Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Sie hatte noch nicht einmal die Wohnung richtig betreten, schon kam sie auf sie zugestürmt.

„Und? Wie war dein Date?“

Sie war ganz aufgeregt, wollte am liebsten sofort alles wissen. Sie hingegen stellte erst einmal ihre Tasche ab, schmiss ihre Schlüssel in die Schale, bevor sie sich auf den Hocker niederließ. Sie fand ihre Aufregung etwas übertrieben. Schließlich war es kein Date. Sie schüttelte sie nur ab. Das Thema war aber damit noch lange nicht vom Tisch. Sie war verdammt neugierig.

„Was sollte das denn sonst gewesen sein?“

„Zwei Bekannte, die einen Kaffee trinken gehen, miteinander reden und dann einen kleinen Spaziergang machen!“

„Also ein Date!“

Sie verdrehte ihre Augen. Sie war heute aber sehr hartnäckig. Es war nach langer Zeit wieder ein Treffen mit einem Mann, von dem sie wiederkam und gleich Löcher gefragt wurde. Jahrelang lebte sie alleine. Da interessierte es kaum, welche Dates sie so hatte. Viele waren grauenvoll, viele ganz in Ordnung. Der Richtige war darunter nicht. Meistens Frösche. Jetzt ertappte sie sich selber, dass sie das Treffen „Date“ nannte. Sie erschrak innerlich zusammen. So wollte sie es einfach nicht nenne. Denn es war keins. Versuchte sie sich einzureden.


Sie hatte ihm bereits ein Wochenende zuvor absagen müssen. Dieses Wochenende sollte es aber funktionieren. Das hatte sie sich Tage zuvor vorgenommen. Auch wenn die Bedingungen immer noch nicht optimal waren. Sie holte ihn am Bahnhof ab, denn er kannte sich hier nicht aus. Ihm den Weg zu erklären, wo sie sich am besten treffen könnten, empfand sie als zu große Zumutung. Er musste schon hierherfahren. Dann war es das mindeste, dass sie ihn abholte. Dann stand er vor ihr, sie umarmten sich. Es war einige Zeit vergangen, das sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Als er nun vor ihr stand, merkte sie, dass er an sich ganz gut aussah. So hatte sie ihn gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Seine Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen. Er trug einen Drei-Tage-Bart. War sie sich sicher gewesen, dass er damals gar nicht ihr Typ war, änderte sich das nun.

Sie liefen vom Bahnhof Richtung Stadt, suchten sich ein nettes Café. Es war verkaufsoffener Marktsonntag. Sie hatte gehofft, dass die Straßen, dass die Cafés leer waren. Stattdessen versammelte sich fast die ganze Stadt hier. Sie bekamen noch einen schönen Platz in ihrem Lieblingscafé und begannen das Reden. Während er da saß und seinen Käsekuchen aß, nuckelte sie an ihrem Chai-Latte. Sie redeten über Gott und die Welt. Gesprächspausen entstanden fast nie. Sie redeten übers Studium, übers Älterwerden, über Lieblingsfilme, bis sie das Thema Wohnort anschnitten.

„Willst du ein Leben lang im Norden leben bleiben?“

„Ja! Mir gefällt es dort!“

„Für dich bleibt der Süden nicht mal eine Option?“

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich bleibe – wenn’s jobtechnisch klappt – im Süden! Hier gehöre ich hin!“ Er nickte stumm. Er hatte ihr schon damals, als sie sich kennen gelernt hatten, mit einem Augenzwinkern zu verstehen gegeben, ihm würde es gefallen, wenn sie eines Tages beschließen würde, in den Norden zu kommen. Sie hatte es damals nur mit einem Lächeln überspielt, aber er meinte es ernst. Er ließ es sie jetzt wieder wissen. Und sie gab ihm zu verstehen, sie würde alles dran setzen, im Süden zu bleiben. Der Norden war nur Plan C.


„Und wie geht es bei euch jetzt weiter?“

„Gar nicht!“

„Wie ‚gar nicht‘?“

„Was soll schon aus uns werden? Ich bin jetzt die nächsten drei Jahre hier. Er wäre in wenigen Monaten mit dem Studium fertig, aber er will nicht in den Süden!“

„Und das ist ein Problem?“

Sie nickte, denn es stimmt. Zu oft stand sie vor dem Problem der Entfernung. Jedes Mal in den letzten Jahren stand sie im Raum. Erst war es Frankreich, dann war es wieder Deutschland, dann der Süden. Es war nie möglich gewesen, auf einen Nenner zu kommen. Nie fühlte sie sich an einem Ort so wohl, dass sie dort ihr ganzes Leben hätte verbringen wollen. Ihnen hingegen gefiel es, wo sie waren. Oder sie wollten umziehen, und sie konnte nicht mit. Sie war mit ihrem Studium nicht flexibel genug. Immer gab es da dieses Problem der Entfernung. Sie versprach sich, sich nie wieder auf jemanden  einzulassen, wenn sie von vornherein wusste, dass das zum Scheitern verdonnert war, eben wegen der großen Entfernung. Für manche mochte das so funktionieren. Für sie nicht. Hatte es nie, würde es nie. Ihn dann auf dem Weg vom Süden in den Norden kennen zu lernen, war nie so geplant. Sich mit ihm dann kurze Zeit später wiederzutreffen, auch nicht. Sie tat es. Vielleicht hätte sie ihm den Süden schmackhaft machen können. Es ging nicht um ’sofort‘. Es ging um irgendwann, irgendwann in näherer Zukunft. Aber die sah er nicht. Nicht hier, sondern dort. Und das war okay. Zum Glück wusste er das jetzt schon gut genug. Nicht, dass er es ihr erst später lassen ließ. So wie jemand damals. Deswegen war das auch kein Date gewesen. Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Advertisements

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sage ich es ihm!“

„Denkst du, dass wäre eine gute Idee?“

Sie nickte nur stumm, als sie mit ihr dieses Gespräch führte. Sie war sich sicher, dass die vielen Monate ausreichten, um endlich mit der Sprache herauszurücken. Sie würde ihn damit überrumpeln. Zumindest damit, dass sie es jetzt nach all der Zeit tat. Denn sie war sich ziemlich sicher, dass er es bereits wusste. Es war deutlich genug gewesen. Seine damalige Reaktion hatte ihr gezeigt, dass er bestens informiert war. Darauf eingehen tat er nie. Also blieb sie stumm. Besser so. Doch würde er jetzt vor ihr stehen, würde sie ihren Mund aufmachen. Das erste Mal. Sie würde nichts mehr verlieren können. Außerdem könnte sie abschließen. Es würde endlich weitergehen, ohne ihn.


Plötzlich stand er vor ihr. Genauso attraktiv wie sie ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht wirkte er es sogar noch mehr. Das letzte Mal, als sie ihn sah, wirkte er sehr müde, hatte dunkle Augenringe. Jetzt sah er wesentlich glücklicher aus. Er sah immer noch wie ein arroganter Arsch aus. Auch wenn er es nicht war. Zumindest nie vor ihr. Vor ihr war er immer liebenswert, freundlich, höflich, hilfsbereit. Deswegen hatte sie sich auch in ihn verliebt gehabt.

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Nicht dein Ernst!“

Er hatte sie sofort wiedererkannt, kam auf sie zu und umarmte sie fest, so als wären sie immer noch Freunde. Auf alle Fälle waren sie es. Er hatte sie nicht vergessen. Auch nach all der Zeit nicht.

„Wie lang ist das jetzt her? 1,5 Jahre?“

„Ja, ungefähr!“

Sie grinste. Sie wusste es ja genau. Es waren auf den Tag genau 1 Jahr und 8 Monate. Sie behielt es aber für sich. Er musste ja nicht wissen, dass sie mitgezählt hatte.

„Was machst du hier?“

„Urlaub!“

Er blickte sie mit einem breiten Grinsen an. Sie lächelte zurück. Sie hatte sich sooft vorgestellt, wie es wohl sein mag, ihn wieder vor sich stehen zu haben. Sie hatte sich sooft überlegt, was sie ihm sagen, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte ein bisschen Bammel davor. Das letzte Mal fühlte sie sich nämlich in seiner Gegenwart genauso unwohl wie wohl, war genauso glücklich wie unglücklich. Damals konnte sie aber auch nie ganz sie selber sein. Seine Anwesenheit schüchterte sie immer viel zu sehr ein. Doch die lange Zeit, in der sie sich nicht sahen, hatte etwas mit ihr gemacht. Sie fühlte sich vor ihm nicht mehr so nervös. Sie wollte ihm nicht mehr beweisen, wie erwachsen sie doch war. Das hatte sie früher versucht. Wahrscheinlich vergeblich. Er war zwar wie immer selbstbewusst und präsent, jedoch schüchterte er sie nicht mehr ein. Sie fühlte sich nicht mehr vor ihm wie die schwache Frau von damals. Sie fühlte sich auf einer Augenhöhe mit ihm. Sie war mit der Zeit, mit den Ereignissen der letzten Monate, gereift.

Eine Weile unterhielten sie sich miteinander. Über dies und das, was so in letzter passiert war. Dann gingen ihnen die Gesprächsthemen aus. Sie hatten noch nie viel miteinander geredet, aber hier merkte sie, dass doch viel Zeit vergangen war. Sie könnten sich eigentlich viel erzählen, aber keiner von ihnen wusste, wo sie anfangen sollten. Als das Gespräch ein weiteres Mal verstummte, hatte sie einen kurzen Moment, um ihn betrachten zu können. Strahlend blaue Augen, Dreitagebart, kurze Haare. Er sah wie damals aus. Er war immer noch hübsch, er war immer noch attraktiv, aber nicht mehr so, dass es ihr den Atem raubte.

„Wie lang bleibst du?“

„Morgen geht’s wieder weiter!“

Wieder verstummten sie. Dieses Mal aber stand er auf, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Für sie hieß das, dass sie sich auch langsam auf den Weg machen sollte. Sie wollte ihn nicht länger abhalten, nicht wie damals. Sie packte ihre Sachen, zog ihre Jacke an, leerte ihr Glas.

„Willst du schon gehen?“

„Ja! Ich will dich nicht länger aufhalten!“

Er nickte. „War trotzdem schön, dich mal wieder zu sehen!“

Sie lächelte.

„Sollte es dich mal in den Süden ziehen, kannst du es mich ja wissen lassen!“

„Ja, ich melde mich dann!“

Er nahm sie wieder in den Arm. Dann wandte sie sich von ihm ab und ging. Raus in den Abend, weg von ihm. Sie hätte ihm alles sagen können, hätte ihm sagen können, dass sie damals in ihn verliebt war, dass sie Gefühle für ihn hatte. Doch sie ließ es. Sie wollte es nicht mehr. Das, was sie beide jetzt hatten, war eine Freundschaft geworden, die ihr viel bedeutete. Ihre Gefühle von damals behielt sie für sich. Denn sie waren Vergangenheit, sie blieben ihr Geheimnis. Sie sah, dass er glücklich war. Sie selber war glücklich. Warum das ganze mit der Vergangenheit versauen.

Ohne großes Tamtam endet dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…

Ich grinse, als ich im Zug sitze. So frei habe ich mich seit langem nicht mehr gefühlt. Ich bin frei, frei von meiner Vergangenheit. Ich konnte endlich abschließen, konnte endlich einen Strich unter die ganze Geschichte setzen, einen Strich unter ‚unsere‘ Geschichte. Wochen- und monatelang stellte ich mir den Moment vor, wie es wäre, wenn wir uns wieder gegenüber stünden. Was würde er sagen, was würde ich sagen? Wie würde es werden? Hätten wir uns überhaupt noch was zu sagen? Kannte er mich noch? Fragen über Fragen, die beantwortet werden mussten.

Dann war es soweit. Er war überrascht, er freute sich, er umarmte mich. Das schönste mögliche Wiedersehen, dass ich mir hätte vorstellen können. Er konnte es nicht fassen, dass ich da plötzlich stand. Er erinnerte sich sofort an mich. Er lud mich auf ein Getränk ein, wir redeten. In der Zeit, in der wir uns nicht sahen, nicht geschrieben hatten, war einiges passiert. In seinem Leben, in meinem Leben. Er war neu vergeben. Er hatte jemand Neues gefunden. Er wirkte glücklich. Außerdem sollte sich in seinem Leben noch einiges gravierend ändert. Ich freute mich für ihn. Das tat ich wirklich. Dann erzählte ich ihm, was bei mir alles passiert war. Das war vieles. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Es war eben zu viel. Und es war zuviel Zeit vergangen.

Irgendwann hatten wir uns nichts mehr zu sagen. Die Stille zwischen uns wurde ziemlich unangenehm. Es war besser, wenn ich nun ging. Ich tat es. Ich zog mir meine Jacke an, leerte das Getränk, und wir verblieben damit, dass wir uns wiedersehen würden. Irgendwann. Dann umarmten wir uns zum Abschied. Dieses Mal fiel er mir nicht so schwer wie damals. Das letzte Mal brach es mir fast das Herz, auch wenn ich damals nicht einmal wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn sah. Jetzt, hier störte es mich nicht mehr so, ihn jetzt eine Weile nicht mehr sehen zu können. Die Sehnsucht nach ihm war verschwunden. Wir waren Freunde. Mehr nicht. Ohne Drama und ohne Streit wurden aus Gefühlen freundschaftliche Achtung. Mich störte sogar nicht mehr, dass er wieder glücklich mit einer anderen war. Und das war er. Er war glücklich mit ihr. Und das war okay.

Unsere Wege trennten sich damals abrupt. Von heute auf morgen sahen wir uns nicht mehr. Er ging. Ich ging. Entfernung. Große Entfernung, Kontaktabbruch. Es folgten Momente, in denen er pausenlos präsent in meinem Kopf war. Es folgten Momente, in denen ich versuchte, ihn zu verdrängen. Es folgten Momente, in denen ich dachte, ich wäre über ihn hinweg. Doch dieses Treffen hatte mir gezeigt, dass es noch nicht der Fall war. Ich hatte dieses Wiedersehen gebraucht, um endlich einen Schlussstrich ziehen zu können. Er hatte mich eine lange Zeit als Geist der Vergangenheit verfolgt. Ich hatte ihn in all der Zeit nicht wirklich vergessen können. Dieses Wiedersehen hatte mir genau das gegeben. Denn auch wenn wir denken, dass die Geister unserer Vergangenheit uns nicht heimsuchen würde. Sie tun es. Solange, bis wir einen angemessenen Abschied finden.

Ohne großes Tamtam endete dieses Kapitel, endet diese Geschichte. Der Vorhang schloss sich endlich Die Vorstellung war vorbei. Es gab Applaus, keine Buh-Rufe. Stattdessen eine Verbeugung. Das Stück hatte Höhen und Tiefen, Spannung, große Gefühle. Es war eine Liebestragödie in mehreren Aufzügen. Ohne großen Paukenschlag, aber auch ohne Happy Ending endete es…

Wenn sie nicht gestorben sind, dann bleiben sie gute Freunde…