Wäre schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

Gelangweilt zippe ich von Sender zu Sender. Es läuft nichts Interessantes im Fernseher. Mir fallen zwar fast die Auge zu, aber ins Bett möchte ich auch noch nicht. Es ist dafür viel zu früh. Irgendwann zippe ich nur noch von Werbung zu Werbung, von Werbung über Reiseseiten, hin zu Werbung über Sport, Werbung über irgendwelche Diätprodukte, Entgiftungstees, Entschlackungssäfte. Zwischendurch geht es um Versicherungen. Das geht aber unter, denn schon die nächste Werbung mit der Botschaft „Geb dein Bestes“ dröhnt mir in den Ohren, will mich motivieren, mein sowieso schon geringes Studentenbudget für eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio oder in Abnehm-Drinks zu investieren. Irgendwann habe ich die Schnauze voll und entscheide, den Fernseher auszumachen. Es ist nicht das Fernsehprogramm, was mich in diesem Moment nervt, sondern diese Sport- und Ernährungswerbung kurz nach dem Neujahr. Jedes Jahr aufs Neue. Weil es immer Menschen gibt, die sich als guten Jahresvorsatz vornehmen, mehr Sport zu machen und sich gesünder zu ernähren. Dafür wird gerne das neue Jahr genutzt, um Anfang des Jahres ordentlich in die Pedalen zu treten und zu hungern, um dann Wochen später zu merken, in denen man Haufen Geld rausgeschmissen hat, dass das so nicht funktioniert. Die sogenannten Wunderhelfer sind nur bloße Geldmacherei, sechsmal die Woche Sport machen, von 0 auf 100, klappt auch nicht. Man hat aber einen Jahresvertrag für das Fitnessstudio unterschrieben und überlesen, dass nur die ersten drei Monate 4,99€ kosten. Danach sind es 19.90€. 19.90€ dafür, dass man in den 52 Wochen im Jahr 6 Wochen durchhält. Danach geht man nicht mehr, zahlt aber. Rausgeschmissenes Geld also. Man könnte ja meinen, man würde dadurch lernen, es ein Jahr später besser zu machen. Man tut es aber nicht.


Eine Bekannte von mir macht jetzt zum neuen Jahr die gefühlt 700ste Diät. Immer hat sie gut abgenommem, immer einige Kilos runter. Tage oder manchmal auch wochenlang war sie mürrisch, weil sie hungrig war. Während ich mir einen Burger mit Pommes bestellte, nuckelte sie an ihrem Eistee. Der Zucker im Eistee ist schon in Ordnung. Ist ja nur Flüssigkeit. Sagt sie. Ihr zu sagen, dass in ihrem Denken, nichts zu essen, aber zuckersüß zu trinken, irgendetwas nicht stimmt, habe ich aufgegeben. Man könnte meinen, die letzten Jahre haben endlich alle aufrütteln lassen, dass das Hungern etwas schlechtes ist. Man sollte es meinen. Ist aber nicht so. Frauen tun vieles für ihren perfekten Körper.


Die „Body Positivity“-Bewegung hat da auch eine Veränderung mit sich gebracht. An sich ist das ja was Gutes. Klingt ja auch gut. Steh zu dir und deinen Rundungen. Liebe dich wie du bist. Wir sind alle nicht perfekt. Klingt alles gut. Aber es muss immer welche geben, die etwas so Gutem einen schlechten Beigeschmack geben müssen. Denn statt endlich davon abzukommen, über Körper zu urteilen, tut auch die „Body Positivity“-Bewegung nichts anderes. Sie urteilt über den Körper der Frau. Wieder. Das Thema darüber ist schon genug ausgelutscht, und doch sehe ich keine Veränderung im Denken. Plötzlich wird es in, stolz und ungehemmt sich halbnackt bei Social Media zu zeigen. Als es in war, gertenschlank zu sein, wollten alle gertenschlank sein. Als es in war, muskulös zu sein, wollten alle muskulös sein. Jetzt ist es in, Plussize zu sein, und viele wollen jetzt Plussize sein. Ich habe nichts gegen das Plussize, oder sagen wir, gegen normal gebaute Körper. Kleidungsgröße 40/42, ja auch 44. Alles normale Körper. Früher war das nichts Außergewöhnliches. Jetzt werden sie Plussize genannt. Plussize geht aber noch weiter. Weiter zu Menschen, deren Körpergewicht schon die Gesundheit gefährden, und trotzdem präsentieren sie sich halbbekleidet im Netz. Sie dürfen ja zu sich stehen. Dagegen habe ich nichts. Aber hier geht es nicht mehr nur um ein Schönheitsideal, hier geht es um die Gesundheit. Fettleibig sein, und dazu stehen, hat nichts mit „Body Positivity“ zu tun. Das ist krank, und es geht zu weit.


In meinem Umfeld geht es auch immer wieder über das Gewicht. Ich kommentiere meins auch. Auch jetzt noch. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der Sport über alles ging. Über Freundschaften, über andere Hobbies. Ich liebte es, mich zu bewegen, viel zu bewegen, viel zu viel zu bewegen. Fünf-/Sechsmal die Woche Sport. Das Umdenken kam nach meinem Unfall. Man merkt, wie viel Zeit man doch plötzlich übrig hat. Wie viel Zeit, um soziale Kontakte wieder aufblühen zu lassen. Zeit, wieder mehr an andere zu denken, und nicht nur an sich. Bewegung ist gut, gesunde Ernährung ist gut, aber alles in Maßen. Ständig drüber nachdenken macht nicht glücklich. Überhaupt nicht daran zu denken, und sich zu denken, ich lebe ja nur einmal, aber auch nicht. Genauso wenig, darüber zu urteilen, über sich selbst oder andere. Wir sollten beginnen, wieder ein gesundes Maß zu finden, und vor allem anderen nichts vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Immer noch: solange es in einem gesunden Maß ist. 


Die Werbung über Sport und Nahrungsergänzungmittel wird im Laufe des Jahres weniger, wie jedes Jahr. Das ist sicher. Bald wird sie Werbung über den Valentingstag verdrängen. Nur noch knapp zwei Wochen muss ich solange aushalten. Machbar. Wäre nur schön, wenn Diskussionen über den weiblichen Körper genauso vergänglich wären wie die passende Werbung dazu.

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Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…


„Ich brauche dringend Abstand zu ihm. Ich stecke da gefühlstechnisch irgendwie viel zu tief drin!“


Sie blickte sie nur fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es war schwer zu erklären. Selbst sie verstand es nicht richtig.

Sie lernte ihn in einer Zeit kennen, in der sie am verletzlichsten war. Er tauchte auf, er war nett zu ihr, er baute sie auf. Sie sah ihn regelmäßig wieder. Sie unterhielten sich, sie zogen sich gegenseitig auf, sie verstanden sich. Er war nach langer Zeit wieder jemand, mit dem sie gerne redete, auch wenn die Unterhaltungen nie wirklich tiefgründig wurden. Er war jemand, bei dem sie gerne war, auf den sie sich jedes Mal wieder freute. Sie dachte, sie hätte sich in ihn verliebt. Irgendwie. Sie konnte das Gefühl nicht richtig einordnen. Schließlich kannten sie sich erst eine Weile. Sie wusste nicht besonders viel über ihn. Trotzdem fühlte sie sich ihm verbunden, fühlte sich zu ihm hingezogen.

Dann folgte eine Zeit, in der sie ihn kaum mehr sah. Sie liefen sich nicht mal mehr über den Weg. Kein kurzes Hallo, kein kurzes Wie geht‘s. Andere Dinge beschäftigten sie. Trotzdem war er auf irgendeine Art und Weise präsent in ihrem Kopf. Sie dachte an ihn, sie lächelte. Doch in gleicher Weise wie sie ihn vermisste, in gleicher Weise machten sich Bedenken breit. Bedenken, ob die Gefühle, die sie meinte zu haben, wirklich ernst oder nur ein Resultat ihrer Verletzlichkeit waren. Sie fragte sich, ob ihre Gefühle gar nicht echt waren. Empfand sie sie vielleicht nur deswegen, weil er im richtigen Moment die richtigen Worte fand? War sie vielleicht gar nicht verliebt, sondern nur von ihrer Hilflosigkeit beeinflusst?

„Solange ich nicht weiß, was das zwischen ihm und mir ist, kann ich nicht in seiner Nähe sein!“

„Denkst du nicht, du wirst es nur herausfinden, wenn ihr euch öfters seht?“

Sie wollte nicken. Sie beließ es. Konnte sie das? Nähe zulassen, um Abstand zu fühlen? Sich noch mehr in seine vertrauten Hände geben und hoffen, sie könne sich ihrer ‚Gefühle‘ bewusst werden, bevor sie einen Schritt weitergehe, und letztendlich jemand verletzt werden würde? Was wäre, würde sie merken, dass sie doch nicht verliebt war? Sie würde ihm gezwungenermaßen wieder über den Weg laufen müssen. Es nicht zu tun, wäre unmöglich.

Es vergingen wieder einige Wochen. Wochen, in denen sie tagein tagaus schlichtweg keine Zeit mehr hatte, um an ihn denken zu können. Sie sahen sich kurz wieder. Ein kurzes Hallo, ein kurzes Wie geht’s. Nicht mehr, nicht weniger. Irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Es wurde immer deutlicher. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest den größten Teil des Tages. Immer mal wieder tauchte er für ein paar Sekunden in ihrem Kopf auf. Dann war er wieder verschwunden. Sie merkte, dass sie immer deutlicher bezweifelte, dass es tatsächlich Gefühle für ihn waren. Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…