Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, sage ich es ihm!“

„Denkst du, dass wäre eine gute Idee?“

Sie nickte nur stumm, als sie mit ihr dieses Gespräch führte. Sie war sich sicher, dass die vielen Monate ausreichten, um endlich mit der Sprache herauszurücken. Sie würde ihn damit überrumpeln. Zumindest damit, dass sie es jetzt nach all der Zeit tat. Denn sie war sich ziemlich sicher, dass er es bereits wusste. Es war deutlich genug gewesen. Seine damalige Reaktion hatte ihr gezeigt, dass er bestens informiert war. Darauf eingehen tat er nie. Also blieb sie stumm. Besser so. Doch würde er jetzt vor ihr stehen, würde sie ihren Mund aufmachen. Das erste Mal. Sie würde nichts mehr verlieren können. Außerdem könnte sie abschließen. Es würde endlich weitergehen, ohne ihn.


Plötzlich stand er vor ihr. Genauso attraktiv wie sie ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht wirkte er es sogar noch mehr. Das letzte Mal, als sie ihn sah, wirkte er sehr müde, hatte dunkle Augenringe. Jetzt sah er wesentlich glücklicher aus. Er sah immer noch wie ein arroganter Arsch aus. Auch wenn er es nicht war. Zumindest nie vor ihr. Vor ihr war er immer liebenswert, freundlich, höflich, hilfsbereit. Deswegen hatte sie sich auch in ihn verliebt gehabt.

Als sie seinen Namen rief, er sich umdrehte, sie mit ungläubigem, überraschtem Blick ansah und realisierte, wer sie war, bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen.

„Nicht dein Ernst!“

Er hatte sie sofort wiedererkannt, kam auf sie zu und umarmte sie fest, so als wären sie immer noch Freunde. Auf alle Fälle waren sie es. Er hatte sie nicht vergessen. Auch nach all der Zeit nicht.

„Wie lang ist das jetzt her? 1,5 Jahre?“

„Ja, ungefähr!“

Sie grinste. Sie wusste es ja genau. Es waren auf den Tag genau 1 Jahr und 8 Monate. Sie behielt es aber für sich. Er musste ja nicht wissen, dass sie mitgezählt hatte.

„Was machst du hier?“

„Urlaub!“

Er blickte sie mit einem breiten Grinsen an. Sie lächelte zurück. Sie hatte sich sooft vorgestellt, wie es wohl sein mag, ihn wieder vor sich stehen zu haben. Sie hatte sich sooft überlegt, was sie ihm sagen, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte ein bisschen Bammel davor. Das letzte Mal fühlte sie sich nämlich in seiner Gegenwart genauso unwohl wie wohl, war genauso glücklich wie unglücklich. Damals konnte sie aber auch nie ganz sie selber sein. Seine Anwesenheit schüchterte sie immer viel zu sehr ein. Doch die lange Zeit, in der sie sich nicht sahen, hatte etwas mit ihr gemacht. Sie fühlte sich vor ihm nicht mehr so nervös. Sie wollte ihm nicht mehr beweisen, wie erwachsen sie doch war. Das hatte sie früher versucht. Wahrscheinlich vergeblich. Er war zwar wie immer selbstbewusst und präsent, jedoch schüchterte er sie nicht mehr ein. Sie fühlte sich nicht mehr vor ihm wie die schwache Frau von damals. Sie fühlte sich auf einer Augenhöhe mit ihm. Sie war mit der Zeit, mit den Ereignissen der letzten Monate, gereift.

Eine Weile unterhielten sie sich miteinander. Über dies und das, was so in letzter passiert war. Dann gingen ihnen die Gesprächsthemen aus. Sie hatten noch nie viel miteinander geredet, aber hier merkte sie, dass doch viel Zeit vergangen war. Sie könnten sich eigentlich viel erzählen, aber keiner von ihnen wusste, wo sie anfangen sollten. Als das Gespräch ein weiteres Mal verstummte, hatte sie einen kurzen Moment, um ihn betrachten zu können. Strahlend blaue Augen, Dreitagebart, kurze Haare. Er sah wie damals aus. Er war immer noch hübsch, er war immer noch attraktiv, aber nicht mehr so, dass es ihr den Atem raubte.

„Wie lang bleibst du?“

„Morgen geht’s wieder weiter!“

Wieder verstummten sie. Dieses Mal aber stand er auf, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Für sie hieß das, dass sie sich auch langsam auf den Weg machen sollte. Sie wollte ihn nicht länger abhalten, nicht wie damals. Sie packte ihre Sachen, zog ihre Jacke an, leerte ihr Glas.

„Willst du schon gehen?“

„Ja! Ich will dich nicht länger aufhalten!“

Er nickte. „War trotzdem schön, dich mal wieder zu sehen!“

Sie lächelte.

„Sollte es dich mal in den Süden ziehen, kannst du es mich ja wissen lassen!“

„Ja, ich melde mich dann!“

Er nahm sie wieder in den Arm. Dann wandte sie sich von ihm ab und ging. Raus in den Abend, weg von ihm. Sie hätte ihm alles sagen können, hätte ihm sagen können, dass sie damals in ihn verliebt war, dass sie Gefühle für ihn hatte. Doch sie ließ es. Sie wollte es nicht mehr. Das, was sie beide jetzt hatten, war eine Freundschaft geworden, die ihr viel bedeutete. Ihre Gefühle von damals behielt sie für sich. Denn sie waren Vergangenheit, sie blieben ihr Geheimnis. Sie sah, dass er glücklich war. Sie selber war glücklich. Warum das ganze mit der Vergangenheit versauen.

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Deux jours à Paris

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Nächster Stopp: La Tours d’Eiffel. Schnell ein paar Bilder geschossen, sich über den Gedanken lustig gemacht, ‚wer kommt eigentlich auf die Idee, so einen riesigen Stahlbau einfach mitten in eine Stadt zu bauen?‘, bevor es wieder in die komplett andere Himmelsrichtung geht, Richtung Place de la Concorde. Ich versuche es zumindest. Bis ich den Tours d’Eiffel überhaupt gefunden habe, war es schon ein halber Marathon. Ich wollte so effizient wie möglich alle touristischen Sehenswürdigkeiten einfangen, um Zeit zu sparen. Zwei Tage Paris sind echt knapp bemessen gewesen. Als ich dann auch noch die tiefe Meinung vertrat, ohne Blick auf den Stadtplan Paris erkunden zu wollen, konnte das nur nach hinten losgehen. Mehrmals verlaufen, immer wieder die gleichen Straßen zurückgelaufen, um irgendwie diesen Eiffelturm zu finden. Dann fängt es auch noch an zu regnen. 

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Auf dem Weg zum Place de la Concorde vermeide ich die große befahrene Straße und den Weg an der Seine. Überall wimmeln Touristen, hundert unterschiedliche Sprachen trommeln auf mich ein. Meist ist es englisch oder deutsch. Franzosen? Wenig gesehen. Wenn dann doch, halten sie mich für eine Touristin wie die andren. Sprechen mit mir Englisch. Ich weiger mich, dieses Spiel mitzuspielen, antworte auf Französisch.

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Mir brummt der Schädel noch vom gestrigen Tag. Paris ist so unglaublich laut, alle Menschen gestresst. Es ist 10 Uhr. Gefrühstückt habe ich noch nicht und bin schon zwei Stunden unterwegs. Es ist nur ein Zufall, dass neben mir ein Starbucks auftaucht. Dankend nehme ich das Angebot an und setze mich rein. Ist sowieso wärmer. Ich bestelle einen Chai Latte sowie Pancakes und lasse mich an einem der Tische nieder. Gegenüber und neben mir sitzen jeweils Studenten, sie sind zumindest in meinem Alter, tippen alle auf ihren MacBooks umher und trinken nebenbei ihren Kaffee. Was daran so produktiv ist, in einem lauten Café zu arbeiten, habe ich nie verstanden. Ich genieße stattdessen mein langersehntes Frühstück, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Es steht noch viel auf meinem Plan: Île de la cité Notre Dame, Panthéon, Jardin du Luxembourg. Den Louvre schaue ich mir erst am nächten Tag an. Die Sacré Coeurs habe ich bereits gesehen. Praktisch, wenn das Hostel genau in Montemartre liegt und der Ausblick aus dem Fenster direkt einen Blick auf das Bauwerk bietet.

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