. Außerm habe ich bei meinen Stadtrundgängen bereits Orte kennen gelernt, die ich wahrscheinlich zukünftig meiden möchte. Aber ich bin in einer Großstadt, wenn nicht schon Metropole. Das ist normal.

28.9: Ich komme überhaupt nicht mehr zum Schreiben. Jeden Tag steht irgendwas anderes an. Es ist aufregend und spannend, aber ein wenig Ruhe könnte ich auch langsam mal gebrauchen. Dieses Wochenende war zum Beispiel das geplante Fest am See, an dem ich jemanden kennen gelernt habe. Heute habe ich ihn wieder gesehen. Auch jetzt finde ich, dass er ein schönes Lächeln hat. Im Nachhinein sogar richtig schön…

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10.10: Ich bin krank, habe aber trotzdem beim Colorrun5k teilgenommen. Danach ging’s mir richtig schlecht. Genial war es trotzdem. Sonst bin ich hier nur gestresst, weil die Uni einer Schule mit Hausaufgaben gleicht. Dann wird man auch noch ständig aufgerufen, und Handys sind strengstens verboten. Manche Dozenten schnauzen einen sogar an, wenn sie das Handy auf dem Tisch entdecken. Ich vermisse meine Uni jetzt schon. Da konnte man an manchen Tagen wenigstens körperlich, aber nicht geistig anwesend sein.

21.10: Her im Wohnheim grüßt man sich, auch wenn man sich nicht wirklich kennt. Man sieht sich aber jeden Tag, und das ist schon Grund genug, um sich zu begrüßen, zu verabschieden und einen schönen Tag oder Abend zu wünschen. Ich mag diese Gesten. Da fühlt man sich nicht ganz alleine unter vielen Studenten. Toulouse ist außerdem, trotz der Größe, fast schon dorfähnlich. Man sieht ständig jeden Tag dieselben Menschen in der Stadt. Was auch auffällt: die Menschen sind unglaublich entspannt. Manchmal vielleicht sogar etwas zu sehr. Aber vielleicht gewöhne ich mich die Monate da daran.

30.10: Nun bin ich aus Barcelona zurück. Endlich war ich in dieser Stadt, sah die Casa Battló, Casa Milá, Sagrada Familia und das Camp Nou. Endlich ging ein Traum in Erfüllung. Vor allem habe ich endlich wieder Inspiration für mein Buch gesammelt. Über eine Stadt zu schreiben, in der man noch nie war, ist echt schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Doch auch wenn Barcelona über einen traumhaften Strand und einer wunderschönen Architektur verfügt, würde ich dort niemals leben wollen. Schon aus dem Grund, weil Busfahren verdammt teuer ist.

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30.11: Eigentlich habe ich keine Lust zu schreiben, aber das letzte Mal ist schon so ewig her. Am Wochenende war ich in Bordeaux. Super schöne, saubere Stadt, in dem Menschen leben, deren Französisch im Vergleich zu den Toulousain verständlich ist. Die Südfranzosen bestehen nämlich leider auf ihre Art und Weise der Aussprache und stellen sich fast schon auf taub, wenn sie das Standartfranzösisch hören. Das frustriert etwas. Vor allem weil die Südfranzosen immer so nuscheln müssen.

Vom Dezember gab es keine Einträge, auch aus dem Grund, weil ich in den Weihnachtsferien zuhause in der Heimat war. 

Jetzt passe ich hier also nicht mehr rein. Jetzt gehöre ich woanders hin. Dort ist mein neues Leben, vorerst.

Als ich aus dem Zug steige, ist da dieses Gefühl von „Ich komme nach Hause“. Alles ist hier so vertraut, ich kenne mich in dieser Stadt aus. Gut. Kurz zuvor war ich in Paris und habe mich gefühlt tausendmal verlaufen. Dazu kommt, das Paris laut und stressig war. Aber hier ist es was ganz anders. Ich habe hier mehrere Monate gelebt. Die Stadt wurde zu meinem zweiten Zuhause. Die Stadt ist kleiner, gemütlicher.

Am nächsten Tag, am nächsten Morgen schnappe ich meine Laufschuhe und laufe los. Ich will mich fühlen, als wäre dieses eine Jahr nicht vergangen, als wäre ich nie weg gewesen. Doch es fühlt sich nicht wie damals an. Irgendetwas ist anders. Wahrscheinlich hat sich die Stadt verändert. Okay, nicht alles. Die Loire steht wie immer sehr hoch. Einzelne Bäume sind bereits überflutet. Das hat sich nicht geändert. Genauso wenig wie das Wetter. Es regnet. Wie damals.

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Trotzdem wirkt die Stadt anders. Ein Jahr ist ja auch lang. Aber ich merke, es ist nicht nur die Stadt, die sich verändert hat, sondern auch ich. Als ich hier vor einem Jahr angekommen war,  suchte ich eine Möglichkeit, um für eine Weile Deutschland verlassen zu können. Zuviel war Geschehen, zuviel, was mich nach unten gezogen hatte. Bei meiner Ankunft suchte ich eine Möglichkeit, wieder glücklich zu werden. Ich erinnere mich noch, als ich in den ersten Tagen und Wochen nicht loslassen konnte und mir vorgestellt habe, es würde noch ein Happy End geben. Dann, von dem einen auf den anderen Tag, waren die Gedanken einfach verschwunden. Ich vergaß es und wurde hier tatsächlich glücklich, sehr glücklich sogar. Als es dann zurück nach Deutschland ging, waren alle Sorgen verschwunden.

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Jetzt, ein Jahr später, hat sich daran nichts geändert. Die Gefühle von vor einem Jahr sind verschwunden, genauso aber auch das Zuhause-Gefühl. Ich fühle mich wie eine Fremde. Auch wenn es irgendwie mein zweites Zuhause war, ist es das jetzt nicht mehr. Vor einem Jahr habe ich hierher gehört. Vor einem Jahr war diese Stadt genau das, was ich in meinem Leben gebraucht habe, um einfach aus dem Alten herauszukommen, um etwas Neues zu beginnen. Doch jetzt bin ich irgendwie aus dieser Stadt ‚herausgewachsen‚. Ich habe mich entwickelt, ich habe neue Erfahrungen gemacht. Jetzt passe ich hier nicht mehr rein. Jetzt gehöre ich woanders hin. Dort ist mein neues Leben, vorerst.