Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Ich schaue wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum taucht er immer in den ungünstigen Momenten auf?

Sie war genervt. Einmal nahm sie ihren Regenschirm nicht mit, schon musste es regnen. Ihre Regenjacke war nicht regenfest. Ironie des Schicksals. Sie stapfte also mit ihrem vollen Einkaufstüten zur Bushaltestelle. Wenigstens kam hier alle paar Minuten ein passender Bus. Sie war komplett durchgenässt, vom Schweiß und vom Regen. Warum mussten Geschäfte ihre Heizungen eigentlich immer so aufdrehen?  Reichte Stufe 2 nicht? Musste es immer 5 sein? Wer wollte da schon shoppen gehen? Drinnen viel zu heiß, draußen viel zu nass. Gerade wollte sie jetzt einfach nur noch heim. Heim, unter die heiße Dusche, in den dicksten Pulli und ins Bett. Konnte sie sich heute leisten. Freier Tag, keine Uni. Sie stellte sich also an die Haltestelle, ließ ihre schweren Taschen kurz sinken. Nicht lange. Sie wollte ja nicht, dass die Papiertüten vom nassen Boden durchgeweicht wurden. Sie hob sie wieder auf. Dann trat sie kurz näher an die Straße heran, schaute kurz mal, ob sie den Bus schon sehen konnte.


Sie konnte mit den schweren Taschen kaum schnell genug agieren. Ein Bus kam herangebraust. Er war so nah an der Haltestelle. Abstandhalten hielt er für unnötig, langsamer fahren auch. Auch nicht wegen der großen Pfütze auf dem Boden. War ihm egal. Sie wollte noch einen Satz nach hinten machen, doch sie schaffte es nicht rechtzeitig und sah schon, wie Wasser und Dreck in die Höhe spritzten. Ihr Reflex schlief in dem Moment. Erst langsam konnte sie nach hinten springen und sich wegwenden. Brachte nur nichts. Das Wasser und der Dreck klebten auf ihr und ihrer Hose. Hinter ihr die Stimme eines Mädchens.

„C’est un blague!“ –Das ist doch ein Witz, oder?

Sah sie genauso. Denn sie war die einzige, die nass geworden war. Alle anderen waren weit genug weg gewesen. Jetzt kam zu dem Schweiß und dem Regen noch eine große Portion Dreck dazu. Ich hätte ausflippen können. Doch nein. Sie atmete. Da kam schon ihr Bus. Gute Miene zum bösen Spiel. Sie stieg ein. Versuchte den Busfahrer anzulächeln, freundlich zu sein. Nein. Sie kochte, stieg ein, ließ ihre schweren Einkäufe sinken. Der Bus war aufs Äußerste geheizt. Super. Der Schweiß kroch ihr wieder auf die Stirn. Scheiß Tag. Einfach nur noch heim. Sie ließ ihren Blick durch den Bus schweifen. Einfach so. Sie kannte ja eh keinen…oh nein, verdammt. Da stand er plötzlich wieder. Mitten im Bus. Er blickt sie an. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. Sie schaute wieder weg. Scheiße. Nicht schon wieder. Warum tauchte er immer in den ungünstigen Momenten auf? Wenn sie nach dem Joggen mit hochrotem Kopf vorbei lief, wenn sie mit den gammligsten Klamotten waschen ging, wenn sie sich mit tausenden Müllbeuteln in den Aufzug quetschte, wenn sie durchnässt und dreckig den Bus genervt betrat. Sie wollte seinen Blick nicht erwidern. Eigentlich schon. Aber in diesem Moment nicht. Wie sie aussah, hochroter Kopf, schweiß- und regennasse Haare, Dreck auf der Hose. Oh Gott. Sie wollte der Situation entrinnen, flüchte an ihrer Haltestelle regelrecht aus dem Bus. Doch die Flucht war letztendlich sinnlos: sie kamen beide zur gleichen Zeit beim Aufzug an. Die Tür sprang auf. Das dumme Licht war immer noch kaputt. Sie stiegen also alle in den dunklen Kasten ein. Nun standen sie eng nebeneinander hier in diesem Aufzug. Kurz nahm sie sich den Moment, ihn unbemerkt anzuschauen. Nur schwach ließ sich seine Silhouette ausmachen. Er schaute so verdammt gut aus. Sie sah wieder weg. Dann legte sich sein Blick auf sie. Ihre Herz fing laut das Pochen an. Oh Gott. Sie warte sehnsüchtig, dass ihr Stock auftauchte. So schnell war sie noch nie rausgestürmt. Ein „Au revoir“ von ihr, ein „Au revoir“ von ihm. Dann war sie weg. Bescheuerter Tag.

Advertisements

Was man über das französische Unisystem wissen sollte


Sie sind eh nur Student


Ich bin es gewöhnt, dass mich die Professoren in der Uni mit meinem Nachnamen ansprechen und mich siezen. Ich finde, dass zeugt von Gleichberechtigung. Ich bin zwar Studentin, bin aber auch eine Erwachsene. Die Professoren nahmen mich für voll. Die Professoren in Frankreich hingegen duzen einen, ungehemmt, ohne zu fragen. Würde mich nicht stören, würden sie das gefragt tun. Meinen Vornamen zu sagen könnte ja von Vertrautheit zeugen, für mich eher, dass sie sich über mich stellen. Ich nenn sie ja schließlich auch „Madame“ und „Monsieur“. Peinlicherweise irriert mich das ganze Geduze. Außerdem ist die dritte Person Singular mancher Verben im Französischen leichter zu bilden als die Pluralform. Dann rutscht mir schon mal ein „tu“ heraus. Ist unangebracht, weiß ich selber. Zeugt ja nicht von Höflichkeit. Das „tu“ benutzen sie aber auch.


Willkommen zurück in der Schule


Wenn ich an meine Uni denke, dann vermisse ich vor allem,  dass ich mich während des Semesters nur auf mein Referat konzentrieren musste, sonst war da nichts zum Vorbereiten. Nicht mal für eine Prüfung. Ich schrieb ja eh nur Hausarbeiten. Hier aber gibt es Hausaufgaben und dazu Noten, auch auf die Mitarbeit. Eine Freundin erzählte mir sogar, sie würden Vokabeln abgefragt bekommen. Das universitäre System in Frankreich ist verschult. Daran muss man sich gewöhnen. Zumindest für die nächsten 9 Monate.


Zum Thema Schule…


Die Verschulung der Uni merkt man aber nicht nur an den Dozenten, sondern auch an den Studenten selber. In meiner Uni herrschte während den Seminaren Ruhe, wenn der Lehrer sprach. Es war ein Miteinander auf Augenhöhe, respektvoll. Nagut, dass mit dem Aufpassen war natürlich so eine Sache. Ich muss gestehen, dass ich in manchen Seminaren dann doch länger als gewollt am Handy saß. Dabei hab ich aber wenigstens keinen gestört. Sitzt man nun hier in den Seminaren, dann ist ständig etwas los. Pausenloses aufs Klo rennen, rascheln, es wird gegessen, geschnattert, dem Dozenten ins Wort gezischt. Man lässt den anderen nicht aussprechen, die Handys sind pausenlos auf Vibration gestellt. Meine Dozenten wären da wohl schon längst an die Decke gegangen oder hätten was gesagt. Hier ist das egal. Die halten es hier nicht mal für nötig, den „Studenten“ ein paar Manieren beizubringen. Die Dozenten erwarten auch nicht einmal, dass die Studenten die Blätter, die als Vorbereitung ins Internet gestellt wurden, ausdrucken und mitnehmen. Die Dozenten werden es eh austeilen. (man kann das natürlich nicht auf alle Studenten beziehen. Beim Großteil ist mir das dann schon aufgefallen)


Pünktlichkeit? Ordnung?


Eins lernte ich hier schnell: wenn der Unterricht um 10.30 beginnt, kommt der Dozent um 10.45, oder um 11. Je nach Lust und Laune. Die Studenten auch. Sie gehen schon von vornherein davon aus, dass der Prof sich Zeit lässt. Lustig ist auch, wenn der Prof spontan entscheidet, den Raum zu wechseln und es keinem sagt. Machen sie gerne, finden sie anscheinend lustig. Wenn man aber nicht auftaucht, sind sie pas contents.


Alles braucht seine Zeit – gilt nicht für Studenten


Die Franzosen gehen an alles etwas entspannter heran, zumindest die Dozenten und die Verwaltung. Von den Studenten wird erwartet, alles sofort zu machen, bloß nicht zu bummeln. Bei der Verwaltung schaut das anders aus. Ihre Struktur, wenn man davon überhaupt reden kann, folgt seinen eigenen Regeln, oder auch keinen. Ich blick da nicht durch. Wenn man etwas ganz dringend braucht, innerhalb von zwei Wochen, dann sollte man es vier Wochen vorher beantragen und mehrmals nachhaken. Aber nicht zu oft. Das würde zu sehr stressen. Wollen sie hingegen etwas von euch, dann macht das am besten noch gestern. Sicher ist sicher.

Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es.

Endlich war sie in H. gelandet. Wie glücklich sie war, dass sie den ersten Flug gut überstanden hatte. Nur noch einen weiteren, bevor das Ziel erreicht war. Sie stieg aus dem Flugzeug aus, sie schnappte sich ihren Koffer und verließ den Sicherheitsbereich. Jetzt war es Zeit, den Check-in-Schalter zu finden, erneut das Gepäck abzugeben und zu warten. Alles lief reibungslos, alles klappte, so wie sie es eingeplant hatte. Sie konnte jetzt die Flughafenhalle hinter sich lassen, erneut durch den Sicherheitscheck gehen und am Gate auf den Flieger warten. Doch sie hielt eine Weile inne. Sie war noch nicht bereit, den öffentlichen Bereich zu verlassen. „Vielleicht würde er doch noch auftauchen, vielleicht würde er sie für einen Moment noch aufhalten.“ Er wusste, dass sie hier war. Er wusste es. Würde er kommen? Sie ließ ihren Blick durch die Menschenmenge schweifen. Unbekannte Gesichter, unbekannte Menschen.  Er war nicht zu sehen.

Sie hatte es sich auf einer Bank mit einem Kaffee in der Halle gemütlich gemacht. Sie wartete. Auf was eigentlich? Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass er sich hier blicken ließ? Er hatte sich Monate nicht mehr gemeldet. Wahrscheinlich hatte er sie schon längst vergessen. Aber sie saß hier und wartete auf ein Happy End. Sie konnte ihn nicht vergessen. Es ging nicht. „Ich bin doch bescheuert!“, durchzuckte ein Gedanke ihren Kopf. Ja, sie war verrückt. Auf jemand zu warten, der schon längst abgeschlossen, einen neuen Start gewagt hatte. Sie erhob sich, warf den leeren Kaffee davon. Es war absurd. Zu absurd. Wie blöd war sie denn? Wie naiv? Er hatte sie vergessen, sie war ihm nicht wichtig. Er würde sie nicht suchen. Sie musste hier weg, schlug die Richtung des Sicherheitschecks ein. Einen letzten Blick warf sie in die Menschenmenge. Doch er war nicht hier. Würde er eh nicht sein. Sie wandte sich endgültig von der Halle ab, wandte sich von H. ab, wandte sich von ihm ab. Eine Stunde später verließ sie Deutschland mit dem Flugzeug…

Er war mir bereits einige Male im Bus aufgefallen

Er war ihr bereits einige Male im Bus aufgefallen. Zwei oder dreimal. Er gefiel ihr. Zweifelsohne. Heimlich hatte sie immer wieder zu ihm gespitzt, ihn betrachtet. Er stand nur da und hörte Musik. Er hörte immer Musik. Nie traf sie ihn ohne an. Kurze Zeit später merkte sie, dass er im gleichen Studentenwohnheim wie sie wohnte. Ihr war klar, sie würde ihn noch öfters sehen. Der Gedanke gefiel ihr. Er gefiel ihr sogar sehr. An einem Tag kam er ihr dann auch tatsächlich auf dem Gelände entgegen. Sie kam gerade vom Laufen, war hochrot im Kopf, ungeschminkt. Er kam auf sie zu, lächelte und grüßte sie. Ihre eigenen Worte brachte sie nur schwer heraus. Irgendwie hatte sie mit dieser Begrüßung einfach nicht gerechnet. Es freute sie trotzdem. Gerne hätte sie dabei vielleicht etwas schöner ausgesehen. Aber Timing war ja sowieso noch nie ihre Stärke.

Es vergingen einige Tage, ja, wahrscheinlich sogar mehr als drei Wochen, in denen sie  ihn dann gar nicht mehr sah. Weder im Bus, noch auf dem Gelände. Sie dachte nicht mehr an ihn, vergaß ihn. Sie war mit anderen Dingen beschäftigt. Es war an einem Freitag, als sie beschloss, ihr Zimmer mal wieder auf Hochglanz zu bringen, ausmistete, und mit einem vollen Müllbeutel ungeduldig auf den schnatternden Aufzug wartete. Als dann endlich die Tür aufsprang, und sie eintreten wollte, stand er dann plötzlich da, vor ihr. Mit weit aufgerissenen Augen – er hatte nicht erwartet, dass der Aufzug nochmal anhielt – starrte er sie an, er hörte wieder einmal Musik. Ihr Blick schweifte von ihm ab, auf die Ziffer, die gedrückt war. Sie wollte nicht nachfragen, ob er hoch oder runter fuhr. Die Wörter blieben ihr im Hals stecken. Normalerweise grüßte man sich in ihrem Batiment, dieses Mal war sie wie erstarrt. Er erholte sich von seiner Überraschung schneller als sie.

„Bonjour!“

Sie murmelte nur irgendetwas vor sich hin und stieg ein. Während der Fahrt blickte sie ihn kein einziges Mal an. Sie spürte aber, dass er sie betrachtete. Das machte sie verdammt nervös. Der Ton des Fahrstuhls, als sie das Erdgeschoss erreicht hatten, war wie ein rettendes Signal für sie. Mit einem kurzen „Au revoir“ wandte sie sich nur halb zu ihm um und hechtete aus dem Aufzug heraus. Sie  wollte dieser Situation nur so schnell wie möglich entrinnen.


Dass sie ihn nicht besonders oft sah, daran hatte sie sich fast schon gewöhnt. Am darauffolgenden Tag, als eine Freundin und sie entschieden, zum Waschsalon des Wohnheims zu gehen, war ihr daher die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben, als sie den Raum betraten und er da auf der Bank saß. Er erhob seinen Blick, er hörte wieder Musik, er sah sie, erkannte sie. Ich sah, sein Mund wollte sich zu einem „Bonjour“ formen. Doch sie grüßten sich nicht. Sie war mitten in einer Unterhaltung, er schloss seinen Mund lautlos wieder. Während sie die Waschmaschine mit ihrer Kleidung vollstopfte – BHs mussten natürlich aus der Kleidermasse fallen – spürte sie seinen Blick auf ihr. Sie flüchtete mit der Freundin wieder aus dem Waschsalon, als die Waschmaschine ansprang. Sie ließ sich draußen in der Sonne nieder, während ihre Freundin wieder ihr Zimmer aufsuchte, nur für eine Weile. Dann war sie wieder da. Sie waren wieder in einer Unterhaltung vertieft, als er aus dem Waschsalon trat. Er hatte zu Ende gewaschen. Wieder lief er an uns vorbei. Er blickte sie an. Er wollte sich verabschieden, aber in der Gegenwart der Freundin verschluckte er seine Worte. Er sagte nichts und ging

Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

„Was machst du denn hier?“

Entgeistert starrte sie ihn an. Sie blinzelte mehrmals, um sich sicher zu gehen, dass sie keine Fata Morgana vor sich hatte. Nein. Er blieb vor ihr. Dann musste sie also langsam doch verrückt werden und Halluzinationen haben. Anders war es nicht zu erklären, anders war er nicht zu erklären. Es konnte ja unmöglich sein, dass er zurückgekehrt war und vor ihrem Haus stand. Niemals. Das war unmöglich. Schlichtweg unmöglich.

„Können wir reden?“

Jetzt sprach die Halluzination. Sie ließ sich auf das Spiel ein.

„Was gibt’s?“

Wäre er echt gewesen, wäre sie von seinem Auftauchen überhaupt nicht begeistert gewesen. Er hatte sich vor mehr als einem Jahr einfach aus dem Staub gemacht, mit ihrer Gewissheit, er war nicht interessiert. Vielleicht ein bisschen, aber die Umstände ließen es nicht zu. Sie schloss mit der Sache ab. Die ersten Wochen und Monate taten weh. Sie weinte die Nächte durch. Sie verstand die Welt nicht mehr. Aber sie rappelte sich auf. Musste sie. Sie verließ die alte Stadt, sie verließ das Land. Dort vergaß sie ihn. Er wurde zu einem Wort in ihrem Tagebuch, was ein paar Mal auftauchte, dann aber plötzlich verschwand. So wie er damals auch. Jetzt stand er, oder die Halluzination, vor ihr, und sie hatte überhaupt keine Lust darauf. Weder auf den einen, noch auf die andere.

„Ich hab die letzten Wochen und Monate nachgedacht, und vor allem darauf gewartet, dass du aus Frankreich zurückkommst!“

Ein Aha entwich ihrem Mund.

„Ich hab mich doch nicht geirrt, dass du damals mehr wolltest, oder?“

Eigentlich dachte sie, sie hätte das ganze etwas dezenter gestaltet. Fehlanzeige.

„Ja, damals!“

Sie konnte es gar nicht abwarten, endlich in ihre Wohnung gehen zu können. Sechs Stunden Uni. Das schlauchte ganz schön. Vor allem bis abends. Sie wollte nach Hause, Klamotten loswerden, sich ins Bett schmeißen und einschlafen. Sie wollte keine Unterhaltung mit ihrer Fantasie führen.

„Jetzt nicht mehr?“

Jetzt stieg sie dann doch in die Unterhaltung ein. Anders wäre sie aus der Sache sowieso nicht herausgekommen.

„Ich verstehe nicht, was du jetzt für eine Antwort haben willst!“

Eigentlich wusste sie es, wollte es aber nicht wahrnehmen, sie wollte ihn nicht wahrhaben. Er war nicht da. Das wollte sie sich einreden. Er starrte sie mit seinen blauen Augen an. Er hatte sich einen Bart wachsen lassen. Als er ging, war dieser noch nicht so voll. Als er ging, sah er müde und erschöpft aus. Als er ging, brach er ihr das Herz. Die Wunden heilten. Ein Stück. Nicht vollständig. Sie wollte ihn hassen, konnte es aber nicht. Doch lieben tat sie ihn auch nicht mehr. Bei seinem Anblick hegte sie keinerlei Gefühle mehr für ihn. Den Mann vor ihr betrachtete sie nur mit Gleichgültigkeit. Sie hatte sich Monate lang vorgestellt, wie es sein würde, wenn er wieder vor ihr stand. Jetzt, wo es soweit war, war alles, was sie fühlte, nichts. Er bedeutete ihr einfach nichts mehr…

Er war aufs Äußerste besitzergreifend

Sie lernte ihn in einer Bar kennen. Sie kamen schnell ins Gespräch, denn er studierte Deutsch. Er suchte nach jemandem, der ihm beim Deutschlernen half. Da sie sich eine Laufbahn als Lehrer vorstellen konnte, fand sie diese Idee gar nicht mal so schlecht. Schließlich konnte sie mit ihm ihre Französischkenntnisse verbessern. Die Sache sollte komplett platonisch bleiben. Sie tauschten also Nummer aus.


Am nächsten Tag folgte schon die erste Nachricht von ihm: er fragte, ob sie Zeit hätte für einen Spaziergang. In ihr klingelte zwar jetzt schon eine Alarmglocke, sie war aber noch viel zu leise, um sie wirklich merklich aufhören zu lassen. Außerdem schrillte sie ständig, fast immer. Sie überhörte sie also einfach und ging mit ihm spazieren. Es war wirklich nett. Er war ein Gentlemen, sie unterhielten sich gut, er war aufmerksam, er brachte ihr Oreo-Kekse mit. Alles war gut.


Am Tag darauf sah sie ihn wieder, weil sie dieselbe Veranstaltung einer Organisation besuchten. Sie wusste, dass sie sich wieder treffen würden Das Wiedersehen war ihr dieses Mal aber irgendwie schon etwas unangenehmer. Er erwartete, dass sie mit ihm den Markt durchstreifte, beim Picknick danach setzte er sich neben sie. Dann kam wieder die Frage.

„Wann bist du denn morgen verfügbar?“

Von seiner Frage war sie dermaßen überrascht, dass sie ihn erst entgeistert anstarrte.

„Morgen? Überhaupt nicht. Ich habe unter der Woche überhaupt keine Zeit!“

Jetzt wurde die Sache langsam eigenartig. Sie hatte ihn Freitag, Samstag  und Sonntag gesehen. Jetzt fragte er nach dem Montag. Seine Enttäuschung war deutlich zu merken. Die Sache war zum Glück fürs Erste gegessen. Bis sich bei ihr am Abend das schlechte Gewissen einmischte, und sie ihn um Verzeihung bat. Sie hätte es eindeutig lassen sollen. Sie schlug ihm den Dienstag vor. Dumme Idee. In der Nacht erwischte es sie dann auch noch heftig mit einer Erkältung, sodass sie ihm absagen musste. Sie war zu krank, um überhaupt reden zu können. Verstand er nicht.


Am Mittwoch ging es ihr besser, aber es war immer noch nicht überstanden. Er wollte sie trotzdem sehen. Sie sagte ab. Er blieb hartnäckig, wollte sie sehen. Wer in die Uni gehen konnte, der konnteihm auch beim Deutschlernen helfen. Die Sache wurde immer skurriler.


Der Höhepunkt folgte am folgenden Sonntag, nachdem sie sich eine Woche von ihm versucht hatte fernzuhalten. Denn langsam dämmerte es ihr, dass er schon längst an nichts Platonischem mehr interessiert war.

„Fühlst du dich imstande, in die Universität zu gehen?“

„Ja, ich gehe in die Universität!“

„Ah, und du hast um wie viel Uhr Schluss?“

„Spät!“

„Ah, nett, spät ist welche Uhrzeit?“

„Keine Ahnung!“

„Wenn du Zeit hast, könnten wir uns ja sehen!“

„Nein!“

Ihr war der Kragen geplatzt. Schon einen Tag vorher schnauzte sie ihn in ihrem Fieberwahn an. Wenn sie jetzt an ihn dachte, an ihren Spaziergang, tat ihr das auch wirklich leid, aber jetzt, Tage später realisierte sie, es war das Beste, was sie tun konnte. Diese harten Worte waren bitter nötig, um unter dem ganzen einen Schlussstrich zu ziehen. Der anfängliche Gentleman zeigte sein wahres Gesicht: er war aufs Äußerste besitzergreifend. Dachte sie sich noch am Anfang, dass sie diejenige war, die übertrieb, dass sie ihm eine Chance geben sollte, dass ihr Kopf zu schnell verrückt spielte, merkte sie jetzt erst, dass es ganz gut war, dass sie schon nach einer Woche den Kontakt abbrach. Denn sie wollte sich gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn das ganze noch länger ging.

Wenn die Realität die Phantasie überwältigt

Alle hatten es sich im Garten der Bar gemütlich gemacht. Fröhlich quatschten noch fremde Menschen miteinander, lernten sich besser kennen. Sie stand mittendrin. Sie hatte sich auf diesen Abend wahnsinnig gefreut. Das erste Mal in der neuen Stadt ausgehen, ein paar Cocktails schlürfen und neue Leute kennen lernen, die seit Jahren oder schon ihr ganzes Leben lang hier lebten. Sie hatte sich auf einen ungezwungenen, lockeren Abend gefreut mit viel Französisch, und vor allem ohne ihn. Einen Abend lang neue Leute kennen lernen, ohne seine Anwesenheit spüren zu müssen. Die Hoffnung hatte sich aber schon bereits vor dem Barbesuch verabschiedet, als sie auf eine Freundin an der Métro-Station wartete, aufsah und ihn genau auf der anderen Straßenseite erblickte: er, mit ihr im Schlepptau, lachend. Sie wandte sich von ihnen ab. Diesen Anblick musste sie sich nicht antun. Für einen Hauch einer Sekunde hatte sie sogar entschieden, wieder in die Métro einzusteigen und nach Hause zu fahren. Einen ganzen Abend mit den beiden Turteltäubchen? Das wollte sie sich eigentlich nicht antun.


Sie entschied doch zu bleiben. Nun stand sie also hier. Inmitten der Menschenmenge. Sie ging in ihnen unter. War ihr nur recht. Immer noch herrschte in ihr der Eindruck, er würde sie betrachten. Doch diese Gedanken wollte sie verdrängen. Sie waren Einbildung, absoluter Quatsch. Die Zeit verstrich ein Weilchen. Sie lernte viele Leute kennen. Lustige, spannende, aufregende Menschen. Sie diskutierte, lachte und stand manchmal dann doch sehr auf dem Schlauch, wenn das Französisch dann doch zu kompliziert wurde. Doch sie waren alle nett, verständnisvoll.


Dann durch Zufall stand sie plötzlich vor ihm. Sie war ihm den ganzen Abend eigentlich aus dem Weg gegangen. Hätte sie sich in dem Moment von ihm abgewandt, wäre es wahrscheinlich unangebracht gewesen. Sie stellte sich also einer Unterhaltung mit ihm. Gezwungenermaßen. Die Unterhaltung lief schleppend an. Eigentlich war sie diejenige, die die Konversation irgendwie am Laufen hielt. Er stand nur so vor ihr, mit seinem Bier, und er war arrogant, hochnäsig, eingebildet. Irgendwann sprachen sie über die Windzirkulation der Erde. Seltsamer konnte ein Gespräch überhaupt nicht werden. Doch das schlimmste war sein Desinteresse, seine Arroganz. Sie war so froh, als sie sich von ihm abwenden konnte, sich einem anderen zuwenden konnte.


Alle Phantasien waren zwar zerstört, aber jetzt wusste sie, wie er tatsächlich war: hoch langweilig und von sich eingenommen. Da störte es sie auch nicht, dass er sich den ganzen Abend von ihr umschmeicheln ließ. Sie versank in der Menschenmasse und war froh, dass diese Geschichte ein schnelles Ende fand.