Das erste Semester an der neuen Universität neigt sich dem Ende zu.

Das erste Semester an der neuen Universität neigt sich dem Ende zu, und endlich gehöre ich dazu, irgendwie gehöre ich in die Welt dieser Studenten. Nach vier Monaten des Wartens bin ich endgültig kein Erstsemester mehr, sondern offiziell in einem höheren Fachsemester. Ich wurde zwar runtergestuft, muss regulär länger studieren als ich das mit dem Bachelor/Master hätte tun müssen, aber das ist okay. Jetzt fühle ich mich endlich dort, wo ich hingehöre. Angekommen. Ich muss mir nicht mehr die hunderten Fragen anhören, was ich denn später machen möchte, warum ich denn nicht von vornherein so den Weg gegangen bin, ob ich später überhaupt einen Job finden werde. Natürlich kommen solche Frage immer noch. Sie sind aber anders. Lehrermangel. Lehrerüberschuss. Was jetzt nun stimmt. Sie wissen es alle nicht, was nun stimmt. Irgendetwas wird es wohl sein. Fragen über Fragen. Doch dieses Mal ist das was anders.  Man fragt mich nicht mehr, was ich damit anfangen will. Es ist aber Nebensache, denn das, was ich da tu, fühlt sich gut an, fühlt sich richtig an. An der neuen Universität gehöre ich nun offiziell zu den etwas älteren Hasen. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wie ein Wolf im Schafsgewand.


Das erste Semester an der neuen Uni ist vorbei, und ich habe neue ganz wunderbare Kommilitonen kennen gelernt. Sie schlagen sich mit denselben Problemen herum, nähern sich genauso schnell dem Staatsexamen wie ich. Das verbindet uns, wir haben etwas, über das wir reden können. Jetzt fuchsen wir uns gemeinsam durch das Modulhandbuch, durch die Regelungen der ersten Lehramtsprüfungen. Das verbindet und fühlt sich gut an. Am letzten Prüfungstag verabschieden wir uns voneinander, erstmals, wünschen und schöne Semesterferien. Bis zu den Kursen im nächsten Semester. Ich freue mich.


Das erste Semester an der neuen Uni ist vorbei, und ich fühle mich pudelwohl, ich gehe gerne in die Uni. Endlich habe ich wieder einen Plan, den ich verfolgen kann. Zwar sind da immer noch Zukunftsängste, schließlich steht jetzt statt dem Bachelor oder dem Master das Staatsexamen vor mir. Als wäre das nicht angsteinflößend genug. Aber ich bin optimistisch. Das ist das, was ich immer wollte. Also, reinhängen, durchziehen, mit Bravur schaffen. Es wird noch ein steiniger, anstrengender Weg, aber den nehme ich in Kauf. Am Ende wartet das, was ich schon seit Jahren will. Als wäre das jetzt kein Ansporn.

Advertisements

4 jours à Hamburg

Ich lasse mich auf den Sitz des Zuges nieder. Der Koffer ist gut verstaut, der Platz direkt am Fenster perfekt. Der Zug hat sich bereits in Bewegung gesetzt, als mich jemand fragt, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ich bejahe. Er lässt sich nieder. Ich bekomme nur im Augenwinkel mit, dass es ein junger Mann ist, ungefähr in meinem Alter. Ob er gut aussieht: das weiß ich nicht. Dafür ist der Blick auf ihn zu kurz. Während ich mich mit meiner Reisebegleitung unterhalte, merke ich, dass er seine Ohren bei uns hat. Mich stört das nicht. Es geht schließlich um Belangloses. Irgendwann komme ich dann doch mit ihm in ein Gespräch. Es geht um das Studium. Zufälligerweise studiert er das gleiche. Er macht nur aktuell Praktikum in meiner Heimat. Jetzt betrachte ich ihn mir dann doch irgendwann. Er schaut nicht schlecht aus. Nicht wirklich mein Typ. Aber er ist nett. Von der einen auf die andere Sekunde einfach angequatscht zu werden, ist mir anfangs etwas zu neu. Ein paar Tage später in Hamburg merke ich, dass das hier oben in Norddeutschland ganz normal ist. Die Menschen sind ziemlich offen, kontaktfreudig. Da, wo ich herkomme, etwas ungewohnt, aber ich mag es, dass sich Fremde in der Straßenbahn anquatschen und einfach so ins Gespräch kommen. Ich erfahre, dass der hier neben mir auch aus dem Norden stammt bzw. schon eine Weile dort lebt. Er ist mir sympathisch. Irgendwann taucht dann aber seine Haltestelle auf. Er fragt mich nach meiner Nummer. Ich gebe sie ihm. Er steigt aus. Ein paar Stunden später schreibt er mir, damit auch ich seine Nummer habe. Ein paar Wochen später kommt es dann auch zum Treffen. Mehr wird daraus aber nicht.

Datei_004 (3)

Wir hätten uns den Wetterbericht genauer anschauen sollen. Dass ein Sturm über Hamburg ziehen sollte, war uns von vornherein klar, aber nicht, dass er bereits mittags über Norddeutschland ziehen wird. Wir dachten, wir hätten Zeit. Zeit, um uns die Stadt anzuschauen, Eimsbüttel, St. Georg, Winterhude, Eppendorf. Wir spazierten gerade an der Außenalster entlang, wollten umdrehen, nach St. Georg reinlaufen, als der Wind auf einmal aufbrauste. Wir stemmten uns noch dagegen, wollten noch einen Unterschlumpf suchen, als wir schon die Regenwand auf uns zukommen sahen. Schnell das Gesicht in die Regenmütze gezogen, als der Sturm mit einem Schwall auf uns zugeprescht kam. Wir versuchten dagegen anzulaufen, doch der Wind, doch der Sturm riss mir fast die Krücke aus der Hand. Dagegen steuern? Unmöglich. Es war weniger beruhigend, dass um uns herum nur Bäume waren. Panik stieg in uns auf. Wir stellten uns dorthin, wo wir zumindest ein Stück weit von den umherfliegenden Ästen geschützt waren. Zumindest ein bisschen. Das Horrorszenario dauerte ungefähr zehn Minuten. Zehn Minuten, in denen ich hoffte, hier so schnell wie möglich weg zu kommen. Als der Wind und der Regen nachließen, und vor allem die Sonne auf uns niederbrannte, als wäre zuvor nichts passiert, machten wir uns auf den Heimweg. Uns war die Lust vergangen. Wir kauften uns zwar noch ein Eis auf den Schreck, danach ging es aber sofort zurück ins Hotel. Als wir dort ankamen, erhielten wir auf unseren Handys die Nachricht, bei dem Sturm gab es einen Toten. Teile eines Gerüsts waren durch den Sturm von einer Baustelle auf einen Mann gefallen. Nichtsahnend verließ er morgens das Haus, abends würde er nicht mehr nach Hause kommen. Der Schock saß tief. Der Unfall geschah nicht weit von uns entfernt. Wir brauchten fast den ganzen Tag, um uns von diesem Geschehen zu erholen. Wir waren eindeutig bedient. Stürme in Norddeutschland sind auf alle Fälle nicht ohne.

Datei_006 (1)

Datei_007

Von kreativer Freiheit zum bodenständigen Familienleben

„Sag mal, was ist eigentlich aus Würzburg geworden? Wolltest du da nicht deinen Master machen?“

Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Es ist sogar mehr als ein Jahr vergangen, in denen wir nicht mehr miteinander gesprochen haben. In dieser Zeit ist in meinem Leben viel passiert. Darüber geredet haben wir nie. Deswegen ist sie noch auf dem alten Stand. Ich erkläre ihr, was sich verändert hat. Ihre Augen weiten sich.

„Das hätte ich bei dir nie gedacht! Ist das nicht all das, was du damals immer vehement abgelehnt hast?“

Ich schmunzle und gebe ihr vollkommen recht. Schon seit meiner Kindheit wollte ich später irgendetwas Kreatives machen. Anfangs waren es noch so Kinderwünsche wie Modedesignerin. Während und kurz nach meiner Schulzeit änderte sich das in die Idee, Schriftstellerin und bis dahin Journalistin zu werden. Alles Berufe, die alles andere als 08/15 waren. Ich wollte irgendetwas aufregendes machen. Irgendetwas, mit dem ich andere beeindrucken konnte. Ich wollte ja auch keine 08/15-Journalistin werden. Ich wollte in irgendeiner großen Firma beschäftigt sein. Irgendetwas Vorzeigbares…

Außerdem wollte ich die Welt sehen. Ich wollte nicht an einem Ort wohnen bleiben. Ich wollte frei sein, unabhängig. Das war ich. Fünf Jahre lang. Ich bin ganz gut damit gefahren. Dann der Cut und das neue Denken. Woher das kam? Keine Ahnung. Plötzlich war es da. Irgendwie eine Spontanentscheidung. Ich brach das alte Studium ab (nicht gänzlich, aber ich brach mit dem Studienstanddort und mit dem Gedanken an den Bachelor ab), zog wieder nach Hause in die Heimat, begann bzw. wechselte zum Lehramt. Gleiche Fächer, neues (altes) Ziel. Nun also doch 08/15 Leben. Gutes 08/15 Leben.


„Kann es sein, dass du auch ganz schön von ihm beeinflusst wurdest?“

Ich zucke mit den Schultern. Beeinflusst? Ja. Wegen ihm die Entscheidung gefällt? Nein. Die stand schon vorher. Sogar schon 2 Jahre vorher. Aber er gab mir dann doch einen neuen Impuls, das ganze durchzuziehen. Er machte das 08/15-Leben wundervoll attraktiv. Sogar soweit, dass ich nicht mehr den Wunsch hegte, in einer aufregenden Großstadt leben, die Nächte durchtanzen und mit der Familienplanung warten zu wollen, sehr lange warten zu wollen. Damals ging Karriere für mich über alles. Kinder waren geplant, aber dann bitte erst Mitte 30, wenn ich beruflich meinen Höhepunkt erreicht hätte. Dann änderte sich alles. Statt wie immer die Flucht ergreifen zu wollen, blieb ich, wollte ich bleiben. Es lag nicht nur an ihm, doch er machte einen Teil aus.


Ob ich meine kreativen Träume über Bord geworfen habe? Nein. Kreativ bin ich weiterhin mit meinen Geschichten. Damit Geldverdienen? Lieber nicht. Ich will einen sicheren Job, vorhersehbare Arbeitszeiten. Ich möchte Familie und Karriere unter einen Hut bekommen. Karriere steht nicht mehr ganz alleine ganz oben. Studium beenden? Das natürlich schon. Danach ist alles offen. Gehe ich erst den beruflichen Weg, gehe ich erst in Richtung Familie? Alles ist jetzt möglich. Beide Wege gefallen mir. Ob ich nun den einen oder den anderen nehme: das ist offen.

Zeit hat uns sogar noch mehr verbunden.

Ich habe bereits eine sechsstündige Odyssee hinter mir, als der Zug endlich in meinen Zielbahnhof einfährt. Sechs Stunden Zugfahrt, obwohl die Fahrt theoretisch nur vier Stunden dauern würde. Der ICE hat aber einen technischen Defekt, tuckert teilweise mit 15 km/h umher, zwischendurch muss dann auf einen Krankenwagen gewartet werden: einem Fahrgast geht es nicht gut. Kann die Deutsche Bahn nichts dafür, aber meine Nerven liegen blank.


Nach sechs Stunden steige ich also aus dem Zug. Da steht sie schon. Ich trage dieses Mal eine Brille. Sicher ist sicher. Aber wie sie dasteht, das würde ich auch ohne Brille erkennen. Wir haben uns nun über eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen. Viel ist passiert. Bei ihr, bei mir. Als wir uns gegenüber stehen, fallen wir uns in die Arme. Früher, als wir uns noch jedes Wochenende gesehen haben, umarmten wir uns kaum bis nie. Jetzt aber schon. Zu viel Zeit ist vergangen. Wir verlassen den Bahnhof. Ich betrachte sie. Sie hat sich wirklich verändern. Viel längere Haare und ein breites Lächeln auf den Lippen. Sie wirkt glücklich. Mich freut das für sie. Zu wissen, ob es ihr gut geht, wie ihr Leben verläuft, war der Hauptgrund meines sehr kurzen Besuchs. Unsere Terminkalender machen es nicht möglich, sich öfters und länger zu sehen. Es ist also nur ein Tag drin, durch die Verspätung des Zuges nur noch ein Abend. 440km für ein paar Stunden. So verrückt das auch klingt: Für diese Freundschaft nehme ich das auf mich.


Wir reden fast die ganze Nacht. Über dies und das. Das, was uns bewegt, das was die letzten Monate, das letzte Jahr alles passierte. Sie hat sich sehr verändert. Sie redet mehr. War sie früher eher die stille Zuhörerin, hat sich das Blatt ein Stück weit gewendet. Große Veränderungen, gute Veränderungen stehen für sie an. Als wir beide noch in derselben Stadt wohnten, wollte sie genauso schnell dort verschwinden wie ich. Taten wir beide, in unterschiedliche Richtungen. Jetzt sitze ich bei ihr, wir haben einiges erlebt, uns verändert, und doch fühlt sich das hier an, als wäre nie Zeit vergangen. Stattdessen hat uns Zeit sogar noch mehr verbunden. Uns verbindet aber auch die Vergangenheit, die Vergangenheit in der Stadt, in der weder sie noch ich glücklich wurden. Jetzt, beide in unseren neuen alten Städten, sind wir es. Wir sind glücklich. Ich sehe es ihr an.


Am nächsten Morgen kann ich getrost wieder in den Zug steigen, mit der Gewissheit, unsere Freundschaft kann auch weite Entfernungen überstehen. Wir haben bereits die nächsten Treffen ausgemacht. Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann im neuen Jahr. Die Zeit wird aich vergehen, und zu wissen, diese Freundschaft könne es auch verkraften, dass wir uns eben nicht so häufig sehen, ist eine beruhigende Gewissheit.

Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen.

Ich sitze da, mitten in der Universität, mitten in diesem riesigen Vorlesungssaal. Ich bin umzingelt von wuselnden, schweigenden, schnatternden, lachenden Erstis, die gerade neue Bekanntschaften machen. Für sie alle ist das hier etwas Neues, Aufregendes, der erste Tag an einer Universität, raus aus der Schule, hinein ins Studentenleben. Die meisten wirken ziemlich jung, bei anderen kann ich das Alter nicht gut einschätzen. Mein Blick schweift von Gesicht zu Gesicht. Ich kenne hier niemanden. Das ist das, was mich mit den Erstis verbindet. Ich bin auch neu, neu an dieser Universität. Ich kenne mich hier nicht aus, kenne das System hier nicht. Doch ich unterscheide mich etwas von den anderen: ich war bereits immatrikuliert, habe bereits ein Studium absolviert, Studentsein ist nichts Neues für mich. Damit bin ich vertraut.

„Ist der Platz noch frei?“, höre ich die Stimme des Mädchens neben mir. Ich blicke auf, nicke. Sie lächelt und bedankt sich. Dann lässt sie sich nieder. Sie scheint nicht älter als 18 zu sein. Einschätzen kann ich es nicht. Sehr viel älter sehe ich aber auch nicht aus – auch wenn ich es bin. Bei manchen sogar 6 Jahre.

„Bist du auch im ersten Semester!“, beginnt sie nun das Gespräch.

Theoretisch schon!“ Sie blickt mich fragend an.

„Ich habe meinen Bachelor an einer anderen Uni gemacht, fange hier aber mit Lehramt an!“

„Die gleichen Fächer?“

Ich nicke. Die Unterhaltung bricht ab. Zu sagen, ich wäre kein Erstsemester mehr, hat irgendetwas an sich. Es ist eine Eigenschaft, mit der ich mich von den anderen abgrenze. Die womöglich erste Gemeinsamkeit ist damit passé. Gemeinsam Ersti sein: das ist spannend. Fand ich damals bei meinem ersten Unitag auch. Wir konnten uns gemeinsam durch das Studentenleben kämpfen. Ersti sein, das verbindet. Es nicht zu sein, grenzt aus. Gemeinsam Master-Ersti sein, das verbindet. Ein Student im höheren Semester in einem Studiengang mit Erstsemestern zu verbringen nicht. Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen. Ich gehöre zwar dazu, aber irgendwie auch nicht. Äußerlich ja, innerlich nicht. Komisches Gefühl.

Die Vorlesungen beginnen. Nichts davon ist wirklich neu für mich. Was ist ein Modul, was bedeutet LPO I, was sind Veranstaltungen, welche Art Prüfungen gibt. Alles schon gehört. Viele der neuen Studenten sind hier komplett überfordert. War ich damals auch schon. Irgendwann fuchst man sich da rein. Die anderen Studenten machen sich narrisch. Habe ich mich damals auch. Alles normal. Alle fangen das Schreiben an, ich nicht. Ich sitze nur da. Irgendwie fühle ich mich richtig am Platz. Zumindest gehöre ich hier in die Uni, hier in diesen Studiengang. Nur zwischen den Erstsemestern fühle ich mich falsch.

Später komme ich mit einer höher semestrigen ins Gespräch. Wir verstehen uns gut, von ihr fühle ich mich verstanden. Doch irgendwie passt das auch nicht. Denn sie kennt sich hier aus, ich mich nicht. Mich nervt das. Kein Erstsemester, kein wirklich höherer. Ich stehe zwischen den Stühlen. Ich weiß, dass es sich ändern wird. Irgendwann passe ich rein. Das weiß ich ja. Bis dahin heißt es Augen zu, und Leute kennen lernen.

Follow my blog with Bloglovin

Trauer – Wut – Akzeptanz – Neustart.

Ich liege da und je mehr ich versuche, nicht zu weinen, umso mehr Tränen rollen aus meinen Augen. Das hier ist keine Trauer mehr. Das hier ist mehr. Das Gefühl von Versagen. Das Gefühl nach einem verlorenen Kampf. Man war so guter Dinge. Gelernt. Auswendig gelernt. Rauf und Runter. Vorbereitet. Für gut empfunden. Dann das niederschmetternde Urteil. Alles schlecht, alles scheiße. Keine konstruktive Kritik. Nur Brüllen. „Elle a rien compris!“, hörte ich ihn aus dem Zimmer schreien. Am liebsten hätte ich meine Sachen gepackt und wäre gegangen. Ich hätte mir damit einiges ersparen können. Ich hätte weglaufen sollen, weit weg, dem ganzen entkommen. Ich blieb. Dumme Idee. Meine Beurteilung fiel nicht weniger scheiße aus. Deswegen erhob ich mich irgendwann und zischte ein unfreundliches „Au revoir“. Als ich  das Gebäude wenig später verließ, heulte ich.

„Was war los?“

Ich schüttelte nur den Kopf. Ich wollte nicht reden. Mit niemanden. Nur heulen und schluchzen. 150 km Autofahrt später baute sich Stück für Stück die Wut in mir auf. Wut auf die gemeine Beurteilung. Denn wie ich es drehte und wandte: er hatte mich da komplett hineingeritten und mir damit ordentlich eins ausgewischt. Genau so war es, und ich hasste ihn dafür. Mein Puls schoss nach oben. Hass. Purer Hass. Weitere 100 km. Die Wut legte sich nicht, vielleicht ein bisschen. Dann mischten sich Tränen dazu. Gefühlschaos. Ich wollte mir neuen Mut zusprechen.

„Was ist, wenn ich auch den zweiten Versuch vermassle? Dann wären drei Jahre umsonst!“

„Umsonst ist im Leben nichts, denn du hast neue Erfahrungen gewonnen! Aber denk nicht ans Scheitern. Das packst du schon!“

Ich redete mir ihre Worte immer wieder ein. Sie hatte ja recht. Es fiel aber schwer. Meine Wut war so groß. Ich fühlte mich so lächerlich gemacht. Vorgeführt. Gegen das Gefühl konnte ich nichts machen. Vorbei. Es war vorbei. Jetzt hieß es sich wieder aufrappeln. Gerade fühlte sich alles einfacher als das an. Einfacher, als an die Zukunft zu denken. Trauer – Wut – Akzeptanz – Neustart. Es musste bergauf gehen. Musste. Irgendwie. Aber wie?

Ich nahm mir zwei Wochen Zeit. Zwei Wochen, in denen ich über meine Zukunft nachdachte, in denen ich mit allen möglichen Gedanken spielte, wie es weitergehen könnte. Irgendwann kam die rettende Lösung. Ich beschloss das zu wagen, was ich schon Jahre zuvor hätte tun sollen. Durch die vermasselte Prüfung traute ich mich endlich das, was ich noch Jahre vorher so angezweifelt hatte. Ich hatte Angst, den Schritt zu wagen. Jetzt war es wohl das beste, was mir hätte passieren können. Klar wäre es schön gewesen, hätte diese Prüfung geklappt. Doch ich habe nichts mehr dagegen, dass es eben anders lief. Diese Tür schloss sich. Eine neue öffnete sich kurze Zeit später. Und diese neue schaut nicht schlecht aus, wenn nicht sogar besser.

  • Wäre ich nie weggezogen, hätte ich nie die Liebe zu meiner Heimat entdeckt.
  • Hätte ich nicht entschieden, Französisch zu studieren, wäre ich nie nach Frankreich gegangen.
  • Wäre ich nie in Frankreich gewesen, hätte ich nie diesen Unfall gehabt.
  • Hätte ich nie den Unfall gehabt, hätte ich nie neue und alte Bekanntschaften gemacht.
  • Hätte ich die Prüfungen nicht nicht bestanden, hätte ich nie entschieden, zurück in meine Heimat zu gehen, um endlich das zu machen, was ich seit Jahren bereits plane.

Life happens while you’re making plans

Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

Ich konnte mir vor vielen Jahren nichts Besseres vorstellen als endlich diese Stadt zu verlassen. Zu lange hatte ich hier verbracht, zuviel erlebt. Gutes wie Schlechtes. Das Schlechte überwiegte. Ich musste raus, den Kopf freibekommen, neu anfangen. Es reichte. Es reichte mit der Stadt, mit den Leuten, mit den schlechten Gefühlen. Ich verschwand von hier. Mit der Hoffnung, es würde woanders besser werden.

Ich lernte ein neues Leben kennen, eine neue Stadt, neue Leute. Lebte mich ein, verliebte mich, entliebte mich, lebte mich wieder aus. Es wurde alles nicht besser. Es wurde nach einiger Zeit sogar schlimmer. Dann ging es weiter. Weiter weg. Noch weiter weg.  Neues Land. Dort wurde es das erste Mal toll. Wunderbare Stadt, wunderbare Menschen.

Ich wusste aber, dass es begrenzt war hier zu sein. Dann endete alles sogar noch früher. Erst war ich traurig, dann merkte ich: Das Timing stimmte, es war perfekt. Ich hatte meine Heimat vermisst, die Sprache, die Mentalität. Ich ging zurück. Es sollte nur für kurz sein. Kurzer Zwischenstopp. Dann sollte die Reise weitergehen. So der Plan. Er war gut. Gut durchdacht. Alles sollte so geschehen. Tat es aber nicht. Erst ging das eine schief, dann geschah das, mit dem ich nie gerechnet hätte. Es war unmöglich. Ich hatte alles falsch eingeschätzt: ich verliebte mich. Unerwartet, urplötzlich, ab den einem Ort, an dem ich als letztes gedacht hätte. Es war nie so geschehen. Auf einmal aber schon. Nur das ruinierte meinen Plan. Gut. Es war nicht das einzige, was alles irgendwie ins Ungleichgewicht brachte. Wenige Zeit später fiel mir aber auf: Es passte. Es passte genau in meinen Lebensplan. Es zerstörte weniger als es mir gab. Es war nicht so schlimm wie angenommen. Es war sogar gut. Sehr gut sogar. Denn die Stadt, vor der ich damals flüchtete, stellte sich als toll heraus. Sie war nicht so schlimm wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich mochte sie. Sehr sogar. Plötzlich sah ich eine Zukunft hier.

Das Fernweh wurde schwächer. Mich zog es zum aller ersten Mal nirgends hin. Das erste Mal in meinem Leben wollte ich hier bleiben. Ich zog in ein anderes Bundesland, ich kam zurück. Ich zog ins Ausland, ich kam zurück. Jetzt bleibe ich. Vorerst. Nicht in der gleichen Stadt, aber in der Nähe. Die Stadt, in der ich ein Leben lang lebte, und in der ich mich fehl am Platz fühlte, wirkte, als könnte es hier eine Zukunft geben.

DSC_0983DSC_1007DSC_0981