Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen.

Ich sitze da, mitten in der Universität, mitten in diesem riesigen Vorlesungssaal. Ich bin umzingelt von wuselnden, schweigenden, schnatternden, lachenden Erstis, die gerade neue Bekanntschaften machen. Für sie alle ist das hier etwas Neues, Aufregendes, der erste Tag an einer Universität, raus aus der Schule, hinein ins Studentenleben. Die meisten wirken ziemlich jung, bei anderen kann ich das Alter nicht gut einschätzen. Mein Blick schweift von Gesicht zu Gesicht. Ich kenne hier niemanden. Das ist das, was mich mit den Erstis verbindet. Ich bin auch neu, neu an dieser Universität. Ich kenne mich hier nicht aus, kenne das System hier nicht. Doch ich unterscheide mich etwas von den anderen: ich war bereits immatrikuliert, habe bereits ein Studium absolviert, Studentsein ist nichts Neues für mich. Damit bin ich vertraut.

„Ist der Platz noch frei?“, höre ich die Stimme des Mädchens neben mir. Ich blicke auf, nicke. Sie lächelt und bedankt sich. Dann lässt sie sich nieder. Sie scheint nicht älter als 18 zu sein. Einschätzen kann ich es nicht. Sehr viel älter sehe ich aber auch nicht aus – auch wenn ich es bin. Bei manchen sogar 6 Jahre.

„Bist du auch im ersten Semester!“, beginnt sie nun das Gespräch.

Theoretisch schon!“ Sie blickt mich fragend an.

„Ich habe meinen Bachelor an einer anderen Uni gemacht, fange hier aber mit Lehramt an!“

„Die gleichen Fächer?“

Ich nicke. Die Unterhaltung bricht ab. Zu sagen, ich wäre kein Erstsemester mehr, hat irgendetwas an sich. Es ist eine Eigenschaft, mit der ich mich von den anderen abgrenze. Die womöglich erste Gemeinsamkeit ist damit passé. Gemeinsam Ersti sein: das ist spannend. Fand ich damals bei meinem ersten Unitag auch. Wir konnten uns gemeinsam durch das Studentenleben kämpfen. Ersti sein, das verbindet. Es nicht zu sein, grenzt aus. Gemeinsam Master-Ersti sein, das verbindet. Ein Student im höheren Semester in einem Studiengang mit Erstsemestern zu verbringen nicht. Ich fühle mich wie ein Wolf im Schafsgewand, umgeben von Schafen. Ich gehöre zwar dazu, aber irgendwie auch nicht. Äußerlich ja, innerlich nicht. Komisches Gefühl.

Die Vorlesungen beginnen. Nichts davon ist wirklich neu für mich. Was ist ein Modul, was bedeutet LPO I, was sind Veranstaltungen, welche Art Prüfungen gibt. Alles schon gehört. Viele der neuen Studenten sind hier komplett überfordert. War ich damals auch schon. Irgendwann fuchst man sich da rein. Die anderen Studenten machen sich narrisch. Habe ich mich damals auch. Alles normal. Alle fangen das Schreiben an, ich nicht. Ich sitze nur da. Irgendwie fühle ich mich richtig am Platz. Zumindest gehöre ich hier in die Uni, hier in diesen Studiengang. Nur zwischen den Erstsemestern fühle ich mich falsch.

Später komme ich mit einer höher semestrigen ins Gespräch. Wir verstehen uns gut, von ihr fühle ich mich verstanden. Doch irgendwie passt das auch nicht. Denn sie kennt sich hier aus, ich mich nicht. Mich nervt das. Kein Erstsemester, kein wirklich höherer. Ich stehe zwischen den Stühlen. Ich weiß, dass es sich ändern wird. Irgendwann passe ich rein. Das weiß ich ja. Bis dahin heißt es Augen zu, und Leute kennen lernen.

Follow my blog with Bloglovin

Advertisements

Ohne großes Tamtam endet dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…

Ich grinse, als ich im Zug sitze. So frei habe ich mich seit langem nicht mehr gefühlt. Ich bin frei, frei von meiner Vergangenheit. Ich konnte endlich abschließen, konnte endlich einen Strich unter die ganze Geschichte setzen, einen Strich unter ‚unsere‘ Geschichte. Wochen- und monatelang stellte ich mir den Moment vor, wie es wäre, wenn wir uns wieder gegenüber stünden. Was würde er sagen, was würde ich sagen? Wie würde es werden? Hätten wir uns überhaupt noch was zu sagen? Kannte er mich noch? Fragen über Fragen, die beantwortet werden mussten.

Dann war es soweit. Er war überrascht, er freute sich, er umarmte mich. Das schönste mögliche Wiedersehen, dass ich mir hätte vorstellen können. Er konnte es nicht fassen, dass ich da plötzlich stand. Er erinnerte sich sofort an mich. Er lud mich auf ein Getränk ein, wir redeten. In der Zeit, in der wir uns nicht sahen, nicht geschrieben hatten, war einiges passiert. In seinem Leben, in meinem Leben. Er war neu vergeben. Er hatte jemand Neues gefunden. Er wirkte glücklich. Außerdem sollte sich in seinem Leben noch einiges gravierend ändert. Ich freute mich für ihn. Das tat ich wirklich. Dann erzählte ich ihm, was bei mir alles passiert war. Das war vieles. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es war eben zu viel. Und es war zuviel Zeit vergangen.

Irgendwann hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Die Stille zwischen uns wurde ziemlich unangenehm. Es war besser, wenn ich nun ging. Ich tat es. Ich zog mir meine Jacke an, leerte das Getränk, und wir verblieben damit, dass wir uns wiedersehen würden. Irgendwann. Dann umarmten wir uns zum Abschied. Dieses Mal fiel er mir nicht so schwer wie damals. Das letzte Mal brach es mir fast das Herz, auch wenn ich damals nicht einmal wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. Jetzt, hier störte es mich nicht mehr so, ihn jetzt eine Weile nicht mehr sehen zu können. Die Sehnsucht nach ihm war verschwunden. Wir waren Freunde. Mehr nicht. Ohne Drama und ohne Streit wurden aus Gefühlen freundschaftliche Achtung. Mich störte sogar nicht mehr, dass er wieder glücklich mit einer anderen war. Und das war er. Er war glücklich mit ihr. Und das war okay.

Unsere Wege trennten sich damals abrupt. Von heute auf morgen sahen wir uns nicht mehr. Er ging. Ich ging. Entfernung. Große Entfernung, Kontaktabbruch. Es folgten Momente, in denen er pausenlos präsent in meinem Kopf war. Es folgten Momente, in denen ich versuchte, ihn zu verdrängen. Es folgten Momente, in denen ich dachte, ich wäre über ihn hinweg. Doch dieses Treffen hatte mir gezeigt, dass es noch nicht der Fall war. Ich hatte dieses Wiedersehen gebraucht, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Er hatte mich eine lange Zeit als Geist der Vergangenheit verfolgt. Ich hatte ihn in all der Zeit nicht wirklich vergessen können. Dieses Wiedersehen hatte mir genau das gegeben. Denn auch wenn wir denken, dass die Geister unserer Vergangenheit uns nicht heimsuchen würde. Sie tun es. Solange, bis wir einen angemessenen Abschied finden.

Ohne großes Tamtam endete dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Der Vorhang schloss sich endlich Die Vorstellung war vorbei. Es gab Applaus, keine Buh-Rufe. Stattdessen eine Verbeugung. Das Stück hatte Höhen und Tiefen, Spannung, große Gefühle. Es war eine Liebestragödie in mehreren Aufzügen. Ohne großen Paukenschlag, aber auch ohne Happy Ending endete es…

Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…

Langsam sind meine Nerven ausgelastet. Ich will nicht mehr.


Juli


Langsam sind meine Nerven ausgelastet. Ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr mit der Schiene laufen, nicht mehr mit der dummen Krücke. Auch wenn es nur eine ist. Sie steht ständig im Weg, ich rutsche mit ihr ständig aus oder haue mich an. Dann bin ich letztens auch noch mit dem Fuß meines verletzten Beins umgeknickt. Resultat: Muskelüberdehnung. Langsam reicht es wirklich. Hinzu kommt, dass jetzt der Sommer beginnt. Alle reisen, sind im Freibad, Grillen bei Freunden oder liegen im Park. Ich kann das alles nicht machen. Denn dafür müsste ich zumindest ein bisschen laufen können. Mir ist aber alles zu anstrengend. Selbst zur Physiotherapie kann ich nicht laufen, auch wenn die nicht sehr weit von zuhause entfernt ist. So sitze ich also den ganzen Tag zuhause. Selbst auf dem Volksfest konnte ich nur ein paar Mal gehen, alles andere wäre körperlich zu anstrengend gewesen. Frustrierend ist dann auch noch die Tatsache, dass diese Situation noch eine Weile anhält. Dieses Jahr gibt es keinen Sommer, gibt es vor allem nicht den Sommer meines Lebens. Die Sache mit meinem Bein wird noch anhalten. Sehr lange sogar.


August


Der Unfall ist jetzt vier Monate, die OP drei Monate her. Mit meinem Bein steht es irgendwie immer noch schlecht. Die Schiene habe ich abgelegt, die eine Krücke leider immer noch nicht. Ich versuche es, aber irgendwann zieht mir meine Kniekehle. Ich komme dann sofort wieder in die schonende Haltung und winkel mein Bein beim Laufen nicht an. Das Bein selber ist immer noch geschwollen. Sehr viel mehr als 90 Grad Anwinkeln kann ich immer noch nicht, auf 0 Grad ausstrecken auch nicht. Meine Muskeln blockieren. Ich muss sie erst wieder an das ganze Prozedere gewöhnen. Es ist frustrierend. Andere können jetzt bereits wieder normalen Sport treiben, ich nicht. Ich kann nicht einmal normal laufen. Das einzige Erfolgserlebnis: ich kann endlich wieder auf dem Heimtrainer Fahrradfahren. Zumindest ohne Widerstand. Ich komme rum. Das ist das einzige, was einigermaßen Mut macht, dass es langsam vorangeht. Die Schmerzen im hinteren Oberschenkel, und ich denke, dass das Muskelkater ist, sind trotzdem weiterhin sehr unangenehm und blockieren mich. Ich habe jetzt nur noch zwei Monate, bis die Uni wieder anfängt, und ich dringend wieder normal laufen muss.


September Part I


Ich komme irgendwie voran. Die Betonung liegt auf irgendwie. Ich laufe immer noch mit einer Krücke. Grund? Fehlende Muskeln. Theoretisch ginge das Laufen, aber nur auf kurzer Strecke. Dann wird es anstrengend und schmerzhaft. Jetzt heißt es erstmal, langsam Muskeln aufbauen. Ich darf daheim Fahrradfahren, sogar mit Widerstand. So wie es für mich angenehm ist. Hinzu kommen Übungen für den Pomuskel und dem Muskel im Fuß, die beide irgendwie nicht mehr vorhanden sind. Mein Physiotherapeut macht mir zwar Mut und sagt, ich mache das alles ganz gut und gebe mein Möglichstes, aber frustrierend ist es trotzdem. Der Kopf sagt, ich schaffe das, aber das Bein kann einfach nicht, zumindest nicht soviel, wie es mal konnte. Auch nach vier Monaten nicht. Das schlimmste: da muss ich einfach durch, es gibt keine Alternative, keine leichtere Variante. Jeden Tag aufs Neue auf das Fahrrad für zwanzig Minuten steigen, Übungen machen, Bein dehnen, damit die verhärteten Muskeln locker lassen. Jeden Tag aufs Neue. Es ist also verständlich, dass der Frust groß ist.

Zu lesen, er wolle sie nicht sehen, er hätte keine paar Stunden für sie Zeit, taten wirklich weh. Doch sie verstand ihn. Sie konnte es nachvollziehen. Er war von ihrem Hin und Her genervt.

Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sie von ihm hörte. Es war Oktober, sie war umgezogen, hatte ihre Wohnung eingerichtet, hatte ein anderes Leben begonnen, hatte ihn vergessen. Sie wollte die Vergangenheit hinter sich lassen, wollte in die Zukunft blicken. Eine Zukunft ohne ihn. Das war der Plan. Der Schock saß daher tief, als sie erfuhr, dass er nicht mehr länger in der alten Stadt wohnte, sondern in einer anderen. Er war nur noch eine Stunde Zugfahrt von ihr entfernt. Hundert Kilometer statt fünfhundert. Sie konnte es nicht fassen. Sie musste ihm jetzt einfach schreiben. Er musste ihr das erklären. Seine Antwort folgte nur wenige Sekunden später.

„Ich wurde dort angenommen und bin umgezogen!“

Das Staunen darüber vernebelte ihren ganzen Kopf. Es folgte ein dummes Grinsen in ihrem Gesicht. Hundert Kilometer. Das war nicht weit, das war nah. Sah er genauso.

„Du kannst morgen ruhig vorbeikommen!“

Sie spürte die Röte in ihrem Gesicht, ihre Wangen liefen heiß an. Jetzt war sie mehr als nur erstaunt. Sie war geschockt, sie war überrascht, und sie war vor allem überglücklich. Doch sie musste absagen. Schnell die Sachen morgen packen, ein Ticket holen: Nein, so ein Mensch war sie nicht. Sie war nicht so spontan. Sie brauchte ein paar Tage, um sich für diese Reise bereit zu fühlen. Sie wollte nichts überstürzen. Sie fuhr nicht zu ihm. Woher hätte sie auch wissen sollen, dass er sie nie wieder einladen würde? Woher sollte sie wissen, dass es ihm auch irgendwann zu doof wurde?

Es entstand Funkstille. Für eine Weile. Bis sie ihm einige Wochen später wieder schrieb. Sie wollte die Geschichte mit ihm nicht so schnell aufgeben. Sie wollte ihn sehen. Dringend. Sie fragte ihn also, ob er für sie am darauffolgenden Wochenende Zeit hatte. Er meldete sich nicht, bis zu dem besagten Wochenende. Er antwortete damit viel zu spät. Außerdem spürte sie, dass er genervt war, dass er von ihr genervt war.

„Nein, ich habe zu viel zu tun!“

Es waren sieben einfache Wörter, doch das, was sie da las, war deutlich genug, und verletzend. Zu lesen, er wolle sie nicht sehen, er hätte keine paar Stunden für sie Zeit, taten wirklich weh. Doch sie verstand ihn. Sie konnte es nachvollziehen. Er war von ihrem Hin und Her genervt. In ihrer jahrelangen Freundschaft war immer er derjenige, der sich um sie gekümmert, der auf sie auf eine bestimmte Art und Weise aufgepasst hatte. Vier Monate zuvor gestand er ihr dann auch noch, er wolle mit ihr zusammen sein. Vier Monate zuvor hatte er ihr klar gemacht, dass sie für ihn mehr als nur eine Freundin war. Sie hatte nur gelacht. Ungewollt. Sie dachte, er habe das als Spaß gesagt. So war es aber nicht. Sie hätte es bemerken müssen. Sie hätte es ahnen müssen. Seine Geduld war endgültig überstrapaziert. Jetzt war er nur noch von ihrer Unentschlossenheit genervt. Und sie verlor den Menschen, bei dem sie sich jahrelang am wohlsten gefühlt hatte.

Im selben Moment realisierte sie endlich, dass er es tatsächlich war. Im selben Moment fuhr sie weiter…

Gedankenverloren blickte sie aus dem Fenster der Straßenbahn. Haltestelle für Haltestelle sausten an ihr vorbei. Ihre war noch lange nicht dran. Menschen stiegen ein, Menschen stiegen aus. Sie tummelten sich auf dem Bahnsteig, sie gingen die Treppen hinauf. Paar Minuten später. Neue Haltestelle, selbe Situation. Sie war müde geworden, den Menschen in die Gesichter zu blicken. Sie kannte hier ja eh niemanden. Sie war fremd in der Stadt. Nicht alleine, aber fremd. Diejenigen, die sie kannte, waren nicht hier. Das wusste sie mit Sicherheit.

Neue Haltestelle. Selbes Prozedere. Sie wusste nicht, warum sie gerade hier etwas wacher wurde, warum sie sich die Menschen näher betrachtete. Sie tat es aber. Unbekannte Menschen, unbekannte Gesichter. Sie war bereits wieder drauf und dran wegzusehen. Dann sah sie ihn auf einmal. Mitten in dem Getummel der Menschenmasse. Da stand er plötzlich. Mitten auf dem Bahnsteig. Unerwartet. Dieselbe graue Mütze von damals. Dieselbe schwarze Jacke von damals. Er blickte sie an. Sie reagiert erst sehr spät. War er es? Sie musste erst zu sich kommen. Ja, da stand er. Oder? Sie hatte ihre Brille nicht auf. Sie sah alles nur sehr verschwommen. Aber ihn erkannte sie auch ohne. Dachte sie. Seine Art und Weise, wie er da stand, war einmalig. Sie würde ihn unter Hunderten wiedererkennen, auch ohne Brille. Dachte sie- Sein Blick blieb auf ihr hängen. Er blickte sie an. Nicht wie ein Fremder. Der Mann hier kannte sie. Statt die Treppe zu visieren, blieb er stattdessen stehen. Mittendrin. Er starrte sie an. Verdammt. War er es? Sie war sich einfach nicht sicher. Sollte sie lächeln? Wenn er es nicht war, wäre es seltsam. Würde er jemand hinter ihr ansehen, genauso. Es wurde ihr irgendwie immer klarer, dass er es war. Sie war sich sicher. Auch weil er abrupt anhielt und nicht weiterging. Doch. Das war er. ER stand hier mittendrin….

Dann setzte sich ihr Zug wieder in Bewegung. Im selben Moment realisierte sie endlich, dass er es tatsächlich war. Im selben Moment fuhr sie weiter…

Damals wollte sie endgültig abschließen. Jetzt, zwei Jahre später, würde sie ein Bier mit ihm trinken gehen. Wie damals. Wie früher. Ob das eine gute Idee war?

Als sie sich das letzte Mal sahen, war das vor zwei Jahren. Damals gingen sie getrennte Wege. Dass sie sich jetzt wieder trafen, war ein komischer Zufall. Wahrscheinlich ein guter Zufall. Auf jeden Fall unerwartet. Dann stand er also vor ihr und begrüßte sie mit dem üblichen Spitznamen, den er ihr damals schon gegeben hatte. Er machte sich einen Spaß daraus, genauso wie damals. Sie regte sich auf, wie damals. Da fiel ihr wieder auf, dass er ihr immer noch gefiel. Er gefiel ihr sogar ziemlich gut. Genauso wie vor zwei Jahren. Daran hatte sich tatsächlich nichts geändert. „Na, alles klar?“ Sie nickte und grinste. „Alles gut! Bei dir?“ „Klar!“ Sehr ausschweifend waren ihre Unterhaltungen nie gewesen, trotzdem waren sie ganz gute Freunde gewesen, irgendwie. Sie sprachen nie besonders viel, und trotzdem war es mehr als jetzt. Jetzt herrschte zwischen ihnen Distanz. Das spürte sie. Er wahrscheinlich auch. Es war eben zuviel Zeit vergangen. Doch auch seine letzten Worte pochten in ihrem Kopf, denn er hatte sich damit verabschiedet, dass er kein guter Umgang für sie sei. Darüber musste sie Wochen und Monate nachdenken. Nicht gut genug? Warum? Weil er schon viel Mist angestellt hatte? Ihr Leben verlief auch nicht immer geradeaus. Sie sah das Gute in ihm. Er nicht. Er war schlecht, sie gut. Dazwischen gab es nichts. Warum hatte er sich überhaupt das Recht genommen, zu bestimmen, was für sie gut war und was nicht? War nicht sie diejenige, die das zu entscheiden hatte? Seine Aussage hatte sie damals eiskalt erwischt. Vorhersehbar, aber unerwartet. „Und wo tingelst du jetzt in der Weltgeschichte umher?“ Er nahm die Unterhaltung nach einer kurzen Gesprächspause wieder auf. „Ich wohne wieder in der Heimat und bleibe da auch vorerst. Du wohnst also tatsächlich wieder hier?“ Er nickte.“So schnell werde ich hier auch nicht mehr verschwinden!“ Sie grinste. Er wollte das schon immer. Nun hatte er es wieder. Sie wollte immer nach Frankreich. Sie tat es. Dass sie letztendlich wieder in die Heimat zog, war nicht ganz so geplant, aber eine gute Entscheidung. Jeder hatte also in den zwei Jahren das erreicht, was er wollte. „Bleibst du jetzt in Deutschland?“ Sie nickte. Er lächelte. Was auch immer das zu bedeuten hatte. „Ich muss jetzt zurück zur Arbeit, aber hast du Lust, heut Abend nach meinem Feierabend noch ein Bier trinken zu gehen?“ Sie überlegt kurz. Dann sagte sie zu. „Deine Nummer hab ich ja noch. Ich schick dir dann die Adresse!“ Sie konnte ihn nicht einmal mehr fragen, warum er ihre Nummer behalten hatte, so schnell hatte er sie umarmt und war verschwunden. Sie hingegen blieb noch ein Weilchen stehen. Warum hatte er noch ihre Nummer? Er hatte den Abschied gewollt. Er hatte sie damals einfach stehen lassen. Sie hatte seine gelöscht. Damals wollte sie endgültig abschließen. Jetzt, zwei Jahre später, würde sie ein Bier mit ihm trinken gehen. Wie damals. Wie früher. Ob das eine gute Idee war?

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich.

So gut wie der Tag doch anfing, so schlimm wurden die weiteren Stunden, die folgten. Irgendwo im Chaos des Ladens stand sie und versank. Alle wuselten um sie herum, waren genervt, so genervt wie sie selber. Jeder wollte, dass dieses Chaos endlich endete, dass die Bestellungswelle endete. Bei seiner Anwesenheit konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ihn am liebsten ignorieren oder betrachten sollte. Sie entschied sich letztendlich für ersteres. Nicht aus eigenen Stücken. Einfach aus dem Grund, dass die Arbeit ihr die letzten Nerven raubte. Sie tat den lieben langen Abend nichts anderes als ständig das gleiche. Bestellungen annehmen, weiterleiten, telefonieren. Am liebsten hätte sie jeden Moment alles Stehen und Liegen gelassen. Sie riss sich aber zusammen. Der einzige Hoffnungsschimmer war ihr Feierabend. Nur noch knapp eine Stunde, bevor sie offiziell gehen durfte. Vor ihm. Tja, das dachte sie zumindest…

„Einer von euch darf dann jetzt Schluss machen!“

Wie gerne sie doch die Worte hörte. Endlich war der Moment gekommen, indem es ruhiger wurde. Nun wandte er sich zu ihr. Sie stand direkt neben ihm am Computer.

„Dann geh ich. Ich bin von gestern Abend noch so fertig!“ Er strich sich über die Augen.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“

Genervt funkelte sie ihn an, doch noch bevor sie weiter diskutieren konnte, meldete sich das Telefon wieder. Sie musste weiterarbeiten, wieder einen neuen Kunden bedienen, freundlich sein, sich nichts anmerken lassen und ihre Müdigkeit umspielen. In diesem Moment war sie auf alle sauer, aber besonders auf ihn. Er ließ sie hier jetzt einfach allein und ging nach Hause. Sie hingegen hob das Telefon auf. Ihre Stimmung umspielte sie mit einem Lächeln.

Während des Telefonats hatte er sich wieder neben sie gestellt, tippte seine Feierabendzeit in den Computer ein und wartete, dass sich ihre Unterhaltung fortsetzte. Nur das wollte sie nicht. Sie legte den Hörer kurze Zeit später nieder und machte sich am Computer an die Arbeit. Hauptsachen ihm keine Möglichkeit geben, mit ihr zu reden. Er tat es trotzdem.

„Tut mir echt leid!“, hörte sie seine Stimme neben sich.

„Aha!“

Sie redete leise, mit zusammengebissenen Zähnen. Sie bemerkte im Augenwinkel, dass er sich zu ihr gewandt hatte. Sie ignorierte das. Dann packte er ihre Schultern und drehte sie zu sich. Sie konnte ihn durch ihre Mütze, die ihr fast das ganze Gesicht verdeckte, kaum anblicken. Sie spitzte also nur zu ihm hinauf. Dann schob er sie – ihr Blick war immer noch versteinert – zu sich und drückte ihr einen Kuss rechts und links auf die Wangen. Sie spürte seinen Bart auf ihrer Haut. „Sei mir nicht böse!“ Seine Hände ruhten immer noch auf ihren Schultern. Ihr Herz pochte stärker. Es dröhnte in ihrem Kopf. Das Blut schoss ihr ins Gesicht, sie errötete. „Mal sehen!“ Sie löste sich von seinem Griff, um sich wieder an ihre Arbeit zu machen. „Ich spendiere dir dafür das nächste Mal ein Bier!“, rief er ihr noch hinterher. Sie beachtete es aber nicht. Er sollte sehen, wie genervt sie war, wie wütend auf ihn. Auch wenn er sie besänftigt hatte. Zumindest ein bisschen. Das sollte er aber nicht bemerken.

DSC_0995