Von kreativer Freiheit zum bodenständigen Familienleben

„Sag mal, was ist eigentlich aus Würzburg geworden? Wolltest du da nicht deinen Master machen?“

Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Es ist sogar mehr als ein Jahr vergangen, in denen wir nicht mehr miteinander gesprochen haben. In dieser Zeit ist in meinem Leben viel passiert. Darüber geredet haben wir nie. Deswegen ist sie noch auf dem alten Stand. Ich erkläre ihr, was sich verändert hat. Ihre Augen weiten sich.

„Das hätte ich bei dir nie gedacht! Ist das nicht all das, was du damals immer vehement abgelehnt hast?“

Ich schmunzle und gebe ihr vollkommen recht. Schon seit meiner Kindheit wollte ich später irgendetwas Kreatives machen. Anfangs waren es noch so Kinderwünsche wie Modedesignerin. Während und kurz nach meiner Schulzeit änderte sich das in die Idee, Schriftstellerin und bis dahin Journalistin zu werden. Alles Berufe, die alles andere als 08/15 waren. Ich wollte irgendetwas aufregendes machen. Irgendetwas, mit dem ich andere beeindrucken konnte. Ich wollte ja auch keine 08/15-Journalistin werden. Ich wollte in irgendeiner großen Firma beschäftigt sein. Irgendetwas Vorzeigbares…

Außerdem wollte ich die Welt sehen. Ich wollte nicht an einem Ort wohnen bleiben. Ich wollte frei sein, unabhängig. Das war ich. Fünf Jahre lang. Ich bin ganz gut damit gefahren. Dann der Cut und das neue Denken. Woher das kam? Keine Ahnung. Plötzlich war es da. Irgendwie eine Spontanentscheidung. Ich brach das alte Studium ab (nicht gänzlich, aber ich brach mit dem Studienstanddort und mit dem Gedanken an den Bachelor ab), zog wieder nach Hause in die Heimat, begann bzw. wechselte zum Lehramt. Gleiche Fächer, neues (altes) Ziel. Nun also doch 08/15 Leben. Gutes 08/15 Leben.


„Kann es sein, dass du auch ganz schön von ihm beeinflusst wurdest?“

Ich zucke mit den Schultern. Beeinflusst? Ja. Wegen ihm die Entscheidung gefällt? Nein. Die stand schon vorher. Sogar schon 2 Jahre vorher. Aber er gab mir dann doch einen neuen Impuls, das ganze durchzuziehen. Er machte das 08/15-Leben wundervoll attraktiv. Sogar soweit, dass ich nicht mehr den Wunsch hegte, in einer aufregenden Großstadt leben, die Nächte durchtanzen und mit der Familienplanung warten zu wollen, sehr lange warten zu wollen. Damals ging Karriere für mich über alles. Kinder waren geplant, aber dann bitte erst Mitte 30, wenn ich beruflich meinen Höhepunkt erreicht hätte. Dann änderte sich alles. Statt wie immer die Flucht ergreifen zu wollen, blieb ich, wollte ich bleiben. Es lag nicht nur an ihm, doch er machte einen Teil aus.


Ob ich meine kreativen Träume über Bord geworfen habe? Nein. Kreativ bin ich weiterhin mit meinen Geschichten. Damit Geldverdienen? Lieber nicht. Ich will einen sicheren Job, vorhersehbare Arbeitszeiten. Ich möchte Familie und Karriere unter einen Hut bekommen. Karriere steht nicht mehr ganz alleine ganz oben. Studium beenden? Das natürlich schon. Danach ist alles offen. Gehe ich erst den beruflichen Weg, gehe ich erst in Richtung Familie? Alles ist jetzt möglich. Beide Wege gefallen mir. Ob ich nun den einen oder den anderen nehme: das ist offen.

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Sie hatte ihm von der Geschichte mit dem beinahe Kuss erzählt. Der Schnee. Jetzt stand er vor ihr.

Leise segelten die Schneeflocken hinab zur Erde, bedeckten das Gras, bedeckten die hinuntergefallenen Blätter. Von heute auf morgen wurde es Winter. Eisige Kälte presste gegen das Fenster. Sie saß eingekuschelt in die flauschige Decke auf dem Sofa. Ihre Füße steckten in dicken Wintersocken, sie in einem dicken Pulli. Auch wenn die Wohnung geheizt war, war ihr kalt. Sie war den ganzen Tag draußen an der frischen Luft gewesen, wärmte sich jetzt erst wieder auf. Ihr Blick schweifte hinaus. Es war der erste Schnee dieses Jahres. Er würde nicht liegen bleiben. Das wusste sie. Er würde wieder verschwinden. Würde er überhaupt wieder auftauchen? Sie bezweifelte das.


Das Klingeln an der Haustür ließ sie aufschrecken. Sie hatte mit keinem Besuch gerechnet, konnte sich auch nicht vorstellen, wer es wohl sein mochte. Sie befreite sich aus dem Haufen an Decken und stapfte zur Haustür. Etwas skeptisch öffnete sie sie, die kalte Luft preschte gegen ihren Körper, sie bekam eine Gänsehaut und riss erst dann überrascht die Augen auf. Da stand er.

„Äh, hi!“

Sie starrte ihn nur an. Er selbst wirkte auch, als hätte er keine Ahnung, mit welchen Worten er doch anfangen sollte. Also blieb er erst einmal stumm. Dann brach der doch die Stille.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht!“

Sie schüttelte ihren Kopf, während sie ihre Arme nun an ihren Oberkörper presste. Die kalte Luft von draußen preschte ungehindert bis an ihre Haut heran. Ihr Pulli hielt sie kaum auf. Es bildete sich eine Gänsehaut. Gerade wollte sie ihn hereinbeten, ihn bitten, sein Auftauchen drinnen zu erklären, doch er wimmelte sie schnell noch ab. Er streckte ihr seine Hand entgegen, sie sollte ihre hineinlegen. Sie hat es. Etwas skeptisch, aber sie tat es. Er führte sie am Vordach weg, bis sie beide unter dem fallenden Schnee standen. Er positionierte sich vor sie, sie blickte zu ihm hinauf. Ihr Gesicht schrieb immer noch Bände. Sie hatte keine Ahnung, was er vorhatte. Also starrte sie ihn nur an. Er lächelte, hielt ihr Hand, streichelte sie. Dann zog er sie zu sich, in seine Arme. Dann spürte sie seine Lippen auf ihren. Seine weichen Lippen. Sein Bart kitzelte sie an ihrer Haut. Sie hielten küssend eine Weile inne. Er küsste so gut, er küsste perfekt. Dann trat sie einen Schritt zurück. Ihre Überraschung blieb.

„Du hast mir damals von dem beinahe Kuss erzählt! Ich wollte derjenige sein, der ihn dir geben wollte!“

Nun war sie noch perplexer als zuvor. Sie hatte ihm die Geschichte nur beiläufig erzählt, und das war Monate her. Damals war alles zwischen ihnen eher freundschaftlich gewesen. Schon damals wusste sie, dass es mehr sein würde. Mehr als kleine Berühungen war da aber nie gewesen. Dass er sich also an die Geschichte von damals erinnerte, die sie ihm in ihrem ganzen Redeschwall versehentlich erzählt hatte, war daher ausgesprochen überraschend. Und doch freute sie sich darüber. Er hatte sich diese Geschichte gemerkt, der beinahe Kuss, und entschieden, er wolle derjenige sein, der sie hier unter dem Schnee küsse. Er. Nie im Leben hätte sie gedacht, dieser Kuss würde er ihr erfüllen!

Nun standen sie also hier. Er, umwerfend schön in seinem schwarzen Anzug, und sie, in diesem fabelhaften grünen Kleid

Sie hatten es sich draußen gemütlich gemacht. Nicht unbedingt gemütlich. Draußen war es eisigkalt. Doch innen, innen im Tanzsaal war es stickig, so stickig, dass sie selbst die Eiseskälte bevorzugen würde. Sie sagte ihm, sie würde für eine Weile nach außen gehen, frische Luft schnappen. Er bot an, mitzugehen. Das tat er dann auch. So schlenderten sie also gemeinsam nach draußen.


Nun standen sie also hier. Er, umwerfend schön in seinem schwarzen Anzug, und sie, in diesem fabelhaften grünen Kleid und den High Heels, auf denen sie langsam nicht mehr laufen konnte. Trotzdem wollte sie für einen Moment mit ihm alleine sein, rausgehen. Abseits von der lauten Musik, den schnatternden Leuten und ihrem Tanzpartner, der jedes Mal dazwischen funkte, sobald sie einen Moment für sich hatten. Schließlich war sie für diesen Abend seine Tanzpartnerin. Sie musste bei  ihm bleiben, den Abend mit ihm verbringen. Nicht mit dem anderen. Jetzt waren sie aber endlich alleine. Nur sie beide. Sie hatte ihre Jacke innen gelassen und bereute es in der Sekunde, in der sie nach draußen traten. Er bemerkte die Gänsehaut, die sich bei ihr bildete, und dass sie ihre Arme fest an den Oberkörper presste.

„Willst du meine Jacke?“

Vor Kälte brachte sie fast kein Wort heraus. Sie nickte deswegen nur. Dann stand sie also mit seiner nach ihm riechenden Jacke in dieser winterlichen Kälte, er trug nur noch sein weißes Hemd. Er wirkte jedoch nicht, als würde er selber frieren. Stille kehrte zwischen ihnen ein. Stille, in denen sie sich nur betrachteten. Sie blickte zu ihm hinauf. Er fixierte sie mit seinen wunderschönen braunen Augen, lächelte. Nun begann es langsam zu schneien. Flocke um Flocke rieselte zu ihnen hinunter. Sie legten sich auf seine und ihre Haare nieder. Er tat nun einen Schritt auf sie zu. Noch einen. Jetzt stand er ihr so nahe. Sie spürte seine Wärme. Dann näherte er sich ihr, bis er sie fast küssen konnte…

„Hier steckst du! Ich habe dich schon überall gesucht. Der nächste Tanz steht gleich an!“

Mit einem Satz wandte sie sich um, weg von ihm, als sie hinter sich die Stimme ihres Tanzpartners hörte. Sie hatte gehofft, dass er sie hier nicht fand. Er tat es aber. Mit ein paar Schritten war er bei ihr, platzierte sich vor sie.

„Kommst du?“

Er sagte das mehr als Aufforderung. Er wirkte alles andere als begeistert von der Tatsache, dass sie anscheinend wieder mit ihm verschwunden war. Sie war seine Tanzpartnerin. Als er sie gefragt hatte, hatte sie ihm „ja“ gesagt. Der andere war zu spät gewesen. Er hatte eine andere Tanzpartnerin, also sollte er sich mit ihr abgeben. Nicht mit seiner. Das gab er ihr zu verstehen. Sie hatte da anscheinend wenig mitzureden. Nun wandte sie sich wieder zu ihm. Er nickte nur, lächelte. Nicht so wie vorher. Er wirkte bedrückt. Trotzden ließ er sie gehen. Sie folgte ihrem Tanzpartner, der sie bereits an der Hand gepackt hatte und hinter sich herzog. Sie wandte sich noch einmal zu ihm um. Da stand dieser perfekte Mann in seinem Anzug im Schnee und blickte sie betrübt an. Dann wandte sie sich wieder um. Sie ließ ihn stehen. Ohne Kuss. Ohne ihren ersten Kuss. Woher hätten sie auch wissen sollen, dass es nie wieder eine Gelegenheit geben würde, dass die Sache sich letztendlich doch im Sande verlaufen würde?

Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Sie hatte noch nicht einmal die Wohnung richtig betreten, schon kam sie auf sie zugestürmt.

„Und? Wie war dein Date?“

Sie war ganz aufgeregt, wollte am liebsten sofort alles wissen. Sie hingegen stellte erst einmal ihre Tasche ab, schmiss ihre Schlüssel in die Schale, bevor sie sich auf den Hocker niederließ. Sie fand ihre Aufregung etwas übertrieben. Schließlich war es kein Date. Sie schüttelte sie nur ab. Das Thema war aber damit noch lange nicht vom Tisch. Sie war verdammt neugierig.

„Was sollte das denn sonst gewesen sein?“

„Zwei Bekannte, die einen Kaffee trinken gehen, miteinander reden und dann einen kleinen Spaziergang machen!“

„Also ein Date!“

Sie verdrehte ihre Augen. Sie war heute aber sehr hartnäckig. Es war nach langer Zeit wieder ein Treffen mit einem Mann, von dem sie wiederkam und gleich Löcher gefragt wurde. Jahrelang lebte sie alleine. Da interessierte es kaum, welche Dates sie so hatte. Viele waren grauenvoll, viele ganz in Ordnung. Der Richtige war darunter nicht. Meistens Frösche. Jetzt ertappte sie sich selber, dass sie das Treffen „Date“ nannte. Sie erschrak innerlich zusammen. So wollte sie es einfach nicht nenne. Denn es war keins. Versuchte sie sich einzureden.


Sie hatte ihm bereits ein Wochenende zuvor absagen müssen. Dieses Wochenende sollte es aber funktionieren. Das hatte sie sich Tage zuvor vorgenommen. Auch wenn die Bedingungen immer noch nicht optimal waren. Sie holte ihn am Bahnhof ab, denn er kannte sich hier nicht aus. Ihm den Weg zu erklären, wo sie sich am besten treffen könnten, empfand sie als zu große Zumutung. Er musste schon hierherfahren. Dann war es das mindeste, dass sie ihn abholte. Dann stand er vor ihr, sie umarmten sich. Es war einige Zeit vergangen, das sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Als er nun vor ihr stand, merkte sie, dass er an sich ganz gut aussah. So hatte sie ihn gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Seine Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen. Er trug einen Drei-Tage-Bart. War sie sich sicher gewesen, dass er damals gar nicht ihr Typ war, änderte sich das nun.

Sie liefen vom Bahnhof Richtung Stadt, suchten sich ein nettes Café. Es war verkaufsoffener Marktsonntag. Sie hatte gehofft, dass die Straßen, dass die Cafés leer waren. Stattdessen versammelte sich fast die ganze Stadt hier. Sie bekamen noch einen schönen Platz in ihrem Lieblingscafé und begannen das Reden. Während er da saß und seinen Käsekuchen aß, nuckelte sie an ihrem Chai-Latte. Sie redeten über Gott und die Welt. Gesprächspausen entstanden fast nie. Sie redeten übers Studium, übers Älterwerden, über Lieblingsfilme, bis sie das Thema Wohnort anschnitten.

„Willst du ein Leben lang im Norden leben bleiben?“

„Ja! Mir gefällt es dort!“

„Für dich bleibt der Süden nicht mal eine Option?“

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ich bleibe – wenn’s jobtechnisch klappt – im Süden! Hier gehöre ich hin!“ Er nickte stumm. Er hatte ihr schon damals, als sie sich kennen gelernt hatten, mit einem Augenzwinkern zu verstehen gegeben, ihm würde es gefallen, wenn sie eines Tages beschließen würde, in den Norden zu kommen. Sie hatte es damals nur mit einem Lächeln überspielt, aber er meinte es ernst. Er ließ es sie jetzt wieder wissen. Und sie gab ihm zu verstehen, sie würde alles dran setzen, im Süden zu bleiben. Der Norden war nur Plan C.


„Und wie geht es bei euch jetzt weiter?“

„Gar nicht!“

„Wie ‚gar nicht‘?“

„Was soll schon aus uns werden? Ich bin jetzt die nächsten drei Jahre hier. Er wäre in wenigen Monaten mit dem Studium fertig, aber er will nicht in den Süden!“

„Und das ist ein Problem?“

Sie nickte, denn es stimmt. Zu oft stand sie vor dem Problem der Entfernung. Jedes Mal in den letzten Jahren stand sie im Raum. Erst war es Frankreich, dann war es wieder Deutschland, dann der Süden. Es war nie möglich gewesen, auf einen Nenner zu kommen. Nie fühlte sie sich an einem Ort so wohl, dass sie dort ihr ganzes Leben hätte verbringen wollen. Ihnen hingegen gefiel es, wo sie waren. Oder sie wollten umziehen, und sie konnte nicht mit. Sie war mit ihrem Studium nicht flexibel genug. Immer gab es da dieses Problem der Entfernung. Sie versprach sich, sich nie wieder auf jemanden  einzulassen, wenn sie von vornherein wusste, dass das zum Scheitern verdonnert war, eben wegen der großen Entfernung. Für manche mochte das so funktionieren. Für sie nicht. Hatte es nie, würde es nie. Ihn dann auf dem Weg vom Süden in den Norden kennen zu lernen, war nie so geplant. Sich mit ihm dann kurze Zeit später wiederzutreffen, auch nicht. Sie tat es. Vielleicht hätte sie ihm den Süden schmackhaft machen können. Es ging nicht um ’sofort‘. Es ging um irgendwann, irgendwann in näherer Zukunft. Aber die sah er nicht. Nicht hier, sondern dort. Und das war okay. Zum Glück wusste er das jetzt schon gut genug. Nicht, dass er es ihr erst später lassen ließ. So wie jemand damals. Deswegen war das auch kein Date gewesen. Es war ein Treffen, eine nette Unterhaltung, eine nette Bekanntschaft. Nicht mehr, nicht weniger. Und das war okay.

Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…


„Ich brauche dringend Abstand zu ihm. Ich stecke da gefühlstechnisch irgendwie viel zu tief drin!“


Sie blickte sie nur fragend an. Sie zuckte nur mit den Schultern. Es war schwer zu erklären. Selbst sie verstand es nicht richtig.

Sie lernte ihn in einer Zeit kennen, in der sie am verletzlichsten war. Er tauchte auf, er war nett zu ihr, er baute sie auf. Sie sah ihn regelmäßig wieder. Sie unterhielten sich, sie zogen sich gegenseitig auf, sie verstanden sich. Er war nach langer Zeit wieder jemand, mit dem sie gerne redete, auch wenn die Unterhaltungen nie wirklich tiefgründig wurden. Er war jemand, bei dem sie gerne war, auf den sie sich jedes Mal wieder freute. Sie dachte, sie hätte sich in ihn verliebt. Irgendwie. Sie konnte das Gefühl nicht richtig einordnen. Schließlich kannten sie sich erst eine Weile. Sie wusste nicht besonders viel über ihn. Trotzdem fühlte sie sich ihm verbunden, fühlte sich zu ihm hingezogen.

Dann folgte eine Zeit, in der sie ihn kaum mehr sah. Sie liefen sich nicht mal mehr über den Weg. Kein kurzes Hallo, kein kurzes Wie geht‘s. Andere Dinge beschäftigten sie. Trotzdem war er auf irgendeine Art und Weise präsent in ihrem Kopf. Sie dachte an ihn, sie lächelte. Doch in gleicher Weise wie sie ihn vermisste, in gleicher Weise machten sich Bedenken breit. Bedenken, ob die Gefühle, die sie meinte zu haben, wirklich ernst oder nur ein Resultat ihrer Verletzlichkeit waren. Sie fragte sich, ob ihre Gefühle gar nicht echt waren. Empfand sie sie vielleicht nur deswegen, weil er im richtigen Moment die richtigen Worte fand? War sie vielleicht gar nicht verliebt, sondern nur von ihrer Hilflosigkeit beeinflusst?

„Solange ich nicht weiß, was das zwischen ihm und mir ist, kann ich nicht in seiner Nähe sein!“

„Denkst du nicht, du wirst es nur herausfinden, wenn ihr euch öfters seht?“

Sie wollte nicken. Sie beließ es. Konnte sie das? Nähe zulassen, um Abstand zu fühlen? Sich noch mehr in seine vertrauten Hände geben und hoffen, sie könne sich ihrer ‚Gefühle‘ bewusst werden, bevor sie einen Schritt weitergehe, und letztendlich jemand verletzt werden würde? Was wäre, würde sie merken, dass sie doch nicht verliebt war? Sie würde ihm gezwungenermaßen wieder über den Weg laufen müssen. Es nicht zu tun, wäre unmöglich.

Es vergingen wieder einige Wochen. Wochen, in denen sie tagein tagaus schlichtweg keine Zeit mehr hatte, um an ihn denken zu können. Sie sahen sich kurz wieder. Ein kurzes Hallo, ein kurzes Wie geht’s. Nicht mehr, nicht weniger. Irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert. Es wurde immer deutlicher. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest den größten Teil des Tages. Immer mal wieder tauchte er für ein paar Sekunden in ihrem Kopf auf. Dann war er wieder verschwunden. Sie merkte, dass sie immer deutlicher bezweifelte, dass es tatsächlich Gefühle für ihn waren. Je mehr Abstand entstand, desto sicherer wurde sie: Sie mochte ihn, sie war aber nicht in ihn verliebt…

Morgen ist heute schon gestern

„Und? Habt ihr euch verabredet?“

Sie war noch nicht einmal zur Tür rein, schon stand sie auf ihrer Matte. Sie hatte ihr versprochen, endlich den Mut zusammen zu nehmen und ihn nach einem Date zu fragen. Er hatte oft genug auf das Thema umgeschwenkt, hatte ihr eigentlich zu verstehen gegeben, wie gerne er die Unterhaltungen mit ihr hatte, und dass er es mag, wenn sie sich gegenseitig aufzogen. Die Angebote nach einer Verabredung versteckte er nur so gut, dass sie auch scherzhaft gemeint sein konnten. Darauf eingehen tat sie daher nie. Wäre es nämlich nicht so gewesen – und diese Möglichkeit bestand auch – wären die späteren beruflichen Treffen seltsam geworden. Also ließ sie es. Sie schüttelte den Kopf, auch dieses Mal wieder. „Warum denn nicht?“ Sie klang enttäuscht, wieder einmal. Schließlich ging es bereits seit einem halben Jahr so. Jedes Mal sagte sie, dass sie ihn darauf anspräche. Ihr wurde immer wieder gesagt, dass es gut gehen würde. Sie wollte das glauben. Wirklich. Tat sie aber nicht. Diese Sache war zu heikel.

„Wir kamen wieder auf dasselbe Thema!“

„Und?“

„Er meinte, ich könne ja deswegen zu ihm kommen!“

„Also habt ihr euch doch verabredet?“ Sie begann, aus dem Häuschen zu sein, doch sie trübte ihre Stimmung, schüttelte den Kopf. Sie blickte fragend drein. „Ich habe zwar gesagt, dass es super wäre, aber ich bin nicht weiter drauf eingegangen!“ Sie rollte mit den Augen. Verständlich. Würde sie an ihrer Stelle auch tun.

Sie lernte ihn vor einer Weile kennen – ‚beruflich‘. Sie verstanden sich von Anfang an gut. Das Eis war schnell gebrochen. Er hatte denselben schrägen Humor und verstand ihre Ironie. Sie waren sofort auf einer Wellenlänge. Nach kürzester Zeit wirkte es, als wären sie nicht mehr nur auf der ‚beruflichen’ Ebene, als wären sie in kürzester Zeit Freunde geworden. So sehr sie sich dann auch einredete, dass es nur diese besagte Freundschaft war, war ihr klar, dass sich in ihr der Wunsch nach mehr breitmachte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Auch versuchte sie sich auszureden, dass er vielleicht dieselbe Misere durchleben könnte. Mehr als nur berufliche Bekannte, mehr als nur Freunde. Nur damit sie selber von ihm loskam, und ihr Herz vielleicht nicht gebrochen wurde. Und weil sie nicht wusste, wie sich diese Barriere nun überwinden ließe, ohne sich zu blamieren, sollte sie sich doch geirrt haben, blieb sie still.

„Du redest dir nur ein, dass es nicht möglich ist, weil du Angst davor hast, zu deinen Gefühlen zu stehen!“

Sie schüttelte wieder einmal erst den Kopf, auch wenn sie ein Stück weit recht hatte. Sie hatte vor einer Weile wieder einmal nach langer Zeit einen Schritt gewagt und verloren. Sie hatte Bammel davor, das dasselbe bei ihm geschehen würde, auch wenn die Blamage nicht mehr präsent in ihrem Kopf war. Es war nicht die Angst vor dem Korb, die sie verstummen ließ. Es war die Angst davor, dass ihre Hoffnungen zerstört werden würden, sollte die Realität eine andere Wendung nehmen, als es ihr ihre Tagträume vorgaukelten. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sich seine Zuwendung vielleicht nur eingebildet hatte. Waren seine Worte gar nicht die, für sie sie hielt? War er vielleicht nur beruflich so freundlich und meinte es nicht ernst? Waren seine Sprüche, sie solle doch zu ihm kommen nur dahin geworfene Aussagen? Täuschte sie sich vielleicht in ihm?

Wochen vergingen, bevor das letzte Mal anstand, in dem sie sich beruflich sehen würden, bevor sie nicht mehr mit einander ‚arbeiten‘ würden. Ein letztes Mal, an dem sie endlich ihren Mund aufmachen musste, bevor sie sich nie wieder sehen würden. Es war eine Alles-oder-Nichts-Situation. Das wusste sie.

Paar Tage später tat sie es. Sie fragte ihn tatsächlich…

Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Sie war äußerst nervös, als sie vor seiner Haustür stand. Sie zögerte, war sich nicht sicher, ob sie eintreten sollte. Er wusste, das sie kommen würde, zu ihm nach Hause. Nur sie beide. Er und sie. Sie würden ein Bier miteinander trinken. Wie damals. Ob das eine gute Idee war? Sie war sich nicht sicher.

Nach langen Zögern klingelte sie dann doch. Der Grund war simpel: Es wurde langsam dunkel, und sie fühlte sich hier in der Gegend der ihr fremden Stadt unbehaglich. Sich mit ihm hingegen zu treffen, in seiner Wohnung, machte ihr zwar auch Bauchweh, war aber eine bessere Option. Also klingelte sie, wartete ab, bis die Tür geöffnet wurde und sie hineintreten konnte. Hinauf zu seiner Wohnung, in deren Eingang er bereits stand. Hechelnd kam sie endlich oben an, begrüßte ihn. Sie umarmten sich. Dann ließ er sie eintreten. Sie setzte sich auf sein Sofa.

„Hast du Lust auf ein Bier?“

„Gerne! Du schuldest mir sowieso noch eins!“

Er lachte. „Daran kannst du dich noch erinnern?“

Er verschwand in der Küche. Sie hatte Zeit, sich ein bisschen umzusehen. Seine Wohnung war nicht besonders groß. Ein Wohnzimmer, eine kleine Küche, das Schlafzimmer, ein Bad. Alles sehr sporadisch eingerichtet. Aber wenigstens hatte er überhaupt eine Wohnung für sich gefunden. Kein WG-Zimmer, bei keinen Freunden untergekommen. Wenigstens das.

Jetzt tauchte er wieder auf. Mit zwei Bier in der Hand. Sofort fiel ihr das auf, das er ihr reichte. Kirschbier. Dasselbe, dass sie damals getrunken, das was er ihr damals gekauft hatte. Anscheinend konnte er sich daran noch gut erinnern. Auch nach all der Zeit, in der sie sich nicht gesehen und geschrieben hatten.

„Dass du dich noch dran erinnern kannst, welches Bier ich mag!“

„Ich habe sogar denselben Schnaps von damals besorgt!“

Sie lachte in sich hinein. Das hätte sie nie von ihm gedacht. Er merkte sich Dinge. Als sie ihn kennenlernte, war er überhaupt nicht aufmerksam. Anfangs zumindest. Dann wurde er es irgendwann schon. Anscheinend war er es jetzt immer noch. Bemerkenswert. Nun ließ auch er sich nieder.

Sie nahm einen Schluck aus ihrem Bier. Dieses Mal peu à peu, nichts überstürzen. Damals vertrug sie es nicht besonders gut. Das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Nicht vor ihm. Nie wieder.

Eine Weile unterhielten sie sich beide über Belanglosigkeiten, über Dinge, die die letzten Jahre so passiert waren. Dann entstand Pause. Pause, in der sie ihr Bier trank und er sie einfach nur betrachtete. Irgendwas war da in seinem Gesichtsausdruck. Sie konnte es nicht deuten. Auch sie sah ihn an. Er sah gut aus, wie damals. Aber irgendwas war anders. Vielleicht lag es auch gar nicht an ihm. Vielleicht lag es doch an ihr.

„Ich kann es gar nicht glauben, dass du tatsächlich hier bist!“

„Ich kann es auch nicht ganz fassen, dass ich wirklich hier bin!“

Sie lächelte. Es trat Stille ein, in der die weitere Schlücke nahm. Nur kleine, damit der Alkohol ihr nicht in den Kopf stieg. Er hingegen stellte sein Bier auf den Wohnzimmertisch, rutschte ein Stück zu ihr. Sie zögerte, umklammerte ihr Bier fester. Die Stille um sie herum wurde unangenehmer. Sie fühlte sich, als verschwinde die Luft um sie herum, als könne sie nicht mehr atmen. Ihr Herz pochte laut in ihrem Kopf. Alkohol und Bier schossen ihr ins Gesicht. Sie errötete. Dann kam er noch ein Stück näher, bis er ihr so nah war, dass er sie küssen konnte. Er tat es. Wieder zögerte sie, wieder umklammerte sie ihr Bier fester. Sie war wie versteinert. Dann löste er sich wieder von ihr. Fragend blickte er sie an.

„Ich kann nicht!“

Sie wollte den Gedanken nicht laut aussprechen, tat es aber, denn es stimmte. Es ging nicht, es ging nicht mehr. Er blickte sie weiterhin fragend an, dann erhellten sich sein Blick.

„Es fühlt sich seltsam an!“

Sie nickte. Genau das tat es. Damals war es das schönste, was sie sich hätte vorstellen können. Jetzt war der Funke verschwunden. Nicht von jetzt auf gleich. Es war ein schleichender Prozess, den sie kaum bemerkt hat. Der Kuss war nötig, damit das ihr, aber auch ihm klar wurde. Ihre Gefühle hatten sich voneinander entfernt.

„Können wir Freunde bleiben?“

Ihr lagen diese Worte selber auf dem Mund. Sie war aber froh, dass er sie ausgesprochen hatte. Sie waren es schon solange gewesen. Der Kuss sollte nichts zwischen ihnen ändern. Das wäre das letzte, das sie sich wünschte, denn sie war gerne bei ihm. Sie mochte ihn, er war ihr wichtig. Und sie ihm anscheinend auch. Warum sollten sie das beenden, wenn es doch auch freundschaftlich klappen könnte?

An diesem Abend verließ sie seine Wohnung nicht, sondern blieb bei ihm über Nacht. Im Dunkeln durch diese fremde Stadt irren war ihr unangenehm. Er schlug ihr vor, bei ihm zu übernachten. Sie nahm das Angebot an. Dann lag sie also in seinem Bett, er auf dem Sofa. Die ganzen Nacht bekam sie kein Auge zu. Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Sie war tatsächlich hier bei ihm, hier in seinem Bett. Sie hatte nach all den Jahren endlich das, was sie sich damals so sehnlichst wünschte. Er hatte sie geküsst, wie sie es sich damals gewünscht hatte. Doch es war nicht mehr das, was sie jetzt wollte. Er war nur ein paar Meter von ihr entfernt, doch nichts zog sie zu ihm. Sie waren räumlich so nah, doch gefühlstechnisch so weit voneinander entfernt.

Am Tag darauf schlich sie aus seiner Wohnung, hinterließ ihm eine Nachricht. Er sollte weiterschlafen, es war sein freier Tag. Ein paar Stunden später verließ sie wieder die Stadt, reiste weiter. Von ihm hören tat sie nichts mehr. Wochen und Monate vergingen, sich bei ihr melden tat er sich nicht mehr.